op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 70

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
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Ein Takt – so schlicht, so leer wie kein anderer bisher in Beethovens letzter Klaviersonate!

Zwei g-Oktaven auf der zweiten (!) Zählzeit – im Piano.

Nach den beiden krachenden as-Oktaven (hoch vs tief) im Fortissimo, schön deutsch auf der „eins“ und der „zwei“!

Aber nein, wir müssten das Ganze anders angehen. Die 16tel-Triolen des ersten der im Grunde ja zwei (!) letzten Takte unserer vorhergehenden Folge waren natürlich der Auftakt zu Takt 19. Die Exposition wird wiederholt. Allzu erwartbar. Normalfall im Rahmen der Sonatenhauptsatzform. Wir zählen diese Takte aber nicht noch einmal. 335 Takte sind genug. Wir müssen das nicht alles noch einmal durchmachen…

Ja, das ist der leerste, schlichteste Takt. Aber vielleicht der Genialiste der bisherigen Sonate (und ich bin kein Fan von „je einfacher, desto besser“; es gibt manchmal komplexe Ideen, die wunderschön sind; und die an Geilheit verlieren, wenn man sie irgendwie versucht, auf einen Nenner herunterzubrechen).

Im Grunde auch der gruseligste Takt. Ein Geister-Takt!

Ein Fragezeichen, eine absolute Hinterfragung alles Geschehenen! Vielleicht sogar im Sinne einer älteren Definition des Ironie-Begriffs: ein Takt, in dem der Komponist den selbstkomponierten Schrecken des davor in dieser Sonate zu Papier Gebrachten mit einem stillen „Leck mich!“ quittiert. „So ernst war das gar nicht gemeint, haha!“

So etwas hat Liszt später gerne gemacht. Nach virtuos-einbrechendem Tohuwabohu (hebräisch ja für „wüst und leer“, wobei hier, kompositorisch gesehen, eher „wüst und dann leer“ passen würde) wird Liszt gerne immer ganz schlicht. Auch jedes Mal ein Moment des Eindrücklichen, des Staunens!

Und blicken wir auf Liszts zwischen 1849 und 1853 komponierte Sonate h-Moll, so merken wir erst, dass gleich der erste Takt fast so etwas wie ein „Zitat“ genau jenes Takts 70 von Beethovens op. 111 ist…

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Man könnte also sagen: Da, wo Beethovens Exposition seiner letzten Sonate aufhört, da fängt Liszts h-Moll-Sonate an.

Schön, oder?

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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