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Die, die schon dort sind

Die, die schon dort sind

Nach dem Wahlsieg einer gewissen Partei in Sachsen-Anhalt fragen sich viele Menschen, wie es jetzt dort weitergehen wird. Wird es zu massenhaften Ausweisungen von Menschen kommen, die nicht „Bio-Deutsche“ sind? Was sind Bio-Deutsche überhaupt? Haben sie ein Siegel? Kann man sie im Supermarkt kaufen?

Zu diesen Fragen und mehr befragte der Bad Blog den Anthropologen Rüdiger Apfelkorn, seines Zeichens Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Saale).

Bad Blog: Herr Professor Apfelkorn, wir leben in Zeiten in denen das Konzept der „Biodeutschen“ zunehmend in den Fokus kommt. Der AfD-Influencer „Aktivist Mann“ fordert zum Beispiel ein „Bekenntnis zu Deutschland“, den Rauswurf aller ethnisch „Fremden“ und findet, dass die Deutschen ein Recht auf ethnische „Reinheit“ haben, da sie schon seit „Jahrtausenden“ hier leben. Wie stehen Sie zu diesen Aussagen?

Rüdiger Apfelkorn: Grundsätzlich interessiert mich als Anthropologe natürlich, woher Volksgruppen und Kulturen kommen, wie sie sich wann als was definieren und wie sich diese Definitionen im Laufe der Jahrtausende verändern. Deutschland ist als Landeskonstrukt jung und formte sich aus zahllosen, keineswegs homogenen Bevölkerungsgruppen, die zum Teil bis heute gar kein Deutsch sprechen, denken wir zum Beispiel an die Schwaben oder Bewohner des Bayerischen Waldes. Auch Sachsen-Anhalt ist als Region ein Konstrukt der sowjetischen Besatzungszone ohne vorherigen besonderen Zusammenhalt. Eigentlich gibt es diesen Begriff erst seit 1947. Ich finde den Begriff der „Remigration“ aber sehr spannend, da er durchaus Chancen für die Region birgt.

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BB: Herr Professor, ich bin schockiert. Sind Sie etwa auch Anhänger von Höcke und Konsorten?

RA: Natürlich nicht, aber man kann ja mal bestimmte Gedanken einer bestimmten Partei wirklich zu Ende denken, was bisher meiner Meinung nach noch nicht geschehen ist. Remigration findet ja schon längst statt und man könnte sie durchaus ausweiten, um aus der Region Sachsen-Anhalt wieder eine blühende Landschaft zu machen, damit die muffigen Menschen dort wieder etwas zu Lachen haben.

BB: Ich verstehe nicht – wie genau meinen Sie das? „Remigration“ ist doch etwas Schreckliches? Menschen mit Gewalt des Landes verweisen?

RA: Ich würde hier eher Überzeugungsarbeit leisten im Sinne eines genaueren Blicks auf die Regionen und die Kulturen, die dort in den letzten Tausenden von Jahren lebten. Und ob die Remigration nicht eigentlich in die andere Richtung verlaufen sollte.

BB: Wie genau meinen Sie das?

RA: Zuerst einmal müssen wir feststellen, dass es niemals in der Geschichte eine Zeit gab, in der es im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts je eine Population von ausschließlich Menschen „germanischer“ Abstammung gab. Dass also dort angeblich seit „tausenden von Jahren“ nur Deutsche leben, ist völliger Quatsch. Das ist heute nicht so aufgrund der aktuellen Einwanderungstendenzen, es war aber auch zu DDR-Zeiten nicht so, als z.B. Bewohner kommunistischer Partnerstaaten angesiedelt wurden, und es war auch davor nicht so. Man kann noch nicht einmal sagen, dass dort die meiste Zeit Germanen lebten, und der Begriff „Germanen“ ist ebenfalls nicht einheitlich und hat mit den heutigen „Deutschen“ nicht viel zu tun. Und trotz dieses ethnischen Wirrwarrs hat die Region die meiste Zeit Menschen sichtlich so versorgt, dass sie überleben konnten. Man könnte heute dort gar nicht meckern, wenn die Vorfahren untergegangen wären, denn die kamen mit der ständigen Vermischung ganz gut zurecht, profitierten sogar davon.

BB: Können Sie das etwas genauer erörtern? Was meinen Sie denn mit „Remigration“ was sich von den Parolen z.B. eines Martin Sellner unterscheidet?

RA: Alle, die von „Remigration“ sprechen, müssten den Begriff ganzheitlicher denken. Schauen wir uns doch die letzten „tausende von Jahren“ von denen z.B. „Aktivist Mann“ spricht genauer an.

BB: Erhellen Sie uns!

RA: Da ist erst einmal die Zeit vor dem Deutschen Kaiserreich– es gab zwar in der Region des heutigen Sachsen-Anhalts überwiegend eine deutschsprachige Bevölkerung, nur gehörte die Region ständig zu anderen Königreichen, die noch nicht „Deutschland“ waren. Zu Preußen natürlich, aber Teile Sachsen-Anhalts waren zwischen 1807-1813 auch Teil des Königreichs Westphalen, und das gehörte zum napoleonischen Herrschaftssystem. In diesen Jahren werden da viele Franzosen herumgelaufen sein, die ganz sicher Spuren hinterlassen haben, damit meine ich natürlich Nachkommen. Man könnte das eventuell mit Gentests ermitteln und die betroffenen Personen nach Frankreich remigrieren lassen.

BB: Aber dort wären sie ja Ausländer und könnten auch von einer zukünftigen rechtspopulistischen Regierung herausgeworfen werden, weil sie keine „Bio-Franzosen“ sind?

RA: Natürlich, aber das wäre nicht unser Problem. Und ein paar Arbeitsplätze würden sicherlich frei in Sachsen-Anhalt, es wäre ein Segen für die Region, wenn man nicht nur Franzosen radikal entfernt.

BB: Sie scherzen, oder?

RA: Überhaupt nicht, ich versuche mich nur auf den Jargon einzulassen, der immer mehr vorherrscht. Nur konsequenter!

BB: Ok, die Franzosen waren nur relativ kurz da, was war vorher?

RA: Slawen, Slawen und nochmals Slawen! Slawen ohne Ende! Das erklärt auch die bis heute andauernde Faszination für die russische Kultur, es liegt den Slawen quasi im Blut, jemandem wie Putin zu gehorchen.

BB: Können Sie das genauer erklären?

RA: Klar. Die Slawen waren in Sachsen-Anhalt über mindestens 700 Jahre sehr präsent und eigenständig. Erst nach 1400 haben sie sich allmählich assimiliert, die waren richtig bockig mit der Anpassung, viel schlimmer als man es heutigen Einwanderern oft vorwirft. 983 gab es sogar einen richtigen Slawenaufstand und mit ein bisschen Glück hätten sie die Region dauerhaft übernommen und man würde heute in Sachsen-Anhalt gar kein Deutsch mehr verstehen. Es ist vollkommen klar, dass diese 700 Jahre genetisch wie übrigens auch sprachlich Spuren hinterlassen haben. Die Endung „-itz“, die viele für „typisch deutsch“ halten, ist zum Beispiel slawischen Ursprungs. Ich würde schätzen, dass ca. 70% der Menschen in Sachsen-Anhalt slawische Vorfahren haben. Wenn heute hier Flüchtlinge aus der Ukraine leben, sind diese historisch gesehen in Wirklichkeit in eine Art Wahlheimat zurückgekehrt. Umgekehrt müssten sich die meisten Menschen aus Sachsen-Anhalt in Osteuropa deutlich wohler fühlen als in der BRD, daher sollte man sie auch zügig in Massen dorthin ausweisen.

BB: Erst einige Franzosen, dann massenhaft Slawen weg aus Sachsen-Anhalt – wer bleibt noch zurück?

RA: Na, die Nachkommen der vielen unterschiedlichen germanischen Stämme, eine regionale Mischbevölkerung, die aus verschiedenen Gruppen bestand, unterschiedliche Bräuche hatte und sich meist spinnefeind war. Wir sprechen hier von Thüringern, Sachsen, ein paar Franken und Hermunduren und vermutlich noch einigen mehr, deren Namen man vergessen hat. Die sind aber auch nur ungefähr 600 Jahre dort in der Mehrheit, von 1-600 nach Christus ungefähr.

BB: Und was war vorher?

RA: Nun, es gab verschiedene bronze-eisenzeitliche Gruppen. Man kann zwischen 500 vor Christus und 1 nach Christus von einem wilden Bevölkerungsgemisch in der Region Sachsen-Anhalt sprechen, es gab Germanen und die alteingesessene Bevölkerung (Nachkommen der „Aunjetitzer Kultur“ und neolithischen Bauernbevölkerungen, die ursprünglich aus der pontisch-kaspischen Steppe kamen). Diese waren aber schon viel länger dort, tausende von Jahren und mindestens seit 3000 vor Christus. Die Germanen wirkten da im Vergleich nur kurz und haben wie gesagt mit den heutigen Menschen in Sachsen-Anhalt auch gar nicht so viel zu tun. Ich würde also sagen, dass allen Nachkommen von Germanen eigentlich im Sinne der Remigration die Berechtigung fehlt, in Sachsen-Anhalt zu leben. Also raus mit Ihnen, am besten nach Indien, zu ihren sprachlich-kulturell indogermanischen Verwandten.

BB: Aber das wäre doch ein totaler Schock!

RA: Ach was, ich bin sicher, dass es für viele Nazis aus Sachsen-Anhalt eine tolle Erfahrung wäre, z.B. bei ihren zugegebenermaßen sehr entfernten Verwandten in Nordindien zu leben, vielleicht in Delhi? Bei den vielen umgekehrten Hakenkreuzen in der indischen Ornamentik würden sie sich auch gleich wohl fühlen. Natürlich würden sie aber zuerst einmal wegen ihrer ungewöhnlich weißen Haut, der langweiligen volkstümlichen Musik und den hässlichen Glatzen schräg angeschaut werden, aber das würde sich über die Jahre geben, wenn sie sich wieder genetisch mit ihren Vorfahren vermischen. Der dunklere Teint wird sich schnell wieder durchsetzen, da bin ich sicher.

BB: Ok, wir haben jetzt nach Ihrer Remigrationslogik so gut wie alle Menschen aus Sachsen-Anhalt entfernt, auch sicherlich  alle Wähler der AfD. Wer wäre dann noch übrig?

RA: Die, die da eigentlich mit einigem Recht schon sind.

BB: Und wer sind die?

RA: Wenn wir historisch schauen, wer wirklich am längsten in der heutigen Region Sachsen-Anhalt lebte, sich dort tausende von Jahren behaupten konnte und das eigentliche Recht hat, im heutigen Sinne „biodeutsch“ zu sein, dann muss man noch etwas weiter schauen als allein Osteuropa.

BB: Jetzt sind wir aber gespannt.

RA: Das ist das Problem mit der Remigration im Sinne der AfD, man schickt genau die weg, die am meisten das Recht haben, dort zu sein. Ab ungefähr 5500 vor Christus wanderten nämlich Bauern aus dem heutigen Anatolien und dem ägäischen Raum in der Region Sachsen-Anhalt ein. Ihre Nachfahren erreichten auch Mitteldeutschland und vermischten sich dort mit den einheimischen Jägern und Sammlern, denen sie kulturell weit überlegen waren. Über viele tausend Jahre ging das so, die waren viel länger da als die Germanen, viel länger als die heutigen „Deutschen“. Später kamen noch Steppenpopulationen hinzu, ca. ab 3000 vor Christus. Wir reden hier von Gruppen mit vielleicht auch iranisch oder levantinisch-mesopotamischer Abstimmung, sprich nicht ganz fremd den heutigen Syrern und Iranern. Und wie es das Schicksal will, sind letztere ja z.B. schon dort in Sachsen-Anhalt, man muss sie einfach nur dort lassen, dann ist alles gut. Es sind noch nicht sehr viele, leider, aber es könnten ja wieder mehr werden. Und anatolische Bauern bräuchten wir, ganz viele davon. Zusammen mit ein paar Jägern und Sammlern und später noch ordentlich Steppenbevölkerung hätten wir dann ungefähr wieder das muntere Bevölkerungsgemisch, aus dem die Menschen Mitteleuropas seit Jahrtausenden hervorgegangen sind

BB: Das ist ja sensationell.

RA: Das finde ich auch. Vielleicht wollte es das Schicksal ja, dass sie jetzt – nach vielen tausend Jahren – endlich wieder friedlich dort ansiedeln können. Sie werden ja auch dringend gebraucht zum Beispiel im Gesundheitswesen.

BB: Herr Apfelkorn, wird danken Ihnen für das Gespräch.

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