Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 6: d-Moll

Für den Streaming-Anbieter IDAGIO kuratiere ich seit Jahren Playlisten. Nun hatte ich die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur.

Bei d-Moll gibt es keine Wahl. Da gibt es das eine große Stück. Das nervigste Orgelstück der Welt, das auf eine Weise total untypisch ist für Bach. Viel zu häufig gespielt, viel zu häufig in Filmen eingesetzt.

Die Tonart d-Moll ist für mich mit „grau“ assoziiert. Hier leuchtet nichts, aber es gibt auch keine wirkliche Tiefsinnigkeit. Milliarden barocke Toccaten und Präludien stehen in dieser völlig unnötigen Tonart. Schumanns „Fremder Mann“ (aus dem „Album für die Jugend“) poltert in d-Moll plump zur Tür hinein. Dieser fremde Mann ist ein Verbrecher, ein Krimineller! Lassen wir ihn außen vor – und gehen in Bälde zur nächsten Tonart über!

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in d-Moll:
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 (ca. 1703-1707)
Ton Koopman (Orgel)

Andere über d-Moll…

Wenn man nun beliebter Ordnung nach / À TONO PRIMO, D.MOLL, (DORIO) den Anfang machet / denselben wol untersuchet / […] so wird man befinden / daß er etwas DEVOTES, ruhiges / dabey auch etwas grosses / angenehmes und zufriedenes enthalte; dannenhero derselbe in Kirchen=Sachen die Andacht / in COMMUNI VITA aber die Gemüths=Ruhe zu befördern CAPABLE sey; wiewohl solches alles nichts hindert / daß man nicht auch was ergetzliches / doch nicht sonderlich hüpfendes / sondern fliessendes / mit SUCCES [Erfolg] aus diesem Tohne setzen könne […] zum Heroischen oder Helden=Gedichte ist er am bequemesten. Denn er hat nebst der Hurtigkeit eine wunderbare Gravität &c. […] ARISTOTELES nennet ihn: ernsthafft und beständig. […]

(Johann Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, Hamburg 1713, S. 236 f.)

D moll, schwermüthige Weiblichkeit, die Spleen und Dünste brütet.

(Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 377)

Für dieses Alles bildet D moll einen Kontrast, indem diese Tonart ein von Schwermut niedergedrücktes Gefühl, die Klage der beengten, aber nicht kraftlosen Brust ausspricht, zugleich aber auch den heftigen, herzzerschneidenden Schmerz behandelt. So im Anfang und Schluss des Duetts im Don Juan: „Fuggi Crudele“ (Grausamer, weiche). Mit Unrecht hat man Mozart getadelt, dass er für der Königin Arie in der Zauberflöte: Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, mit einem Misgriff D moll gewählt habe.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 219 f.)

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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