Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 16: g-Moll

Ich hatte mal die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll, Es-Dur, es-Moll, E-Dur, e-Moll, F-Dur, f-Moll, Ges-Dur, fis-Moll, G-Dur.

G-Moll ist die kleine traurige Schwester von G-Dur. G-Moll ist gräulich umwoben, von Novembertönen gar umfangen! G-Moll ist sehr klagend und langsam im Abgang. G-Moll dringt dabei nie in die tiefsten Gefilde unseres Herzens ein, sondern nervt penetrant bis zum Abwinken jeglicher Zwiesprache mit dem besorgten Gegenüber! G-Moll ist Litanei und Qual – und manchmal (wenn adäquat eingesetzt) lustig. Die lustigste und böhmischste Tonart unter den Moll-Tonarten!

Und natürlich könnte man Schuberts „Erlkönig“ als das bekannteste Stück klassischer Musik in g-Moll anführen. Ja. Doch der erste Satz von Mozarts großer g-Moll-Sinfonie erklingt sogar in so manchem (es ist genau: einer, aber der hat mich damals beeindruckt) Hollywood-Actionfilm (was gegen die Sinfonie spricht!). Daher akzeptiere man meine Entscheidung!

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in g-Moll:
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 (1788)
1. Satz: Molto Allegro
Jordi Savall (Leitung)
Le Concert des Nations

Andere über g-Moll…

G.MOLL […] ist fast der allerschöneste Tohn / weil er nicht nur die den [dem] vorigen [d-moll] anhängende ziemliche Ernsthafftigkeit mit einer muntern Lieblichkeit vermischet / sondern eine ungemeine Anmuth und Gefälligkeit mit sich führet / dadurch er wol zu zärtlichen / als erquickenden / so wol zu sehnenden als vergnügten; mit kurtzen beydes zu mäßigen Klagen und temperirter Frölichkeit bequem und überaus flexible ist. Kircherus urtheilet also davon: […] Er führe eine züchtige und andächtige Freudigkeit bey sich / sey frölich und voller ernsthafften Sprünge.

(Johann Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, Hamburg 1713, S. 237 f.)

G moll kann nicht geradehin nach Schubert durch Missvergnügen, Groll und Unlust bezeichnet werden. In dieser Tonart einigt sich Wehmut und Freude, Schwermut und Heiterkeit; so stellt sie die Grazie, auf deren Blick ein Zug Schwermut ruht, das Erhabene in romantischer Färbung, das Tragisch sentimentale dar. Die Behandlung kann dies alles auch bis zum Ausdruck des Missvergnügens und der Unlust erhöhen, indem das eine beschränkende Element überwiegt. Wem schwebt bei diesem Tone nicht als Ideal Mozarts Symphonie, die ich in gewisser Hinsicht mit Goethes Iphigenia vergleichen möchte, vor? Liegt in ihr Leidenschaftliches ausgeprägt, so besteht es noch in der reinsten Besonnenheit, erscheint nicht abenteuerlich, nicht ausschweifend; das Erhabene hält es aufrecht, und Schönheit verklärt es zu dem liebenswürdigsten Wesen. Das Ganze aber durchdringt ein geheimer Schmerz, selbst wo die Gefühle lebendige Regung und helleren Schwung gewinnen, umzieht sie ein Duft der Wehmut. Zu diesem Allen hat der Meister die Tonart mit unnachahmlicher Kunst behandelt. In der Menuett geht der Ausdruck sogar ins Furchtbare über. Andere Zwecke werden freilich auch auf Trost in Leiden hinführen, Andere die Wonne in Tränen bezeichnen; was Alles diese Tonart in sich trägt. In Schuberts Lied der Wanderer an den Mond Op. 80, worin innige Sehnsucht laut wird, wirkt der Übergang bei den Worten: „Du aber wanderst auf und ab“, in Dur höchst ergreifend.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 218 f.)

Arno Lücker wurde in Braunschweig geboren, studierte in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt und als Moderator, Dramaturg, Konzertveranstalter, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker arbeitet. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96, Hertha BSC und den Toronto Blue Jays (Baseball).

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