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op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 52

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

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Beethoven-op.-111-Seite-02

Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 52

Menno, Allegro!

Fast schon wie erwartet drückt Beethoven in unserem heutigen Takt aus, dass tatsächlich ein Verharren angesagt ist: Hier soll „meno allegro“, also „weniger rasch“ gespielt werden. (Es kommt hier zur Menopause beim späten Beethoven). Die Ausdünnung des Satzes in Takt 50 und die rezitativischen Akkorde in Takt 51 deuteten das an.

Auf den ersten zwei Vierteln von Takt 52 führt Beethoven erst einmal die kleine Wendung, die er mit dem Es-Dur-Dominantseptakkord auf der letzten 16tel des Vortaktes bereits eingeleitet hatte, zu ihrem Ende. Um allerdings die Erwartungshaltung dieses Taktes aufrecht zu erhalten, um die Spannung zu bewahren, folgt auf den Es-Dur-Dominantseptakkord erneut nur ein As-Dur-Quartsextakkord, also kein As-Dur-Akkord in Grundstellung.

Danach geht es beeindruckend rezitativisch beziehungsweise koloraturisch weiter. Zuerst eine kleine kreisen Koloratur, dann ein ausnotierter langsamer Triller (h1-c2-h1-c2), abzweigend ins kleinsekundige Mollige (des2-c2) – drauffolgend erneut eine kreisende Koloratur.

Wieder also viele kleine Sekunden, die engstmöglichen Tonwechselintervalle auf dem Klavier also. (Ich schreibe „Tonwechselintervall“, weil man ja auch sagen könnte, dass die reine Prime das kleinste Intervall der Pianist*innen ist…). Angesichts der ersten Takte hatten wir ja schon festgestellt, dass die kleine Sekunde im Grunde das Zentralintervall der ganzen ersten Seite dieser Sonate darstellt.

Interessant sind aber auch Referenzstellen aus anderen Beethoven-Sonaten, was diese Mischung von Koloratur, Verweilen und Rezitativartigem darstellt. Denn solche Takte wie Takt 52 gab es schon davor beet Beihoven bei Beethoven!

Bedingungen des Vergleichs: Ausnotierte, quasi improvisatorische Koloraturabschweifungen, in einem unmittelbar dort verlangsamten Tempo (also: Verlangsamung innerhalb eines schnellen Satzes), Rezitativcharakter, Besonderheit des Ausdrucks, Expressivität.

Nicht gültig sind natürlich Beispiele aus langsamen Sätzen. Da kommen solche improvisatorischen Takte häufig vor. Wie dieser hier aus dem zweiten Satz von Beethovens Sonate Nr. 1 f-Moll op. 2 (1795)…

beethoven-op-2-nr-1-2-satz

Eindrücklich auch der Vergleich mit dem Beginn von Beethovens „Pathétique“ (1799). Wenngleich eigentlich nicht gültig, da das Tempo ja eh langsam ist. Wobei es danach dann ja auch bekanntlich sehr bald schneller wird. Also, lassen wir es mal gelten, weil gleich mehrere Aspekte des „Pathétique“-Anfangs mit unserem Takt 52 aus op. 111 verwandt zu sein scheinen…

beethoven-op-13-1-satz-beginn

Ähnlich verhält es sich mit der Sonate „Quasi un fantasia“ op. 27 Nr. 1 (1801). Hier probiert Beethoven ohnehin formal etwas Neues aus. So kehrt das Anfangsthema des ersten Satzes ganz am Schluss der Sonate zurück. Und bevor das Ganze mit einer kurzen Presto-Coda zum Ende gebracht wird, taucht dann auch eine ähnliche Stelle auf wie die in Takt 52 von op. 111…

beethoven-op-27-nr-1-1-satz-ende

In der Sonate d-Moll op. 31 Nr. 2 („Der Sturm“) aus den Jahren 1801-1802 macht Beethoven die Unterbrechung, das Rezitativische dann fast schon zum Prinzip. (Das möge man selber nachschauen. Text und Weise sind ja bekannt.)

Kurz vor Schluss des ersten Satzes der Sonate op. 54 – scheint so ein Coda-Ding zu sein – gibt es einen Adagio-Einschub mit Trillern und kadenzartigem Zeug…

beethoven-op-54-1-satz-ende

Die Vivace-Bewegung des ersten Satzes von op. 109 (1821) wird durch eine umfangreiche Kadenz unterbrochen…

beethoven-op-109-1-satz-beginn

Im dritten Satz der Vorgänger-Sonate von op. 111, der Sonate op. 110 (1821) schreibt Beethoven – meines Wissens nach erstmals überhaupt in seinem Klaviersonatenschaffen – dann explizit „Recitativo“ hin…

beethoven-op-110-2-satz-beginn

Grundsätzlich finden sich solche Stellen – Beethoven hat derartige Episoden auch von seinem großen Sonaten-Vor-Vorgänger Carl Philipp Emanuel Bach gelernt – in den späten Sonaten immer häufiger.

Unser heutiger Takt 52 ist bemerkenswert. Denn diese rezitativische Unterbrechung gerade innerhalb solch wilder Passagen hat hier doch eine seltene Radikalität erreicht…

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.