op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 26

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
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Beethoven-op.-111-1.-Satz-Takt-26

Fack! Jetzt weiß ich wieder, warum ich das Hauptthema des ersten Satzes von Beethovens Opus 111 immer so bachisch fand. Wahrscheinlich wegen solcher Takte wie unserem heutigen.

Das alte barocke Spielprinzip (egal ob Vivaldi-Violinkonzert, Telemann-Flötensonate, Bach-Cembalodingens oder halt Beethoven 1822 ausnahmsweise…): Ein Ton bleibt (hier auf den ersten zwei Zählzeiten: c) – beziehungsweise wird im schnellen Tempo immer wieder angesteuert; in der anderen Stimme verändern sich derweil die Töne melodisch – hier: as – g – f – fis. Beethoven macht das ganz schick, indem er diese barocke Spieltechnik als Zitat weder melancholisch (dazu ist das Tempo zu schnell) noch ironisch (dazu ist es zu schnell vorbei) einsetzt; vielmehr ist dieses Barock-Gefühl nur Millisekunden vorhanden. Beethoven schafft es, eine barocke Spieltechnik auf ganz besondere Weise zu transzendieren, aber nicht im esoterischen, sondern ganz im technischen Sinne. Denn nur auf den ersten zwei Zählzeiten können wir von „Barock-Anwandlung“ sprechen; von dem letzten Ton c der zweiten Zählzeit geht es nämlich in der Unterstimme nicht einfach „fröhlich“ (in Anführungszeichen wegen c-Moll und so…) barock weiter; nein, das c wird als Gleitton zum h verstanden; also macht Beethoven auf dem h weiter – und so wird das Ganze dann viel weniger zur „barocken Passage“ als dass es weit eher auf Klavier-Virtuosität à la Revolutionsetüde von Chopin hinaus- beziehungsweise in die oberen Regionen des Klaviers hinaufläuft…

Außerdem sollten wir das Sforzato auf der ersten 16tel der letzten Zählzeit nicht übersehen. Was Beethoven wohl damit wieder bezweckt…

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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