Wahl

Foto: Moritz Eggert

Tagebuch der Wörter (9)

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Wahl

Im Zeitalter der Wahl-o-maten mag für einige Bürgerinnen und Bürger der Eindruck entstehen, als sei der Vorgang des Wählens ähnlich wie der Besuch in einer Boutique: man definiert bestimmte Parameter und bekommt dann die maßgeschneiderte Partei, die am besten „passt“. Aber ganz so einfach funktioniert Demokratie nicht, und natürlich wissen wir das alle auch. Keine Partei wird unsere individuellen Wünsche perfekt vertreten, und letztlich wäre das schrecklich gegenüber all den Menschen, die unsere eigenen Wünsche nicht teilen. Wären wir Königinnen und Könige in unserem eigenen Reich und alles würde so laufen, wie wir es uns wünschen, könnten wir dann sicher sein, dass alle Menschen das auch so empfinden würden? Ganz sicher nicht.

Und dennoch empfinden viele Menschen es als großes persönliches Unglück, wenn in ihrem Land nicht in jedem Detail alles so läuft, wie sie es wollen. Im schlimmsten Fall speisen sich hieraus die aggressiven Verschwörungsmythen, die fordern, dass die ganze Regierung gestürzt und womöglich hingerichtet werden sollte – wer dieser Revolution traut, wird ganz sicher auch von ihr gefressen werden.

Politik ist aber kein Selbstbedienungsladen, in dem einem jeder Wunsch erfüllt wird. Es ist ein mühsames Ringen um Kompromisse, die nie alle zufrieden stellen werden. Aber gerade diese Kompromisse ermöglichen das friedliche Zusammenleben, das wir uns alle wünschen.

Selbstverständlich haben wir als Komponistinnen und Komponisten einen Blick auf die Politik, der von dem geprägt ist, was wir uns speziell wünschen. In einer perfekten Welt für uns sähe das so aus: ein reichhaltiges Kulturleben mit großzügig unterstützten Orchestern und Opernhäusern und gleichzeitiger Förderung der freien Szene, freie Bildung für alle, guter Musikunterricht in den Schulen, großzügige Unterstützungen und finanzielle Absicherungen für Freischaffende, staatlich geförderte Kompositionsaufträge in großer Zahl, ein gerechtes Urheberrecht mit hohen Ausschüttungen, Chancengleichheit für alle, Absicherung der Künstlersozialkasse. Ich glaube hierüber könnten sich absolut alle Mitglieder des DKV einigen, das fänden wir gut.

Und weil wir das gut finden, haben wir als DKV die großen Parteien nach genau diesen Punkten gefragt. Mittels sogenannter „Wahlprüfsteine“ gibt es nämlich bei jeder Wahl die Möglichkeit, direkte Fragen zu stellen, die vielleicht nicht im Wahl-o-mat bzw. Parteiprogramm beantwortet werden.

Es haben uns nicht alle Parteien geantwortet, aber die, die es getan haben, sagen natürlich nie grundsätzlich „nein“ zu irgendeiner dieser Forderungen. Die, die schon lange am Ruder sind, klopfen sich auf die Schulter, was sie hier schon geleistet haben. Die, die ans Ruder kommen wollen, wollen übereifrig wirken. Zwischen den Zeilen kann man aber einiges lesen, und wenn man sich auf den Weg zur Wahlurne macht, weiß man vielleicht ein bisschen mehr, auf welchen Kompromiss man sich diesmal einlässt. Es wird immer ein Kompromiss sein, das muss man akzeptieren. Und jeder Kompromiss ist immer noch besser als das Zerbrechen dieses fragilen Systems, das uns allen ein Leben ermöglicht, das sicher nicht perfekt ist, aber doch immer noch besser als in einem Land, in dem man diese Fragen gar nicht stellen darf.

Es reicht ein Blick auf das Schicksal der Musikerin und Kollegin Maria Kolesnikova in Belarus. Auch sie hat Fragen an die Politik in ihrem Land gestellt, aber anders als wir bekommt sie dafür keine wohlfeilen Antworten, sondern eine 11jährige Gefängnisstrafe. Diesen Unterschied müssen wir uns immer wieder bewusst machen, wenn wir an unserem Land verzweifeln.

Und wenn wir genau hinschauen: das, was wir fordern, gibt es schon. Wir haben Orchester und Opernhäuser, wir haben eine freie Szene, es gibt frei zugängliche Bildung, Unterstützung für Freischaffende, es gibt ein Urheberrecht und eine KSK. Wie gut das alles funktioniert, liegt einerseits an den vielen unterschiedlichen Verantwortlichen, die wir bestimmen, aber es liegt auch daran, welche Fragen wir stellen. Wer etwas ändern oder verbessern will, kann sich an vielen verschiedenen Stellen einbringen – beim DKV, bei der GEMA, bei der Politik. Und selbst wenn wir das nicht tun, ist der mindeste Beitrag, den wir leisten können, ein einfaches Kreuz bei der Partei, die wir unterstützen wollen.

Selbst wenn nicht immer alles nach unserem Willen geht: Jedes einzelne Kreuz zählt – so schwer ist das nicht. Und Kneifen nützt nur denen, die es vielleicht nicht so gut mit uns meinen.

 

Lech am Arlberg, 9.9.2021

Da meine liebe Frau gerade ihr neue Buch herausgebracht hat, hat ihr Verlag uns netterweise eine kleine Lesereise in das wunderbare Hotel Sonnenburg in Österreich geschenkt, wo wir wie Fürsten behandelt werden. Sogar die sonst kritischen Kinder sind begeistert und können zu einem kleinen Bergausflug überredet werden. Meine Tochter will nach wenigen hundert Metern schon das Handtuch werfen, weil es ihr zu steil hinaufgeht, aber mit dem Versprechen, dass wir auf dem Weg „lauter Instagram-Stories“ filmen werden, kann man sie locken. Sie hält also alle naselang das Handy in die Luft und spricht zu einer imaginären Zuschauerschaft, wie toll die Berge sind. Mein Sohn fürchtet währenddessen den Angriff einer Kuhherde. So sieht Naturvermittlung im Jahre 2021 aus.

Moritz Eggert

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