Don´t Talk ( Put Your Head on My Shoulder )

Werbung

( Foto: Carola Bark )

Werbung

60 Jahre „Pet Sounds“ – ein Kalenderblatt von Jobst Liebrecht.

Vor genau 60 Jahren im Mai 1966  erschien in Los Angeles das legendäre Album „Pet Sounds“ der Beach Boys, das ich hier in der Zeit der Corona-Epidemie 2021 schon einmal ausführlich gewürdigt habe:

https://blogs.nmz.de/badblog/2021/10/25/mit-pet-sounds-durch-die-pandemie/

Ich komme in meinem Musikerleben immer wieder auf diese Musik zurück. Ich versuche immer wieder mit Worten zu beschreiben, weswegen sie auch für die klassische Musik ein Beispiel von Komponierkunst sein kann  – was im Übrigen auch schon andere Komponisten vor mir wie Heiner Goebbels entdeckt haben:

Sie ist seelenvoll von der ersten bis zur letzten Minute.

Sie ist einfach, aber immer auch hochkomplex.

Sie hat wunderbare Melodien und Harmonien, weist Wege, wie diese erneuert weiter genutzt werden könnten.

Sie behält auch unter einer fröhlich wirkenden Oberfläche immer etwas Unaufgelöstes, Rätselhaftes bei sich.

Sie hat Rhythmus und perfektes Timing.

In den letzten Tagen habe ich erneut versucht, dem dort weiter auf den Grund zu gehen, indem ich eine von Brian Wilsons wunderbarsten Liedschöpfungen, die Ballade „Don´t Talk ( Put Your Head on My Shoulder )“ in seiner Akkordstruktur genauer unter die Lupe nahm, etwas, das ich , to be honest , schon seit Jahren vor mir hergeschoben hatte, denn ich konnte dieses Lied nie in seiner Faktur verstehen, so sehr ich es immer liebte. Es überstieg meine spontane Auffassungsgabe. Es war widerständig und widerborstig bei jedem Hören. Sein „Feel“ war zu stark und vernebelte mir völlig die Wahrnehmung:

https://www.youtube.com/watch?v=RyComJz4ZFw

Dabei haben die lastenden Mollseptakkorde mich immer von Beginn an gefangen genommen. Brian Wilson hat äußerst selten Songs in Moll komponiert.  Dieses, so wirkt es zumindest am Anfang, könnte einer davon sein.  Der Klang der Orgel, dräuend aber auch mit hohen Registern und die dumpf  klingelnde, so berühmte Bass-Line mit Carol Kaye in der Tiefe erzeugen zusammen ein nennen wir es: Registerloch in ihrer Mitte wie ein existenzielles Void. Alles transportiert einen sofort in die sowohl intime, zärtliche als auch von Melancholie und verschwiegenem Abschied getränkte Atmosphäre , in der die Stimme sofort ihren Platz findet.

Ich kann persönlich bezeugen, dass dieser Song in der Lage ist, Situationen von großer Verzweiflung, Ratlosigkeit und Überforderung in seinen Klängen aufzufangen und abzubilden. Der Einsatz von Streichern und Pauke für die Darstellung des „heart beats“ ist dabei von besonders großer Zeichenhaftigkeit, die regelrecht einen Erkenntnis-„Schock“ wie an einigen Stellen bei Gustav Mahler auslösen kann.

Über der chromatisch gefärbten Bass-Linie , die von Bach stammen könnte: Es –  (Ges – F)- (Ces-B ) – ( Des-C ) – ( H- B ) – (As – Des ) – ( As – Des ) – ( As  E- H ) ( H-Fis-E-D ) – Des

steht eine ebenso labyrinthische Akkordfolge :  es 7 – c b57 – F 7 – f b57 – B 7 – Ges mit 5 im Bass – c b57 – h 7 – Ges mit 3 im Bass –  as 7 – Des 7 – as 7 – Des 7 – E 79 – h 7 – h – Fis / Ges mit 5 im Bass.

Wer in diese Akkorde eintaucht, macht die Entdeckung, dass es doch eine Grundtonart in Dur hinter ihrer Reihenfolge gibt, nämlich Ges-Dur.

Der wackere Recke Al Jardine von den Beach Boys , einer der letzten Überlebenden der Band zur Zeit und immer noch auf Tour, hat immer beklagt, dass Brian Wilson so viel in abgelegenen B- und Kreuz-Tonarten komponiert hat!

Nur ist diese Grundtonart wie in einigen anderen speziellen Meisterwerken von Brian Wilsons Liedkunst wie zum Beispiel auch in „God only knows“ extrem verschleiert und unstabil. Die ersten drei Akkorde es 7 – c b57 – F 7 würden eigentlich nach b-moll kadenzieren. Die folgenden drei Akkorde f b57 – B 7 – Ges mit 5 im Bass könnten nach es-moll kadenzieren ( was als parallele Molltonart schon etwas näher  an Ges herankommt )  und dann wird doch überraschend h-moll angesteuert, und dann pendelt der beruhigende ( ist er das wirklich? ) Refrain „Don´t talk“ mit Des 7 und as 7 auf V und II , also auch noch verdreht, von Ges-Dur herum. Diese Grundtonart dann wird aber erst nach einer weiteren Ausweichung mit E 79 und h 7 erreicht, indem dann hmoll plötzlich als Mollsubdominante sich zu erkennen gibt. Die Auflösung in die Grundtonart Ges geschieht  nur in eine Umkehrung auf  der Quinte als Grundton, bleibt instabil und geht nahtlos in die nächstfolgende Strophe wieder über.

Man mache den Gesamttest, indem man am Ende des Songs statt des unaufgelösten Fadeouts der V-II- Kadenz einfach nach Ges-Dur maj7 mit Grundton im Bass auflöst, um festzustellen, was einem hier die ganze Zeit vorenthalten wird.

Ich bin fast versucht, von wagnerischer Harmonik zu sprechen, zumal auch so viele halbverminderte Akkorde verwendet werden, und das Ganze eine große Ambiguität immer behält.

Ges-Dur / Fis-Dur: 6 Bs, 6 Kreuze: Im Internet kursieren Fassungen jeweils in der B- als auch in der Kreuz-Fassung. Beides ist nicht  in jeder Hinsicht letztendlich befriedigend und man muss etwas hin- und her“switchen“.

So weit, so komplex  in Kurzform. Jede/ jeder merkt beim Lesen hoffentlich sofort, dass man diese Akkorde nur versteht und nachvollzieht , wenn man sich sehr in ihre Klangwelt, ihre inneren Verwandtschaften und Beziehungen hinein begibt. Und ich betone nochmal, dass ich mindestens fünf Jahre lang „Don´t talk“ sehr häufig gehört habe, ohne für mich dessen Harmonien auflösen zu können oder auch überhaupt nur dieses zu wollen. Es war ja genug so in seiner Unauflöslichkeit.

Denn es hat auch eine umwerfend direkte und einfache Ebene, das ist sein Text, der in wenigen Sätzen die sprachlose, von Liebe erfüllte  Kommunikation des einfachen Beieinander-Sitzens aufruft und für immer festhält. Und ebenso Brian Wilsons Stimme in ihrer damals jugendlichen Unschuld und Klarheit bringt die verschnörkelten Melodielinien wie eine Arie einer Bach-Kantate auf direkteste Weise zum Klingen.

In dieser Melodieführung mit ihren vielen Vorhaltsbildungen, die einen durchaus klassischen, an Bach oder Mozart erinnernden Charakter erzeugen, gibt es auch noch anderes zu entdecken. Die Melodie besitzt „innere Stimmen“ wie bei Robert Schumann und ist etwa im Sinne von Schenkers Ursatz aufgebaut auf einem großen Bogen, der sich von b´ über eine ganze Oktave auf b herunter senkt. Man bemerkt dieses, wenn man sie nachsingt und Zentraltöne innerlich feststellt und ortet. Insbesondere ist der „Sopran“, den Brian Wilson im Falsett singt,  mit dieser untergründigen inneren Stimme vielfältig verzahnt. Bei „Don´t talk“, dem Refrain verschmelzen die beiden ineinander. Dieses wohlgemerkt dürfte etwas sein, was der noch junge Komponist völlig instinktiv und intuitiv geschaffen hat. Allerdings war er sich über die intrikaten Wendungen dieses Songs sehr wohl bewusst und zeitlebens sehr stolz auf ihn – sowohl auf seine eigene Gesangsperformance darin als auch auf die Bass Line als auch auf die Chords.

„Don´t talk“ wurde von einer Vielzahl von großartigen KünsterInnen nachgesungen, darunter Linda Ronstadt, Anne Sofie von Otter mit Elvis Costello, oder zuletzt Chris Stamey. Das Original bleibt unerreicht.

Vor einigen Tagen hat Capitol Records in Los Angeles die Wiedereröffnung seines legendären runden Turmgebäudes gefeiert mit einer Party zu Ehren von 60 Jahren „Pet Sounds“ – das diesselbe Plattenfirma damals 1966 nicht mit der gebührenden Ehrfurcht, sondern recht schnöde behandelt hat. Auf dieser Party waren als Stargäste die drei überlebenden Beach Boys Al Jardine, Mike Love und Bruce Johnston zugegen. Im Internet sind Ausschnitte von Interviews mit allen dreien zu sehen, in denen sie „Pet Sounds“ in der Rückschau zu würdigen versuchen mit gemessenen, teils anrührenden, teils schütteren Worten.

https://www.youtube.com/watch?v=J5WMqCEjSyI

Brian Wilson ist nicht mehr dabei. In wenigen Wochen jährt sich zum ersten Mal sein Todestag.

 

( Jobst Liebrecht, 18. Mai 2026 )

 

 

Liste(n) auswählen:
Unsere Newsletter informieren Sie über Neuigkeiten im Badblog Of Musick. Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister, statistischer Auswertung und Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzbestimmungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert