Was ich WIRKLICH beim Lesen einer Pressemeldung über Georg Friedrich Haas denke

greatdictator

Was ich wirklich beim Lesen einer Pressemeldung über Georg Friedrich Haas denke

Meine geschätzte Kollegin Juana Zimmermann veröffentlichte neulich in dem von mir gerne gelesenen „mit allem und viel scharf“ – Blog einen Artikel mit dem Titel „Was ich wirklich beim Hören eines Konzertes denke“. Das war schonungslos, offen und experimentell. „Eigentlich ein interessantes Format“ dachte ich mir, „das kann man sicherlich auch auf andere Formen anwenden“.

Daher also nun ein Versuch, aufzuschreiben, was ich WIRKLICH beim Lesen dieser neuesten Pressemeldung über Georg Friedrich Haas denke, unzensiert, als Stream of Consciousness:

„Huch, warum bekomme ich eine Pressemeldung über Haas von Ricordi? Wollen die, dass ich darüber schreibe, oder was? Bin ich da jetzt auf irgendeinem Verteiler und bekomme wöchentlich „Pressemeldungen“ über Georg Friedrich Haas? Nun ist es ja nicht so, dass man länger als 2 Sekunden nichts von ihm gehört hätte. Es besteht jetzt in mir keine innere Leerstelle die fordert „bitte, eine neue Pressemeldung über Haas, sonst gehe ich ein!“. Und überhaupt: letztlich ist das ja wohl eine Pressemeldung über eine Pressemeldung. Wir erfahren also etwas, was Haas einer anderen Zeitung gegenüber gesagt hat, was aber natürlich auch in eben dieser anderen Zeitung steht, aber wohl wesentlich ausführlicher. Und in gewisser Weise mache ich jetzt eine Pressemeldung über eine Pressemeldung über eine Pressemeldung. Das kann man endlos fortspinnen. Oh Gott.

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Aber nun gut, um was geht es denn diesmal: ach, Haas „emanzipiert“ sich von seiner Nazi-Vergangenheit? War der denn jetzt auch noch Nazi? Ach nee, sein Opa oder so. Und er wohl auch, bis „21“. Nun ja, das kommt wohl in den besten Familien vor. Das tut mir wirklich sehr leid für ihn, aber da kann er ja nichts für. Hmm, Haas wurde geprügelt und man durfte beim Essen nicht reden? Also ersteres finde ich jetzt wirklich schlimm, aber letzteres ist ja jetzt nicht so außergewöhnlich. Ich hatte viele Schulfreunde, die beim Essen nicht reden durften, und die veröffentlichen jetzt auch keine Artikel, dass sie sich davon „emanzipieren“ müssen. War halt irgendwie doof. Manchmal wollte man ja auch gar nicht reden beim Essen, vor allem in der Pubertät. Da hätte man mir das Reden beim Essen gar nicht verbieten müssen, ich hab da eh nix gesagt sondern nur so muffelig in meinen Spaghetti rumgestochert.

Apropos Pubertät: spätestens da findet man doch sein Elternhaus irgendwie peinlich. Warum brauchte Haas also so lange (bis 21!) bis er irgendwie checkte, dass das mit den Konzentrationslagern und dem Mord an Millionen von Menschen nicht so richtig dufte ist? Ich meine er wuchs ja jetzt nicht irgendwie in Hitlerjugendzeiten auf und musste Flakhelfer sein, nein, das waren die 70er Jahre, wo man doch eigentlich schon etwas früher sich hätte „emanzipieren“ können. Selbst in Österreich konnte man doch irgendwie erfahren, was da los war, wenn man einmal auf die Straße ging. Aber vielleicht durfte er das ja auch nicht.

Und überhaupt „emanzipieren“, was ist das für ein doofes Wort, könnte man das nicht etwas entschiedener formulieren? Das klingt irgendwie so verzagt politisch korrekt, als ob man die verkackten Arschloch-Nazis jetzt nicht allzu sehr beleidigen wollte. Ich sag ja auch nicht „Ich emanzipiere mich von ISIS“, das wäre doch viel zu zaudernd formuliert. Ich finde die halt zum Kotzen, aber darüber würde ich jetzt auch nicht unbedingt eine Pressemeldung machen.

„Du darfst keine Emotionen haben, Georg!“

Aber gut, was soll ich sagen, man steckt da halt nicht drin. Vielleicht hat Haas ja sein brauner und grässlich kichernder Opa täglich geprügelt mit den Worten „Du darfst keine Emotionen haben, Georg! Du darfst keine Emotionen haben, Georg!“. Da ist es ja kein Wunder, wenn man dann erst Mal Spektralkomponist wird. Das hält ja keine Sau aus.

Aber andererseits: sagt man diesem Pupsopa doch spätestens mit 18 Jahren, dass er sich verpissen soll! Also ich finde das sollte man sich nicht gefallen lassen, dass da so ein Nazigreis vor einem auf und nieder hüpft und mit einem Stöckchen auf einen einschlägt, mit 18 kann man dem doch schon einmal sagen, dass er sich sein Stöckchen sonstwohin schieben kann. Und spätestens mit 16 hat man doch auch mal was Anderes im Radio gehört als das Horst Wessel-Lied, oder?

Und wenn ich so drüber nachdenke – eigentlich geht mich das doch alles gar nichts an, was da in der Haas-Familie so alles los war, vor allem, weil das ja jetzt nicht direkt aktuell ist. Ich meine: das ist doch quasi 40 Jahre her, dass Haas sich von seiner Nazi-Familie emanzipiert, distanziert, was auch immer hat. Warum muss man da jetzt eine Pressemeldung drüber machen? Man macht doch auch keine Pressemeldung darüber, dass der 2. Weltkrieg jetzt vorbei ist? Oder Menschen auf dem Mond gelandet sind? Oder Alexander der Große gestorben ist? Muss man also alles, was irgendwann mal war im Leben eines Komponisten immer ganz aktuell als Pressemeldung herumschicken? Ist das so wahnsinnig wichtig?

Aber nun gut, ich bin ja ehrlich erleichtert, dass Haas kein Nazi mehr ist. Das wäre jetzt irgendwie ja auch zu viel des Outing. Und das Schlimme ist: vielleicht hätten das ja sogar manche gut gefunden, wenn er immer noch Nazi wäre. Es ist ja irgendwie schick geworden. Also: Bravo, Georg, ich bin da echt froh dass Du nur gerne Frauen unterdrückst und nicht auch noch dabei den rechten Arm in die Luft reckst! Weiter so!

Aber dennoch, was kommt als nächstes? Was kommt dann, wenn wir wieder 2 Sekunden nichts von Haas gehört haben? Spätestens nächste Woche kommt ja vielleicht schon die nächste Pressemeldung von Ricordi: „Haas distanziert sich von seiner bisherigen Musik“ (könnte ja sein, wenn man das neue Posaunenkonzert in Donaueschingen gehört hat). „Haas outet sich als Star Trek-Fan“ (fände ich gut, aber dennoch: Pressemeldung?), „Haas entdeckt neue Wichsgriffe in Schuberts „Winterreise““ (no comment)? So unwahrscheinlich ist das gar nicht.

Muss man sich denn immer und beständig mit irgendetwas outen? Wenn Google das ohnehin schon macht, sollte man dann nicht vielleicht genau dies nicht tun, und das letzte bisschen Privatleben für sich behalten? Das hätte doch Vorbildfunktion für die jungen Kompositionsstudenten von Haas, die denken sonst alle, sie müssten jetzt auch irgendwie BDSM machen oder so um so cool wie ihr Lehrer zu sein. Aber vielleicht passt das ja gar nicht zu denen, vielleicht wollen die lieber in Ruhe Yoga oder Origami oder Kreuzworträtsel machen und keinem davon dringend erzählen. Das wäre doch auch ok! Aber vielleicht muss man sich heute beständig outen, um Erfolg zu haben. Das wäre aber irgendwie schrecklich, brrr…Da muss man sich ja ständig neue Sachen überlegen, wegen denen man sich dann outen kann, damit alle aufhorchen und einem mitfühlend auf die Schulter klopfen.

Ich habe sogar schon überlegt, ob man hier im Blog so eine Art automatisierten „Haas-Pressemitteilungs-Generator“ einrichten soll, der nach einem komplexen Algorithmus immer wieder neue Pressemeldungen über Haas erzeugt. Ich denke Mal, eine AI dafür bekäme man hin, die aus bestimmten kontroversen Begriffen eine zufällige Kombination erstellt. Zum Beispiel „Georg Friedrich Haas distanziert sich entschieden von seiner Mitgliedschaft im Roger Whittaker-Fanclub“.

Aber dann wären wieder alle sauer auf mich, wie beim letzten Mal. Denn irgendwie könnte Haas ja momentan auch auf die Bühne kacken, und alle fänden das ganz toll und mutig. Da schweige ich lieber.

Huch, zu spät.

Also, die nächste Haas-Pressemeldung kommentierst Du, Juana, ok? Aber pass auf, das könnte ein full-time-Job werden….

Ende

(Moritz Eggert)

Da heutzutage sowohl Ironie als auch Satire oft nicht als solche erkannt wird, möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei dem vorangegangnen  Artikel, tatsächlich um solche handelt. Um was genau von beiden verraten wir aber nicht, sonst wäre es ja langweilig. Die Motivation dieses Artikels ist weder Frust noch Hass noch Eifersucht noch das gierige und niedrige Geifern nach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe. Vielleicht doch letzteres, aber nur ein wenig. Sinn und Zweck dieses Artikels ist es alleine, bestimmte Tendenzen unseres Musiklebens zu überzeichnen, was aber keineswegs als Kritik verstanden werden sollte, eher als sanftes aber außerordentlich wohlmeinendes und vor allem auch kollegiales Schmunzeln. Schmunzeln ist ein so schönes Wort, das wollte ich einfach mal benutzen. Der Autor kennt die meisten der genannten Personen persönlich und wünscht ihnen von Herzen Erfolg, ein langes Leben und anhaltende Gesundheit. Mit einigen ist er sogar befreundet – Georg Friedrich Haas ist mein allererster Kompositionslehrer und Mollena fesselt mich täglich an meinen Flügel. NATÜRLICH NICHT! Sehen Sie, das war jetzt Ironie, und Sie haben wieder etwas gelernt, dass ihr Leben schöner machen könnte. Sie dürfen jetzt lachen. Bitteschön, zu Diensten

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