Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 15: G-Dur

Für den Streaming-Anbieter IDAGIO kuratiere ich seit Jahren Playlisten. Nun hatte ich die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll, Es-Dur, es-Moll, E-Dur, e-Moll, F-Dur, f-Moll, Ges-Dur, fis-Moll.

G-Dur zwitschert quietschig gelb seinen immerwährenden Vogelgesang! G-Dur ist eine verdammt fröhliche Tonart, fast oberflächlich, fast zu schön – und zu verdammt nichtssagend! G-Dur liebt dich nicht! (Oder ganz selten nur!). Viele bekannte Stücke stehen in G-Dur, der „Marche“ oder der „Trépac“ aus Tschaikowskys „Nussknacker“ oder gar „Von fremden Ländern und Menschen“ aus Schumanns „Kinderszenen“. Alles bekannte Stücke. Nicht zu vergessen: die Aria aus Bachs „Goldberg-Variationen“ (von der manche Leute annehmen, es handele sich dabei in Gänze schon um „die Goldberg-Variationen“…). Aber: Nein, „gewonnen“ hat eine andere Melodie, ein anderes Stück…

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in G-Dur:
Camille Saint-Saëns (1835-1921)
Le carnaval des animaux (Der Karneval der Tiere) (1886)
Nr. 13: Le cygne (Der Schwan)
Jacqueline du Pré (Violoncello)
Osian Ellis (Harfe)

Andere über G-Dur…

G dur hat viel insinuantes und redendes in sich, er brillirt dabey auch nicht wenig / und ist so wol zu serieusen als munteren Dingen gar geschickt. Kirch. nennt ihn: Amorosum & voluptuosum. Verliebt und wollüstig.“ Anderswo auch: Honestum & temperantiae custodem, einen ehrlichen Hüter der Mäßigkeit, welches sehr unterschiedene Aussprüche sind. […] Er ist den lustigen und verliebten Sachen zugethan.“

(Johann Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, Hamburg 1713, S. 243)

G dur stellt ein Bild der Beruhigung auf und kann in seiner Durchschaulichkeit, wenn der Künstler das Einfache nicht zu behandeln weiß, bis zum Bedeutungslosen sinken. In dieser Tonart aber spricht sich die Innigkeit der Treue, der leidenschaftlosen Liebe, die Ruhe der Betrachtung und eine sanfte Stimmung aus; einfache Unmut ist ihr Schmuck. Das ländliche Leben spiegelt sich in ihr treulich ab, und man kann ihren Charakter oft idyllisch nennen. Doch eignet sie auch zu jeder Art von leichtfertiger Demonstration und selbst für ironische Spiele und leicht gehaltenen Scherz. Man vergleiche in Webers Freischütz Kilians Arie: Schau der Herr mich an als König. Man hält sie für allzu gewöhnlich und wohl gar für gemein. Der charakterisierende Künstler wie Mozart es im Don Juan getan, sie in der Zeichnung unbefangener Fröhlichkeit (in Zerlinens und Masettos Gesang: „Giovinette“) oder in halb komischer Darstellung (in Don Juan und Leporello’s Duett „Eh via, buffone)
ausdrucksvoll behandeln. Unter den beiden nächsten Verwandtschaften D und C neigt G dur mehr zu C hin, weil es darin größere Fülle und vollständigen Abschluss gewinnt.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 217 f.)

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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