The Tired Look Of Sound – eine Rede über den Zustand der filmischen Visualisierung klassischer Musik

Auch die Callas war Mal im Deutschen Fernsehen nur in Großaufnahme zu sehen. Aber das ist schon lange her.

Letzte Woche war ich zu Gast bei dem Kongress „The Look of Sound“, in dem Produzenten, Redakteure und Filmschaffende verschiedener bedeutender Sender zusammenkamen, um um über die Verfilmung von klassischer Musik für visuelle Medien zu diskutieren. Ich wurde gebeten, ein sogenanntes „Impulsreferat“ zu halten. Hier ist es:

Ich bin in einer Zeit großgeworden, als das Fernsehen noch größtenteils schwarzweiß war und es zwei und nur zu bestimmten Zeiten drei Programme gab. Zu dieser Zeit gab es viel mehr klassische Musik im Fernsehen als heute, und überhaupt war die Chance, auf eine anspruchsvolle Kultursendung zu treffen, relativ hoch. Seltsamerweise beschwerte sich niemand darüber, wenn z.B. zu bester Sendezeit ein Feature über Stockhausen zu sehen war.
Natürlich wissen wir alle, wie Klassik damals gefilmt wurde. In den Orchestern spielten hauptsächlich Männer, und die einzige Regieanweisung schien zu sein, dass wenn ein Instrument spielt, man dieses auch bitte möglichst zeigen sollte, auch wenn die Pultnachbarn währenddessen ein Nickerchen machten.

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Sicherlich wollen Sie jetzt von mir hören, wie schrecklich ich das alles fand, und wie viel besser es heute ist. Aber vom Frauenanteil in den Orchestern abgesehen – die damalige Situation war BESSER. Und diese schonungslosen und ungeschönten Einblicke in die für mich damals fremde und faszinierende Welt der Klassik haben mich als Kind so neugierig gemacht, dass ich tatsächlich selber klassischer Musiker wurde.

Klassische und Neue Musik wurde damals einfach präsentiert wie sie ist, und zwar in voller Länge, und ohne sich ständig dafür zu entschuldigen. Es war vielleicht bieder und filmisch wenig wagemutig, aber eines war es nicht: platt oder auf den niedrigsten Nenner runtergedimmt. Es sprang noch kein Thomas Gottschalk durchs Bild, der einem ständig erklärt, dass er von dem, was er da präsentiert, keinerlei Ahnung hat, aus Angst, irgendjemand könnte das zu intellektuell finden. Die Stücke wurden meistens original und nicht homöopathisch präsentiert, und es musste auch noch nicht jeder Musiker aussehen wie ein Pornostar oder Resultat einer ausgeklügelten PR-Kampagne sein.

Ich beschreibe Ihnen dagegen, wie heute Umgang mit klassischer Musik im Fernsehen aussieht: Wenn ein Feature über den modernen Komponisten Helmuth Oehring gedreht wird, verwendet der zuständige Redakteur kein einziges Mal Musik von Helmuth Oehring, da dies ja die Menschen verschrecken könnte, sondern Musik von Queen, da Oehring irgendwann Mal im Film sagt, dass er die als Kind gut fand. Ich finde Queen selber auch großartig, aber es ist glaube ich nicht schwer zu verstehen, was hier falsch läuft.

Wenn ich heute Klassik visualisiert sehe, sehe ich immer irgendeine ominöse Person im Hintergrund, die dem Regisseur ständig sagt: “Mach es hipper! Mach es jugendlicher! Es darf auf keinen Fall anspruchsvoll wirken! Mach es sexy! Nur kurze Ausschnitte!”. Diese Person könnte auch sagen: “Bitte mach es so durchschnittlich und abgefuckt mainstreammäßig wie möglich”, das hätte exakt dieselbe Wirkung.
Und vor allem sehe ich eines: eine wahnsinnige Angst davor, dass etwas Gehalt haben könnte, dass irgendetwas vielleicht echte Bedeutung entwickeln könnte.

Vermittelt man so Klassik? Sicher sind einige von Ihnen Eltern – haben Sie ihren Kindern das Sprechen beigebracht, indem Sie zu ihnen ausschließlich gugu und gaga sagten? Um Sprechen zu lernen, müssen Kinder irgendwann Worte hören, die sie nicht verstehen, dann bringen sie diese Worte in einen Kontext, dann lernen sie sie, und so funktioniert der Bildungsauftrag, den Eltern haben. Und auch Klassik wird nicht besser dadurch, dass man sie auf das Niveau von Volldeppen herunterschraubt.

Das Fernsehpublikum würde sich irrsinnig darüber mokieren, wenn bei einer Fußballübertragung alle paar Minuten die Abseitsregel erklärt würde, und dennoch bin ich sicher, dass es viele im Saal gibt, die die Abseitsregel nicht erklären können, aber dennoch auch Mal bei einem Fußballspiel mitfiebern. Bei klassischer Musik im Fernsehen wird meistens nicht nur die Abseitsregel alle paar Minuten erklärt, sondern man entschuldigt sich noch jedes Mal dafür, dass es überhaupt eine Abseitsregel gibt.

Vielleicht kennen einige von ihnen “Game of Thrones”, vielmehr die Bücher, die der Serie zugrunde liegen. Am Ende dieser Bücher gibt es jeweils einen Anhang, indem auf dutzenden von Seiten die verschiedenen Adelshäuser und buchstäblich hunderte von Personen aufgelistet werden, die auch alle in den Büchern vorkommen. Anstatt das alles bei der Umarbeitung fürs Fernsehen massiv zu vereinfachen, hat man genau den gegenteiligen Weg gewählt: man hat diese Komplexität keineswegs verschleiert sondern umarmt, auch in der Fernsehserie gibt es hunderte von Rollen, manche von ihnen laufen nur einmal kurz durchs Bild und sind dennoch relevant. Und man muss sich auch merken, was z.B. Bran vom Hause Stark in Folge 3 gesagt hat, auch 30 Folgen später. Die Serie ist eine einzige Überforderung, ein Neuling verliert erst einmal komplett den Überblick, aber vielleicht gerade deswegen ist sie vielleicht die erfolgreichste Serie in der Geschichte des Fernsehens. Der Zuschauer merkt: hier werde ich nicht für dumm verkauft, hier werde ich gefordert. Und so sollte es mit klassischer Musik sein.

Seien wir selbstbewusst mit dem, was wir präsentieren, keine Entschuldigung für Inhalte, ja, es darf schwierig sein. Lassen Sie uns das Publikum als intelligent und selbstständig behandeln, dann gibt es auch eine Chance, dass es intelligent und selbstständig wird. Quote entsteht nicht durch Gier nach Quote, sondern dadurch, dass man etwas wirklich Faszinierendes macht und ein bisschen Geduld hat.

Gleichzeitig sollten wir visuell auch mehrere Schritte weitergehen als das Sonntagskonzert annodazumal. Das großartigste Klassikvideo das je gedreht wurde, ist wahrscheinlich der Schluss von Kubricks “2001”. Auch hier keineswegs der Versuch, die Komplexität von Ligetis Musik zu verwässern, nein, die Musik kommt in voller Länge und die Bilder gehen dem Geheimnis dieser Musik auf dem Grund, ohne es zu lösen. Am Ende ist nicht alles erklärt, sondern der Zuschauer steht mit einer großen Frage da, und gerade deswegen erinnern wir uns noch heute an diesen Film, während man die zahllosen Echo-Klassik-Übertragungen schon vergessen hat, bevor sie überhaupt gesendet werden.

MTV hat uns in den 80er Jahren mit sehr experimentellen und verrückten Videos begeistert, in denen keineswegs ständig Musiker an ihren Instrumenten gezeigt wurden. Und das wäre natürlich auch in der Klassik möglich. Was ich gerne sehen würde, wären richtig verrückte, vollkommen bescheuerte, wahnsinnige, fordernde, überwältigende, trashige, experimentelle Klassik-Videos, in denen Geschichten erzählt werden oder auch nicht. Wo ist das “Thriller”-Video der klassischen Musik? Es gäbe ja viel Neue Musik, die sich für Zombieszenen eignen würde. Aber wo ist auch das “Nothing Compares 2 U”-Video der klassischen Musik, in dem vielleicht hauptsächlich nur die Sängerin in Großaufnahme gezeigt wird, und die sieht dann vielleicht auch Mal anders aus als die typische Vertreterin ihres Fachs? Wir waren alle damals in Sinead o’Connor verliebt, weil sie eben NICHT so aussah, wie das typische Popsternchen. In der Klassik dagegen sehen alle immer ähnlicher aus, entweder wie Schwiegersöhne bzw. Töchterchen, oder wie aufgedonnerte Pinups.

In diesem berühmten Video von Sinead o’Connor ging es um Emotionen. Emotionen sind in klassischer Musik mehr als vorhanden, aber genau vor diesem Hauptschatz der Klassik scheint man am meisten Angst zu haben, stattdessen vertraut man lieber mittelmäßigen Geigern, die von leicht bekleideten Püppchen am Klavier begleitet werden, und dabei hektisch herumzappeln und die Haare schütteln. Es wird also auf reinen Sex reduziert, was in Wirklichkeit eine wahre Goldgrube für Klassikvisualisierungen sein könnte, nämlich die wahnsinnigen Emotionen, die z.B. eine “Erwartung” von Schönberg oder eine Mahler-Symphonie zu bieten hätte.

Was ist mit den Popsongs der Klassik, den Liedern? Warum gibt es da nicht mehr Videos, nicht mehr Versuche, hier doch Verrückteres zu wagen, als ständig zwischen den Fingern der Pianisten und den Gesichtern der Sänger hin-und herzuschneiden? Wie gesagt, ich finde nicht, dass in einem Klassikvideo ein Musiker zu sehen sein muss, der sein Instrument spielt, man darf auch andere Dinge zeigen!

Warum nicht auch Mal das Leben von klassischen Musikern zeigen, so wie es wirklich ist? David Simon, der Schöpfer der genialen Serie “The Wire” hat in seiner fantastischen Serie “Tremé” das Leben der Musiker in New Orleans sehr realistisch gezeigt. Zum Serienkonzept gehörte es, dass echte Musiker mitwirkten, und Stücke stets live und in voller Länge gespielt werden. Auch Edgar Reitz ist es in seiner international erfolgreichen Serie “Heimat” gelungen, ein realistisches Bild eines Komponisten Neuer Musik zu zeichnen. “Mozart in the Jungle” dagegen hat, so unterhaltsam die Serie ist, so viel Realismus wie der Anflug auf den Todesstern. Warum nicht Mal eine Serie über Musikstudenten, wie sie wirklich sind? Das hätte in den Zeiten wo die “me too”-Debatte zu Recht und viel zu spät die klassische Musik erreicht hat, sogar richtig dramatisches Potential.

Lassen Sie uns wieder Mut zur Sache an sich haben. Lassen Sie uns Klassik präsentieren von Leuten, die wirklich Ahnung vom Fach haben, die nichts einfacher scheinen lassen als es ist, und dennoch auch nicht dumm herumstehen wie ein Glas Wasser. Wir brauchen einen Harald und natürlich auch eine Harriet Lesch der Klassik. Und wir brauchen Wahnsinnige und wahnsinnig Begabte wie Sie, die Bilder dazu benutzen, um uns zu faszinieren und zu überwältigen, die uns aber nicht mit mangelndem Vertrauen zum Inhalt der Bilder für dumm verkaufen. Dieser ganze Saal ist voller toller Ideen – ich würde mich freuen, wenn Sie auch an diese Ideen glauben.

Moritz Eggert

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