Deutschland im Herbst ( III ): Meine Großväter in der NSDAP
„Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“ ( Heinrich Heine )
Wie viele Deutsche konnte ich vor kurzem in den veröffentlichten Mitgliedsakten der Nazipartei NSDAP nachlesen. Meine beiden Großväter waren Mitglied. Ich würde sagen, der eine aus Überzeugung, der andere eher nicht, er hatte es glaube ich nicht so mit den Überzeugungen. Aber das vermute ich nur, denn ich habe ihn nicht kennengelernt, er starb vor meiner Geburt. Der mit den Überzeugungen, so spekuliere ich, hat hoffentlich selbst keine Untaten begangen, er war aber als Arzt mit der Wehrmacht in Russland und danach in Sibirien, also wer weiß, was er alles miterlebt hat. Der ohne Überzeugung hat dagegen, wie mir mein Vater erzählte, in seiner Arbeit in einer Bank in Danzig jüdisches Vermögen in seinem Zuständigkeitsbereich auf Befehl enteignet. Der Familiensage nach hätte es einmal auch die Gelegenheit gegeben, eine schöne edle Wandanrichte sich selbst einzuverleiben, was meine Großmutter aber verhindert hat mit dem Diktum „Da klebt Blut dran!“.
Mein Großvater mit den Überzeugungen, den ich noch als Kind kennengelernt und sehr geliebt habe, war neben seiner Parteimitgliedschaft ab 1933 ein frommer pietistischer Christ. Als solcher spielte er zum Beispiel an einem Abend in der Woche in einem Blockflötenensemble mit. Also, die Musik von Richard Wagner kam zum Beispiel bei diesen Großeltern nicht ins Haus. Wenn ich mich erinnere, wurde an ihr auch alles festgemacht, was den Nationalsozialismus nach seinen , wie sie immer beteuerten „guten Anfängen“ in den Untergang gestürzt hätte: Selbstüberschätzung, Fantastereien, Hybris. Eines der innigsten Reisegebete meines Großvaters, das ihn auch durch den Krieg begleitet hatte, lautete: „Führe mich, oh Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort! / Sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort. / Nirgends als bei dir allein kann ich recht bewahret sein. / Amen“ Ich frage mich heute: wie verhielt sich dieses Gebet zu dem damaligen „Führer“ Adolf Hitler?
Mein Großvater ohne Überzeugung hatte diese wahrscheinlich auch deshalb nicht so sehr, aber das kann ich ja nur vermuten, weil er schon als junger Soldat den ersten Weltkrieg mitgemacht hatte. Außerdem war sein Vater Alkoholiker, der deswegen seine Arbeit verloren hatte, worauf den Eltern alle Kinder weggenommen. wurden. Mein Großvater hatte sich dann , so wurde es erzählt, quasi verwaist sein Leben mühsam selbst erarbeitet. Er machte mit während der Nazizeit, Parteimitgliedschaft ab 1936, so berichtete uns immer meine Großmutter , nur weil er die endlich gefundene neue Bankanstellung nicht gefährden wollte. Ein Mitläufer also? Er lebte auf der Oberseite des Lebens, liebte es ins Kino zu gehen, Eis zu essen, und hatte immerfort ein reges Interesse an dem weiblichen Geschlecht. In den Tagen direkt nach Kriegsende war er mit der Armee in Schleswig-Holstein gelandet, hatte sich bereits in Lübeck eingenistet, wo er sich einer Witwe mit Sohn zur gemeinsamen Haushaltsbildung und Lebensgestaltung angeschlossen hatte. Das konnte bei ihm schnell gehen. Mein damals 16jähriger Vater wurde losgeschickt, um ihn mit moralischen Argumenten zu seiner fünfköpfigen Familie zurückzuholen. Meine Großmutter, so hat es mir mein Vater kurz vor seinem Tod unter Tränen erzählt, hatte sich gleichzeitig in Stralsund dem russischen Kommandanten verkauft, um ihre vier Kinder durchzubringen.
In der Familie meines Großvaters mit Überzeugung war es meine Großmutter, die diese ebenfalls mehr und mehr verlor. Beziehungsweise zu strudeln begann. Sie lebte am Kriegsende in einem Verhältnis mit dem Arzt, der übergangsweise die Praxis meines Großvaters führte, als dieser in Russland in Gefangenschaft war. „Es musste ja ein Mann im Haus sein!“ Dieser war neben seiner Praxis als Jäger tätig und nicht weniger patriarchalisch eingestellt als mein Großvater, wogegen meine Großmutter zeit ihres Lebens immer wieder aufbegehrte, ohne doch wirklich davon loszukommen. Nachdem mein Großvater nach sechs Jahren Gefangenschaft in Russland Anfang der 50er in sein Haus zurückgekommen war – meine Mutter hat ihn als kleines Mädchen überhaupt nicht gekannt, geschweige denn wiedererkannt – blieb meine Großmutter bei ihm als Ehefrau , traf aber ihren vormaligen Geliebten zeitweise auf Autobahnraststätten.
In der Familie meines Großvaters ohne Überzeugungen war meine Großmutter der SPD zugeneigt und wurde später zu Willy Brandts Zeiten auch dort Parteimitglied. Ihr Vater in Danzig war Schuster und schon damals bei der SPD. Wie dieser Familienteil meiner Großmutter die Nazizeit erlebte, darüber kann ich nur spekulieren. Einerseits, so wurde immer beteuert, waren sie mehrheitlich keine Nazis und erlebten alles sozusagen zähneknirschend mit. Andererseits bestand fast die gesamte Bevölkerung Danzigs aus glühenden Nationalisten, durch die Umstände der polnischen Blockade noch mehr aufgerührt. Mein Vater zum Beispiel hat als zehnjähriger Junge die Umzingelung der polnischen Beamten in der Danziger Post wenige Tage vor Beginn des zweiten Weltkriegs lebhaft und voller Interesse als Augenzeuge beobachtet. Alle fanden es gut nach seiner Erzählung, dass den Polen die Post weggenommen wurde, und diese aus Danzig rausgeschmissen wurden. Die näheren Umstände dabei, äußerst brutal und menschenverachtend, wurden unter den Teppich gekehrt. Auch in dem Erleben meiner Oma überlagerte damals, so muss ich vermuten, der Konflikt zwischen Polen und Deutschen alles sonstige Lagerdenken.
Mein Vater war später nach seiner häufigen und vehementen Beteuerung niemals Nationalist: „Ich fühle mich nicht als Deutscher, überhaupt nicht. Wenn, so fühle ich mittlerweile vielleicht als Hamburger, aber das ist auch alles an Ortsverbundenheit. Als Europäer, ja, das sehr wohl!“ Gegen Ende seines Lebens bekamen diese Beteuerungen Risse, kam sein Erleben als Vertriebener in den Vordergrund. Er fuhr noch einmal nach viel Widerstreben in seine Heimatstadt Danzig, sprach schon vorher nur voller Distanz von „den Polen“, die ihm die Heimat weggenommen hatten, wo sie vertrieben wurden. Und alles wurde immer mehr für ihn zu emotionalem Aufruhr.
Mein Großvater mit den Überzeugungen hatte während der Nazizeit in einer Kleinstadt eine moderne Arztpraxis gegründet. Das gesamte Haus meiner Großeltern war nach dem damaligen Modernitätsstandard der „Bewegung“ gestaltet: Es hatte ein Spitzdach, natürlich, es hatte auch die braunen massiven Fensterläden. Die Hauseinrichtung hatte viele moderne Details, etwa einen ausgeklügelten mechanischen Speiseaufzug von der Küche in den ersten Stock. Im Keller hatte mein Großvater einen Dunkelkammer, in der er die Röntgenphotographien seiner Praxis entwickelte. Die Zimmer hatten schöne sachliche Möbel. An den Wänden hatten meine Großeltern Reproduktionen von Feininger, Marc und Nolde hängen. Wenn ich vom Badezimmer, in dem zwei Waschbecken für die Eheleute im damals modernen Standard angebracht waren- in Hitlers Münchner Wohnung sah es genauso aus, wie ich neulich auf Fotos von Lee Miller sah – wenn ich von diesem Badezimmer durch die Fenstergardinen auf die sonnenüberflutete Kleinstadtstraße blickte, sah ich auf der anderen Straßenseite eine Reihe aufgeräumter Spitzdachhäuser. Eine heimelige Idylle, unter der ich schon damals als Kind eine unheimliche Unterschicht verspürte. Diese Unterseite kam immer dann zur Geltung, wenn von dem Schicksal der Familien in diesen Häusern gesprochen wurde und so auch von dem Schicksal der eigenen Familie. Der Bruder meines Großvaters: gefallen – der Lieblingsbruder meiner Großmutter: gefallen. Bei der Straße von Messina. Mehr wurde dazu nicht erzählt, aber der namenlose Schmerz meiner Großeltern wurde mir übertragen, sprachlos.
Zusätzlich zu dem Schmerz war es die Scham. Und zwar in beiden Familien.
Die Verfolgung der Juden ( und auch der Sinti und Roma und auch der slawischen „Untermenschen“ und auch der Behinderten und vieler weiterer verfolgter Gruppen ) war in den Erzählungen beider Familien die große Leerstelle. In der Familie meines Großvaters ohne Überzeugung wusste man um die Verbrechen. Teilweise hatte man während der Nazizeit und unmittelbar danach selbst Dinge verübt, die als völlig unmoralisch aus dem geordneten Leben herausfielen. Dieses führte dazu, dass in dieser Familie bei allem trotzigen Gebahren Verschweigen und Wegducken zur Lebensführung dazu gehörte. Auf der Oberfläche wurde der Fröhlichkeit und Geselligkeit gehuldigt wie auch dem Familiensinn und gegenseitiger Treue. Auf der Unterseite passierten Dinge, die ab da nur noch verschwiegen werden konnten. Meine Großmutter, das spürte ich immer, wusste aus Miterleben und Miterleiden um alle NS-Verbrechen, die stattgefunden hatten. Sie war wie gesagt nach dem Krieg standhaftes SPD-Mitglied. Sie hatte selbst den Preis gezahlt mit Flucht, Heimatverlust, Entehrung, früher Witwenschaft. Was sonst noch alles passiert war, darüber konnte sie nur schweigen. All ihre Energie ging in das Großziehen und Begleiten ihrer vier Kinder und ihrer Enkelkinder. Die sie dann hilflos allein ließen, als sie dement in ein Pflegeheim geschoben wurde.
In der Familie meines Großvaters mit Überzeugung fiel ebenfalls kein Wort zu den Juden. Nur nach dem Tod meines Großvaters, als meine Großmutter in Trauer dem Alkohol zu sehr verfiel, schrie sie uns Jugendliche einmal alkoholisiert förmlich an: „Wir haben davon nichts gewusst!“ Und sie sei damals von den Engländern durch Bergen-Belsen geführt worden, wie furchtbar sei das gewesen. Und: „Aber das glaubt ihr mir ja nicht!“ in heftiger Anklage zu uns jugendlichen Enkelkindern. Ja, das war ein Schock. Für uns, wie unsere sonst so dominante Großmutter zusammenbrach. Und auch wie sie die Erinnerung überwältigte. In dieser Familie lagen innere hartherzige Distanz , ja Mitleidlosigkeit und immer wieder einsetzendes plötzliches irrationales Mitgefühl und religiöses Schuldgefühl sehr eng beieinander
In beiden Familien gab es tiefsitzende, unterschwellige Verwüstungen, die nicht von ungefähr kamen und mich häufig an das Bibelwort erinnerten, demzufolge Untaten der Väter bis ins dritte und vierte Glied verfolgt werden.
Mein Großvater mit den Überzeugungen hat eisern geschwiegen. Er war für uns immer ein ruhiger, besonnener, ja feinsinniger Familienmensch. Aufgefallen ist mir ein besonderes Interesse, das er den Memoiren von Albert Speer entgegenbrachte. Auch Memoiren von einem General Steinhoff oder Bücher über Rommel sind mir in Erinnerung. Auch hatten meine Großeltern die meist unterschwellige, aber manchmal auch offen ausgesprochene Meinung, die Engländer seien eigentlich das einzige andere Kulturvolk auf der Welt. Das sie nur leider nach dem Krieg nicht gut behandelt hätte als Besatzungsmacht.
Warum schreibe ich das alles auf? Ich denke, in erster Linie um Rechenschaft zu geben über die verheerenden Folgen der Naziherrschaft in den deutschen Familien. Meine deutsche Familie war um nichts besonders. Und natürlich gab es nach dem Krieg auch viele Ansätze, sich innerlich etwas zu befreien von der Last der Schuld und des Erlebten. Aber meine Eltern und auch meine verehrten Lehrer Hans Werner Henze und Peter Eötvös – sie alle hatten Naziväter und waren, ob positiv oder negativ, zutiefst von diesen geprägt – was auch immer wieder fast unmerklich hervortreten konnte.
Meine musikalischen Lehrer flüchteten aus dieser Situation in die Musik, und auch bei mir war das ein rettendes Schlupfloch, seit ich vor dem Plattenspieler meiner Großeltern Robert Schumann-Konzerte gehört hatte. Bei Hans Werner Henze lernte ich aber darüber hinaus, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Er sah sich mit mir zusammen im italienischen Fernsehen den „Shoah“-Film von Claude Lanzmann an, der als Mittel der Erinnerung zu den eingesprochenen Berichten minutenlange ruhige Blicke auf den heutigen Zustand des Konzentrationslagers in Auschwitz setzt. Allein hätte ich das nicht geschafft.
