Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 23: H-Dur

Ich hatte mal die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll, Es-Dur, es-Moll, E-Dur, e-Moll, F-Dur, f-Moll, Ges-Dur, fis-Moll, G-Dur, g-Moll, As-Dur, gis-Moll, A-Dur, a-Moll, B-Dur, b-Moll.

H-Dur ist gar keine Tonart! H-Dur hängt mit als fünftes Wagenrad hinten dranne! H-Dur hat keinen Charakter, weder strahlend noch tief… H-Dur ist hellgrün – und wechselt gerne die Farbbäumchen! H-Dur kann nichts, will nichts – und vermag nichts! H-Dur ist unsicher, intonatorisch heikel und wie eine Person, die sich nicht entscheiden kann! H-Dur, du alte Frevlerin, hinfort nur immerzu: hinfort!

Erschwerend hinzu kommt, dass es keine bekannten Stücke in H-Dur gibt. Fast wäre ich geneigt, aus Mitleid eines der H-Dur-Stücke aus den beiden Bachschen Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ anzuführen. Doch dann fiel es mir wie Hornhautraspeln von den Fingern! Das grauenerregende „Concierto de Aranjuez“ von Joaquín Rodrigo! Jeder Spatzt röchelt zwar nur das englischhornumdüngte Mittelstück dieses abartigen Machwerks in die Klassikradiosender der Schande, doch manchmal hängt eben das Finale in H-Dur noch altruistisch mit hinten dran. Also steht meine Entscheidung…

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in H-Dur:
Joaquín Rodrigo (1901-1999)
Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester (1939)
3. Satz: Allegro gentile
Narciso Yepes (Gitarre)
García Navarro (Leitung)
Philharmonia Orchestra

Andere über H-Dur…

H dur. Stark gefärbt, wilde Leidenschaften ankündigend, aus den grellsten Farben zusammen gesetzt. Zorn, Wuth, Eifersucht, Raserey, Verzweifelung, und jeder Jast des Herzens liegt in seinem Gebiethe. […] H dur. [G dur ?] Alles Ländliche, Idyllen- und Eklogenmäßige, jede ruhige und befriedigte Leidenschaft, jeder zärtliche Dank für aufrichtige Freundschaft und treue Liebe; – mit einem Worte, jede sanfte und ruhige Bewegung des Herzens läßt sich trefflich in diesem Tone ausdrücken. Schade! daß er wegen seiner anscheinenden Leichtigkeit, heut zu Tage so sehr vernachlässiget wird. Man bedenkt nicht, daß es im eigentlichen Verstande keinen schweren und leichten Ton gibt: vom Tonsetzer allein hangen die scheinbaren Schwierigkeiten und Leichtigkeiten ab.

(Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 378 ff.)

Beiden gleich ist H an starker Färbung in Dur, an Innerlichkeit in Moll. In Dur dient es der heftigen Leidenschaft, und drückt ein trotziges, seiner Kraft gewisses Selbstgefühl aus; in Moll ist es ruhige Erwartung und Ergebung. Das Angreifende beider Tonarten hat die Erfahrung gelehrt. Von einem Violoncellist Hoffmann in Dresden erzählt man, daß er durch ein Spiel in H moll stets krank wurde. So sehr nimt diese weichste Tonart die ganze Seele ein und kann sie zerknirschen. Für H moll und dur möge als Beispiel abwechselnder Form das Quartett für Pianoforte von Mendelssohn Bartholdy Op. 3 genannt werden; für H moll Beethovens Agnus dei in der zweiten Messe Op. 123 ein Gesang der zartesten Frömmigkeit. In langsamer Bewegung eignet diese Tonart vorzüglich für Todtengesänge. Umgesetzt in die Unnatur gewährt diese Tonart im ironischen Hohn auch Töne der Hölle. So in Webers Freischütz Caspars teuflisches Lied, mit dem er, allem Heiligen spottend, Max den Trank reicht. Ries schrieb den dreifachen Chor seines Siegs des Glaubens in H moll, in welchem, den Gläubigen gegenüber, eine Schaar frecher Ungläubigen der Gottheit Hohn spricht.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 221 f.)

Arno Lücker wurde in Braunschweig geboren, studierte in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt und als Moderator, Dramaturg, Konzertveranstalter, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker arbeitet. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96, Hertha BSC und den Toronto Blue Jays (Baseball).

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