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Deutschland im Herbst (I): Stockhausen in Neuhardenberg

Während der spektakulären Premiere von „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin am Samstag musste ich mich an meine einzige persönliche Begegnung mit Karlheinz Stockhausen erinnern, die vor über zwanzig Jahren auf Schloß Neuhardenberg stattfand – eine heitere Erinnerung, die ich damals auf skurrile Weise protokollierte. Heute, wo sich der Deutsche Herbst wieder verdüstert – wir hatten das alles schon – gehe ich im Laufe der nächsten Wochen von dieser Erinnerung zu einer Reihe von bewußt persönlich gehaltenen weiteren Erinnerungen fort. Ausgehend von der Überzeugung, dass unsere großen Komponisten der zweiten Jahrhunderthälfte wie Stockhausen, Henze oder Lachenmann nicht zu verstehen sind ohne die Traumata der Nazizeit: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ ( Bertolt Brecht, Arturo Ui )

 

Am Tag vorher fahre ich nachmittags raus in den Oderbruch. Novemberstimmung, Berufsverkehr. Die Straße wird immer leerer, je weiter ich von Berlin weg komme. Ich übernachte auf dem Öko-Bauernhof unserer Freunde. Wo sonst weite platte Sicht aufs Land ist, herrscht jetzt Nebelsuppe. Ich helfe am Abend Lothar, das Gemüse, das er am nächsten Tag in Berlin auf dem Markt verkauft, in seinen alten blauen Transporter zu tragen, Kiste um Kiste, voll mit Kohl, Salat, Nüssen, Äpfeln. Der Nebel wird immer dichter. Vor seinem Laster macht der Scheinwerfer geheimnisvoll getrübte und durchstreute Kegel wie in deutschen Kriminalserien. Danach helfe ich ihnen, den Abwasch zu machen. In der Nacht haben sie mir ein schönes Bett aufgeschlagen. Lothar steht um halb vier auf und fährt nach Berlin. Um fünf höre ich eine Maus in der Wand krabbeln und kann nicht mehr fest schlafen. Am Morgen ist noch dichterer Nebel. Durch eine Geisterlandschaft fahre ich nach dem Frühstück den Weg nach Neuhardenberg. Aus dem Nebel tauchen gelegentlich alte Baracken und Heuschober am Wegesrand auf. Die Bäume sind gelb, unwirkliche Stimmung. In Neuhardenberg gehe ich zuerst in die Schinkelkirche. Dort sind ein Schlagzeug und ein Klavier aufgebaut. Bis zehn Uhr Probenbeginn ist noch Zeit. Ich gehe über die strenge und frisch restaurierte Schlossanlage des preußischen Fürsten. Außer mir sind wenig Leute unterwegs. Ein paar Dorfbewohner machen ihre Einkäufe, sonst ist alles menschenleer. Ich komme plötzlich auf die Idee, dass die Probe vielleicht gar nicht in der Kirche ist und gehe zu dem anderen Saal, gerade noch rechtzeitig, denn dort sind alle versammelt. Stockhausen am Mischpult, umgeben von Vertrauten und Technikern, die beiden Instrumentalisten für „Kontakte“ sind schon auf der Bühne. Es geht los. Es wird geprobt. In der Pause gehe ich hin.

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Stockhausen: „Sie sind der Dirigent.“

Ich: „Ja, ich habe unter anderem bei Peter Eötvös studiert.“

Stockhausen: „Bei dem kann man doch gar nicht studieren, der ist ja nie da. In Karlsruhe?“

Ich: „Nein, vorher, in seinem Kursprogramm, überall dort wo er gerade gearbeitet hat.“

Stockhausen: „Kennen Sie sich bereits aus mit Elektronik?“

Ich: „Nein.“

Stockhausen: „Wir suchen händeringend nach Dirigenten, die die Herausforderungen annehmen, die zum Beispiel solche Stücke einstudieren können und am besten auch gleich noch am Mischpult sitzen. Die Dirigenten machen ja immer das Übliche, Tempo und Lautstärke. Die Dirigenten der Zukunft werden nur noch am Mischpult sitzen.

Schauen Sie sich zum Beispiel mal genau die Aufstellung der Lautsprecher an. Auch wie die Mikrofone stehen, zwölf nimmt man da zum Beispiel. Dann wie man die auf die Regler verteilt, man kann mehrere auf einen Regler ziehen, damit regelt man das dann. Das müssen sie einfach selber ausprobieren, das geht nur über Erfahrung.“

Ich: „Ich würde mich ja gern bemühen.“

Stockhausen: „So ein Mischpult ist ja heute gar nicht mehr teuer. Ich habe jetzt wochenlang jeden Tag sieben Stunden nur mit einem kleinen Mackie alles abgemischt, das kriegt man ja heute schon für dreitausendfünfhundert Euro.“

 

Es wird weiter geprobt. Ich kann von hinten seitlich mit in die Partitur gucken. Als ob es pädagogisch gemeint wäre, geht Stockhausen mit dem Zeigefinger die Stellen mit, wo die Musiker gerade sind. „Kontakte“ ist ein Meisterwerk. Stockhausen wirkt am Ende sehr zufrieden. Er kommt mir im Gang jungenshaft entgegengestolpert. Er strahlt.

 

Stockhausen: „So, haben Sie mal was erlebt?“

Ich: „Ja, toll.“

Stockhausen: „Das müssen sie lernen, das an den Reglern. Womit machen Sie das denn? Wahrscheinlich alles mit der Hand?“

 

Nachdem wir uns verabschiedet haben, verschwindet er, umgeben von zwei Frauen als leuchtend orangener Pulli im Nebel des Oderbruchs.

 

( Oktober 2004 )

 

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