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Mustafa Güler – ein vergessener kurdischer Komponist des 19. Jahrhunderts (Folge 2)

Nach seiner Rückkehr aus Wien und Leipzig schien Mustafa Güler zunächst vor einer glänzenden Laufbahn zu stehen. Seine Lehrer in Istanbul hatten ihm hervorragende Zeugnisse ausgestellt, und insbesondere der Kreis um den Komponisten und Musikpädagogen Guatelli Paşa hatte sein außergewöhnliches Talent früh erkannt. Auch die Werke des jüngeren Ismail Zühtü Bey studierte Güler mit großem Interesse, obwohl ihn dessen stärker repräsentativer Stil nie vollständig überzeugte. Ihn reizte vielmehr die Frage, wie sich die Melodik der kurdischen Dengbêj-Tradition mit den großformatigen sinfonischen Entwicklungen der deutsch-österreichischen Romantik verbinden ließe.

Dennoch verlief der Beginn seiner Laufbahn mühsamer als erwartet. In Istanbul erhielt er zunächst lediglich Anstellungen als Korrepetitor, Klavierlehrer und Aushilfsdirigent kleiner Ensemble. Mehrfach wurden besser vernetzte Bewerber bevorzugt. In mehreren Briefen beklagte Güler, dass seine kurdische Herkunft hinter vorgehaltener Hand häufiger diskutiert werde als seine musikalischen Fähigkeiten. Freunde berichteten später, diese Zurücksetzungen hätten seinen Ehrgeiz eher gesteigert als gebrochen.

Zwischen 1880 und 1888 nahm er deshalb Engagements in verschiedenen Städten Anatoliens an. Wie bei vielen jungen Kapellmeistern jener Zeit gehörten Operetten, Schauspielmusiken, Militärkonzerte und gelegentliche Sinfonieabende gleichermaßen zu seinen Aufgaben. Diese Wanderjahre wurden zugleich zur eigentlichen Geburtsstunde seines kompositorischen Stils. In zahllosen Skizzen experimentierte Güler mit ungewöhnlichen Instrumentalkombinationen, übertrug Makam-Wendungen auf den europäischen Orchesterapparat und entwickelte jene weit ausschwingenden Melodiebögen, die später seine Sinfonien prägen sollten.

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1888 erhielt er schließlich ein festes Engagement in Ankara. Die Stadt war damals noch weit von ihrer späteren politischen Bedeutung entfernt, entwickelte sich jedoch zunehmend zu einem regionalen Verwaltungs- und Kulturzentrum. Das dortige Theaterorchester bot Güler erstmals die Möglichkeit, regelmäßig größere Werke einzustudieren. Schon bald galt er unter den Musikern als beinahe pedantischer Probenleiter. Er verlangte äußerste Präzision („Er probt wie Biber Salçasi“ sagte ein Zeitgenosse über den Probenstil Gülers), kannte jede einzelne Stimme auswendig und arbeitete oft stundenlang an wenigen Takten. Manche empfanden seine Arbeitsweise als unerbittlich, andere erkannten darin den kompromisslosen Willen, jeder Partitur ihre innere Architektur abzuringen.

Der Erfolg stellte sich jedoch nur langsam ein. Während einzelne Kritiker seine außergewöhnliche Begabung hervorhoben, schrieben andere mit unverhohlener Geringschätzung vom „kurdischen Kapellmeister aus Diyarbakir“. Mehrfach wurde ihm in Zeitungsrezensionen abgesprochen, ein wahrer Vertreter der osmanischen Musikkultur sein zu können. Solche Angriffe trafen Güler tief. Bemerkenswert ist, dass dieselben Kritiken seine musikalische Arbeit häufig ausdrücklich lobten, um sie anschließend mit Hinweisen auf seine Herkunft wieder abzuwerten – ein Widerspruch, der sich durch viele Rezensionen jener Jahre zieht.

Gerade in Ankara begegnete Güler auch jener Frau, die sein weiteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Bei einem Hauskonzert lernte er die erst zwanzigjährige Alime Hanim kennen, Tochter eines angesehenen Malers und selbst eine bemerkenswert gebildete Pianistin, Zeichnerin und Verfasserin literarischer Skizzen.

Alime Hanim

Alime Hanim

Alime Hanim bewegte sich selbstverständlich in den intellektuellen Kreisen der Stadt, interessierte sich ebenso für französische Literatur wie für deutsche Philosophie und führte bereits in jungen Jahren ein umfangreiches Tagebuch. Zwischen beiden entwickelte sich zunächst eine von gegenseitiger Bewunderung geprägte Freundschaft. Alime erkannte früh die außergewöhnliche Begabung des Komponisten, während Güler in ihr eine Gesprächspartnerin fand, die seine künstlerischen Visionen verstand wie kaum ein anderer Mensch. Noch ahnte niemand, welch prägende, aber auch konfliktreiche Rolle diese Begegnung für das spätere Leben des Komponisten spielen sollte.

Als das Jahrzehnt zu Ende ging, hatte sich Mustafa Güler in Ankara einen Namen gemacht. Noch war er kein gefeierter Meister, doch unter Musikern galt er längst als einer der eigenwilligsten Dirigenten des Osmanischen Reiches – kompromisslos, bisweilen schwierig, zugleich aber von einer künstlerischen Integrität, die selbst seine Gegner widerwillig anerkennen mussten.

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2025 ist er Dramaturg an der Staatsoper Hannover. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

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