Unfreiheit

Unfreiheit

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Gestern hatte ich darüber gesprochen, dass bei rationaler Betrachtung die persönliche Freiheit der Menschen in diesem Land eher zugenommen hat in den letzten Jahrzehnten, sogar in Coronazeiten. Und damit meine ich die essenziellen Grundpfeiler der persönlichen Freiheit, die man vereinfacht so auflisten kann:

  • Ich kann sein was ich will
  • Ich werde nicht diskriminiert für das was ich bin
  • Ich kann hingehen wohin ich will
  • Ich kann leben wo ich will
  • Ich kann denken und sagen was ich will
  • Ich kann lernen was ich will

Selbstverständlich sind diesen Grundpfeilern selbst in der idealen Welt Grenzen gesetzt, die mit der Freiheit der anderen zu tun haben. Wenn ich ein Mörder oder Dieb sein will, schade ich anderen, das kann ich also nicht sein. Auch kann ich nicht gegen den Willen von Menschen überall hingehen, zum Beispiel in ihre Wohnung einbrechen. Ich darf keine Lügen und Falschmeldungen verbreiten und auch nicht zur Gewalt aufrufen. Aber unsere Gesellschaft hat z.B. die klare Priorität gesetzt, dass Diskriminierung wegen Rasse, Glauben oder Geschlecht verachtungswürdig ist und jede Bürgerin und jeder Bürger sich frei entfalten kann, was Berufswahl und Ausbildung ausgeht. Und für das „Denken und sagen was ich will“ stehen Möglichkeiten zur Verfügung, von denen man früher nur träumen konnte, dank Internet und unzähligen Plattformen, auf denen dies möglich ist.

Das persönliche Unglück würde massiv wachsen, wenn diese Grundpfeiler nicht gewährleistet sind. Niemand will z.B. gezwungen werden, einen Beruf zu ergreifen, den er oder sie nicht will. Es gab aber Zeiten – auch in unserem Land –  in denen der gesellschaftliche oder familiäre Druck hierfür wesentlich höher war als heute. In Afghanistan kann man im Moment z.B. – vor allem als Frau – nicht das sein was man will. Das ist so dramatisch, dass die Menschen verzweifeln oder große Risiken auf sich nehmen, um dieser Situation zu entkommen. Wenn man wiederum in China überhaupt nur öffentlich sagen würde, dass man sich unfrei oder vom Staat unterdrückt fühlt, hätte das sofortige Konsequenzen bis hin zur Verhaftung. Man muss sich diese Vergleiche tatsächlich immer wieder vor Augen führen, sie sind der Lackmustest des Freiheitszustands in unserem Land. Und wir bestehen diesen Test auch 2021.

Das sind alles rationale Argumente, aber natürlich spielen die emotional-intuitiven Argumente für die meisten Menschen eine größere Rolle. Wer sich unfrei fühlt, mag zwar rational betrachtet unrecht haben, aus emotionaler Sicht handelt es sich aber um einen reellen Zustand.

Es gibt drei Gruppen von Menschen, die im Moment das Gefühl von Unfreiheit artikulieren. Die erste Gruppe besteht aus Populisten und Opportunisten, die dies einfach mit dem Kalkül der Opposition behaupten, um Aufmerksamkeit zu bekommen und die politischen Gegner zu diskreditieren. Ob sie selbst wirklich an diese Unfreiheit glauben, sei dahingestellt. Am Beginn der Pandemie forderte Alice Weidel von der AfD z.B. lautstark wesentlich restriktivere Maßnahmen als jede/r andere, schwenkte dann aber opportunistisch um. Solche Menschen artikulieren angebliche „Unfreiheit“ rein taktisch.

Die zweite Gruppe besteht aus Verschwörungsideologen, die sich – entweder opportunistisch oder aus tatsächlichem Glauben –eine Weltsicht gebaut haben, in der es eindeutige Schuldige für die Dinge gibt, die sie psychisch belasten oder ängstigen. Wenn man erst einmal Sündenböcke wie die angebliche „neue Weltordnung“ oder „die Juden“ für sich definiert hat, entsteht daraus ein Konstrukt, das einem Unfreiheit als Emotion geradezu aufzwingt. Denn wenn hinter allem eine angebliche „böse Macht“ steckt, dann fürchtet man deren Manipulation und fühlt sich gesteuert, selbst wenn es dafür keinerlei belegbaren Grund gibt.

Die dritte Gruppe aber – und um die geht es mir hier eigentlich – ist weder politisch extrem noch verschwurbelt, fühlt aber ein großes Unbehagen und einen zunehmenden Freiheitsverlust.

Hierfür kann es unterschiedliche Gründe geben. Natürlich sind nämlich all den oben genannten Freiheiten leider Grenzen gesetzt, die mit dem zu tun haben, was auf aller Welt gilt: dass wir Geld brauchen, um die meisten Dinge zu tun können. So können wir alle rein theoretisch überall hinreisen (wenn uns die Länder hineinlassen), aber wir müssen es uns auch leisten können. Wir können leben, wo wir wollen, aber wir müssen die Miete bezahlen können.

Wenn also die oft zitierte „Schere“ zwischen Arm und Reich zunimmt, steigt das Unfreiheitsgefühl der Ärmeren drastisch, und zwar sogar verstärkt, wenn die grundsätzlichen Freiheiten sogar eher zunehmen, denn diese können dann von den Reichen umso spektakulärer ausgeschöpft werden (was definitiv der Fall ist, man schaue sich nur das an, was Jeff Bezos und Elon Musk heute können, und was Milliardäre früher konnten). Ein wichtiges Ziel jeder freiheitlich geprägten Regierung sollte es also immer sein, für möglichst große soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Aber mit dieser Theorie erklärt man nicht die Menschen, denen es finanziell gut geht, denen alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen und die dennoch eine wachsende Furcht vor dem Verlust von persönlicher Freiheit haben, was sie dann manchmal mit dem angeblichen Verlust von „Grundrechten“ verwechseln.

Grund hierfür ist glaube ich ein Paradox, das dem von mir schon erwähnten „False Balance“ – Beispiel ähnelt, und das ich mit „False Bondage“ bezeichnen würde, eine Illusion von Unfreiheit also.

Gerade weil die individuelle Freiheit sich in sozialen Medien zu äußern und zu artikulieren so drastisch zugenommen hat durch, entsteht eine neue Form von Unfreiheit, die mit der daraus entstehenden Gruppendynamik zu tun hat. Je weiter ich nämlich meine persönlichen Ansichten als Privatmensch verbreiten kann, desto mehr Widerspruch werde ich bekommen. Tatsächlich wird mir aber gerade dieser Widerspruch und nicht die Zustimmung (und das ist die Parallele zu „False Balance“) besonders auffallen. Viel mehr als früher (als ich nur mit eher Gleichgesinnten in meinem direkten Umfeld zu tun hatte, z.B. Freunden und Verwandten) habe ich also die Erfahrung, dass es eine andere Meinung gibt, und da mir diese andere Meinung viel öfter als früher entgegengeworfen wird, habe ich das Gefühl, dass ich darauf reagieren muss. Das erzeugt Stress.

Diesen Stress kann man aushalten, wenn man sehr streng rational und sachbezogen argumentiert. In der Wissenschaft ist es z.B. grundsätzlich möglich, sich von neuen Fakten überzeugen zu lassen, das ist das Herz der Empirik. Aber ein Großteil der Onlinediskussion ist eher emotional geprägt, also eher davon, was Menschen empfinden und glauben, nicht von dem, was sie wirklich wissen. Manches ist auch einfach nur Meinung, was mit Argumenten nicht immer verändert werden kann.

Auch die sogenannte „politische Korrektheit“ ist eher Meinung als Argument, und zwar eine öffentliche, die durch Konsens entsteht und sich stetig wandelt parallel zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Man kann sicherlich mit Argumenten begründen, dass z.B. Rassismus und Diskriminierung für eine Gesellschaft nicht gut sind, aber hierzu muss man sehr weit ausholen und historische Vergleiche ziehen. Das ist nicht bei jeder Diskussion über Gendersternchen möglich.

Wenn also die eigene Meinung gegen das steht, was von der Mehrheit als konsensfähig betrachtet wird, kann es sein, dass dies besonders großes Traumapotenzial hat, denn man empfindet sich dann mit der eigenen Meinung plötzlich im Widerspruch zu einer Mehrheit. Aus diesem Gefühl, in die Enge getrieben zu sein, entsteht im schlimmsten Fall ein sich zunehmend radikalisierender Widerspruch.

Wir erleben also alle nicht zunehmende Unfreiheit, sondern zunehmendes Leiden an dem durch die sozialen Medien verstärkten Widerhall des Widerspruchs. Je mehr Echokammern es gibt, desto mehr schaukeln sie sich im Widerspruch aneinander gegenseitig hoch. Jeden Tag kommen aber neue Echokammern hinzu – Facebook, Twitter und co werden nicht das Ende dieser Entwicklung sein. Und die totale Vernetzung hat noch großes Wachstumspotenzial.

Die traurige Wahrheit ist also die, dass weder politische Verschwörungen noch Pandemiemaßnahmen echte Unfreiheit erzeugen – wir selbst sind es, weil die Freiheit der Anderen stärker wahrgenommen wird als je zuvor. Andere Ansichten waren noch nie in unserem Alltag so präsent, und das empfinden wir als zunehmend bedrückend.

Moritz Eggert

München 13.9.2021

Hexenschusssituation unverändert. Daher geht wenig außer Nachdenken und Artikel schreiben. Zum Beispiel diesen.

Foto: Matrix 4, Warner Brothers

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