op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 12

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

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Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11

Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 12

Das ist doch jetzt etwas ganz Anderes! Tatsächlich wird das „Versprechen“ einer „ersehnten“ gleichmäßig-beruhigenden rhythmischen Bewegung eingelöst. Denn die Achtelkette von Takt 11 geht in Takt 12 im Tenor des Klaviers weiter (jetzt sogar durchgehend den Ton g wiederholend).

Harmonisch gesehen treffen ein grundtonloses c-Moll (linke Hand) und ein ebenfalls grundtonloser D-Dur-Dominantseptakkord (rechte Hand) auf der ersten Zählzeit gleichzeitig aufeinander. (Ja, man kann das auch harmonisch anders deuten. Ich bekenne mich hier zur althergebrachten, verloddert angestaubten Funktionsharmonik). Doch es folgt auf Zählzeit „zwei“ sogleich eine weitere Septakkord-Konstellation (in Form eines G-Dur-Terzquartakkordes) und auf Zählzeit „drei“ ein kurzfristig „befreiendes“ c-Moll.

Die vierte Zählzeit bringt eine kleine None im Bass. Die oberen drei Stimmen und der tiefste Ton der Pianist*innenhände bilden einen verminderten Septakkord. Die Tenorstimme verharrt allerdings repetierend auf dem Ton g. Beethovens Absicht: Eine weitere Dissonanz ermöglichen (wie schon zuvor).

Zuletzt begegnen wir – nach neun Vierteln Pause – am Ende unseres heutigen Taktes der scharfen Punktierung wieder, die bisher fast jeden Takt dominiert hatte.

Als nächstes kommt also der „Unglückstakt 13“, vor dem wir alle schon ganz ganz dolle Angst haben (sollten)!

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.