Machtmissbrauch an Musikhochschulen ist KEIN Einzelfall

Der folgende Gastartikel ist von „Leon Krokowski“ (studiert an einer deutschen Musikhochschule) und bezieht sich auf die Initative „Studierende gegen Machtmissbrauch an Musikhochschulen“ und die direkten Reaktionen darauf.

 

Der Vorsitzende der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM) behauptet im SPIEGEL, Fälle von Machtmissbrauch seien an Musikhochschulen „allenfalls Einzelfälle”. Damit hat er Unrecht.

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WICHTIG: Dieser Text richtet sich nicht gegen Herrn Fischer persönlich. Da Aussagen in der Art jedoch häufiger auch von anderen verantwortlichen Personen an deutschen Musikhochschulen getätigt werden, werden sie hier zum Anlass genommen, einen Beitrag zu einer Debatte zu leisten, die so oder so ähnlich an vielen deutschen Musikhochschulen stattfindet.

 

Am 16. März erschien bei SPIEGEL online[1] ein Artikel zum Thema Machtmissbrauch an Musikhochschulen. Die dort beschriebenen Fälle reichen von Beleidigungen und Demütigungen bis hin zu sexualisierter Gewalt, mit dramatischen Folgen für die psychische Gesundheit der betroffenen Studierenden. Anlass dieses Artikels war eine Umfrage unter Studierenden in Musikhochschulen im deutschsprachigen Raum[2], in der Betroffene in anonymisierter Form von über 600 Fällen von Machtmissbrauch berichteten.

Wissenschaftliche Studien zu diesem Thema gibt es noch nicht, allerdings kennt praktisch jeder Musikstudentin Kommiliton*innen, die von Machtmissbrauch betroffen sind, oder ist selbst betroffen. Zahlreiche Presseberichte, u. a. im SPIEGEL, in der taz[3], im WDR[4], im Deutschlandfunk[5], in der Rheinischen Post[6] und im VAN-Magazin[7], sowie die Tatsache, dass ein Forderungskatalog gegen Machtmissbrauch an Musikhochschulen[8] Ende letzten Jahres von fast allen Studierendenvertretungen der über 20 Musikhochschulen im deutschsprachigen Raum unterzeichnet wurde, zeigen die Dringlichkeit des Themas.

Wichtig ist dabei, zu betonen, dass Machtmissbrauch nicht erst bei schweren oder sogar strafrechtlich relevanten Fällen anfängt. Auch vermeintlich kleinere Grenzüberschreitungen, wie abwertende Kommentare oder Wutausbrüche im Unterricht, können über einen langen Zeitraum großen Schaden anrichten. Außerdem schafft die Toleranz für vermeintlich kleine Fälle erst ein Umfeld, in dem Täter*innen – oft leider zurecht – den Eindruck bekommen, sich alles erlauben zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

 

Auf die schweren Fälle von Machtmissbrauch bezieht sich wohl Christian Fischer, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM), wenn er im SPIEGEL sagt, die seien “allenfalls Einzelfälle” und seiner Erfahrung nach “eher die Ausnahme als die Regel”. Auch unsere Erfahrungen mit Dozierenden sind überwiegend positiv, und es liegt uns fern, alle Lehrenden unter Generalverdacht zu stellen. Trotzdem treten Fälle von Machtmissbrauch zu häufig und zu regelmäßig auf, um von “Einzelfällen” oder “Ausnahmen” sprechen zu können.

Dozierende haben großen Einfluss auf die Karriere ihrer Studierenden und können diese fördern oder aber auch entscheidend behindern. Der Einzelunterricht findet in geschlossenen Räumen statt und viele Lehrende haben in ihrer eigenen Ausbildung die Ausübung von Druck durch die Lehrperson als selbstverständlichen Teil des Unterrichts erlebt. Diese Strukturen sorgen dafür, dass Machtmissbrauch an Musikhochschulen immer wieder auftritt. Begriffe wie “Einzelfälle” oder “Ausnahmen” stellen Machtmissbrauch als individuelles Problem zwischen zwei Personen dar und verharmlosen somit Machtmissbrauch als strukturelles Problem.

Auch wenn Herr Fischer mit Hinweis auf den Leistungs- und Konkurrenzdruck, dem Musikstudierende auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sind, meint, da könne der Umgangston der Lehrenden “auch mal etwas rauer” werden, bagatellisiert er damit vermeintlich kleine Fälle von Machtmissbrauch, die jedoch erst das Umfeld für schwere Fälle schaffen und selbst zu schweren Fällen werden können, wenn sie regelmäßig über einen längeren Zeitraum stattfinden.

Seine Bemerkung, dass der Name der Lehrperson in Verruf geraten könne, wenn Studierende “nicht abliefern”, nimmt dabei potentielle Täter*innen auch noch in Schutz.

Auch der Verweis darauf, dass es an seiner eigenen Hochschule kaum Fälle von Machtmissbrauch gebe, irritiert, da doch ein Problem der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Täter*innen und Betroffenen ist, dass Vorfälle aus Angst vor negativen Konsequenzen erst gar nicht gemeldet werden. Schlechte Noten, die Verweigerung von Empfehlungsschreiben oder auch schon der Ruf, “schwierig” zu sein, kann bei Betroffenen die Karriere gefährden. Bei vielen ausländischen Studierenden kommen noch sprachliche und kulturelle Barrieren hinzu. Wenn Verantwortliche dann auch noch die Existenz von strukturell bedingtem Machtmissbrauch infrage stellen, wie es beispielsweise Herr Fischer tut, wenn er im SPIEGEL von einer “vermeintlichen Dunkelziffer” spricht, dann ist es für Betroffene schwer, darauf zu vertrauen, dass ihnen geglaubt und dann auch tatsächlich geholfen wird.

 

Wir stimmen Herrn Fischer zu, dass es wichtig ist, eine Kultur des Vertrauens aufzubauen und ein Bewusstsein für problematisches Verhalten zu schaffen. Dabei jedoch in erster Linie auf die Eigenverantwortung der Dozierenden zu setzen, wie es Herr Fischer anscheinend für notwendig hält, kann nicht der richtige Weg sein. Schon jetzt liegt viel Verantwortung bei den Dozierenden, und während die Mehrheit durchaus das nötige Verantwortungsbewusstsein an den Tag legt, gibt es doch immer Fälle, in denen diese Verantwortung missbraucht wird. Deshalb sind Evaluationen und verpflichtende Weiterbildungen für Lehrende zwingend notwendig, auch wenn sie, wie Herr Fischer richtig anmerkt, teils schwer umzusetzen sind. Zum Wohl der Studierenden muss daran gearbeitet werden, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Notfalls müssen dabei von der Politik die notwendigen Rahmenbedingungen eingefordert werden. Die Unterstützung der Studierenden gibt es dabei auf jeden Fall.

 

Ein Kulturwandel hin zu einer Kultur des Vertrauens und damit zu machtmissbrauchsfreien Musikhochschulen ist, so Christian Fischer, ein Prozess, der Zeit braucht. Zeit, in der Machtmissbrauch begünstigende Strukturen weiter menschliches Leid verursachen werden. Deshalb muss jetzt alles irgend Mögliche dafür getan werden, diese Zeit zu verkürzen. Machtmissbrauch als strukturelles Problem an Musikhochschulen anzuerkennen, ist dabei ein notwendiger erster Schritt.

[1] https://www.spiegel.de/panorama/bildung/machtmissbrauch-an-musikhochschulen-wie-kann-man-so-jung-und-so-langweilig-sein-a-8cf21404-c0f0-4d74-86ed-f59ce5546ca6?sara_ref=re-xx-cp-sh

[2] https://www.soscisurvey.de/sturahfmweimarMacht/

[3] https://taz.de/Machtmissbrauch-an-Musikhochschulen/!5992156/

[4] https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-tonart/audio-machtmissbrauch-an-musikhochschulen-102.html

[5] https://www.deutschlandfunk.de/drangsalierung-an-musikhochschulen-umfrage-zeigt-hunderte-faelle-dlf-e64c22f4-100.html

[6] https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/duesseldorf-musik-studierende-erheben-schwere-vorwuerfe-gegen-lehrkraefte_aid-107439881

[7] https://van-magazin.de/mag/klimawandel/

[8] https://www.fzs.de/forderungskatalog-zur-pravention-und-intervention-von-ubergriffigem-unangemessenen-und-missbrauchlichem-verhalten-an-musikhochschulen/

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