Sonate für den guten Menschen – Meine drei liebsten op.-111-Interpretationen

Meine 335-teilige Beethoven-Serie ist vorbei. Ein Facebook-Freund – der Künstler Jan Eustergerling – hat mir nicht nur vorletztes Jahr eine selbstkompilierte CD geschickt, die ich noch nicht angemessen würdigen konnte, sondern: Er scheint ein guter Mensch zu sein. Ihm, der außerdem in einem Bad-Blog-Kommentar lieb nach konkreten Interpretationsempfehlungen fragte, sei dieser kleine Beitrag hier gewidmet.

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In der Beethoven-Reihe habe ich ja immer wieder Interpretationsvergleiche angestellt. Da man die – bei der schieren Masse von 335 Artikeln – nicht so leicht findet: es handelt sich bei den Interpretationsvergleichsausgaben um die Folgen 4, 13, 16, 28, 49, 95, 111, 167, 200, 250 und 300. Nun aber in Kurzform…

Platz 3
Artur Schnabel (1932)

Artur Schnabel (1882-1951) ist ein Beethoven-Gigant. Er ist bis heute der radikalste Beethoven-Interpret. Gleichzeitig ist er ein Dinosaurier der Beethoven-Interpretationskunst. Niemand hatte so viel Mut zum Risiko. Schnabel stürzte sich mit allem, was er hatte, ins sforzato-angewütete Beethoven-Elfenbein der Raserei; niemand nahm Tempoangaben so ernst. Bei kaum jemandem blieben so viele Töne auf der Strecke – beziehungsweise: bei kaum jemandem kamen so viele falsche Töne hinzu. Wen kümmert es? Was bleibt, das ist Auf- und Erregung. Groß!

Platz 2
Sviatoslav Richter (1963)

Der Name Sviatoslav Richter (1915-1997) mag hier vielleicht überraschen. Als Beethoven-Interpret bleibt er möglicherweise vielen eher nicht in Erinnerung. Wer sich seine Interpretation der letzten Beethovenschen Sonate allerdings anhört, der merkt schnell: die Intensität, mit der Richter in die (Un-)Tiefen der Werke Schuberts und Liszts eindrang, die ist auch hier zu erleben. Richter hatte die Fähigkeit schönsten Klaviergesangs; singen auf einem Instrument, das dafür nicht unbedingt prädestiniert erscheint! Sviatoslavs summend-seliges Singen steht immer auf herrlich schockierende Weise neben der selbstgewählten Härte von Beethoven-Schicksalseinschlägen auf der Klaviatur. Dieses höchst ernste und niemals zu veralbernde Nebeneinander ist ein wichtiger Schlüssel zum möglichen Verständnis Beethovens. Richter war und ist einer der Schlüsselinhaber. Der heimliche Hausmeister Beethovens sozusagen. Der Vize-Grundstücksverwalter von Beethovens Opus einhundertundelf.

Platz 1
Solomon Cutner (1951)

Er nannte sich schlicht Solomon (1902-1988), weil an Solomon Cuter noch ein Cutner hing, das er sich selbst abzuschneiden einst anschickte. Er ist bis heute ein unterschätzter Pianist, der Beethovens op. 111 mit jeder blutdurchpuckerten Ader seines Herzens und seines Kopfes durchdringt, zum erhebenden Dröhnen bringt – und das zerbrechlichste Pianissimo riskiert. Sein Klavierspiel ist voller Zugeständnisse an die Wahrheit echt erlebten Schmerzes, voller Schönheiten… Stets empfehle ich Solomon. Und ich bleibe da. Bye.

Solomon Cutner (1902-1988)

Solomon Cutner (1902-1988)

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

1 Antwort

  1. Jan Eustergerling sagt:

    Vielen Dank für die schmeichelnde Einleitung. (-:
    Erstaunlich, wie unterschiedlich die Interpretationen klingen, obwohl sie sich doch alle die gleichen Noten spielen. Ob der Schnabel bei dem teils irren Tempo die eine oder andere Noten übersprang … das kann ich nicht hören. Ich finde die Interpretation von Richter „härter“ als die von Schnabel. Der Cutner gefällt mir am Besten. Ich finde seine Interpretation sehr „rund“.
    Bei mir wäre es also Cutner vor Schnabel vor Richter. Mit einem kleineren Abstand zwischen Cutner und Schnabel und einem etwas größeren zum Richter.
    Aber was ich sagen kann: das Stück an sich imponiert sehr. Was eine Reise, von Gewitter-Wallung bis süssliche Muße.

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