Ist Neue Musik zu simpel?

Ist Neue Musik zu simpel?

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Das mag als eine merkwürdige Fragestellung erscheinen, denn wir assoziieren Neue Musik meistens mit einem erhöhten Maß an Komplexität und Informationsdichte, wogegen wir einen typisch tonalen harmonisch/melodischen Verlauf ohne fortgeschrittene Spieltechniken oder besondere Kompositionskonzepte von der Perspektive der avancierten Kunstmusik aus als eher “einfach” empfinden.

 

Nun könnte man lange darüber streiten, ob “einfach” oder “komplex” auch Qualitätsmerkmale sind. In einem akademischen Kontext oder in Konkurrenz mit einer wie auch immer definierten „Avantgarde“ wird Komplexität aber meistens eher beeindrucken, auch wenn sie natürlich nicht das entscheidende Qualitätsmerkmal sein muss.

 

Sind bei einer typischen avancierten Komposition alle Ebenen komplex? Oder ist deren Wirkung oft vielleicht wesentlich schlichter, als wir Komponierende es uns erhoffen?

 

Hierzu muss man verstehen, dass das „Verständnis“ von Musik auf mehreren Ebenen verläuft, von denen die klingende Ebene nur eine ist. Es wird nicht nur die Musik als Klang wahrgenommen, sondern auch wie diese Musik mit einer bestimmten Situation korrespondiert und gegebenenfalls bestimmte Erwartungshaltungen erfüllt (oder auch nicht).

 

Besucher eines Clubs würden schnell unruhig werden, wenn die Musik auf Dauer nicht die Anforderung „tanzbar“ erfüllt. Sie sind es aber durchaus gewohnt, dass die „Tanzbarkeit“ aus dramaturgischen Gründen vom DJ zeitweise durch eher Ambient-artige Passagen durchbrochen wird. Die Besucher des Clubs „lesen“ also diese Situation, sie verstehen die verwendete einfache Grammatik aus „tanzbar“ und „nicht tanzbar“ und die verschiedenen musikalischen Spielarten, die in den einen oder anderen Zustand überführen, zum Beispiel ein „Bass Drop“.  Eine gute DJane kann mit diesen Erwartungshaltungen spielen und dabei mit dem Publikum kommunizieren, dies wird auch erwartet. Ein DJ ohne Einfühlungsvermögen, dem die Stimmung im Saal vollkommen egal ist, wird dagegen auf Dauer scheitern.

 

Alle Arten von Musik werden auf ähnliche Weise „gelesen“, wobei die bisherige musikalische Erfahrung und Prägung durch die kulturelle Umgebung eine große Rolle spielen.

 

Die zeitgenössische Musik hat diese kulturelle Prägung lange komplett unterschätzt und hat den „normalen Hörern“ immer eine fehlende Toleranz oder Bildung gegenüber „ungewohnten Klängen“ unterstellt. Das ist aber ein fataler Trugschluss.

 

An den grammatikalischen „Leseregeln“ der abendländischen Kultur ist nichts Universelles oder übergeordnet „Wahres“, wie die vollkommen anderen Musikkonzepte anderer Kulturen auf diesem Planeten (z.B. die Musik zentralafrikanischer Pygmäen, die ein ganz anderes Zeitkonzept haben) beweist. Aber leider sind diese „Leseregeln“ der sogenannten „tonalen“ Musik sehr dominant, und haben sich – teils auch durch aufgezwungene Kolonialisierung -weltweit verbreitet. Diese Prägung kann man nicht von heute auf morgen verändern. Aber genau wie auch Sprache sich verändert, ist das „traditionelle Hören“ von heute auch schon längst nicht mehr das, was es vor 100 Jahren war. Es gibt also auch darin eine Entwicklung.

 

Ein Großteil der Hörerinnen und Hörer in unserem Land, wird aber auf die eine oder andere Weise von tonalen „Leseregeln“ geprägt worden sein, daher werden sie ganz intuitiv versuchen, nach diesen Regeln neu gehörte Musik zu entschlüsseln.

 

Sind diese Leseregeln grundsätzlich „simpel“? Tatsächlich nicht. Das, was wir heute eher unbeholfen „tonale“ Musik nennen, ist das Resultat jahrhundertelanger Entwicklung und ist durch unterschiedlichste Konzepte von Ästhetik und Polyphonie gegangen. Ein typisches Kriterium dieser Musik (quasi die „Leseregel“) ist das Verhältnis von „Spannung“ und „Auflösung“, dass sich aus den Konzepten „Dissonanz“ und „Konsonanz“ ergibt.

 

Das ist tatsächlich gar nicht so banal. Die von „tonaler Musik“ geprägte Hörerin versteht nämlich unbewusst, dass bestimmte Akkorde sich meistens auf eine bestimmte Weise auflösen (Dominantseptime in Tonika zum Beispiel), versteht das Konzept von „neutralen“ Akkorden, die sich in alles Mögliche auflösen können (verminderte Akkorde), versteht die Idee eines melodischen Vorhalts, versteht eine erstaunlich reiche Vielfalt von „Dissonanzen“ und „Konsonanzen“ (beide gleich wichtig für die Wirkung dieser Musik), kennt gleich mehrere Skalen und Modi und begreift auch die Idee einer „Modulation“ sowie von komplexer Stimmführung oder z.B. rhythmischer Antizipation.

 

Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen – die erlernten Sprachregeln sind unendlich komplex, genauso wie auch Sprache komplex ist. Aber genau wie wir beim Erlernen von Sprache als Kinder nie Regeln lernen, erlernen wir auch die Regeln dieser Musik ganz intuitiv. Wir verstehen die Sprache unserer kulturellen Prägung, auch wenn wir nie Notenschrift oder Musiktheorie lernen. Genauso wie man auch als Analphabet dennoch die eigene Sprache sprechen kann, auch wenn man sie weder lesen noch schreiben kann.

 

Ich wiederhole: die Attribute „tonaler“ Musik sind auf keinen Fall „richtiger“ oder „besser“ als andere musikalische Konzepte. Aber sie herrschen in dem kulturellen Raum, mit dem wir kommunizieren, vor, ob wir es wollen oder nicht.

 

Wenn man Laien nach der Wirkung von moderner Musik fragt, fallen meistens die Begriffe “zu schräg” oder “zu dissonant”. In Wirklichkeit fehlen hier aber die richtigen Worte. Denn die meiste Neue Musik ist weder „dissonant“ noch „schräg“. „Dissonant“ kann nur etwas sein, wenn es ein theoretisches Konzept von „Konsonanz“ gibt, dies gibt es aber z.B. weder in 12-Tonmusik noch der daraus folgenden seriellen Musik. Töne und Klänge werden zwar geordnet, aber die daraus entstehenden Hierarchien sind komplett abstrakt und vermeiden bewusst Konzepte von „Spannung“ und „Auflösung“, genauso wie sie auch bewusst traditionell harmonische Konzepte meiden. Laien wundern sich meistens, wenn ich versuche ihnen zu erklären, dass ich ein für sie „schräges“ Stück in keiner Weise „dissonant“ finde, da es darin „Dissonanz“ als Konzept nicht gibt.

 

Ein Stück wie Boulez‘ „Structures“ kennt keinerlei Dissonanz – es handelt sich um eine lange Abfolge von möglichst einzigartigen und unwiederholbaren musikalischen Gesten, bei denen keinerlei Hierarchie eine Rolle spielt, außer der ästhetischen Idee, dass es möglichst „nach nichts“ klingen soll und keinerlei Assoziationen zu „konventioneller“ Musik geben soll.

Wie wir wissen, sind die musikalischen Methoden von Boulez sehr wohl komplex, die tatsächlich klingende Oberfläche des Stücks ist aber unglaublich simpel, selbst im Vergleich zu einem einfachen Kinderlied wie „Alle meine Entchen“. Es gibt nichts zu entschlüsseln, Figuren laufen ins Leere, vermeintliche Spannungen sind tatsächlich nur vermeintlich, es gibt bewusst keinerlei musikalische Logik, die an das gemahnt, was die typische Hörerin als „Sprachregeln“ bisher gelernt hat.

 

Das erschafft die paradoxe Situation, dass etwas intellektuell sehr Ambitioniertes wie Boulez‘ Stück auf der ganz simplen Ebene der sprachlichen Entschlüsselung durch zum Beispiel Laien scheitern muss. Es ist tatsächlich so, dass für nicht speziell ausgebildete Hörende die klingende Oberfläche von „Structures“ nicht etwa zu komplex, sondern zu banal ist.

 

Sie ist absolut glatt, bietet keinerlei Anhaltspunkt, wie eine vollkommen glatte Buchseite, die man vergeblich versucht, als Braille-Schrift zu lesen. Sprich: die Musik ist zum Hören „zu eintönig“, sie langweilt schnell. Es ist so, als ob jemand endlos in einer Phantasiesprache vor sich hinbrabbelt, was auf Dauer nur bedingt interessant ist. Dieses Missverständnis gilt es von der Seite der Komponierenden aus zu verstehen, und das möglichst ohne Ignoranz gegenüber den Hörerinnen und Hörern die nichts anderes tun können, als zu scheitern.

 

Für einen Hörenden, der mit Neuer Musik sozialisiert wurde, wirkt diese Musik dagegen vollkommen anders. Er/sie versucht gar nicht erst, diese Musik mit den traditionellen Regeln zu entschlüsseln, sondern versteht sie als Statement eines neuen, noch nie dagewesenen musikalischen Konzepts. Ob sich dies auch in einem wirklich „spannungsreichen“ Hören manifestiert, mag dahingestellt bleiben, aber aus der erweiterten Kenntnis um die Hintergründe der Komposition entsteht eine Wertschätzung gegenüber derselben, und das ist entscheidend.

 

Genau wie dieses Stück sind auch viele andere Stücke aufgebaut – sie sind Resultat von kompositorischen Konzepten, die hinter der klanglichen Oberfläche stehen. Ohne Kenntnis dieser Konzepte bleibt die Oberfläche unentschlüsselbar. Als erfahrene Kenner der Neuen Musik haben wir aber gelernt, anhand von klingenden Oberflächen die dahinterliegenden Konzepte zu erahnen, das ist aber tatsächlich eine sehr fortgeschrittene Fähigkeit der Wertschätzung.

 

Leider unterschätzen wir immer, dass diese uns vertraute Wertschätzung das Resultat langer akademischer Studien ist. Uns erscheint das alles vertraut, aber es ist ein Insiderwissen, dass nicht von selbst – wie eine Muttersprache – gelernt wird, sondern das man proaktiv und gegen viele Widerstände erwerben muss.

 

Es stimmt: Wenn das, was wir „zeitgenössische“ Musik nennen, das Einzige wäre, was es in unserer Kultur zu hören gäbe, würde sich ein intuitives „Verstehen“ derselben auf natürliche Weise herausbilden. Dies ist bei Kindern, die mit Neuer Musik in einer offenen Situation ohne Vorurteile zum ersten Mal konfrontiert werden, immer der Fall.

 

Nur bleibt eine solche Vision immer Utopie – und würde man sie mit Zwang durchsetzen, wäre Neue Musik keine freie Kunst mehr, sondern Indoktrination.

 

Ich fürchte also, dass wir wieder „komplexer“ auf der Ebene komponieren müssen, auf der die meisten Hörerinnen und Hörer unsere Musik zu lesen versuchen. Wir müssen die intuitiv erlernten Sprachregeln wieder besser verstehen, denn dann können wir sie jederzeit unterlaufen und auf neue Weise damit umgehen. Das muss und darf keineswegs in „konventioneller“ Musik resultieren.

 

Genauso wie es trivialen Umgang mit Sprache gibt, gibt es auch besonders kreativen und kunstvollen Umgang mit Sprache. Das ist auch in Musik möglich, aber nur, wenn wir die intuitiv erlernten „Leseregeln“ eines Großteils unserer Hörerinnen und Hörer wieder besser verstehen. Nur was man versteht, kann man wirklich erneuern.

 

Dies zu ignorieren ist: zu simpel.

 

Moritz Eggert

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