Mythos Tonalitätsverbot. Einige Gedanken zu Alma Deutschers Statement beim Europäischen Kulturpreis.

Die Engländerin Alma Deutscher ist das aktuelle Wunderkind der Klassikwelt, hochgelobt von der Fachwelt und Berühmtheiten wie Anne-Sophie Mutter und Zubin Mehta. Sie ist knapp 15 Jahre alt, spielt Klavier und Geige auf hohem Niveau und schreibt Opern, Orchesterwerke und Konzerte, die sie auch gerne selbst aufführt.

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Über ihre Musik könnte ich einiges sagen, tue es aber nicht, da es meine feste Überzeugung ist, dass man so junge KomponistInnen eigentlich erst einmal sich frei entfalten lassen sollte, bevor man sie in eine bestimmte Ecke stellt. Momentan ist das, was sie komponiert, gefällig harmlos und in streng klassischem Stil gehalten, kein billiges Neoklassik-Genudel und qualitativ hochwertig, aber eben auch eine Musik, in der die letzten 130 Jahre Musikgeschichte nicht vorkommen. Ich mache das Alma nicht zum Vorwurf – es ist in dem Alter normal, sich an Vorbildern zu orientieren, und würde sie sich von der Öffentlichkeit unbeeinflusst ganz neugierig und selbstständig weiterentwickeln, würde sie in 10 Jahren eine ganz andere Musik machen, das Talent dazu hat sie ganz sicher.

Aber wie es heute so ist, wird sie schon früh ganz bewusst vermarktet und gehypt. Damit werden leider auch bestimmte Positionen definiert (aus vermarktungstechnischen Gründen), die sie sich – wahrscheinlich aus einer gewissen Naivität und der mit großem Talent oft einhergehenden Altklugheit –  zu eigen macht. So nutzte sie den gerade empfangenen Europäischen Kulturpreis zu einem öffentlichen Statement, das den Mythos des angeblichen „Atonalitätszwangs“ in der Neuen Musik aufs Neue bestätigt und den vielen Feinden zeitgenössischer Musik das Wort redet:

„until now, I have always composed melodies and harmonies just as they pour out from my heart. But I have often been told: „as a modern composer, you’ll soon have to forget your melodies, and concentrate on dissonance, as befits our modern age.“ But maybe this award today means that a more tolerant age is dawning, when melody and beauty will once again be permitted. Perhaps this is a message that there is more to European Culture than just dissonance. Perhaps there is also a place in European Culture for harmony. And how beautiful it would be if this message could go out into the world from Vienna, from the city of music.“

Nun sind Atonalität und Tonalität schon einmal die am meisten missverstandenen Begriffe in der Musik. Man hat oft das Gefühl, dass sie absolute Gegensätze darstellen sollen, was sie aber gar nicht sind. Beide Welten können eigentlich sehr gut nebeneinander existieren, sonst würden wir weder Janacek, Bartok noch Prokoffieff hören, alles Komponisten, die nicht im strengen Sinne „tonal“ komponierten, die dennoch aber Musik schufen, die bis heute von Klassikspießern als „schön“ empfunden wird.  Konservative Klassik-Fans verachten prinzipiell jede „Dissonanz“ (nur die wenigsten können genau erklären, was eine Dissonanz eigentlich sein soll) und lehnen daher „Neue Musik“ grundsätzlich ab, wogegen angeblich die bösen Sittenwächter der zeitgenössischen Musik streng darauf achten, dass an den Akademien nur möglichst hässliche, harmonie- und melodienlose Musik komponiert werden soll. Alma Deutscher (man kann sich die bildungsbürgerlichen Eltern allein schon anhand ihres Namens sehr gut vorstellen) stößt in eben dieses Horn, ohne es wahrscheinlich besser zu wissen.

Ich könnte hier endlos über die Missverständnisse bei den Begriffen „Dissonanz“ und „Konsonanz“ reden. Die meisten Menschen wissen nicht, dass eine Terz (das zentrale Intervall der „Tonalität“) im Mittelalter als „Dissonanz“ empfunden wurde und würden auch eine historisch korrekte Aufführung eines frühbarocken Werkes auf Instrumenten in mitteltöniger Stimmung als Katzenmusik empfinden, wogegen sie dasselbe Werk in temperierter (aber historisch falscher) Stimmung als „schön“ empfänden. Sie vergessen, dass ein Werk wie das „Wohltemperierte Klavier“ – das sie eh nur als „Ave Maria“ – Verschnitt kennen – zu Lebzeiten Bachs hochexperimentell war und für die meisten Bachschen Zeitgenossen sehr ungewohnt und fremdartig klang. „Tonalität“ als Begriff wiederum könnten sie noch nicht einmal ansatzweise erklären, da es für sie nur vage „schön klingend“ bedeutet, und sie zum Beispiel noch nie ein Stück von Max Reger gehört haben, das sie trotz seiner ausgereizten aber stets funktionsharmonischen Tonalität hoffnungslos überfordern würde. Auch ein Madrigal von Gesualdo würde ob seiner Stimmführung für viele Banausen „zu modern“ klingen, obwohl seine Werke die Entwicklung der „Tonalität“ ebenso vorantrieben wie die in ihrer Zeit gewagten und ungewöhnlichen Klangexperimente eines Monteverdi. Dass Dissonanzen das absolut zentrale Mittel zum Spannungsaufbau innerhalb der Tonalität sind, lassen wir lieber auch nicht unerwähnt.

Ebenso ist es mit dem Begriff „Melodie“. Ich habe schon neokonservative Komponisten erlebt, die mir die oberen Töne eines neoklassischen Wohlklangdauerarpeggios als „Melodie“ verkaufen wollten, obwohl es sich einfach nur um die oberen Töne einer Harmoniefolge handelt. Oft gilt etwas schon als „melodisch“, das einfach nur simple Motive und Fragmente wiederholt, da dreht sich nicht nur Mozart im Grabe um. Und warum muss eine „Melodie“ überhaupt „tonal“ sein? Stravinsky oder Messiaen zum Beispiel schrieben großartige Melodien, die keineswegs über die Tonalität, sondern über Gestik und Rhythmik funktionieren. Dass Melodie heutzutage sowohl in der Popmusik als auch in der neuen klassischen Musik ein totes Brachland darstellt, ist noch einmal ein ganz anderes Thema, nur: es gibt eben zahlreiche Ausnahmen, die Alma vermutlich nicht kennt.

Seien wir mal ehrlich in einem Rückblick auf die Geschichte der zeitgenössischen Musik. Ja, es gab eine Zeit in der eine Art Tonalitätsverbot die akademische Norm war, und diese Zeit lässt sich auf ca. 1955-1975 datieren, aber auch nur in einer bestimmten europäischen Region. Während nämlich die Avantgarde-Sittenwächter um Boulez und Stockhausen z.B. durchaus Komponisten marginalisierten, die sich weiterhin tonaler Strukturen bedienten, feierten zeitgleich heute hochangesehene Komponisten wie Benjamin Britten oder Schostakowitsch noch Welterfolge. Und John Cage – philosophisch neben Adorno einer der entscheidenden Denker der Neuen Musik – schrieb u.a. tonale Klavierstücke und Streichquartette, ohne dass er deswegen massakriert wurde. Ja, es ist richtig, dass ein großer Komponist wie Wilhelm Killmayer Ressentiments gegenüber seiner Musik erlebte, die ihn zeitweise in eine innere Emigration drängten, doch auch er erlebte spätestens ab den 80er Jahren eine große Renaissance, die von Komponisten der „Neuen Einfachheit“ getragen wurde, die bis heute erfolgreich und in der Fachwelt hochangesehen sind, zum Beispiel Wolfgang Rihm und Manfred Trojahn, oder der leider zu früh verstorbene Ulrich Stranz. Bei all diesen Komponisten spielt Tonalität und Melodik eine große Rolle, ohne dass es gleich klingt wie bei Leopold Mozart.

Und überhaupt: die 70er Jahre! Was ist mit den ganzen erfolgreichen Vertretern der Minimal Music – Terri Riley, Steve Reich, Philip Glass…Alles Musik, in der „Dissonanzen“ tatsächlich weniger eine Rolle spielen als den von den Neokonservativen meist hochverehrten Richard Strauß? Was ist dissonanter, „Elektra“ oder „Desert Music“? Die Antwort ist klar. Oder was ist mit der eher religiös-esoterisch geprägten und hocherfolgreichen „Minimal“ – Richtung um Komponisten wie Arvo Pärt oder Sofia Gubaidulina? Wie jede Musik waren auch deren Werke immer wieder mal umstritten, aber sie sind definitiv Teil des heute auch akademischen Kanons, Teil der „Neuen Musik“, ob man sie nun mag oder nicht. Oder was ist mit Alfred Schnittke, einem Komponisten der so ziemlich alle musikalischen Mittel von der Renaissance bis zur Moderne nicht nur beherrschte, sondern sich auch nie scheute, diese Mittel zu benutzen, seien sie „atonal“ oder „tonal“.

Immer wieder begegnet mir die Mär, dass an den Musikhochschulen ein „Tonalitätsverbot“ herrsche, dass wir als Professoren die Studenten in strenge 12-Ton-Korsette zwängen (als ob 12-Tonmusik ein aktueller und kein historischer Stil sei) und sie mit fiesen hässlichen „zeitgemäßen“ Klängen quälen würden. Ich habe mit jungen KomponistInnen gesprochen, die aus dieser Angst heraus gar nicht erst studieren, und ich fürchte, Alma Mahler äh Deutscher wird es ganz ähnlich machen, wenn sie sich nicht von falschen Förderern distanziert und sich denjenigen zuwendet, die sie als junge Komponistin hinterfragen und herausfordern (denn nur das ist richtige Förderung).

Es mag an der einen oder anderen Hochschule nach wie vor Komponisten geben, die so von der strengen Ästhetik einer missverstandenen „Darmstädter Schule“ geprägt sind, dass ihnen tatsächlich alles andere „unzeitgemäß“ erscheint. Aber ganz ehrlich: wer zwingt mich als jungen Komponisten, bei diesen verbohrt Gestrigen zu studieren? Wenn man mal aktuell an den Musikhochschulen weltweit schaut und wer da alles unterrichtet, so findet man die unterschiedlichsten Positionen: von Neo-Komplexität (die auch gar nicht unbedingt atonal sein muss – selbst bei Ferneyhough findet man Kadenzen) bis zu Konzeptmusik bis zu sogar traditionelleren Ansätzen ist so ziemlich alles vertreten – die Auswahl an LehrerInnen ist riesig. Spricht man mit jungen KomponistInnen so können die meisten mit der ganzen Problematik „Tonalität vs. Atonalität“ schon gar nichts mehr anfangen – sie ist einfach nicht mehr relevant für aktuelle Diskussionen, die sich eher um Welthaltigkeit und Relevanz neuer Musik drehen, nicht darum, wie genau sie zu klingen hat. Für einen frechen Konzeptkomponisten wie Trond Reinholdtsen ist es zum Beispiel ästhetisch keinerlei Problem, auch einen tonalen Popsong zu schreiben, auch wenn ihn vielleicht eine Gurke singt.

Es ist an der Zeit, dass sich die Gegner neuer Musik von dem Mythos der „Zwangsatonalität“ verabschieden. Und dass sie vielleicht einfach zugeben, was wirklich hinter ihrer Argumentation gegen alles Neue und Andere steckt: eine handfest erzreaktionäre Haltung, die sich der Phantasie und der Freiheit in den Weg stellt. Und diese Haltung will jemanden wie Alma Deutscher gerne instrumentalisieren.

Bleibt nur zu hoffen, dass sie dies bald erkennt, und den einzigen Weg geht, den eine Komponistin gehen muss: Ins Freie. Und dann versteht sie vielleicht auch, was im Moment im europäischen Diskurs am meisten „Dissonanz“ erzeugt. Und das hat relativ wenig mit Musik zu tun.

Moritz Eggert

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11 Antworten

  1. Ein sehr langer aber interessanter Beitrag und ein schöner Einblick in die letzten Jahrzehnte der Musikgeschichte.

  2. EIK sagt:

    Wer sind die Komponisten der neuen klassischen Musik, die auf melodischem Gebiet eine Ausnahme sind?

    • @EIK: viele davon habe ich im Artikel ja schon genannt, allen voran Wilhelm Killmayer (für den Melodik ein absolut zentrales Thema seiner Musik war), aber es gibt noch viele weitere Komponisten, die im 20. Jahrhundert dezidiert mit Melodik gearbeitet haben, oder es heute noch tun, z.B. Per Norgard, Iris ter Schiphorst, Messiaen, Britten, Henze, Berio und viele andere. Auch Ligeti war ein großartiger melodischer Komponist, vor allem im Spätwerk, man denke nur an das Klavierkonzert oder das Horntrio. Aber ich denke Killmayer überragt sie alle in seiner bedingungslosen Hinwendung zu Melodik.

  3. Phantasie und Freiheit werden heute, gluecklicherweise, in Deutschland noch immer hochgehalten, wie die etablierten Instutitionen fuer neue Musik zeigen:

    http://www.youtube.com/watch?v=jwlCD2y2tBA

  4. Interessant finde ich dabei, dass das maschinelle Lernen inzwischen so weit ist, dass es für die Maschinen gar kein Problem mehr ist, so ein Klavierkonzert zustandezubringen, wie das von Alma Deutscher. Ich bin mir sicher, dass ein Turing-Test zwischen Alma Deutscher und einer Maschine ein eindeutiges Unentschieden ergäbe. Ergo: das, was da so als wahrhaftige, also menschliche Emotion empfunden wird (sowohl von Seiten der Komponistin als auch der Rezeption), könnte wissenschaftlich als unhaltbar entlarvt werden. Was mir vor allem für Alma Deutscher leid tut.
    Es stehen interessante Fragen uns bevor nach dem, was uns als Menschen ausmacht. Wie wir uns von Maschinen unterscheiden. Und da könnte Musik tatsächlich mal interessante Antworten geben. Lasst uns suchen.

    • Patrick Schönbach sagt:

      Das ist jetzt aber nicht wirklich ihr Ernst, oder? Mir jedenfalls ist noch kein einziges maschinengeneriertes Stück begegnet, was irgendwie auch nur annähernd nach guter, geschweige denn einfallsreicher Musik geklungen hätte. Die meisten davon strotzen nur so von handwerklichen Fehlern, aber selbst, wenn es mal eine Stelle geben sollte, die für einen kurzen Moment die Illusion von „gut gemacht“ erzeeugt, dann merkt man in der Regel schon nach wenigen Sekunden wieder, dass da ein Zufallsgenerator dahinter steckt und kein Schöpfergeist.

      Ist unser Verständnis für Musik wirklich schon so weit gesunken, dass wir uns dieses geistlose KI-Gedudel als gute Musik verkaufen lassen?

      Außerdem ist Ihre Argumentation ziemlich gefährlich für die Neue Musik, denn eine KI, die „Neue Musik“ generiert, dürfte noch wesentlich einfacher zu realisieren lassen als eine, die überzeugende Musik mit Anspruch im tonalen Idiom generiert, ganz eijnfach, weil Qualiät und Wertigkeit neuer Musik viel schwerer klar zu definieren ist. Die breite Masse kann man vielleicht davon überzeugen, dass die KI den Stil von wem auch immer genauso gut oder gar besser beherrscht, aber es ist Marketing, sonst nichts.

      Diesen Qualitätsunterschied zweischen Mensch und Maschine dürfte man in einer Musik in der (fast) alles geht, wesentlich schwieriger aufzeigen können, als in einer Musik, in der im Vergleich dazu klare Maßstäbe existieren.

      Außerdem sind das genau solche Aussagen wie die Ihren, weshalb Alma Deutscher die Situation so einschätzt, wie sie es tut, ob sie nun recht hat oder nicht.

  5. Wär schön, wenn Sie recht hätten, Herr Schönbach. Aber was mich angeht können Sie beruhigt sei, das ist tatsächlich mein voller Ernst. Ich will Sie jetzt nicht mit Beispielen langweilen, die jeder für sich eh in seinem Sinne interpretieren würde.
    Die große Frage ist doch die nach der Definition von „Anspruch“, finden Sie nicht auch? Die stellt sich bei Alma Deutscher halt auch, genauso wie bei den Maschinen. Aber was soll das denn sein, „Anspruch“?
    Man müsste besagten Turing-Test veranstalten. Das wäre interessant. Denn der fragt nur danach, ob man das Gehörte als von der Maschine oder von einem Menschen komponiert klassifiziert. So subjektive Kategorien wie Anspruch, Qualität oder Wertigkeit spart der angenehmerweise aus.

    • Patrick Schönbach sagt:

      Für manche Leute reicht es sicher schon, wenn ich ihnen ein irgendwie klassisch klingendes, computergeneriertes Stück vorsetze, „klingt wie Bach“ dazu sage und schon werden sie zustimmen. Aber das sagt absolut nichts darüber aus, ob es wirklich wie Bach klingtt.

      Wenn man schon einmal als menschlicher Komponist versucht hat, wie Bach zu klingen, dann weiß man, wie wahnsinnig schwierig das ist, dem nahezukommen. Mit Machine Learning kann man das allenfalls miserabel faken, aber nie wirklich überzeugend hinbekommen. Das ist als Mensch schwer genug, man kann nahe herankommen, wenn man viel Zeit und Studium investiert, aber selbst da erreicht man selten 100%.

      Wer sich mal näher mit dem Turing-Test beschäftigt, merkt, dass es ein sehr fragwürdiges, da ziemlich unspezifisches Kriterium für Intelligenz ist und im künstlerischen Bereich ist dieser erst recht völlig unbrauchbar.

      Was Alma Deutscher betrifft, denke ich nicht, dass sie ihr Leben lang in dem Stil schreiben wird und will, wie sie es jetzt tut. Allerdings kann es durchaus sein, dass sie eine Musikästhetik beibehalten wird, die sich mehr an der Musik der Vergangenheit orientiert (ohne, dass das heißen muss, dass sie bei Stilkopien hängen bleibt oder nie auch modernere Stilelemente verwenden wird). Aber, wenn Alma Deutscher mit ihren Aussagen unrecht hat, wie obiger Artikel darzulegen versucht, und wenn die Kunst frei ist, dann dürfte das ja kein Problem sein.

  6. Frank Aranowski sagt:

    „Über ihre Musik könnte ich einiges sagen, tue es aber nicht, da es meine feste Überzeugung ist, dass man so junge KomponistInnen eigentlich erst einmal sich frei entfalten lassen sollte, bevor man sie in eine bestimmte Ecke stellt.“ Hier hätte der Artikel enden sollen. Danach wird – nach einem bemühten, aber vergifteten Lob und entgegen der Ankündigung – die junge Künstlerin in gleich mehrere Ecken gestellt: „gehypt“, „naiv“, „altklug“. Eggert behauptet, Alma Deutscher würde jedwede Dissonanz ablehnen, obwohl das aus ihrer Aussage überhaupt nicht hervorgeht. Es geht ihr offenbar nicht um die vordergründigen Begriffe „Konsonanz“ und „Dissonanz“, sondern um Inspiration. Ein Bach, ein Mozart, ein Beethoven, ein Brahms oder ein Tschaikowsky – sie alle triefen auch vor Dissonanzen – und trotzdem klingt es nicht so, als ob die Musik direkt aus der Hölle kommt und sich wie ein Schmutzkübel über den Zuhörer ergießt (wie es eben bei vielen zeitgenössischen Stücken der Fall ist). Unglaublich auch der vorurteilsbeladene Satz: „Alma Deutscher (man kann sich die bildungsbürgerlichen Eltern allein schon anhand ihres Namens sehr gut vorstellen) stößt in eben dieses Horn, ohne es wahrscheinlich besser zu wissen.“ Der Gipfel der Unverschämtheit ist, ihr „eine handfest erzreaktionäre Haltung, die sich der Phantasie und der Freiheit in den Weg stellt“ zu unterstellen. Eggerts Ausführungen zu Dissonanzen lassen es darüber hinaus an fachlicher Kompetenz vermissen. Ja, im Mittelalter wurde eine Terz als Dissonanz empfunden. In der damaligen pythagoreischen, quintenreinen Stimmung hatte eine Terz aber 408 Cent – im Gegensatz zu unserer gleichschwebenden, aber auch schon zu hohen 400-Cent-Terz und erst recht im Gegensatz zur Naturterz mit 386 Cent. Die pythagoreische Terz wurde nicht nur als Dissonanz „empfunden“, sondern sie war es auch physikalisch. Deshalb hat man ja später die terzenreine Stimmung eingeführt. Außerdem ist mehrmals von den „Feinden der zeitgenössischen Musik“ die Rede. Wer, bitte, sollte das denn sein? Alma Deutscher kann es nicht sein, denn sie ist komponierende Zeitgenossin und schreibt daher zeitgenössische Musik. Definiert Herr Eggert, wie zeitgenössische Musik zu klingen hat? Anscheinend, denn er kennt ja „den einzigen Weg, den eine Komponistin zu gehen hat“. Ein an Arroganz nicht mehr zu überbietender Artikel. Für mich klingt da nur der blanke Neid eines armseligen Menschen durch, der nicht mit den umfangreichen Talenten einer Alma Deutscher geseget ist, und sich mit so sinnfreien, uninspirierten und unlustigen Ergüssen wie dem „Haemmerklavier“-Zyklus, „De Avaritia“ und peinlichem Klamauk profilieren muss.

    • Alexander Detig sagt:

      Danke, lieber Herr Aranowski, für Ihre sehr passende Antwort auf Herrn Eggerts Post.

      Tja. Bei dieser fundierten Kritik schweigt Herr Eggert (noch).
      Und Vorsicht ist geboten! Weisst man seine „Kollegen“ auf deren Arroganz hin, wird man schnell gebannt – mir ist dies zuteil geworden.

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