op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 95

Am 15. Dezember 2015 begann Arno Lücker eine Bad-Blog-Serie. Die vermutlich längste Bad-Blog-Serie aller Zeiten. Denn das Vorhaben ist, jedem einzelnen Takt von Beethovens letzter Klaviersonate c-Moll op. 111 (1822) eine eigene Analyse zuteil werden zu lassen. Die Sonate hat genau 335 Takte. Also müssen es auch 335 einzelne Analysen sein. Manchmal ist Konsequenz der einzige Ausweg.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45 Takt 46 Takt 47 Takt 48 Takt 49 Takt 50 Takt 51 Takt 52 Takt 53 Takt 54 Takt 55 Takt 56 Takt 57 Takt 58 Takt 59 Takt 60 Takt 61 Takt 62 Takt 63 Takt 64 Takt 65 Takt 66 Takt 67 Takt 68 Takt 69 Takt 70 Takt 71 Takt 72 Takt 73 Takt 74 Takt 75 Takt 76 Takt 77 Takt 78 Takt 79 Takt 80 Takt 81 Takt 82 Takt 83 Takt 84 Takt 85 Takt 86 Takt 87 Takt 88 Takt 89 Takt 90 Takt 91 Takt 92 Takt 93 Takt 94

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Takt 95 ist in der rechten Hand fast eine nach unten oktavierte wortwörtliche Wiederholung des Vortaktes. Wieder diese „zu frühe“ c-Moll-Akkord-Unterstützung auf dem zweiten Teil der dritten Zählzeit. Am Ende des Taktes geht es dann plötzlich ins alte schnelle Tempo zurück und eine hohe as-Oktave beschwört ein kleines Groß-Drama – eine „Crescendo“-Anweisung unterstreicht diesen erneuten Stimmungswechsel.

Harmonisch funktioniert auch die linke Hand im Grunde fast gleich wie die Begleitung des Vortaktes. Nur ist hier auf der zweiten Zählzeit als Durchgang G1 und A gleichzeitig zu spielen, gar gefolgt von einer nicht für alle Pianist*innen-Hände arpeggiofrei spielbaren Dezime.

Auf die hohe as-Oktave der rechten Hand folgt eine dahingeschuschte h-Oktave in Form einer 16tel.

Doch viel interessanter ist fürderhin das Ritardando, die Verlangsamung, welche der Meister für unsere beiden letzten Takte vorgeschrieben hat.

Schauen wir doch mal, wie die großen Beethoven-Interpreten dieser Welt diesen Takt verstanden haben…

Artur Schnabel (1932) verzögert in Takt 94 (bei ihm in Minute 5.55) fast gar nicht, ja, geht – bei ihm schon fast gewohnt – hektisch über den Takt hinweg, verspielt sich sogar bei dem c-Moll-Akkord. So stark scheint diese komponierte Irritation Beethovens auf das possierliche Schnabeltier den großen Schnabel also gewirkt zu haben! Auch in Takt 95 kommt er kaum zur Ruhe. Irritierend, aber aufregend!

Solomon Cutner (1951) nimmt das Ganze (6.16) nur vom Gestus her etwas zurück, ein wirkliches Ritardando spürt man in Takt 94 Takt bei ihm noch nicht. Takt 95 scheint er dann zunächst ähnlich wie Schnabel zu gestalten, jedoch rundet er den Takt mit einem ganz leichten, sehr geschmackvoll-noblen Ritardando äußerst fein ab.

Bei Friedrich Gulda (1953) ist das Ritardando (Minute 6.02) ganz anders präsent. Hier ist wirklich ein Zurückgehen zu spüren, eine kurze aber bedeutende Verinnerlichung. Vielleicht ein wenig zu wienerisch glatt, zu perfekt. Für mein Empfinden jedenfalls.

Ein kleiner Zeitsprung; zu der Live-Interpretation von Daniil Trifonov (2014), der bei Minute 6.39 diese Stelle (aber auch die davor) völlig verschlonzt. Das ist schlurig gespielt, auf Effekt gebürstet, unkonzentriert – und ärgerlich. (Sorry.)

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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