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Requiem für eine ferne Heldin – Dindy Vaughan

Als ich nach Australien reiste, kam ich ein Stück weit in einen anderen Kulturkreis. Einerseits arbeitete ich in Melbourne an der Monash University, die ganz und gar englisch-amerikanisch geprägt war. Andererseits aber lebte ich in einem Holzhaus am Rande der Stadt inmitten eines verwunschenen wilden Gartens bei meiner Gastgeberin, der australischen Komponistin Dindy Vaughan. Und Dindy hatte Vorfahren aus Frankreich, Irland und auch unter den Aborigines, kurzum: Dindy hatte mit den Engländern nicht viel am Hut. Sehr viel allerdings mit der Natur und mit der Hingabe an die Community, an eine durch und durch lebendige und verantwortungsvolle Beziehung zu den Menschen um sie herum.

Mein Australienerlebnis, das ich danach in Musikstücken von mir aufzubewahren versuchte, wäre ohne Dindy nicht so überwältigend geworden. Jeden Morgen zum Beispiel holte sie ein kleines altes Heft hervor, in das sie als Mitglied einer Vogelvereinigung Melbournes minutiös jeden Vogel notierte, den sie am Morgen gehört hatte. Sie erklärte mir den krächzend-schnatternden Ruf des Red Wattle Bird, mit dem jeder Morgen in Australien beginnt. Sie wies mich hin auf den klagend-singenden Klang des Currawong, der der Legende nach Regen verheisst. Nicht hinzuweisen brauchte sie mich auf die lebendig gurrenden, kieksenden, sich immerfort mit sich selbst unterhaltenden Klänge der Magpie, der großen australischen Elster, die über das Land herrscht – die erkannte ich sofort immer selbst, zumal ich kurze Zeit darauf bei einem Spaziergang von einer angegriffen wurde (  – ein „Ritterschlag“, wie mir australische Freunde erklärten )

Dindy hatte zu jedem dieser Vögel eine spezielle, von Liebe geprägte Beziehung aus jahrzehntelanger Vertrautheit. Selbst dem kleinen äußerlich unscheinbaren Butcher Bird sah sie die Brutalität nach, mit dem dieser die anderen Vögel durch tirilierende, betörende hohe Klänge herbeilockt, nur um sie dann im Direktanflug grausam ums Leben zu bringen. Oder auch die Horden von rosanen Kakadus mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm, das machte ihr alles nichts aus. Sie war von klein auf daran gewöhnt.

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Ebenso zu den Spinnen und Schlangen Australiens hatte Dindy eine von heiterer Sorglosigkeit geprägte Beziehung. Sie war selbst in einem kleinen Ort im Busch aufgewachsen. Es hatte ihr schon als Kind nichts ausgemacht, einfach über diese beiden bedrohlichen Arten locker hinwegzuspringen. Genauso kam sie nach einigen Wochen auf mich zu mit einer aufgerufenen Internetseite: guck hier, das sind die zehn giftigsten Spinnen Australiens, es ist alles nicht so schlimm, wenn du in 1-2 Stunden das Anti-Serum bekommst musst du seit 1980 nicht mehr sterben! Sie erzählte ebenfalls mal voll feministischer Kraft von einem Rendeszvouz mit einem kernigen Typen, einem „bloke“, der sie erst großspurig im Auto irgendwohin fuhr und dann aber in erschrecktes Schreien ausbrach, als beim Betätigen der Sonnenschutzklappe vor der Windschutzscheibe eine handtellergroße, schwarze, haarige Spinne auf ihn runterfiel. Dindy blieb cool und löste die Sache. So konnte man sie nicht beeindrucken. Die tödlichen Red Dot Spiders, ja ja, die gäbe es dahinten in ihrem Garten unter den Tonnen da, ich könne gern mal nachgucken.

Die Opossums, von ihr natürlich zärtlich nur „the Possums“ genannt, wurden von ihr gefüttert ( „my neighbours tell me not to do so!“ ) und lebten als fröhliche Familie von ca. zwanzig Tieren auf ihrem Dach. Nachts liefen sie auf eben diesem hin und her, und frei nach „Alice in Wonderland“ konnte man statt „Do Cats eat Bats?“ fragen „Do Cats eat Possums?“. Natürlich nicht, und es blieb also konstant laut und turbulent auf dem Dach. Daran hatte ich mich nach zwei Wochen wirklich gewöhnt. Manchmal, das erzählte Dindy relativ ungerührt, breche die elektrische Versorgung im Viertel mal wieder zusammen, weil ein Opossum versucht hatte, auf den Leitungen oben die Straße zu überqueren, was es nicht überlebte.

Auch der Kookaburra, der „lachende Hans“, der prächtige australische Nationalvogel, kam in  Dindys Garten zu Besuch und wurde ausgiebig bestaunt.

Herangelockt wurden alle diese Tiere durch die Wildnis, zu der Dindy – ob ganz bewußt oder aus Sorglosigkeit des Alters – ihren Garten durcheinander wachsen ließ. Er war ein Tierparadies. Und als solches hatte er auch für uns Menschen etwas Paradiesisches an sich mit seinen majestätischen alten Bäumen.

Dindy liebte und verehrte die Natur. Zu ihren größten Lebensleistungen zählt die Rettung eines ganzen Creeks, der durch eine Vorstadtautobahn überbaut und zerstört werden sollte. Die Creeks sind in Australien etwas ganz Besonderes, denn das riesige Land, das äußerlich häufig so wüstenartig und durch und durch trocken erscheint, wird durch unterirdische Flußläufe unterwandert, die plötzlich und wie von Geisterhand irgendwo wieder aus dem Boden treten. Die Aborigines hatten auch davon spezielles Wissen, sonst hätten sie nicht jahrtausendelang überleben können. Wenn man in Australien über einen Creek spricht, hat das also durchaus etwas Spirituelles. Dindy war zwar durch und durch rational und praktisch geprägt, ihre Eltern hatten sie im Geiste des fabianischen Sozialismus kirchenfern erzogen, aber wenn man mit ihr durch die Natur spazieren ging, merkte man eine religiöse Bewegung an ihr, eine Freude und Ergriffenheit, die sich auf ihre Begleitung übertrug. Ich habe sozusagen mit ihr die australische Natur mit ihren Augen sehen dürfen.

Und auch in den Klängen ihrer Musik spiegelt sich dieses Naturerlebnis. Dindy war als Komponistin über weite Strecken Autodidaktin. Als Kind einer nicht wohlhabenden Familie gehörte sie zu den Ersten ihrer Herkunft, die im größeren Stil durch spezielle Gesetze an der Uni studieren durften. Sie hat immerfort parallel dazu gearbeitet und auch später im Laufe ihres Lebens verschiedene Berufe ausgeübt, um Geld zu verdienen. Sie war parallel als Gesangssolistin, Theaterautorin, Bühnenmusikerin und Assistentin in einem biologischen Labor tätig. Oder als Orchestergründerin. Oder als Kunstgalleristin. Und natürlich auch als Geigenlehrerin. Eine musikalische Laufbahn als aktive Musikerin verhinderte ihre Gesundheit. Als Geigenlehrerin habe ich sie noch erlebt. Ihre Lehre fusste auf der Volksmusik und dem Barock. Ihre Kolleginnen kritisierten sie, erzählte sie lachend, weil sie nicht das Vibrato lehre. Sie hat eine ungeheuer anregende Geigenschule veröffentlicht, die ich in der Bearbeitung für Cello in meinem eigenen Unterricht zur großen Freude meiner Schülerinnen und Schüler immer auch benutze. Was dort unterrichtet wird, ist elementare Spielfreude, klangliche Erziehung zu großer Reinheit, – und zwar nicht nur technisch im Spiel, sondern auch emotional- sowie Teilhabe für SpielerInnen jedweden Könnens von leeren Saiten bis  zu virtuosen Girlanden und Kapriolen. Angereichert durch vielfältige Wissensfragen über Australien, die widerspiegeln, wie Dindy wohl selbst schon als kleines Mädchen immerfort wissbegierig war, und die bei allen wissbegierigen Kindern dieser Welt Begeisterung auslösen. In Berlin lernen sie dadurch eben was über Australien, jenes ferne Land bei den Antipoden, wo immer Winter ist wenn bei uns Sommer ist und umgekehrt.

Dindys Kompositionen entstanden, indem sie sich schlichtweg in aller Ruhe vor ihren Schreibtisch setzte, und inmitten der sie umspielenden Naturklänge ihrer zauberhaften Umgebung mit ebenso spielerischen, mitunter auch elegischen Tönen das niederschrieb, was ihr in ihrem inneren Gehör eingegeben wurde. Auch das habe ich in Melbourne ebenso getan und mir ist in ihrem Haus am Schreibtisch mit Blick in die grüne Wildnis und mit dem Klang der Vögel der Anfang meiner 3. Sinfonie eingefallen. Ist das aus der Zeit gefallen? Vielleicht ja. Wir halten uns an unserem Bleistift fest. Ein Stück weit Eskapismus? Ja, das hat sie selbst auch so benannt, indem sie immer wieder, vor allem zuletzt, in unseren wöchentlichen Telefonaten die Geschehnisse in der Welt, und insbesondere den Umgang des Menschen mit der Natur als „völlig verrückt“, als „totally crazy“ brandmarkte.

Dindy Vaughan ist am 22. Mai 2026 in Melbourne im Alter von 87 Jahren gestorben. Dear Dindy.

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