Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 21: B-Dur

Ich hatte mal die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll, Es-Dur, es-Moll, E-Dur, e-Moll, F-Dur, f-Moll, Ges-Dur, fis-Moll, G-Dur, g-Moll, As-Dur, gis-Moll, A-Dur, a-Moll.

B-Dur erklingt in hehrem Gold – und liegt ätzend doof auf der Klaviatur. Zu viele Barock-da-Capo-Arien stehen in B-Dur. B-Dur dauert meist Stunden und langweilt auf tödlichste Weise. B-Dur ist eine höfische Tonart mit Pauken und Trompeten. Interessiert mich nicht die Krone!

Demnach hätten auch die „Ouverture Miniature“, der „Danse Chinosie“ aus Tschaikowskys „Nussknacker“ oder etwa das „Ave Maria“ (eigentlich: „Ellens dritter Gesang“) von Syphilis-Opfer Schubert das Rennen machen können. Oder gar der erste Satz des Orgel-oder-Harfenkonzerts von Georg Friedrich Händel. Doch Verdi hat es geschafft. Eine der bekanntesten Opernmelodie of all times. (Mozarts „Der Hölle Rache“ wurde einst von Bachs Toccata d-Moll geschlagen.) Nicht schön, aber… Nun ja.

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in B-Dur:
Giuseppe Verdi (1813-1901)
La traviata (1853)
Libiamo ne’lieti calici
Diana Damrau (Sopran)
Juan Diego Flórez (Tenor)
Yannick Nézet-Séguin (Leitung)
Orchestra of the Metropolitan Opera

Andere über B-Dur…

B.DUR […] ist […] sehr DIVERTISSANT [unterhaltend] und prächtig; behält dabey gerne etwas MODESTES [Bescheidenes] und kan demnach zugleich vor MAGNIFIC und MIGNON PASSIren [durchgehen] . Unter anderen QUALITÄten die ihm KIRCHERUS beyleget / ist diese nicht zu verwerffen: AD ARDUA ANIMAM ELEVANS. Er erhebet die Seele zu schweren Sachen. […]

(Johann Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, Hamburg 1713, S. 249)

B dur, heitere Liebe, gutes Gewissen, Hoffnung, Hinsehnen nach einer bessern Welt.

(Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 377)

B dur, eine offene helle Tonart, dient zur Aussprache heiterer Gefühle, der zuversichtlichsten Hoffnung, dem glaubensvollen Aufblick, und vermag die ruhige Betrachtung zu beleben. Diese Belebung kann durch Rhythmus und Melodie so gesteigert werden, daß auch fröhlicher Jubel einer ausgelassenen Freude und einer muthvollen Kraft darin sich darstellt. In Haydns Frühling würde keine Tonart die herzliche Freude in dem Dankgebet: Ewiger, mächtiger, gütiger Gott! So treu und wahr haben aussprechen lassen. Jene vertrauungsvolle Hoffnung und innige Zufriedenheit zu bezeichnen wählte Romberg in der Glocke diese Tonart für das Quartett: Und der Vater mit frohem Blick u.s.w. Mozart hat im Don Juan diese Tonart mit tiefer Einsicht in den Charakter derselben sechsmal gewählt, einmal in Elviras zutraulicher Warnung Non ti fidar und der Anna und des Ottavio mitleidsvoller Erwiederung Cielli! Che aspetto nobile; dann für entgegengesetzte Gefühle des weinberauschten Jubels in Don Juan’s Fin c’han dal vino (Treibt der Champagner); in dem zwischen die Fröhlichkeit der Landleute und die frivole Lüsternheit des Don Juan, wie ein Centralpunct, eintretenden Terzett, einem Meisterstück musikalischer Kunst, in welchem Anna mit Ottavio fest vertrauend sich dem Himmel zuwendet: Protegga il giusto cielo, Elvira nicht, wie man meint, erbittert um Rache schreit, vielmehr dem Himmel den Schmerz anheimgibt, den sie gern mit dem noch in ihr waltenden Gefühl der Liebe vertauschen möchte; in Ottavios Arie il mio tesoro in tanto, in welcher sich die muthvolle Theilnahme an der Entlarvung des Frevlers Don Juan mit der Zuversicht des Gelingens verbindet und die treuste Freundschaft ihren Triumph feiert; und endlich in dem Terzett des Finale, wo Elvira heraneilt den am Rande des Untergangs stehenden Don Juan zu warnen und sein Vergehen ihm zu verzeihen, Leporello durch das edle Gefühle der hier groß erscheindenden Freundin selbst hingerissen von seinem treulosen Herrn mit Thränen (wobei F moll eintritt) sich abwendet, dagegen Don Juan den innern Feind durch ironischen Trotz und eine nur affectirte Kälte zu beschwichtigten sucht, welche dreifache Seelenregung nur eine Meisterhand zu einer Einheit zu verbinden vermochte. Wie weitumfassend das Gebiet dieser Tonart sey, läßt sich bald aus der großen Zahl der ihr zufallenden Producte abnehmen.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 226 f.)

Arno Lücker wurde in Braunschweig geboren, studierte in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt und als Moderator, Dramaturg, Konzertveranstalter, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker arbeitet. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96, Hertha BSC und den Toronto Blue Jays (Baseball).

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