Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 7: Es-Dur

Für den Streaming-Anbieter IDAGIO kuratiere ich seit Jahren Playlisten. Nun hatte ich die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll.

Es-Dur schimmert für mich in goldenen Farben. Und ich mag es trotzdem nicht! Es-Dur ist mir zu adelig, zu fein, zu langweilig und nichtssagend. Es-Dur war zwar Beethovens Lieblingstonart, was Klaviersonaten angeht. Gleich vier Klaviersonaten Beethovens stehen in Es-Dur, op. 7, op. 27 Nr. 1, op. 31 Nr. 3 und op. 81a. Trotzdem ist das bekannteste Stücke der Welt in Es-Dur nicht von Beethoven, ha!

Es ist ein Werk von Chopin, ein galantes, intensives Stück Musik, das – von Adorno fälschlicherweise dem Salon zugeordnet – eine erdige Kraft und Tiefe vermittelt – trotz der überflüssigen Grundtonart. Im Es-Dur-Finale waren für mich auch noch der erste Satz von Liszts erstem Klavierkonzert und andere völlig unnütze Dinge, die ich fürderhin verschmähte. Nehmet also hin und esst: den dein ist das Es, und das Dur und die Klanglichkeit.

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in Es-Dur:
Frédéric Chopin (1810-1849)
Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2. Andante (1833)
Arthur Rubinstein (Klavier)

Andere über Es-Dur…

Es.DUR. […] hat viel Pathetisches an sich; will mit nichts als ernsthafften und dabey plaintiven Sachen gerne zu thun haben / ist auch aller Uppigkeit gleichsam spinnefeind.

(Johann Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, Hamburg 1713, S. 249 f.)

ES dur, der Ton der Liebe, der Andacht, des traulichen Gesprächs mit Gott; durch seine drey B, die heilige Trias [Dreifaltigkeit] ausdrückend.

(Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 377)

Es dur vereinigt einen sehr mannichfaltigen Ausdruck in sich und kann die vieldeutigste Tonart heißen. Bald spricht sie das feierlich Ernste aus; bald erscheint sie in glanzvoller Farbe geeignet für den kräftigen Aufruf und die Ermuthigung, wie in Spohrs Duett des Dandau und Nadori in der Jessonda: Aus dieses Tempels heil’gen Mauern u.s.w, und in Kriegsmärschen; bald aber zeichnet sie auch die begeisterte Liebe, wie in Mozarts: Dies Bildniß ist bezaubernd schön, und das kräftige, Gewinnung ahndende Verlangen der Liebe, wie in Reichardts schöner Composition des Goetheschen Lieds: Was zieht mir das Herz so u.s.w.; bald dient sie der Andacht und dem gläubigen Vertrauen, wie in dem Chorale: Wer nur den lieben Gott läßt walten u.s.w. von Schicht. Es würde die Sellenstimmung verkennen heißen, wenn man Mozart tadelte, weil er Donna Elvira im Terzett Ah chi me dice mai (Ach wer wird mir nun sagen) in Es beginnen läßt. In Elviras Herzen tobt nicht das Rachgefühl, welches Donna Anna beim Anblick des Ermordeten Vaters durchglüht, sondern sie eilt dem Geliebten, der sich ihr treulos entzog, den sie aber noch liebt und ersehnt, nach, und bauend auf das Recht der Liebe, ist sie der Genugthuung gewiß. Wenn wir E dur vergleichen, können wir dieses eine weibliche, Es dur eine männliche Tonart nennen. Das Charakteristische steigert die Eigenthümlichkeit des Blasinstrumente, indem z. B. Hörner in Es heller klingen als in D. Als Dis dur, in welcher Tonart kein Tonstück geschrieben wird, wirken einzelne Accorde unserem Ohr wol wenig verschieden von Es dur.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 225 f.)

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

1 Antwort

  1. Das sehe ich anders. Das Es-Dur-Trio von Schubert mit dem erschütternden Andante con moto oder das himmlisch-entrückte Es-Dur Notturno…fast zu schön, um nicht irgendwie kitschig zu klingen…

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