Guy Deutscher (Vater von Alma) hat mir geschrieben. Ich antworte darauf.

Beethoven mit 13. Gottseidank noch kein „Star“ sondern vor allem ein 13-jähriger Junge.

Mein Artikel über Alma Deutschers öffentliches Anprangern eines angeblichen „Tonalitätsverbots“ durch fiese „Avantgarde“-Professoren hat ziemliche Wellen geschlagen. Gerade erreicht mich nun ein Schreiben ihres Vaters, Guy Deutscher, der mich ausdrücklich bittet, es hier zu veröffentlichen. Das tue ich hiermit, erlaube mir dann aber auch auf die darin enthaltenen Vorwürfe zu antworten.

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Hier der Brief von Guy Deutscher, betitelt mit „Ihr Beitrag zum Thema Toleranz“:

Höchst verehrter Herr Prof. Dr. Eggert,

Mir wurde vor ein paar Tagen einen Blog geschickt, den Sie neulich über meine Tochter Alma geschrieben haben. Sie hat nämlich während der Europäischen Kulturpreisgala an der Wiener Staatsoper für ein toleranteres Zeitalter plädiert, wo Melodie und Harmonie wieder geduldet werden. Dieser Aufruf für Toleranz hat Ihnen anscheinend nicht so gut gefallen, und Sie haben ihn (und sie, und Eltern) als „erzreaktionär“ beschimpft und mit manchen anderen reizvollen Adjektiven geschmückt.

Es scheint, Sie sind gegen Toleranz ein bisschen empfindlich. Sie haben mit Toleranz vielleicht ein kleines Problem?

Tja, ist alles nicht so schlimm. Sie sind auch nicht der erste, der unter dem Problem leidet. Wie ich verstehe, unterrichten Sie an der Hochschule für Musik in München, im schönen ehemaligen Führerbau des NSDAP. Da fällt einem ein: früher gab es schon manche in München, die ein kleines Problem mit Toleranz hatten. Ihre Vorgänger im Führerbau hatten Toleranz auch als unzeitgemäß und reaktionär empfunden, und wurden nie müde, dies zu verkünden.

Verstehen Sie mich aber nicht falsch. Ich habe nichts gegen München, ganz im Gegenteil: in meinem Herzen hat die Stadt einen besonderen Platz. Meine Großmutter (Almas Urgroßmutter also) ist dort aufgewachsen, und obwohl sie nach Palästina emigrierte, blieb ihre Seele bis Ende ihres Lebens an der Isar. Ihre beiden Schwestern aber, die die Stadt so liebten, dass sie nicht nur im Geist sondern auch im Leib bleiben wollten, wurden 1942 von Menschen, die ein kleines Problem mit Toleranz hatten, in einen Zug nach Piaski gesetzt, von wo aus sie eine bequeme Verbindung nach einer besseren Welt hatten: Schwestern samt Kinder – Hanna (8), Dora (7), David (6) – gleich bei Ankunft erschossen.

Also, lieber Herr Prof. Eggert, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, und meine Belehrungen aus dem Führerbau in München erteilte, würde meine Hand vielleicht ein wenig zittern, bevor ich mich dazu entschieden hätte, ein 14-jähriges Mädchen, das in aller Unschuld für Toleranz plädiert und dabei auch niemand beleidigt, als reaktionär zu beschimpfen und zu mokieren – ein Mädchen, übrigens, dessen halbe Familie – aus München und Berlin, aus Krakau und Lodz – die Ehre hatte, von Ihren geschätzten Vorgängern im Führerbau entsorgt zu werden.

Und bitte verstehen Sie mich nochmals nicht falsch: natürlich haben Sie das Recht, alle – Männer, Frauen, Kinder – absolut alle, die nicht zu 100% mit Ihnen einverstanden sind, als „erzreaktionär“ abzutun. Das ist ein hochwirksames Mittel, besonders wenn man selbst keine guten Argumenten hat. Machen Sie also weiter reichlich Gebrauch davon! Allein, in diesem Fall klingt Ihre Verkündung aus dem Führerbau ein wenig misstönend.

Und wenn wir schon dabei sind – nur so unter Freunden – gestatten Sie mir noch eine kleine witzige Anekdote. Sie haben sich auch über Almas Vornamen mokiert. Der ist ja wirklich lustig, obwohl er in Israel, wo ich her komme, auch ziemlich üblich ist – aber was soll’s! – was konnten wir dumme Eltern dabei nur gedacht haben!

Sie waren mit Ihren intensiven Studien zu den Terzen im Mittelalter so beschäftigt, dass Sie vielleicht von Alma Rosé nicht gehört haben. Nichte von Gustav Mahler, Tochter von Arnold Rosé (Konzertmeister der Wiener Staatsoper), selbst eine hervorragende Geigerin. So gut war sie, dass sie 1943-1944 ein Frauenorchester an einem berühmten Erholungsort unweit von Krakau leiten durfte. Mit ihrer Musik konnte Alma Rosé während dieser Zeit vermutlich auch einige meiner Verwandten unterhalten, die sich spontan entschlossen hatten, dorthin in den Urlaub unter den Birken zu fahren. Leider ist Alma Rosé dort einigen Leuten begegnet, die ein kleines Problem mit Toleranz hatten. Sie ist dort gestorben, und sogar ein gewisser Dr. Mengele konnte sie trotz bester Bemühungen nicht retten.

Ach – und nur noch eine Kleinigkeit zu den Terzen. Ich bin kein Musiker, und habe mich nicht lebenslang mit der kognitiven Wahrnehmung der Intervallen im Mittelalter beschäftigt. Trotzdem fällt mir eine kleine Zitate von einer gewissen Maria Anna (Nannerl) Mozart zu ihrem gelehrten Beitrag ein. Nannerl hatte nämlich einen kleinen Bruder, von dem sie berichtete, schon mit drei Jahren „unterhielte er sich oft lange Zeit bei dem Clavier mit Zusammensuchen der Terzen, welche er immer anstimmte, und sein Wohlgefallen verrieth, daß es wohl klang“. Tja, der ignorante Bub wusste einfach nicht besser. Wir sollen es ihm auch nicht übel nehmen. Die Weisheit eines Moritz Eggert war dem Wolferl leider nicht vergönnt, und er verstand also nicht, dass Terzen, musikhistorisch betrachtet, eigentlich Dissonanzen sind. Man kann sich aber nur Gedanken machen, was wäre: was wäre, wenn der Dreijährige sich der überlegenen Gelehrsamkeit eines Münchener Professors bedienen, und sich mit der Frühgeschichte der Terzen vertraut machen könnte. Vielleicht wäre dann aus dem kleinen Wolferl doch etwas geworden.

Was ich noch sagen wollte: ich weiß, Toleranz ist nicht gerade ihre Stärke. Trotzdem bitte ich höflichst, meine zahlreichen Fehler in der deutschen Sprache zu tolerieren. Nachnamen zum Trotz (den wählt man nicht…) ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Wer weiß, hätte es damals in München weniger Menschen gegeben, die ein Problem mit Toleranz hätten, wäre es anders gekommen.

Bitte machen Sie mir die Ehre, dieses Schreiben unzensiert in Ihrem Blog zu veröffentlichen. Man kann noch manches über Sie sagen, aber ein Feigling sind Sie bestimmt nicht. Auf jeden Fall, ersparen wir uns beide das Vergnügen, mein Schreiben an einer anderen Stelle veröffentlichen zu müssen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr
Dr. Guy Deutscher

Und hier meine Antwort:

Lieber Guy Deutscher,

Bitte reden Sie mich nicht mit „Professor“ an – ich betreibe meine Lehrtätigkeit keineswegs hauptberuflich, sondern allein aus Neugier an der jungen Generation von Komponisten. Ein „Doktor“ bin ich auch nicht, und jeglicher Titelpopanz hat mich noch nie interessiert noch je beeindruckt, ich bin freiberuflicher Komponist und Interpret, das reicht mir völlig.

Deswegen befremden mich auch Formulierungen wie „Ihre Vorgänger im Führerbau“ sehr, das ist ungefähr so, wie wenn ich Ihnen vorwerfen würde, sich mit Kolonialverbrechen zu identifizieren, nur weil Sie zufällig in England leben. Wenn Sie mich kennen würden, würden Sie wissen, wie sehr ich den einstigen Zweck des Gebäudes (in dem ich gezwungenermaßen unterrichten muss, weil das eben unsere Unterrichtsräume sind) verachte, und wie sehr mir dieses Denken fremd ist.

Ebenso unterstellen Sie mir „Intoleranz“. Das klingt erst einmal dramatisch, und Sie bauen daraus ein ganzes Gerüst von Argumenten. Wenn Sie meinen Artikel allerdings genau gelesen hätten, würden Sie feststellen, dass darin nirgendwo Intoleranz geübt wird, sondern allein eine Behauptung Ihrer Tochter kritisch kommentiert wird – nämlich, dass es wiederum eine Intoleranz gegen ihre Art von Musik gäbe von Seiten der „Avantgarde“ oder was auch immer, und dass man sie angeblich zwingen wollte, anders zu komponieren. Der Sinn meines Artikels ist also nicht, Intoleranz gegen ihre Tochter auszuüben, sondern ihre Behauptung von Intoleranz kritisch darauf zu beleuchten, ob sie so stimmt.
Kritik an einer Äußerung ist keine Intoleranz, sondern einfach nur Kritik. Sonst wäre jede Art von kritischer Diskussion „intolerant“. Das ist aber natürlich Quatsch, denn kritische Diskussionen gehören essentiell zu Kultur und Wissenschaft, sonst würden wir uns alle immer nur gegenseitig loben und es gäbe keinerlei Veränderung oder Erkenntnisgewinn.

Ich habe versucht aufzuzeigen, dass die Behauptung, es gäbe eine Art Zwang für ihre Tochter, „hässlich“ zu komponieren, einfach aktuell nicht zutrifft, und habe auch die historische Periode exakt benannt, in der ihre Tochter deswegen vielleicht Probleme bekommen hätte. Aber auch nur dann, wenn sie sich in einer ganz bestimmten Welt hätte behaupten wollen, nämlich in der im Grunde schon damals sehr uneinheitlichen kompositorischen Szene, die relativ kurz in z.B. Darmstadt und Donaueschingen dominierte. Das war aber lange, lange vor der Geburt ihrer Tochter. Heute muss man diese Art von Hardliner an den Musikuniversitäten schon mit der Lupe suchen, und wenn es sie gibt, macht man sich eigentlich über sie lustig. Auf den heutigen Festivals Neuer Musik wird weltweit eine extreme Bandbreite von Stilistik präsentiert, übrigens auch melodische und tonale Werke. Der ganze Konflikt „Atonalität versus Tonalität“ ist schon lange ein uralter Hut und hat nicht die geringste Bedeutung für die junge Generation von Komponisten. Daher erzeugte der „Appell“ Ihrer Tochter auch große Erheiterung bei allen Kollegen und Kolleginnen, die ich kenne – es ist ungefähr so, als würde man heute fordern, dass man doch endlich einen Tunnel zwischen England und Frankreich bauen sollte, während es diesen schon längst gibt. Das allein war mein „point“, nichts sonst.

Weder ich noch sonst irgendjemand verbietet Ihrer Tochter, „ihre“ Musik zu schreiben. Umgekehrt können Sie aber auch nicht verbieten, dass man die Musik ihrer Tochter beurteilt, dass sie vielleicht auch kritisiert wird.

Ich sage ganz offen: die Musik Ihrer Tochter ist – und das ist meine ganz persönliche Meinung selbstverständlich – künstlerisch noch nicht sehr interessant, eher derivativ, „nett“ und unoriginell. Das heißt aber nicht, dass Ihre Tochter keine gute Komponistin ist, denn sie ist ja noch sehr jung. Ich bin der Meinung, dass sie sich mit ihrem Talent (das ich ihr nicht im Geringsten abspreche) ganz großartig entwickeln könnte, wenn man sie eigentlich vor allem in Ruhe lässt, sie nicht „vermarktet“ und einfach nur ihre Neugier und ihre Kreativität frei entfalten lässt.

Ob Ihre Tochter eine interessante Komponistin ist, kann man in ca. 10 Jahren beurteilen. Das ist früh genug, und ich wünsche es ihr von Herzen, dass ihr das gelingt. Selbstverständlich wird sie in 10 Jahren gereifter und erwachsener sein, und vielleicht auch viele ihrer jetzigen Äußerungen und auch Kompositionen ganz anders beurteilen. Ich kenne ehrlich gesagt keine/n KomponistIn, die das, was sie mit z.B. 14 Jahren geschrieben haben, noch gut finden. Das ist auch sehr wichtig in einem künstlerischen Reifeprozess, den absolut alle großen KünstlerInnen durchmachen. Selbstkritik und ständige Reflektion sind sehr, sehr wichtig. Immer nur hübsche Musik zu machen, die keinen stört und allen gefällt, ist nicht der Weg zu großer Kunst, dessen muss man sich klar sein. Aber es steht auch nirgendwo geschrieben, dass Ihre Tochter diesen Weg gehen muss, das sollte allein ihre Entscheidung sein. Vielleicht will sie auch in 10 Jahren etwas ganz anderes machen, und auch das wäre ihr gutes Recht, denn sie ist ein freier Mensch und muss sich am Ende auch nicht von ihrem Vater sagen lassen, was sie tun soll.

Es gibt letztlich zwei Möglichkeiten, was in 10 Jahren sein kann:

1) Ihre Tochter hat sich erfolgreich von ihrem Wunderkindimage emanzipiert und macht „ihr“ Ding, nämlich eigenständige und spannende Musik, die sich nicht darum schert, wie z.B. ihr Papa sie findet. (Das ist zum Beispiel Mozart – unter großen Mühen übrigens – gelungen, und deswegen kennen wir ihn heute auch noch. Den sicherlich Tausenden von „Wunderkindern“, die schon damals durch die Lande getrieben wurden, durchaus zum Teil auch erfolgreicher als Mozart, und deren Namen man heute vergessen hat, ist dies leider nicht gelungen, zum Teil unter großen persönlichen Opfern).

2) Ihre Tochter macht immer noch dieselbe eher harmlose Musik wie jetzt, aber es interessiert das Publikum nicht mehr so, weil sie dann eben kein „Wunderkind“ mehr ist, und schon wieder die nächsten Wunderkinder bereitstehen, die dann die ganze neue Medienaufmerksamkeit bekommen. Das wäre natürlich eher traurig.

Wir dürfen nicht vergessen, dass das auch als Erwachsene/r erfolgreiche „Wunderkind“ eher die Ausnahme, nicht die Regel ist. Daher ist Wunderkind-„Hype“ immer sehr gefährlich – die meisten großen Komponisten der Vergangenheit waren selbstverständlich auch schon als Kinder begabt, aber sie hatten dann das Glück, nicht gleich schon „verheizt“ zu werden, sondern konnten sich in Ruhe entwickeln. Beethovens Vater zum Beispiel hätte seinen Sohn gerne als Wunderkind „vermarktet“, und machte ihn sogar zwei Jahre jünger, um dieses Ziel zu erreichen. Gottseidank ist ihm dies nicht gelungen, stattdessen wurde Beethoven von vielen verschiedenen wohlgesonnen Menschen in seiner Umgebung sanft gefördert, wovon er enorm profitierte. Bedeutend wurde er dann – zu Recht – als Erwachsener und als gereifte und spannende Künstlerpersönlichkeit, die auch Scheitern und Widerstände erlebt hatte.

Jeder „Wunderkind“-Rummel kommt irgendwann an ein natürliches Ende – nämlich dann, wenn die „Wunderkinder“ erwachsen sind. Das ist unausweichlich. Da wir aber den Großteil unseres Lebens als Erwachsene verbringen, sollte man sich jetzt schon darüber Gedanken machen, dass Ihre Tochter dann hoffentlich möglichst glücklich und zufrieden ist. Das wäre zumindest mein erster Wunsch, wenn ich zum Beispiel an meine eigene Tochter denke.

Ich kenne die englische Szene sehr gut, da ich selbst in London studiert habe (an der Guildhall). Ich weiß, wie sehr großartige Kollegen wie Oliver Knussen (leider nicht mehr unter uns) und George Benjamin lebenslang darunter litten, dass sie schon als Kinder das „Wunderkind“ sein mussten. Es ist kein Geheimnis in der englischen Szene, dass zum Beispiel ein gigantisches Talent wie Knussen daran mehr oder weniger zerbrach und lebenslang unter Selbstzweifeln, Schreibhemmungen und Depressionen litt. Das möchte ich ihrer Tochter nicht wünschen.

Von Vater zu Vater: Ich verstehe absolut, dass Sie stolz auf Ihre Tochter sind, und dass Sie sie fördern und gegen Angriffe verteidigen möchten. Das will jeder Vater. Nur greife ich Ihre Tochter gar nicht an – ich möchte ihr nur aufzeigen, dass die Welt nicht gegenüber „Melodie“ oder „Harmonie“ intolerant ist, wie sie behauptet, das ist alles. Ihre Tochter würde sehr davon profitieren, sich fortzubilden, neugierig zu sein, die vielen heutigen Formen von Musik zu kennen (und nicht nur die des 19. Jahrhunderts, woran sich ihre Musik momentan vor allem orientiert) und von diesen vielen und reichhaltigen musikalischen Welten zu lernen. Ich bin ganz sicher, dass sie dann einen großartigen Weg gehen kann, und würde mich darüber ehrlich freuen.

Überhaupt wundere ich mich, dass ich das allen Ihnen schreibe und nicht Ihrer Tochter, denn eigentlich würde ich lieber direkt mit ihr sprechen. Ich biete ein solches Gespräch jederzeit an, und würde mich freuen, ihr Ängste nehmen zu können und sie zu Selbstständigkeit und Eigenständigkeit zu ermutigen. Am Ende muss Ihre Tochter weder auf Sie noch auf mich hören und ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Ich sehe meine Arbeit als Kompositionslehrer wie die eines Sport-„Coaches“ – ich will, dass sich das Potential meiner Studenten erfüllt, und nicht, dass sie mir alles Recht machen. Meine StudentInnen wissen, dass ich sie nie in irgendeine Richtung dränge, sondern an ihrer ganz individuellen Stimme interessiert bin. Melodik zum Beispiel ist in meinem Unterricht ein ganz wichtiges Thema, und „Schönheit“ finde ich auch ein gültiges Attribut in der Musik, da bin ich ganz ihrer Meinung. Aber Musik ist viel zu reich und vielfältig, um sie allein auf wenige Attribute zu reduzieren, man muss alle ihre Seiten und Möglichkeiten kennen, um große Kunst zu schaffen. Bei Shakespeare zum Beispiel treten alle möglichen Figuren auf – Helden, Mörder, einfache Leute, Dummköpfe, Genies, Adelige, Fabelwesen. Alle diese Figuren sprechen unterschiedliche Sprachen, manche reden dumm daher, manche sind klug, manche sagen Hässliches, manche sagen Poetisches. Das ist alles nötig, um eine interessante Geschichte zu erzählen, und Shakespeare kann uns das Tragische wie auch Komische, das Grauenhafte wie auch das Liebenswürdige in seiner Sprache nahebringen. Genauso ist es auch in der Musik: man muss alle Sprachen kennen, um große Musik zu schreiben. Man muss neugierig sein, sich auch für Seltsames und Ungewöhnliches interessieren, sonst ist das, was man erzählt, letztlich belanglos. Daher interessieren mich im Unterricht alle Spielarten von Musik im 21. Jahrhundert, auch die Nicht-„Akademischen“. Daher interessieren mich auch alle Klänge, die „konsonanten“ wie auch „dissonanten“ (was ohnehin nur Hilfsbegriffe sind).

Ich sehe keinen Grund, auch nur einem einzigen Klang gegenüber intolerant zu sein. Ich toleriere sie alle: die „hässlichen“ wie auch die „hübschen“.

Ich lade Alma also herzlich ein, sich bei unserer Hochschule zu bewerben. Meine geschätzten Kollegen und ich werden ihr auf keinen Fall mit „Intoleranz“ sondern mit Neugier und Unterstützung begegnen, das kann ich Ihnen versprechen. An anderen Hochschulen wäre dies ganz sicher auch der Fall.

Herzlich,
Ihr
Moritz Eggert

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29 Antworten

  1. Karola sagt:

    Und wieder BRAVO zu Deiner Antwort, Moritz. Danke.

  2. Guntram Erbe sagt:

    Lieber Herr Deutscher,

    Ihre durch Moritz Eggerts Blogbeitrag ausgelöste Empörung verstehe ich, meine aber, dass Sie Eggerts Zielrichtung nicht erkannt haben. So wie ich es verstehe, wollte Eggert damit gegen die weit verbreitete, irrige Meinung, heutige, moderne Kunstmusik lasse weder Melodie noch Harmonie (auch im alten Sinn) zu, angehen. Seit 1999, als ich Eggert gegen Machenschaften bei der Komposition einer von ihm und zwei weiteren Komponisten erstellten Internet-Sinfonie beistand, verfolge ich seinen Werdegang als Komponist und Interpret. Was ihn in meinen Ohren und Augen auszeichnet, ist seine letztlich auf den Nenner „Offenheit auf dem Weg ins Freie“ gerichtete Kompositions- und Denkweise. Dass er nun anlässlich des Statements Ihrer Tochter zum x-ten Mal möglicherweise falsche Vorstellungen von Konsonanz und Dissonanz, von klassisch und modern, von Toleranz und Intoleranz Stellung bezogen hat, erscheint folgerichtig zu sein.

    Im Moment beschäftige ich mich intensiv mit Clara Wieck bzw. Clara Schumann und fand Parallelen zur derzeitigen Darstellung Ihrer Tochter nach außen. Als Clara Wiecks Vater Friedrich Wieck ihre Quatre Polonaises pour le Pianoforte op. 1 veröffentlichte, schrieb der Kritiker Ludwig Rellstab: „Jedenfalls hätten wir es für gut gehalten, wenn die Herausgabe unterblieben wäre. Nicht der Kompositionen halber, denn diese sind so gut und so schlecht wie viele andere moderne Klavierstücke, aber des Kindes halber. Welcher Vernünftige wird Schülerexercitia drucken lassen, wenn sie auch gut ausfallen? Aber das ist das leidige Geschick unsere Zeit […].“ Ähnliches – wenn auch nicht so krass gedacht und formuliert – dürfte Moritz Eggert im Sinn gehabt haben. Das bedeutet nicht, dass er das umfassende Talent Ihrer Tochter – so wie ich – nicht würdigen würde. Mich alten Knopf von knapp 79 Jahren rührt es sehr, sehe und höre ich Ihre Tochter auf youtube. Lieber Herr Deutscher, bitte ebnen sie ihr ihren eigenen Weg ins Freie, aber widerstehen Sie dem Vaterinstinkt, den Weg zu bestimmen. Mit freundlichen Grüßen Guntram Erbe

  3. Patrick Schönbach sagt:

    Aus meiner Sicht redet man in dieser Diskussion komplett aneinander vorbei. Nach meinem Verständnis haben sowohl Herr Eggert als auch Herr Dr. Deutscher und Alma mit dem, was sie sagen, aus ihrer jeweiligen Perspektive völlig recht, jedoch sind die Perspektivunterschiede so immens groß, dass keiner auch nur im Keim versteht, was die andere Seite überhaupt sagt. Schon dieser Punkt zeigt, wie immens tief die Gräben sind, und dass Almas Kritik, allen gegenteiligen Beteurerungen zum Trotz, keineswegs aus der Luft gegriffen sind.

    Selbstverständlich hat Herr Eggert durchaus recht, dass die streng dogmatischen Zeiten, oberflächlich gesehen, vorbei sind, aber die Folgen und vor allem die durch diese Zeiten kultivierten Geisteshaltungen sind noch allgegenwärtig. Ja, es stimmt, tonal darf man schon schreiben, aber für die heutigen Beckmesser muss TonalItät in Neuer Musik trotzdem etwas Karikierendes, Übertreibendes, Zersetzendes etc. haben, sonst wird das sofort mit sehr viel Skepsis, mitunter auch Argwohn, beäugt und beurteilt.

    Sobald sich aber jemand traut, völlig unverkrampft an die große Tradition des 18. und 19. Jh. anzuknüpfen und von dort an seinen eigenen Weg in die Gegenwart zu schlagen, der jedoch völlig vorbeigeht, was Schönberg, Boulez und andere vorgemacht haben, was Adorno gedacht hat, und das, was das Gros der Neue Musik-Community so tut, dann berührt das zwar in der Regel ein Großteil der Hörerschaft, aber die Fachwelt und die Kritik verwirrt das, weil man doch irgendwie getrieben ist von der Idee, die Tradition irgendwie überwinden zu wollen und müssen und etwas komplett Neues zu schaffen, was man unterschwellig schon für besser hält, auch, wenn man das in der Regel nicht so offen sagen würde. Sobald man also Tonalität auf gleiche Weise ernst nimmt, wie sie Bach, Mozart, Beethoven, Brahms und viele andere ernst genommen haben, so trifft man sofort auf manche sich rümpfende Fachnase, obwohl das ja keineswegs heißen muss, dass man Tonalität genauso behandelt wie Obengenannte. Man kann mit Tonalität und auch mit sangbarer Melodik auch heute noch so unfassbar viel anstellen, was ja durchaus auch beinhalten kann, selbige teilweise oder stellenweise auch ganz zu unterlaufen. Aus meiner Erfahrung werden erst dann richtig effektiv, wenn sie in ein Spannungsgefälle von Dissonanz und Konsonanz eingebettet ist.

    Wohlgemerkt, ich rede hier weder von gut noch nicht selten auch schlecht gemachten Stilkopien. Ich rede hier auch nicht von irgendwelchen Plattitüden, sondern von Leuten, die zwar durchaus in der Tradition verwurzelt sind, die aber diese weder nur reproduzieren, noch diese auflösen wollen, sondern sich einfach ihren eigenen Weg bahnen, der vielleicht nicht so radikal ist, wie der Weg anderer (vielleicht ist es aber auch gerade radikal, nicht radikal zu sein), aber durchaus originell und ja, authentisch sein. Wenn Kunst wirklich frei ist, dann hat auch ein solcher Ansatz seine Berechtigung.

    Ich rede hier nicht vom Grünen Tisch aus. Ich bin selbst Komponist und ja, ich verfolge genau diesen Ansatz selbst. Meine Musik ist meistens mehr oder weniger tonal, aber alles andere als einfach.

    Wenn ein Brahms sehr gut neben Wagner und Liszt existieren konnte, auch wenn die große Diskrepanz zwischen Brahms und den Neudeutschen natürlich auch damals schon für Debatten sorgte, dann sollte Vergleichbares auch heute möglich sein. Dabei war es kein Geringerer als Schönberg, der erkannte und aussprach, wieviel Innovation in der ach so konservativen Brahmsschen Musik steckte. Oder denken wir an Max Reger, der gleichzeitig als zu modern und zu altmodisch verschrieen war. Denken wir an Carl Nielsen oder Jean Sibelius, die beide in der Tradition verwurzelt, aber dennoch sehr innovativ waren (Sibelius vor allem in formaler Hinsicht). Solche Komponisten darf, ja, vielleicht muss es zu allen Zeiten geben.

    Alma Deutscher hätte sich sicherlich nicht öffentlich in der Weise geäußert, wie sie es getan hat, hätte sie nicht offensichtlich die Erfahrung gemacht, dass man ihr zumindest angedeutet hat, was sie als ernstzunehmende zeitgenössische Komponistin dringend abzulegen hat. Erstens behauptet niemand, dass Alma schon am Ende ihrer Entwicklung stünde, sie selbst auch nicht. Sicher sollte und wird ihr Stil noch viel persönlicher werden, sicher wird sie sich immer weiter weg bewegen von den Stilkopien, die durchaus ein hohes handwerkliches Können und Fantasie zeigen, aber irgendetwas austreiben würde ihr ich nicht wollen.

    Lassen wir sich Alma doch entwickeln! Und wischen wir ihre „Kritik“ doch nicht einfach als unberechtigt weg, sondern denken wir erst einmal ganz selbstkritisch darüber nach, ob Komponisten, die sich aus freien Stücken dazu entscheiden, eben nicht jeden Tag komplett in Frage zu stellen, was überhaupt Musik ist, im zeitgenössischen Musikbetrieb wirklich erwünscht und akzeptiert sind. Natürlich kann man auch alles hinterfragen, aber auch dazu kann man keinesfalls gezwungen werden!

  4. Guntram Erbe sagt:

    Ein kleiner Exkurs zum Streitpunkt mittelalterliche Terz

    Im pythagoreischen System wurden Intervalle dargestellt als Saitenlängenverhältnisse am Monochord.
    Grundlage der Berechnungen waren die biblisch fundierten Zahlen 1, 2, 3 und 4, deren Verhältnisse zueinander die Schönheit der göttlichen Schöpfung berechenbar machen. Diese Zahlenverhältnisse wurden nicht etwa mit Doppelpunkt oder Bruchstrich wie heute dargestellt, sondern mit lateinischen Namen versehen wie „Multiplex dupla“, „Superparicularis sequialtera“ und „Superparticularis sequitertia“. Nur diese drei Intervalle, nämlich die Oktave, die Quinte und die Quarte wurden als konsonant definiert und empfunden. „Superparticularis sesquiquarta“, die später für konsonant gehaltene reine Terz, dagegen galt als nicht göttlich, da ihr Saitenlängenverhältnis die nicht göttlich fundierte 5 enthielt, auch wenn sie vielleicht als wohlklingend empfunden werden konnte. Die pythagoräische Terz errechnete sich aus dem Verhältnis von drei Oktaven übereinander und vier Quinten übereinander. Das komplizierte Ergebnis wurde als Dissonanz gewertet und empfunden.

    Jeder gewiefte Sologeiger von heute weiß, dass er die Terzen, z. B. e‘‘ im C-Dur-Dreiklang etwa pythagoreisch greifen muss, wenn er den Klang seiner Geige nicht vom Orchesterklang verschlucken lassen will.

    Moritz eggert lag also mit seiner Erwähnung der mittelalterlichen Terz als Dissonanz goldrichtig. G. E.

  5. @Danke, Guntram, schön erklärt :-) Guy Deutscher hat mir übrigens nochmal geschrieben, diesmal in einem wesentlich beleidigenderen Ton, der leider kein sehr gutes Licht auf ihn wirft. Ich höre auch von Kollegen, dass sie ähnlich von ihm angegriffen wurden – an vielen Orten stöhnt man schon, wenn man den Namen Deutscher hört. Das Mädchen kann nichts dafür, mir tut sie inzwischen leid, denn dass diese Strategie nicht endlos aufgehen wird, ist relativ klar.

    • Guntram Erbe sagt:

      @ Moritz: Mal zwischendrin ein Stück eines berühmten Kindes, das ab dem dritten diddel die Vorbilder übersteigt: diddel dam dam dam daham diddel dam dam dam daham diddel dam diddel dam diddel diddel dam usw. ;-)

    • Kathrina Meier sagt:

      Sehr geehrter Herr Eckert
      Also das geht eindeutig zu weit. Wenn Sie auf Ihr Artikel eine Antwort bekommen (eigentlich eine Richtigstellung) gilt es als journalistischer Fauxpas, daraufhin eine eigene Antwort im gleichen Artikel zu veröffentlichen. Bei einer klassischen Richtigstellung ist dies sogar verboten. An Ihrer Stelle würde ich mich erst recht hüten, Alma Unterricht an Ihrer Musikakademie anzubieten- das klingt unglaublich arrogant und selbst überschätzend.
      Ja, es gibt viele “Wunderkinder” – Alma war das nie. Sie ist eine geborene und geschulte Komponistin. Sie entwickelt sich weiter- ganz so, wie sie es für richtig empfindet. Aber sie ist diejenige, die ihre Lehrer wählt und anderen bald Musikunterricht erteilen wird. Ihre Rede hätten Sie sich wirklich zu Herzen nehmen sollen. Ihre Eltern sind wunderbar und nehmen ihre Beschützerrolle verantwortungsvoll wahr.

    • TJ Tom sagt:

      I’m not surprised if the father wrote back to you in a more temperament manner considering how arrogant and condescending your reply to him was written. But maybe that’s just me, i’m neither british nor German so maybe this is all down to a cultural misunderstanding of words and meaning. But one thing is for sure, regardless of your opinion on the acceptance of tonality, melody and harmony in todays music world, adults have tried to tell Alma her whole life, some in not so pleasant ways, how she should and ought to write music(and aren’t you doing the same thing?), and that is what she responded to in her speech.

  6. Kennen wir den Hintergrund der Familie Deutscher? Kennen wir den Hintergrund des Vaters? Nein!
    Also sollte man Alma, ihr Leben und ihre Musik einfach akzeptieren und respektieren. Und vielleicht hat der Vater durchaus sehr persönliche Gründe die teilweise recht unwürdige Kritik an seiner Tochter durch (wieder einmal) einen Deutschen, als besonders einschneidend zu empfinden.
    Es stimmt schon ein wenig. Manche der hier anwesenden „Kritiseure“ haben nicht einmal einen Funken an Genialität in der Musik erreicht, die Alma schon angeboren ist. Egal ob tonal, nicht dissonant, wenig zeitgenössisch (was für eine dumme Kategorisierung, Sorry)
    Die von manchen hier geäußerte Kritik an Alma ist (es sei mir als Deutschen gestattet) widerlich typisch deutsch!

    • Patrick Schönbach sagt:

      Ja, das ist genau der Punkt. Man gibt sich in postmodernen Zeiten zwar oberflächlich als furchtbar tolerant gegen Tonalität und alles Mögliche, aber schaut man mal genauer hin, ist davon wenig bis nichts zu sehen.

      Übrigens stört Dr. Deutscher keinesfalls sachliche Kritik an Almas Musik. Im Gegenteil, die findet er legitim und mitunter sogar hilfreich. Was ihn stört sind persönliche Angriffe wie z.B. die Bezeichnung ihrer Musik als „erzreaktionär“ oder gar die Behauptung, Almas Ruhm stände in Verbindung mit ihrem jüdischen Namen. Das ihn so etwas stört, kann ich nachvollziehen.

      Und ja, das ist typisch deutsch im widerlichsten Sinne. Neulich hörte ich per Zufall ein völlig unverkrampft tonales Klavierstück im Radio. Komponist: Giya Kancheli. Der hatte offensichtlich kein Problem damit…

      • Giya Kancheli – Selected Miniatures For Piano A Dream within a Dream…

      • Hallo Patrick Schönbach, bevor das hier sich als Aussage verfestigt: Sie sagen „die Behauptung, Almas Ruhm stände in Verbindung mit ihrem jüdischen Namen“ hat Moritz nicht getätigt. Moritz Eggert schreibt vielmehr: „Alma Deutscher (man kann sich die bildungsbürgerlichen Eltern allein schon anhand ihres Namens sehr gut vorstellen)“ – Ich übernehme einfachheitshalber einmal die Begriffsbildung aus der Wikipedia: „Als Bildungsbürgertum oder Bildungsbürger wird eine einflussreiche Gesellschaftsschicht bezeichnet (Bildungsschicht, heute auch Bildungselite), die humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft und Engagement in Staat und Gemeinwesen für sehr wichtig erachtet und pflegt. Das europäische Bildungsbürgertum entstand Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem unter evangelischen Pfarrern, Professoren, Ärzten, reichen Kaufleuten und leitenden Beamten. Nichtsdestotrotz bleibt das Milieu des Bildungsbürgertums historisch mit gewissen Ausnahmen vor allem den deutschsprachigen Ländern nahe, wohingegen etwa in Frankreich viel eher die Unterscheidung zwischen Bourgeoisie und Intellektuellen gezogen wird.“

        Das trifft dann auch ähnlich auf den Vornamen zu, zu dem Wikipedia auch verschiedene Entstehungslinien verzeichnet: „Der Name „Alma“ hat mehrere Entstehungslinien. Das hebräische Wort עלמה (Almáh) bedeutet „junge Frau“. Ferner stammt er aus dem Italienischen, dort geht er auf lateinisch almus („nährend“, „fruchtbar“) zurück. Zum anderen ist Alma eine Kurzform von Namen, die den aus dem gotischen stammenden Namensbestandteil Amal- („tüchtig“, „tapfer“) aufweisen, wie etwa Amalberga.“ Siehe auch Pierer 1857.

        Die Verbindung zu einem jüdischen Namen ist bei Moritz in keiner Weise inkludiert, geschweige denn intendiert.

        Als Mensch, der mongolische Wurzeln hat, einen auf die römischen Götter zurückgehenden Vornamen und einen in letzten oder vorletzten Jahrhundert erfundenen Nachnamen, wollte ich nur das einmal erwähnt wissen.

        • Patrick Schönbach sagt:

          Moritz Eggerts Satz in Klammern lässt viele Deutungsmöglichkeiten zu und ist ja schon eher ad hominem statt sachlich. Dr. Deutscher ist Jude, dazu noch Linguist, und für ihn ist Alma ein hebräischer Vorname. Deswegen kann ich schon verstehen, dass er den Satz so liest.

          Man könnte den Satz natürlich auch anders liesen, aber egal, wie man ihn liest, sachlich und freundlich wird er irgendwie nie.

          • Danke Herr Schönbach, dass Sie mir zustimmen. Das klang vor ein paar Einträgen noch anders. Jetzt sehen Sie immerhin schon viele Deutungsmöglichkeiten.

            Zur Frage der Sachlichkeit oder Unfreundlichkeit des Klammersatzes kann man auch anderer Meinung sein. Namensgebung, Musikgeschmack und Wohnunseinrichtung sind normalerweise ja keine Zufallsentscheidungen, wie wir seit zahlreichen soziologischen Untersuchungen wissen, spätestens seit Bourdieus „Die feinen Unterschiede“. Natürlich muss nie etwas etwas heißen. Der Zufall andererseits will es, dass es hier einfach zusammenpasst. Ad hominem ist es schlichweg noch nicht, wenn man sagt, ein Mensch gehe eine Straße entlang. Guy Deutscher bestreitet eigentlich, dass bei Wahl des Vornamens seiner Tochter, irgendeine historische „Alma“ eine Rolle mitgespielt hat, sondern der Name einfach eben gewählt wurde, weil man ihn sonstwie mochte. Das hätte er auch einfach so sagen können. Warum sollte man ihm das nicht glauben – oder auch: Das geht wen anders einen feuchten Kehrricht an, wie wir Eltern unsere Kinder nennen. Almas jüngere Schwester heißt ja Helen.

            Interessant hingegen ist, dass Sie eine Person mit etwas identisch machen, so als gäbe es das Gattungswesen „Jude“ und dieses sei vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es auf „eine“ Art zu reduzieren ist. Sie produzieren damit ein Vorurteil und eine stereotype Sichtweise gegen die vermeintlich sie vorgehen wollen – wenn Sie auch bestimmte Charaktereigenschaft den „Deutschen“ zuordnen, wohl wissend. dass es „den Deutschen“ so wenig gibt wie „den Juden“ – außer bei denjenigen, die eine Kennzeichnung zur Differenzierung von Menschen gegen andere Menschen sich wünschen.

            Gegen eine Vermutung in Richtung Bildungsbürgertum wehren Sie sich, im gleichen Atemzug identifizieren Sie aber Menschen als Vertreterinnen einer „Gruppe“. Sie verwahren sich dagegen den Vornamen „Alma“ differenziert wahrzunehmen, sondern identifizieren ihn als eben nur „hebräisch“. Das kann man so machen, es wird dadurch aber nicht richtiger.

            Ich denke, eine weitere Diskussion dazu wird der Sache nicht förderlich sein dürfte.

      • Guntram Erbe sagt:

        Hallo Patrick Schönbach!

        Zu „erzreaktionär“ ist bei Moritz Eggert zu lesen:

        „Es ist an der Zeit, dass sich die Gegner neuer Musik von dem Mythos der „Zwangsatonalität“ verabschieden. Und dass sie vielleicht einfach zugeben, was wirklich hinter ihrer Argumentation gegen alles Neue und Andere steckt: eine handfest erzreaktionäre Haltung, die sich der Phantasie und der Freiheit in den Weg stellt. Und diese Haltung will jemanden wie Alma Deutscher gerne instrumentalisieren.“

        Moritz Eggert hat also keineswegs Alma Deutschers Musik als erzrektionär bezeichnet, sondern die Haltung, die nach seiner Meinung Alma Deutscher instrumentalisieren will.

        Gruß G. E.

    • Guntram Erbe sagt:

      Ich habe mal durchgezählt bei den Kommentaren zu diesem Post und dem, den Guy Deutscher vehement kritisiert hat: es handelt sich, Moritz Eggert eingeschlossen, um 4 „Kritiseure“, zu denen ich mich nicht rechne. Oder, lieber Alexander siehst du das anders? G. E.

      • Guntram Erbe sagt:

        Nachdem Alexander Detig hier nicht geantwortet hat, gehe ich davon aus, dass er mir zustimmt, sicher wissend, dass damit auch Moritz Eggert, mit dem ich die Argumente teile, nicht zu den „Kritiseuren“ ohne einen Funken von Genialität gehört. Danke, lieber Alex! G. E.

  7. Drehen wir den Spieß doch mal um:

    Wie wäre es denn, wenn man „modernen“ Komponisten verbieten würde für „klassische“ Instrumente (Ihr wisst schon, diese Holz- und Metallteile auf denen in der Klassik schon alles „auskomponiert“ wurde) zu komponieren?

  8. Guntram Erbe sagt:

    — oder auf Klänge aus dem Herzen (des PCs) ;-)

  9. Tim Bolshaw sagt:

    Please excuse me writing in English. I can generally fight my way through when reading German, but I cannot express myself clearly in German.

    I think it is defensible to declare the music of Bach, Mozart, Schubert and Strauss (along with more recent music written in a similar idiom) as uninteresting, because it does not make use of all the tools available to the modern composer. What I find strange is when someone can admire the music of those past composers while dismissing as „derivative“, „uninteresting“ and „pretty““more recent works written in the same idiom that are by no means deficient within the limitations of the chosen musical tools. I wonder if Brahms suffered the same criticism when drawing on the works of Bach as an inspiration in his compositions.

    • Guntram Erbe sagt:

      Hallo Tim Bolshaw,

      als Brahms seine Händelvariationen mit Fuge Richard Wagner vorgespielt hatte, fasste Wagner seine Einstellung so zusammen: „Man sieht, was sich in den alten Formen noch leisten läßt, wenn einer kommt, der versteht, sie zu behandeln.“ Diese Variationen selbst verlaufen recht schematisch, doch die anschließende Fuge ist durchwegs neu. Nur scheinbar folgt sie Bach’schen Vorbildern. Mir fallen dabei auch noch Honeggers „Prélude, arioso et fughette sur le nom de BACH“ ein (übrigens eines meiner Examensstücke, komponiert 1932, wenige Jahre nach Schönbergs Orchestervariationen op. 31). Brahms und Honegger mögen als unzeitgemäß empfunden worden sein, doch Musikgeschichte verläuft ja nicht im Gänsemarsch. Ein anderes Phänomen ist der konservative Rückgriff ohne Neuinterpretation der alten Mittel. aber auch das ist in meinen Augen und Ohren legitim, wenn man nicht gleichzeitig Gleichzeitiges in anderer Machart abtut. Alma Deutscher wird meiner Meinung nach in die letztere Haltung gedrängt, aber ich bin mir sicher, dass sie eines Tages selbstbestimmt in ihrer dann neuen Art komponieren wird und ihrer jetzigen Vermarktung entkommt. Ich wünsche es ihr jedenfalls. Das Zeug dazu hat sie im Übermaß.

  10. Sie wird nicht gedrängt…Definitiv nicht

    Beleg? Bitteschön:

    • Guntram Erbe sagt:

      Lieber Alexander Detig, eine schöner Film, dessen Machart zeigt, was ich mit Vermarktung meine. Nochmals: es geht in Moritz Eggerts (und meinen) Beiträgen nicht um die unbestrittene Begabung, sondern um die Haltung, die sich im Statement Alma Deutschers beim Europäischen Kulturpreis zeigte; das sind zwei Paar Stiefel. Beste Grüße G. E.

      • Lieber Guntram.

        Nochmal hier ihre Aussage. Sie meint es meiner Meinung und meinem Verständnis nach auch metaphorisch – nicht rein musikalisch.

        „until now, I have always composed melodies and harmonies just as they pour out from my heart. But I have often been told: „as a modern composer, you’ll soon have to forget your melodies, and concentrate on dissonance, as befits our modern age.“ But maybe this award today means that a more tolerant age is dawning, when melody and beauty will once again be permitted. Perhaps this is a message that there is more to European Culture than just dissonance. Perhaps there is also a place in European Culture for harmony. And how beautiful it would be if this message could go out into the world from Vienna, from the city of music…“

        • Guntram Erbe sagt:

          Hier Alma Deutschers Statement so, wie sie es auf Deutsch formulierte:

          „Ich wollte sagen, dass bisher ich Melodien und Harmonien immer komponiert habe, wie sie aus dem Herzen kamen. Mir wurde aber schon oft gesagt: „Als eine moderne Komponistin musst du bald (?) deine Melodien vergessen und dich auf Dissonanzen konzentrieren, wie es sich in unserem modernen Zeitlater geziemt.“ Aber vielleicht bedeutet diese Auszeichnung, dass ein toleranteres Zeitalter anbricht, wo auch Melodie und Schönheit wieder geduldet werden. Vielleicht ist es eine Botschaft dafür, dass die europäische Kultur aus mehr besteht als nur Dissonanzen. Vielleicht gibt es in der europäischen Kultur doch Raum auch für Harmonie. Und wie schön wäre es, wenn diese Botschaft grade aus Wien ausgehen könnte, aus der Stadt der Musik.“

          Denke sich jeder dazu, was er möchte. Weiter oben wurde ja schon genug dazu geschrieben. G. E.

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