Mustafa Güler – ein vergessener kurdischer Komponist des 19. Jahrhunderts (Folge 3)
Mit dem Beginn der 1890er Jahre hatte sich Mustafa Güler endgültig als einer der wichtigsten Dirigenten Zentralanatoliens etabliert. Sein Name fiel nun regelmäßig neben jenen von Musikern wie Guatelli PaÅŸa, İsmail Zühtü Bey und dem jungen Zeki Üngör, dessen Laufbahn gerade erst begann. Güler blieb zwar Außenseiter des offiziellen Musikbetriebs, doch seine Aufführungen galten unter Kennern längst als Maßstab.
1898 wurde Güler zum Musikdirektor des Theaterorchesters in Ankara berufen. Damit erreichte er jene Stellung, auf die er mehr als anderthalb Jahrzehnte hingearbeitet hatte. Seine Konzertprogramme verbanden europäische Sinfonik mit osmanischer Kunstmusik und Bearbeitungen kurdischer Melodien – eine damals ungewöhnliche Mischung, die Bewunderung ebenso hervorrief wie heftigen Widerspruch. Konservative Kritiker warfen ihm vor, die Tradition zu verwässern; andere bezeichneten ihn (wie bereits in Folge 2 erwähnt) unverhohlen als „kurdischen Fremdkörper“ im Musikleben der Hauptstadt. Gerade diese Angriffe scheinen seinen Schaffensdrang befeuert zu haben.
Um die Jahrhundertwende heiratete Güler schließlich Alime Hanim, die Tochter des angesehenen Malers Mehmed Rıza Bey. Alime war Pianistin, Zeichnerin und Verfasserin literarischer Skizzen. Ihr Salon entwickelte sich bald zu einem Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Offizieren und Musikern. Zu den Gästen sollen gelegentlich auch der Dichter Tevfik Fikret sowie der Komponist Leyla Saz gehört haben. Die Ehe war von gegenseitiger Bewunderung, aber auch von Spannungen geprägt. Alime beklagte später mehrfach, ihr Mann sei während der Kompositionsphasen kaum ansprechbar gewesen und habe vollständig in seinen Partituren gelebt.
In den folgenden zwei Jahrzehnten entstand der Hauptteil seines kompositorischen Werkes. Güler hinterließ elf (!) Sinfonien, Kammermusik sowie über 100 Lieder auf volkstümliche Texte aus dem kurdischen Kulturraum. Besonders häufig griff er auf überlieferte Dengbêj-Dichtungen zurück, die er nicht bloß harmonisierte, sondern zu groß angelegten Orchesterliedern weiterentwickelte. Seine Zyklen „DaÄŸların Türküsü“, „Hevî“, „Roj û Åžev“ und „Stranên Bajarê“ galten schon den Zeitgenossen als Höhepunkte seines Schaffens. In ihnen verband er die freie Deklamation der kurdischen Erzähltradition mit einer spätromantischen Orchesterbehandlung von bemerkenswerter Farbigkeit.
Fast alle großen Werke entstanden während seiner Sommeraufenthalte im Kaçkar-Gebirge. Jahr für Jahr zog sich Güler für mehrere Wochen in die Bergwelt oberhalb von Rize zurück. Dort arbeitete er in äußerster Abgeschiedenheit, unternahm stundenlange Wanderungen und notierte musikalische Einfälle häufig unmittelbar in kleinen Skizzenheften, die er stets bei sich trug. Zahlreiche Themen seiner späteren Sinfonien sollen aus dem Rhythmus dieser Bergwanderungen hervorgegangen sein.
Neben seinen Sinfonien schrieb Güler auch fünf Operetten, deren überraschend spielerischer und stellenweise bewusst mit Geschlechterrollen experimentierender Tonfall im deutlichen Gegensatz zu seiner ernsten Sinfonik steht. Besonders häufig genannt werden „Der falsche Pascha“, „Die Rosen von Üsküdar“ und „Die Nacht im Badehaus“, Werke voller Verkleidungen, Rollentausch und satirischer Seitenhiebe auf die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit.
Gülers gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich nach 1910 zunehmend. Dennoch dirigierte er bis zuletzt, obwohl ihn Fieberanfälle und eine fortschreitende Herzkrankheit immer häufiger zur Unterbrechung seiner Arbeit zwangen. Am 27. Dezember 1919 starb Mustafa Güler in Ankara im Alter von sechzig Jahren. Der Zufall der Geschichte wollte es, dass derselbe Tag später vor allem mit der Ankunft Mustafa Kemal Atatürks in Ankara verbunden wurde. Gülers Tod geriet dadurch rasch in den Schatten eines Ereignisses von überragender politischer Bedeutung; seine Werke verschwanden innerhalb weniger Jahrzehnte nahezu vollständig aus den Konzertprogrammen.
Beim Durchsehen der in der Cumhurbaskanligi Millet Kutuphanesi erhaltenen Handschriften fiel mir schließlich eine Besonderheit auf: Der Beginn der Sinfonie Nr. 4 Gülers enthält eine markante Blechbläserfigur mit anschließender rhythmischer Fortspinnung, deren Gestus den Anfang von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 in überraschender Weise vorwegzunehmen scheint. Ob es sich um einen erstaunlichen Zufall, um eine gemeinsame musikalische Gedankenwelt oder schlicht um eine nachträgliche Projektion des heutigen Hörers handelt, wird erst eine kritische Edition der Quellen beantworten können. Bislang ist lediglich der Klavierauszug von Gülers Sinfonie Nr. 4 („Wünderhürn“) aufgetaucht, die aber – Allah sei gedankt! – recht genaue Angaben zur Instrumentation enthält.

Fest steht dagegen schon jetzt: Wir stehen unmittelbar vor einer Renaissance der Musik von Mustafa Güler. Wiederentdecker wie der Schriftsteller und Komponist Helmut Krausser, der für seine Wiederentdeckungen bekannte Regisseur Barrie Kosky sind aufgerufen, sich den Partituren Gülers anzunehmen und für Aufführungen seiner Werke zu sorgen!
Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2025 ist er Dramaturg an der Staatsoper Hannover. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

