Studiert Schulmusik!

Von einer mir nahestehenden Person, die angehende Schulmusikerinnen und Schulmusiker an einer Universität unterrichtet, hörte ich neulich, dass alle ihre Studierenden bereits an Schulen unterrichten. Alle! Also: während des noch nicht abgeschlossenen Studiums! Ohne Referendariat! Ohne Überprüfung der Eignung! Der Mangel an Lehrkräften ist zu krass. In Bremen, das hörte ich neulich entlang der Berichterstattung zur dortigen Wahl, gibt es wohl größtenteils keinen Musikunterricht mehr in der Oberstufe.

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Und jetzt könnte man natürlich wieder einmal komplett ausrasten (was vollkommen adäquat wäre). Aber ich möchte vor allem verstehen: Warum gibt es denn bitte zu wenige Schulmusikerinnen und Schulmusiker? Warum um alles in der Welt studieren nicht viel mehr (qualifizierte) Menschen dieses Fach? Warum wollen denn bitte nicht mehr Menschen den wundervollen Beruf einer Musiklehrerin, eines Musiklehrers ergreifen? Ich kapiere es nicht! Man verdient richtig gut, hat zwei Monate Ferien – und hier und da, wo ein paar Jahre nicht mehr verbeamtet wurde, wird auch wieder verbeamtet. Die finanzielle Sicherheit ist also umso größer. Man kann eine Familie gründen, ein Haus bauen, sich lustigen Hobbies hingeben.

Wie haben wir es eigentlich in den letzten 20 Jahren geschafft, quasi die „Aufforderung“ der Musikgeschichte unseres Landes (uns drum kümmern!), komplett zu vergessen? Auch ich unterrichte an einer Uni, allerdings in einem kulturellen „Mischfach“. Hier ist es fast wohltuend, dass die meisten Studierenden eben nicht aus der typischen Klassik-Filter-Bubble-Mittelschichtsfamilie kommen. Trotzdem frage ich mich, ob es wirklich okay ist, dass niemand von diesen 22-24-Jährigen jemals etwas von Adorno gehört (geschweige denn: gelesen) hat. Mein verstorbener Musikwissenschaftsprofessor (Arnfried Edler, für die, die es wissen wollen) signalisierte uns bei seinen Vorlesungen, dass es völlig selbstverständlich sei, dass man Adorno schon vor Beginn des Studiums gelesen hat (was bei mir der Fall war; aber gut). Das war ziemlich elitär. Aber es musste sein! Edler wies in jeder Vorlesung auf Bücher hin, die man kennen müsse. Ich habe mir jedes Buch gekauft (und gelesen). Wenn ich jetzt sage: „Beschäftigt euch mal mit einer Autorin, mit einem Autor, der etwas ’schwieriger‘ ist. Das lohnt sich!“ – dann schaue ich in leere Gesichter. Die wollen offenbar tatsächlich alle Instagram-Stars werden. Oder ist das zu boomerig ausgedrückt? (Dann: Entschuldigung.)

Weitere Fragen bleiben: Warum in aller Welt lernt nicht jedes Kind in Deutschland ein Instrument, um irgendwann ganz zwanglos zu entscheiden, ob man das Spiel dieses Instrument als bestes Hobby der Welt bewahrt – oder ob man etwas draus „macht“? Warum gilt es immer noch als „Versagerstudium“, wenn man Schulmusik studiert? Als Musiklehrerin oder Musiklehrer kann man nach dem Unterricht in Bands spielen, könnte konzertieren, könnte irgendwo in Profi-Projekt-Orchestern Aushilfe spielen vermutlich, könnte jederzeit (und das – wie gesagt – auf finanziell sicherem Boden) Musikprojekte starten, könnte sich sein eigenes Studio zuhause einrichten – oder könnte einfach chillen. Außerdem könnte man musikalisch besonders begabte Schülerinnen und Schüler besonders fördern, ihnen tolle Literatur an die Hand geben, sie mitbegleiten. Und vielleicht bleibt man dann sogar nach dem Abitur in Kontakt und freut sich darüber, wie jemand, den man mal unterrichtet hat, jetzt sein Leben glücklich selbst gestaltet.

Warum um alles in der Welt wollt ihr „Klassikstars“ werden und begnügt euch dann aber, wenn die Zeit in dem Wolkenkuckucksheim von Musikhochschule zuende ist, „plötzlich“ mit 2.300 Euro Brutto im Monat als Lehrerin oder Lehrer an einer Musikschule? (Übrigens: Wir brauchen euch! Und ihr verdient viel zu wenig, verdammt, ja! Auch das muss umgehend geändert werden.) Warum, verdammt, studiert ihr nicht alle Schulmusik? Das ist das Beste, was es gibt! Überlasst nicht (Entschuldigung) wenig qualifizierten Lehrkräften, die nur aus Verlegenheit und Mangel Schulmusik studieren/studiert haben, das Feld! Wir brauchen die besten Musikvermittlerinnen und Musikvermittler aus euren Reihen! Sonst können wir den Laden dichtmachen.

Also: los!

Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

3 Antworten

  1. So sehr ich deine emotionale Fassungslosigkeit verstehen kann – so sehr idealisierst du denke ich gerade den Lehrerberuf. Es gibt kaum einen anspruchsvolleren und stressigeren Job. Der Anteil der Lehrer, die bis zum Pensionsalter durchhalten, sind niedriger als in sehr vielen anderen Berufen, die Burnout-Rate sehr hoch.
    Die Ansprüche gerade durch Inklusion (aber nicht nur dadurch) sind enorm gestiegen. Vergiss alles an Erinnerung an Schule in deinem Leben.
    Und 2 Monate Ferien sind wirklich eine Legende, mehr nicht. Das stimmt einfach nicht und stimmte nie. Meine Mutter war „nur“ Grundschullehrerin – es gab keinen Urlaub, wo sie nicht noch Arbeit mit genommen hätte. Meine Frau unterrichtete Chemie und Englisch – das gleiche. Jetzt ist sie Schulleitung und hat dafakto 3 Wochen Urlaub im Jahr. Der Rest ist 12 Stunden Arbeit am Tag.

    P.S.: ich persönlich (Antichrist) plädiere sogar für die Abschaffung des Musikunterrichts zugunsten von mehr Geschichtsunterricht. Das dieser dringend nötiger ist, sieht man an vielen Debatten, u.a. zum Ukrainekonflikt.
    Musik gehört für mich ins freiwillige Ganztagsangebot. Die wirklich musikbegeisterten haben ja die Musikschulen. Und finden ihren Weg dorthin oder zu Instrumentallehrern ja auch in der Regel.

    • K. sagt:

      Ich sehe leider vieles ähnlich wie du, bin selber Musiklehrerin und mit Anfang 40 im verordneten Ruhestand, weil der Job mit seinen Anforderungen kaputt gemacht hat. ABER: Musik darf meiner Meinung nach nicht abgeschafft werden. Ich frage mich so oft, warum DURCHGEHEND (zumindest in einigen (?) Bundesländern) 2 Stunden pro Woche Reli unterrichtet wird…. Ich halte Musikunterricht für so unglaublich wichtig. Der Input über die modernen Medien ist meist so banal und eingeschränkt, aus den Elternhäusern kommt nicht viel und wenn die Kinder nicht bei uns die unglaubliche musikalische Vielfalt, die Hintergrüne, Auseinandersetzung mit Texten und Songtexten erfahren, wo denn dann???

  2. k. sagt:

    Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, warum Sie lieber an der Uni und nicht in der Grundschule unterrichten.

    Als eine, die Kandidaten auf die Aufnahmeprüfung vorbereite (und mit ihnen dann während des Studiums und später auch noch Kontakt habe, bekomme ich mit:

    Schulmusik studieren wollen viele, die „aus dem Hobby Beruf“ machen wollen – sie können es dann nicht ertragen, dass das Klavierspiel, Trompetenspiel, Gesang usw. benotet wird (wie es in der Aufnahmeprüfung und dann auch im Studium passieren wird), sie entscheiden sich dann doch für was anderes
    Musik-Lehramtsstudierende haben auf der Uni oft andere Tagesabläufe als die anderen Lehramtsstudierende (Proben, Üben usw.) und werden von den Pädagogik- und Zweitfachprofessoren so gesehen, dass sie Extrawürstchen und Sonderbehandlung haben wollen.
    Wer an einer Musikhochschule aufs Lehramt studiert, hat man das Gefühl, dass man zwar alles können muss (mehrere Instrumente, Improvisation, mehrere Stile, Gesang, Chorleitung, Orchesterleitung) aber davon nichts richtig kann. Lehramt Musik an der Uni gibt es entweder nur für untere Stufen oder wird als sehr musikwissenschaftlich und theorieorientiert empfunden.
    Musiklehrer haben an der Schule generell (bei den Schülern, Eltern, Kollegen) ein schlechtes Standing, denn das Fach ist nicht versetzungsrelevant. Ich kenne Musiklehrer, die sagen, dass die Schüler in ihrer Musikstunde nur deshalb artig sind, weil sie sie auch als Mathelehrer haben, und mit Mathelehrern verscherzt man sich nicht.
    Musiklehrer an der Schule haben oft das Gefühl, ausgenutzt zu werden – denn für alle Feierlichkeiten sind sie irgendwie zuständig und müssen einen Chor, eine Band o.ä. aufstellen oder irgendeine Musiknummer beisteuern.

    Ja, aber es stimmt schon. Beispiel: jemand hatte im Studium ein Gesang-Klavier-Duo (Pianist im Lehramtstudium, Sänger im Operngesang). Der Sänger bekam nach dem Studium eine Stelle als solistisches Ensemblemitglied in einem mittelgroßen Opernhaus. Der Pianist (Musiklehrer) eine Stelle am Gymnasium. Der Musiklehrer war sehr überrascht, denn er verdiente mehr als der Sänger.

    Im Übrigen wurde schon vor 20 Jahren gesagt, dass man lieber Schulmusik studieren sollte als Instrumentalpädagogik oder Konzertfach, denn Letztere wären prekär. Ich denke, es geht nicht mal so darum, „Stars“ zu werden. Viele Studierende kommen direkt aus der Schule und wollen einfach nur mehr Zeit zum Üben und wollen guten Unterricht haben. (Und sind teilweise ganz überrascht, dass man auch im Konzertfach viele Nebenfächer hat, und dass es auch im Lehramtbereich gute Dozenten und Professoren gibt).

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