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Aneignung und Fortschreibung am Beispiel von Nolans „Odyssee“

Aneignung und Fortschreibung am Beispiel von Nolans „Odyssee“

 

Christopher Nolans „Odyssee“ ist fast schon zu Tode diskutiert worden, was aber natürlich zeigt, dass der Film etwas auslöst. Ich habe ihn gesehen und fand ihn im Gegensatz zu manchen Freunden („ich bin nach einer Stunde rausgegangen“) sehr gut.

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Es gibt viele interessante Aspekte an diesem Film. Zuallererst einmal: ENDLICH kein Score von Hans Zimmer, sondern vom wesentlich interessanteren Ludwig Göransson, der für jeden Film immer einen sehr eigenen Ton findet, so auch hier. Ohne Film anhören würde man sich das zum größten Teil nicht (zu viel ist hauptsächlich rhythmisiertes Sound-Design, das aber sehr gut zu den durchweg beeindruckenden Action-Szenen funktioniert), aber es ist einfach sehr erfrischend, nicht die Hollywood-Standardsauce zu hören, die einem inzwischen schon zu allen Hälsen heraushängt.

Auch die Bildsprache ist sehr beeindruckend. Es ist ein Mysterium, wie Nolan es schafft, CGI (die er auch verwendet) so real aussehen zu lassen, vermutlich, weil er den Großteil seiner Bilder mit viel Aufwand an echten Locations filmt, und CGI dann nie das dominierende Element ist. Außerdem benutzt er so viel es geht praktische Effekte – So gerät gerade die Episode mit dem Zyklopen zu einer filmischen Glanzleistung, die kein einziges Mal künstlich oder comichaft aussieht und dennoch eine Hommage an die klassische Verfilmung mit Kirk Douglas und den Effekten von Mario Bava darstellt.

Dass die Szene mit Circe nicht nur ebenso beeindruckend, sondern auch noch eine versteckte Hommage an Brian Yuznas geniale antikapitalistische Horrorkomödie „Society“  darstellt, ist auch einigen Kritikern aufgefallen, unter anderem Mark Kermode, der den Film insgesamt als Bewältigung von Kriegsversehrungen interpretiert, was ja auch vielen Neuübersetzungen zugrunde liegt:

https://www.youtube.com/watch?v=NE20GvDohSc

Der interessanteste Aspekt des Films für mich ist aber die Anwendung einer eigenwilligen kulturellen Fortschreibung (man könnte es auch „kulturelle Aneignung“ verstehen, allerdings nur wenn man Grieche ist, denn der Rest der Welt empfindet das Homersche Epos inzwischen vermutlich als „public domain“).

Nolan hat zwar hauptsächlich in Griechenland und am Mittelmeer gefilmt (was auch richtig toll aussieht), seine gesamte Darstellerriege ist aber so bewusst „amerikanisch“ besetzt, dass es schon sehr auffällt. Matt Damon wäre sonst vermutlich der allerletzte Schauspieler, den man als Odysseus besetzen würde, aber wider Erwarten ist er eine geniale Besetzung und sehr wichtig für das Gelingen des Films, ebenso wie Tom Holland als Telemachus. An Bord von Odysseus‘ Schiff und auch sonst im Film tummeln sich Ethnien exakt so, wie sie in den USA vertreten sind, „griechisch“ oder „europäisch“ sieht ganz bewusst niemand aus. Das wurde auch viel diskutiert in den USA – gerade MAGA-Anhänger blamierten sich wieder einmal damit, dass sie sich über eine dunkelhäutige Helena und einen Transschauspieler (Elliot Page, früher Ellen Page, übrigens auch hervorragend im Film) aufregen, nicht aber darüber, dass ansonsten alle unglaublich amerikanisch aussehen. Vermutlich fällt ihnen das überhaupt nicht auf.

Aus europäischer Perspektive mag das alles erst einmal unsympathisch erscheinen, aber Nolan ist tatsächlich sehr europäisch in der versteckten Demontage eben der MAGA-Arroganz, die das heimliche Thema des Films ist. Feldherren scheitern an ihrer eigenen Großmannssucht und werden von ihren Frauen ermordet (Agamemnon), die „guten“ Griechen erweisen sich alles andere als heldenhaft, sondern sind feige Mörder und Schänder, die nichts Gutes über die Welt bringen, Odysseus selbst geht daran innerlich zugrunde, dass seine Listen tausende sinnlose Opfer fordern, darunter auch seine gesamte Schiffsbesatzung, die kurz zuvor noch gegen ihn meutert.

Dementsprechend sind auch die Monster und Antagonisten im Film angelegt. Alle sind durchweg Sympathieträger – man kann immer verstehen, warum sie Odysseus und seine Mannen bekämpfen, aufessen wollen oder in Schweine verwandeln, denn sie müssen sich gegen die Barbarei dieser Aggressoren schützen. Odysseus überlebt am Ende nur, weil er die Schuld an seinen Taten anerkennt und damit zu einer Form von Weisheit findet. Am Ende des Films verlässt er ähnlich wie Frodo im „Herrn der Ringe“ seine Heimat, um in das Reich der Legende zu wechseln. „Alle Reiche fallen“ sind seine letzten Worte, und das ist genau die Volte, die den Film zu einem großen Werk macht: Die kulturelle Aneignung dient nur dem Zweck, den tiefsten Pessimismus gegenüber der Überheblichkeit imperialistischen Denkens zum Ausdruck zu bringen.

Filme haben keinerlei Problem damit, Fortschreibungen zu betreiben und sich immer wieder auf dieselben Mythen und Stoffe zu beziehen. Jede unglückliche Love Story schuldet „Romeo und Julia“ etwas, und „Romeo und Julia“ bezieht sich auf Myriaden weiterer Geschichten, die bis in die Antike und darüber hinaus reichen.

Selbst die originellsten und eigenwilligsten Filmregisseure brauchen einen Humus, auf denen ihre Ideen wachsen. Auch ein einzigartiger und eigenwilliger Film wie „2001“ kommt nicht aus dem Nichts – wie auch in anderen Filmen seines Oeuvres basiert Kubrick alles streng auf einer literarischen Vorlage, die wiederum wie alle Science Fiction ihre Wurzeln in allen möglichen literarischen Gattungen hat.

Geschichten wie die „Odyssee“ reizen gerade durch ihre immer wieder neuen Interpretationen, in denen sich die jeweiligen Ängste und Nöte ihrer Zeit widerspiegeln. Auch in der Literatur und der Bildenden Kunst gibt es zahllose Aneignungen und Fortschreibungen – kein Bild kommt aus dem Nichts, kein Buch kommt ohne eine existierende Sprache aus.

Umso mehr verwundert es, dass es in der Geschichte der „Neuen Musik“ lange Phasen gab, in denen man sich verzweifelt dagegen wehrte, sich auch nur im Entferntesten auf irgendetwas Existierendes zu beziehen. Das ideal war eine vollkommen „unerhörte“ Musik, ein Begriff, der sogar Konzertreihen schmückt.

Die perfekte Komponistin war und ist nach dieser Definition diejenige, die eine vollkommen eigene und originäre Tonsprache kreiert, die nach komplett eigenen Regeln funktioniert. Die lange Zeit dominierenden Strömungen der zeitgenössischen Musik folgen alle diesem Ideal: Die serielle Musik versuchte die Töne in eine jeweils unverwechselbare, individuelle und sich von der Historie absetzenden Ordnung zu bringen. Als sich die Vermeidungsintervalle abnutzten, begann man folgerichtig (und aus demselben Impuls heraus) die Grenzen der Instrumente und des Klangs auszuloten, in der Hoffnung, hier erneut „Unerhörtes“ zu Tage zu fördern. Auch dies gelang eine Zeitlang, scheint aber heute ebenso abgenutzt zu sein:  Alle Partituren beginnen mit immer den gleichen Legenden von Spezialeffekten und Multiphonic-Grifftabellen, und selbst wenn jemand noch einen ganz eigenen Weg findet, ein Kratzgeräusch hinter dem Steg noch einmal besonders interessant zu machen, ist es keineswegs die große Erleuchtung mehr, die man sich einst davon erhoffte.

Auch die elektronische Musik – einst Speerspitze der Hoffnung für eine „unerhörte“ -Musik scheint sich abgenutzt zu haben. Irgendwie ist eigentlich alles möglich, da man mittels Granularsynthese aus allem alles machen kann. Selbst die ambitioniertesten elektronischen Werke enden daher meistens in interessantem aber letztlich auch uncharakteristischen Gewuschel, dass dann irgendwann auch wieder gleich klingt.

Die Strategie der Absetzung von Vorhandenem scheint also zunehmend nicht mehr zu funktionieren, als letztes Refugium dieser Strategie erweist sich im Moment daher Mikrotonalität, die sogar in ambitionierterer Pop- und Rockmusik zunehmend auf Interesse stößt. Hier weht im Moment noch ein gewisser frischer Wind, der aber vermutlich auch irgendwann einer gewissen Ernüchterung weichen wird, denn formale Probleme oder fehlende Inspiration können auch die apartesten Mikrotöne nicht übertünchen.

Aber zurück zur Diskussion darüber, wie frei man alte Geschichten fortschreiben darf und wem sie kulturell „gehören“ oder wer die Deutungshoheit darüber hat. Was nämlich zunehmend auffällt, ist die aggressive Territorialität, mit der angeblich „falsche“ Interpretationen angegriffen werden (was auch die Hauptkritik an Nolans Film ist). Man stützt sich also auf die Behauptung, Odysseus besser verstanden zu haben als Nolan, dabei kann glaube ich wirklich kein einziger heute lebender Mensch mit absoluter Sicherheit sagen, wie exakt die Odyssee zu interpretieren ist und wie sie damals ganz genau gemeint war.

Und genau das ist doch das Schöne daran: Mythen und Ideen werden fortgesponnen, immer wieder neu interpretiert, immer wieder neu gedacht. Und verändern sich dabei permanent (auch durch kreative Missverständnisse), dabei die Gegenwart, in der sie neu interpretiert werden, spiegelnd. Und so sollte es doch eigentlich sein – es muss gar keine „perfekte“ Interpretation geben, da diese das Ende der Fortschreibung bedeutete. Nolans Film wird sicher nicht die letzte Verfilmung der „Odyssee“ sei, und das ist auch gut so. Er hat alles Recht, dem Ganzen seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, weil er die Geschichte nur weiterreicht.

Und genauso sinnlos ist Territorialität in der Musik: niemandem gehört ein Klang, alle musikalischen Ideen beziehen sich auf immer dieselben Ur-Ideen, im ständigen Wandel und Austausch. Auch das vermeintlich Neue steht immer auf den Schultern von Riesen. Originalität besteht nicht darin, ein Territorium abzustecken, sondern das Potenzial von Ideen in ihrer jeweiligen Zeit richtig auszuloten und zu nutzen.

Oder anders gesagt: Entspannt euch doch alle mal, und lasst den Ideen den Freiraum, den sie brauchen, ohne Verbote, Maßregelungen oder Zurechtweisungen. Und vor allem ohne die Anmaßung, es besser zu wissen.

An dieser Stelle sei auch besonders Michael Emanuel Bauers schönes Buch „Nothing is Original“ empfohlen, das sich dem Thema der Aneignung in der Musik auf sehr persönliche und unterhaltsame Weise widmet.

 

Moritz Eggert

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