op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 64

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45 Takt 46 Takt 47 Takt 48 Takt 49 Takt 50 Takt 51 Takt 52 Takt 53 Takt 54 Takt 55 Takt 56 Takt 57 Takt 58 Takt 59 Takt 60 Takt 61 Takt 62 Takt 63

beethoven-op-111-seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven-op.-111-Seite-03beethoven-op-111-1-satz-takt-64

Nun fließt die zwischendurch noch durch Auslassung der ersten Note zerhackstückte 16tel-Begleitung der linken Hand ungebrochen durch. Aber grollig. Im Bass.

Darüber werden die thematische Oberstimme (aus fes2 – as2 hervorgehend) es2 und die vorherige Begleitung der rechten Hand in einem As-Dur-Akkord zusammengefasst. Mit Sforzato-Bumms. Alles bis einschließlich zur zweiten Zählzeit wie in Takt 60 im Bass – nur mit der schon angesprochenen rhythmischen Versetzung des thematischen Materials durch zwei Viertel.

Anders und gleichsam wirklich überraschend: die Zählzeiten drei und vier. Stand die korrespondierende es-Oktave in Takt 60 auf der „eins“ (linke Hand) noch als Viertel allein, worauf – ganz viertelregelmäßig – die untere Es-Oktave folgte, so werden hier beide es2-und-es3-Töne quasi diminuiert, also rhythmisch verkürzt – und zwar um genau die Hälfte. Wobei der Unterschied freilich darin liegt, dass das es3 alleine steht. Denn die untere Oktave wird weggelassen; und zwar aus Technik- und Stimmführungsgründen, schließlich geht es auf der „vier“ mit einem einstimmigen Triller weiter.

Auf Zählzeit vier von Takt 64 setzt nun dieser Triller – ebenfalls auf dem Ton es3 – mit anschließender d3-es3-Schleife nach oben ein. Eine weitere Verdichtung, eine erneute Überraschung – ein Takt, der die Pianisten der Welt ins Schwitzen und immer mal wieder zu einem drängenden – halb unabsichtlichen – Forcieren bringt…

Oder?

Hören wir doch mal, wie große Beethoven-Interpreten diesen Takt spielen…


Artur Schnabel (1932, Takt 64 erklingt bei ihm in Minute 3.16) haut sich voll rein, wählt ein ohnehin gnadenlos wahnsinniges Tempo. Für seine Verhältnisse erwischt er den Triller sogar relativ sauber.

Bei Solomon Cutner (1951, Trillerstelle bei 3.39) klingt das Ganze kontrollierter, aber auch weniger aufregend.

Friedrich Gulda (1953, bei 3.24) ist wie immer makellos, sehr gut sind bei ihm die rhythmisch-kontrapunktischen Strukturen zu hören, selbst angesichts der wilden Trillerstelle.

Wilhelm Backhaus (1953, bei 2.56) verspielt sich bei Minute 2.51 – und prompt klingen die sich dem Triller nähernden Takte plötzlich zu kontrolliert, zu akademisch. Auch die Wirkung des Trillers verpufft dadurch.

Edwin Fischer (1954, bei Minute 3.18) nimmt die Passage etwas hudelig, etwas ungenau. Ich weiß gar nicht, ob das im Sinne der Dramatik ist. Oder ob bei Beethoven Dramatik vielleicht gerade aus Deutlichkeit (das Lieblingswort Mahlers) heraus entsteht…

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.