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Geht es eigentlich noch um die Musik?

Geht es eigentlich noch um die Musik?

Wie jedes Jahr wurden bei der Verleihung der Ernst-von-Siemens-Musikpreise die Förderpreisträger in schön und ästhetisch ansprechenden Filmbeiträgen gewürdigt. Man zeigt die Preisträger bei der Arbeit (was bei Komponisten vorm Computer nie sehr spannend ausschaut), beim Proben mit Musikern, vielleicht aber auch beim Spazierengehen mit dem Hund oder beim Einkaufen von Gemüse auf dem Markt. Die Preisträger sollen damit nahbar und erfahrbar werden, man lernt sie als Menschen ein bisschen kennen, denn leider (oder nach Ansicht vieler: gottseidank!) ist ja keine Zeit mehr, ihre Musik bei der Preisverleihung zu hören, also muss das Videoportrait genügen.

Besonders Eindruck machte auf viele Zuschauer in diesem Jahr das Videoporträt der walisischen Komponistin Bethan Morgan-Williams. „Was für eine wunderbare Komponistin! So interessant! So spannend!“, so einhellig die Meinung vieler Menschen, mit denen ich nach der Preisverleihung sprach. Ungern spielte ich des Teufels Advokat: „Moment, die ist ja sicherlich sehr nett, aber habt ihr wirklich ihre Musik gehört?“. „Ja, ganz toll!“, so die Antwort. Und wieder musste ich etwas genauer nachfragen: „Klar, es war ein bisschen Musik von ihr zu hören, aber kein Ausschnitt war länger als 5 Sekunden und größtenteils gab es gar keine Musik zu hören, sondern nur den Wind in Wales oder ihre Schritte im Wald. Wie könnte man dann beurteilen, ob sie wirklich eine gute Komponistin ist?“. Schweigen.

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Dieses Beispiel zeigt, wie viel wichtiger inzwischen Identität und Wahrnehmung geworden ist. Wichtiger auf jeden Fall als die tatsächliche Kunst. Und ich glaube schon lange, dass diese Entwicklung nicht sehr gut ist. Aus lauter Interesse an interessanten Typen, spannenden Biografien, möglichst kosmopolitischen Künstlerpersönlichkeiten, vernachlässigt man zunehmend das, worum es eigentlich geht.

Man stelle sich vor, man hätte einst Beethoven in einem seiner ständig wechselnden Domizile in Wien besucht, um ihm den Förderpreis von Fürst Schnurzlipurzli zu überreichen, also vielleicht dem Äquivalent zur Siemens-Musikstiftung heute. Und es hätte damals schon Videokameras gegeben.

Zuerst einmal hätte man vermutlich die dunkle, hässliche Stiege gefilmt, dann ein kleines Zimmer betreten, in dem der unwirsche und sicher schlecht gelaunte Komponist neben stapelweise Noten, einem vollgeschissenen Nachttopf (üblich zu dieser Zeit) vor einem Hammerflügel auf einem Hocker sitzt, vielleicht mit einem Hörrohr und einem Notizbuch bewaffnet. Erste Reaktion der Zuschauer: Igitt! Weißer Mann! Die haben es doch nicht nötig! Hätte man nicht jemanden außerhalb Europas finden können?

Beethoven wird nun zu seiner Musik befragt – die Antworten sind natürlich unwirsch und ungeduldig, denn der Meister arbeitet gerade an einem neuen Stück und will eigentlich keinen Besuch. All das kommt im Video eher unsympathisch und unvorteilhaft herüber. Schließlich lässt sich der Meister bitten, ein paar Takte seiner neuen Sonate zu spielen – man hört 5 Sekunden irgendeines Stückes, der Meister drischt in die Tasten, weil er sich kaum noch hört, es klingt patzig und ungelenk. Danach begleitet die Kamera Beethoven, wie er eine Stange Lauch auf dem Markt kauft.

Das wäre also das Video über den Förderpreisträger Beethoven. Alle würden denken: so ein Honk! So ein unsympathischer Typ! Sicherlich kein guter Komponist, da gibt es doch andere, eloquentere, sympathischere…

Aber würde das der Musik von Beethoven gerecht? Würde es ihn in irgendeiner Form abbilden als Künstler?

Wir sollten Darstellung und (oft auch nur scheinbare) Identität nicht immer automatisch mit künstlerischer Qualität gleichsetzen. Sicherlich ist es schön, wenn z.B. eine interessant aussehende junge persische Komponistin einen großen Auftrag für eine Oper bekommt, denn damit werden gleich mehrere Häkchen gesetzt für die Förderquote. Aber was ist, wenn sich dann herausstellt, dass diese Komponistin überhaupt kein Talent besitzt? Dann ist weder Frauen noch persischen Komponistinnen gedient, vielmehr schadet es der Sache immens, denn das Publikum erweist sich dann am Ende doch als strenger Richter und durchschaut sofort, dass hier andere Kriterien eine Rolle gespielt haben als die tatsächliche musikalische Begabung.

Das ist alles ein heikles Thema, denn es ist durchaus richtig, dass früher persische Komponistinnen tatsächlich nicht gespielt wurden, weil man ihnen a) nichts zutraute, b) nichteuropäischen Komponisten umso weniger und c) ihnen in ihrem eigenen Land keinerlei Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Dass das vollkommen bescheuert war, sollte jedem klar sein. Aber genauso bescheuert ist es, genau das Gegenteil im Extrem anzunehmen: JEDE Komponistin ist super, weil sie Frau und Komponistin ist, JEDER nichteuropäische Komponist ist spannend und JEDE unterprivilegierte Musikerin ist automatisch förderungswürdig.

Mir ist bewusst, dass „Qualität“ ein sehr heikles Thema ist – unendlich subjektiv. Und es gibt nichts Schlimmeres, als wenn zum Beispiel eine hervorragende Dirigentin von eifersüchtigen Männern mit den Worten heruntergemacht wird, sie hätte den Job ja nur bekommen, „weil sie eine Frau ist“. Das ist widerlich und zum Kotzen.

Dennoch hilft es auch, sich wieder auf die Qualitäten zu besinnen, wegen denen man eigentlich diesen Job macht. Talent, Kreativität und Können sind Werte, die vollkommen unabhängig von Identität und Storytelling existieren. Es sollte selbstverständlich so sein, dass Menschen, denen früher Steine in den Weg einer klassischen Musikkarriere gelegt wurden, nun gleiche Chancen haben sollten. Es gibt fantastische Komponistinnen und Komponisten aus allen Ländern zu entdecken, man sollte aber so genau hinschauen, wie man es beim Nachwuchs im eigenen Land tut – letzterer hat im Moment nämlich eher schlechtere Chancen gegen all die spannenden „Identitäten“ aus aller Welt.

Und wie sehr interessiert man sich wirklich für diese, außer dass ihre Förderung einem das gute Gefühl gibt, jetzt doch endlich etwas für die Vernachlässigten und Unterdrückten getan zu haben? Würde man es tun, würde man nicht nur Einzelpersonen fördern, sondern dauerhafte Strukturen in den jeweiligen Ländern, die jungen talentierten Menschen den Weg zur Musik erleichtern. Die Frage ist aber dann, ob wir als einziges Land in der ganzen Welt diese Verantwortung übernehmen müssen, so ehrenhaft diese Aufgabe auch ist.

Und man sollte auch nicht den Fehler machen, immer nur die eigene Ästhetik im vermeintlich Fremden zu suchen (viele der erfolgreichsten „exotischen“ Komponisten schreiben sehr abendländisch akademische Musik mit leicht regionalem Einschlag), sondern sich für den genuin anderen Blick zu interessieren. Dieser könnte sich erfrischend unterscheiden vom sogenannten internationalen „Neue Musik“ – Stil, der bei Wettbewerben und Förderungen meistens dann doch bevorzugt wird und im Grunde nur eine akademische Blase bestätigt.

Und bei diesem Blick ginge es dann auch wieder mehr um das, um das es eigentlich gehen sollte: die Musik. Die Kunst.

Wäre doch auch mal wieder ganz schön.

 

Moritz Eggert

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