Die unerträgliche Angst vor Liedern
Die unerträgliche Angst vor Liedern
Über das Debakel der Absage des Songs „Keine Angst“ von Danger Dan zusammen mit dem vermutlich bald auch jonglierenden und Bungee-Jumpenden Igor Levit ist nun wahrlich genug gesagt worden. Was mich aber dabei wundert ist, dass eigentlich keiner den „Elefant im Raum“ (der auch im Lied vorkommt) anspricht, nämlich: wie hoch ist die Gefahr, die von einem Song ausgeht? Werden jetzt tausende von Menschen der „Hammerbande“ beitreten, da sie der Text dazu angeblich auffordert?
Und: Kann ein in einer Kabarettsendung gespielter Song ein effektiver und direkter Aufruf zur Gewalt sein, den man zu zensieren hat? Ist es nicht wesentlich effizienter, wenn z.B. Trump mit Worten die Massen aufhetzt, das Kapitol zu stürmen? Das hat sichtlich gut funktioniert. Hätte Trump dagegen eine Gitarre genommen und „no weakness, show strength!“ gesungen, hätte das die Situation vermutlich eher deeskaliert, denn selbst MAGA-Anhänger wären dann aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen.
Ein Song taugt also als direkte Gewaltaufforderung nicht wirklich. Dennoch kann ein Song strafbare Passagen enthalten. Es gibt Rechtsrocktexte, die aufgrund von Strafanzeigen verboten wurden, z.B. von Bands wie „Landser“, „Stahlgewitter“, Skrewdriver“ und „Noie Werte“. Was aber wichtig zu verstehen ist: Rechtsrock ist nicht grundsätzlich verboten. Wird bei einem Konzert der Holocaust geleugnet oder die Hand zum Hitlergruß erhoben, dann sind das nach deutschem Recht Straftaten, und das aus gutem Grund. Wird aber einfach nur patriotisch gegrölt und gegen Linke und Antifa gewettert, so ist das auch beim Rechtsrock tatsächlich erlaubt, selbst wenn es martialisch daherkommt.
Man schaue sich mal das Cover des Songs „Stahlgewitter“ der österreichischen Band „Nachtmahr“ an:

Auf Nazi-Insignien wurde hier verzichtet, aber die Botschaft ist eindeutig, man ist „kampfbereit“ im Schick der 30er Jahre. Und die abgebildete Frau versteht keinen Spaß, das sagt ihr Schmollmund eindeutig. Ach so, sie hat auch noch eine Waffe in der Hand, mit der vermutlich Linksversiffte abgeknallt werden sollen.
Und so geht auch der Text:
„Von der Wiege bis zum Grab
Werd ich für euch in Flammen stehen
Und wenn die letzte Stunde schlägt
Gemeinsam mit euch untergehen“
Wie man schon in der Wiege „in Flammen stehen“ kann, lässt der Autor des künstlerisch ziemlich armseligen Textes unbeantwortet, aber dass man gemeinsam für die rechte Sache sterben will, ist ziemlich unverhohlen dargestellt. Und ja, es ist hier von der Kunstfreiheit gedeckt, ob man das mag oder nicht. Der Song ist in Deutschland nicht indiziert. Dennoch ist es eher unwahrscheinlich, dass die Band bei einer Kabarettsendung des deutschen Fernsehens eingeladen werden würde.
Aber muss ein Song immer exakt das bedeuten, was im Text vorkommt? Haben wir uns in diesen Zeiten, in denen ein falsches Wort das Karriereaus bedeuten kann, schon so daran gewöhnt, dass immer alles exakt so gemeint ist? Gibt es noch Zwischentöne, Grautöne? Selbst die Satire trägt inzwischen ihr Bekenntnis am Revers. Wenn z.B. ein Ricky Gervais gegen Wokeness wettert, ist auch das ein politisches Bekenntnis, nämlich einfach nur Anti-Wokeness, was genauso doof ist wie übertriebene Wokeness. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Subtil war gestern, Feinsinn ebenso.
Inzwischen wird davon ausgegangen, dass immer alles, was in einem Lied gesungen wird, auch exakt so von den Autoren gemeint ist und genau deren Haltung wiedergibt. Kein einziger hat beim ZDF einmal vorsichthalber nachgefragt, ob es sich beim Lied von Danger Dan um so etwas wie „Kunst“ handeln könnte, und es einen Unterschied zwischen dem Gesungenen und dem Singenden gibt. Es müsste grundsätzlich möglich sein, dass Danger Dan in einer Kabarettsendung einen Song über die Antifa macht und deren Perspektive auf künstlerisch interessante Weise einnimmt.
Nun, leider ist der Song von Danger Dan platt – musikalisch wie textlich – und macht es einem wahrlich nicht leicht, ihn als Kunstwerk zu verteidigen. Wer nichts anderes macht, als eine langweilige Gebrauchsanleitung zum antifaschistischen Widerstand zu banalem Geklimper herunterzuleiern, schafft weder Denkwürdiges noch Kunst. Nun kann man argumentieren, dass Danger Dan gar keine Kunst machen will, aber warum singt er dann und veröffentlicht seine Gebrauchsanleitung nicht einfach in einem Forum? Und warum fällt Igor Levit trotz jahrzehntelangen Klavierübens so deprimierend wenig zu dieser Klavierbegleitung ein, nämlich gar nichts?
Man muss leider tatsächlich davon ausgehen, dass hier keinerlei Doppelbödigkeit oder Maskenspiel vorliegt, wie es eigentlich in der Form des Songs sehr wohl möglich und gerade auch interessant ist. Damit hat sich Danger Dan ohne Not angreifbar gemacht, denn wenn es tatsächlich keinerlei Ironie und keinerlei doppelten Boden mehr gibt, haben Zensoren leichte Beute.
Aber es geht eben auch anders. Ein besonders schönes Beispiel ist das wunderbare Lied „Tauben vergiften“ von Georg Kreisler, indem es heißt:
„Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau
Gehn wir Tauben vergiften im Park!
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau
Gehn wir Tauben vergiften im Park!
Wir sitzen zusamm‘ in der Laube
Und ein jeder vergiftet a Taube
Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark
Beim Tauben vergiften im Park“
In den weiteren Strophen gibt Kreisler sehr exakte Anweisungen, wie genau man die Tauben vergiften kann (Spoiler: am besten geht das mit Zyankali).
Liebe Leser, es scheint unglaublich und ihr müsst jetzt ganz, ganz stark sein: Es ist nämlich tatsächlich mit ziemlicher Sicherheit nicht so, dass Kreisler das Taubenvergiften im Park gutheißt. Nur im Jahre 2026 käme jemand ernsthaft auf die Idee, das Lied als direkte Aufforderung zum Taubenvergiften zu verstehen. Dennoch tut das Lied die ganze Zeit so, als sei genau dies das Ziel und als sei es eine sehr fröhliche Angelegenheit. Würde man das Lied heute in der Kabarettsendung „Die Anstalt“ programmieren, würden es die ZDF-Verantwortlichen vermutlich aus Angst vor Tierschützern aus dem Programm nehmen.
Ich dichte jetzt mal das Lied leicht um:
„Schau, es ist heiß und die Lüfte sind lau
Gehn wir Nazis verkloppen im Park!
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau
Gehn wir Nazis verkloppen im Park!
Wir sitzen zusamm‘ hier drin
Und ein jeder hier traf einen Skin
Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark
Beim Nazis verkloppen im Park“
Dazu ein bisschen bessere Mucke als bei Danger Dan und fertig wäre ein lustiges Antifa-Lied, das man nicht so ganz bierernst nehmen müsste, das aber dennoch eine gewisse kathartische Energie freisetzen würde, denn Nazis verkloppen ist spätestens seit Indiana Jones eine Sache, die auch in Deutschland gute Laune verbreiten kann. Die AfD kann das nicht jucken, denn die behaupten ja immer, keine Nazis zu sein. Wie auch die Antifa nur Angst und Schrecken bei jenen verbreiten kann, die „fa“ sind. Es ist unheimlich, wie viele dennoch vor ihnen Angst haben.
Dieser Song kam übrigens unzensiert im ZDF (Magazin Royale):
Musikalisch pfiffiger als Danger Dan, macht auch insgesamt mehr Spaß, vor allem das Publikum im Video. Die inszenierte Darbietung samt Kostümierung bringt hier den Schuss Selbstironie, der Danger Dan abgeht. Eine gewisse Übertreibung rettet auch „Rammstein“ vor der Indizierung, obwohl sie bekanntermaßen mit Rechts kokettieren.
Wäre die berühmte Umdichtung einer Arie von Carmen als „An allem sind die Juden schuld!“ von Friedrich Holländer heute ein Opfer der ZDF-Zensur? Das kann man leider nicht mehr ausprobieren, es wäre aber ein interessantes Experiment:
„An allem sind die Juden schuld!
Die Juden sind an allem schuld!
Wieso, warum sind sie dran schuld?
Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.
Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld!
Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld!
Und glaubst du’s nicht, sind sie dran schuld,
an allem, allem sind die Juden schuld!“
Ich fürchte niemand käme heute mehr auf die Idee, dass das Lied nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern dass es gerade in der Überspitzung des antisemitischen Jargons ad absurdum eine Parodie desselben darstellt. Schlimm genug, dass man das erklären muss, denn heute verstehen das schon nicht mehr alle.
Was sagt uns nun die ganze Affäre? Am Ende ist wieder mal niemand klüger geworden, am wenigsten in den Kommentarspalten. Und Danger Dan und Igor Levit inszenieren sich als missverstandene Helden und genießen die Publicity, die ihnen der ZDF gratis geschenkt hat.
Was aber helfen würde: sich einfach mal wieder darauf besinnen, was Kunst kann und was sie nicht kann. Und sich daran freuen, was sie eigentlich alles kann, wenn man ihre wahre Freiheit begreift. Nämlich sehr viel.
Moritz Eggert
Komponist
