Dreimal Kunst in Coronazeiten – Veranstaltungstipps

  1. Auf gefühlt tausenden von Theater-und Veranstaltungswebseiten kann man im Moment Zeilen lesen wie: „Das Coronavirus hat große Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens weiter fest im Griff…deswegen…“. Die Notwendigkeit einer klaren Informationspolitik zwingt alle dazu, endlos etwas zu wiederholen, was eh schon jeder weiß…oder gibt es wirklich noch irgendjemanden, der noch nicht von der Pandemie gehört hat? Und auf die Website zum Beispiel des Theaters an der Wien klickt, genau das eben Zitierte liest und plötzlich denkt „What??? Ein Virus??? Alles abgesagt??? Wahnsinn, das wusste ich ja gar nicht!!!“

Ich mache das aber dem Theater an der Wien ganz gewiss nicht zum Vorwurf, denn wie viele Häuser momentan bemühen sie sich, im Gespräch zu bleiben und ihre Arbeit zu dokumentieren. In diesem speziellen Fall geschieht dies mittels Kooperation mit dem Streaming-Dienst „fidelio“, einem Service vom ORF und Unitel, der sich der klassischen Musik widmet. Neue Musik findet man hier quasi nicht, aber dafür vollkommen überraschend die unbekannte Oper „Fidelio“ eines gewissen Ludwig van. Und natürlich noch vieles anderes!

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Wer man reinschauen will, klicke hier, und unterstützt damit auch gute Opernhäuser wie das Theater an der Wien.

 

  1. Mein sehr geschätzter Kollege, der österreichische Komponist Gerd Kühr, arbeitet zwar im Moment an einer neuen Oper, hat aber für diese Zeit ein spezielles Stück geschrieben mit dem Titel „Corona Meditation“. Das Besondere – jeder kann daran mitwirken, vom eigenen Wohnzimmer aus, und gemeinsam mit angesehenen Pianisten wie Pierre Laurent Aimard, Bernd Glemser, Janna Polyzoides, Markus Schirmer, Marino Formenti und Christoph Hinterhuber musizieren, egal welches pianistische Niveau man selber hat. Heute (Donnerstag 30.4. um 19:30) beginnt die Liveperformance im Rahmen eines virtuellen „Styriarte“-Konzertes, Informationen sind hier zu finden. Beginnen werden das Stück Olga Chepovetsky und Philipp Scheucher, danach gibt es eine Art Werkeinführung, dann wird die Performance für beliebig viele Mitwirkende geöffnet, die sich allerdings vorher für einen „ZOOM“-Link anmelden mussten. Bis heute Mitternacht wird das dann live gestreamt werden.

Hier eine detaillierter Text auf Deutsch und Englisch über das Projekt Corona Meditation description_eng_ger final Corona Meditation Score ger_eng final und die Partitur Corona Meditation Score ger_eng final  (mit freundlicher Erlaubnis von Gerd Kühr und den Veranstaltern). Wo genau das Ergebnis auch für nicht Mitwirkende dann erlebbar wird, ist noch nicht ganz klar, ich nehme aber an, dass die Styriarte uns bald informieren wird. Hier gibt es auf jeden Fall einen Link zum Zoom-Meeting.

 

  1. Andere Wege gehen der Komponist Alexander Schubert und das Decoder-Ensemble – bekanntermaßen in der Oberliga, was innovative Konzert-und Kompositionsformen angeht. Ein ursprünglich für eine Liveperformance der Elbphilharmonie konzipiertes Stück wurde nun speziell für Corona-Zeiten zu einer reinen Internetperformance ohne Publikum. Das Besondere dabei: das Publikum ist direkt involviert und steuert die Musiker als Avatar wie in einer Art Live-Computerspiel durch eine leere Fabrikhalle. Das was die Akteure sehen ist quasi die Ego-Perspektive der Spieler an den Bildschirmen. Kommunikation ist nur durch klare sprachliche Befehle per Internet möglich, die der Avatar nur mit Reaktionen wie „Ja“, „Nein“ oder „Sehr gerne“ und „Vielen Dank“ beantworten kann. Die Spieler – die im Vorfeld einen 55-minütigen Gratis-Slot buchen mussten – steuern also quasi ein menschliches Alter Ego ihrer selbst durch einen realen Raum und lassen diesen mit anderen Avataren oder Objekten interagieren.

Ich habe das Ganze diese Woche ausprobiert und hatte sehr viel Spaß, vor allem an der unfreiwilligen Komik vieler Missverständnisse, die aus der nicht ganz klaren Steuerung und kleiner Technikausfälle resultierten. Die Atmosphäre der Fabrikhalle ist desolat und erinnert an „In the Country of Last Things“, einen frühen Paul Auster – Roman. Jeder Spieler muss fünf meistens absurde Gegenstände auswählen, die dann bald in der Halle herumliegen, die immer unordentlicher und unübersichtlicher wird. Zur Auswahl stehen so diverse Objekte wie Umschnallldildos oder Schallplatten mit Schlagern. Ein Kommentar auf die Abgründe der Wegwerfgesellschaft? Oder intelligenter digitaler Schabernack? Dass man diese Frage nicht beantworten muss, um eine ungewöhnliche Zuschauererfahrung zu machen, ist die Qualität dieser Arbeit, die eher in eine Performancerichtung geht, da Musik kaum eine Rolle spielt (obwohl Musiker agieren). Macht aber nichts!

Die Plätze dieses komplett Corona-kompatiblen Spektakels sind leider ausgebucht, aber vielleicht wird noch was frei. Hier findet man Infos und einen steten Livestream, den jederfrau anschauen kann:

 

Moritz Eggert

 

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