op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 84

Am 15. Dezember 2015 begann Arno Lücker eine Bad-Blog-Serie. Die vermutlich längste Bad-Blog-Serie aller Zeiten. Denn das Vorhaben ist, jedem einzelnen Takt von Beethovens letzter Klaviersonate c-Moll op. 111 (1822) eine eigene Analyse zuteil werden zu lassen. Die Sonate hat genau 335 Takte. Also müssen es auch 335 einzelne Analysen sein. Manchmal ist Konsequenz der einzige Ausweg.

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Die bisherigen Folgen:
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Ich habe euch etwas für den Heimbedarf gebastelt. Und zwar den großen „Der große Beethoven-Klaviersonaten-360-Grad-Ring zum Ausschneiden“!

Hier könnt ihr das Teil downloaden – und euch umhängen. Wo und wann immer ihr wollt!

An dieser Stelle aber jetzt weiter mit Takt 84…

Schon in der letzten Folge hatten wir gemutmaßt, dass der kurze Fugen-Teil hier zu Beginn der Sonatendurchführung offenbar endet. Unser heutiger Takt bestätigt das. Zwar liegt eine ganz klare Zweistimmigkeit vor, die theoretisch als polyphon aufgelockerter Zwischenspielteil einer Fuge möglich wäre, doch strebt das Gesamtfüge auf eine Weise auseinander, die signalisiert: Hier geht es nicht mehr um eine Rückbesinnung auf Bach, sondern um die Fortschreibung einer drängenden Durchführungsentwicklung.

Das mittels des Vortakts deutlich anvisierte f-Moll wird in unserem heutigen Takt nur auf der ersten Achtel bestätigt. Danach folgt – weiter alles im Rahmen einer toccatenartigen Anmutung – der Gang zu c-Moll, mit anschließender Rückversicherung durch G7 (zweite Zählzeit).

Der modulative Charakter wird dann in der zweiten Takthälfte – die rechte Hand löst sich jetzt hinaufstrebend aus der Verharrung im Baritonregister des Klaviers – noch weiter getrieben; funktionsharmonisch interpretiert wären die einzelnen Harmonien ab der dritten Zählzeit dann wie folgt zu benennen: G-Dur-Sextakkord (erste Hälfte der dritten Zählzeit; freilich aus einer vertikal gedachten Anordnung des eigentlich horizontal erklingenden Tonvorrats hervorgehend), C7-Sekundakkord (zweite Hälfte der dritten Zählzeit), F-Dur-Sextakkord (erste Hälfte der vierten Zählzeit) – und schließlich unser beliebter und anlässlich von Takt 11 ausführlicher beschriebener Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte und ohne Grundton.

Na, mal sehen, ob es im nächsten Takt dann so modulativ, virtuos aufbegehrend weitergeht…

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.