Der Preis der Bequemlichkeit
Der Preis der Bequemlichkeit
Komponieren ist ein anstrengender und schlecht bezahlter Job. Kompositionshonorare stehen selten im Verhältnis zum Aufwand. Vor allem jüngere Komponierende werden bei größeren Aufträgen wie Opern oder Orchesterwerken zunehmend über den Tisch gezogen von Auftraggebern, denen steigende Sparzwänge die Saisonplanung vermiesen. Es verwundert daher nicht, wenn Strategien angewandt werden, die die Arbeit vereinfachen können. Und das ist im Zeitalter der digitalen Medien einfacher als je zuvor.
Wer je ein bisschen kompositorisch mit einem Notenprogramm oder algorithmischen Hilfsprogrammen gearbeitet hat, weiß, wovon ich spreche. Denn irgendwann hat man haufenweise Dateien mit komponierter Musik auf dem Rechner, die als immer neue Fundgrube herhalten können, wenn es mal knapp wird und die Ideen ausgehen. Und man kann alles kopieren, transponieren und relativ schnell uminstrumentieren, vielleicht sogar so, dass es ganz anders klingt. So kann vielleicht eine komplexe Multiphonic-Flötenpassage aus einem Solostück auch in einem Orchesterstück Verwendung finden, wenn man einen ähnlichen Effekt will. Man kopiert einfach die betreffenden Takte und setzt sie im Orchesterstück ein. Wer wird das schon merken? Oder vielleicht ist einem eine bestimmte harmonische Sequenz für Streicher gelungen, die man dann für das nächste Orgelstück uminstrumentiert. Das ist noch nicht einmal viel Arbeit – man klickt auf „Zusammenfassen“ und fertig ist der Orgelpart. Wie hoch ist die Chance, dass im Publikum jemand sitzt, der das merkt und das eigene Gesamtwerk auswendig im Kopf hat?
Der Möglichkeiten gibt es viele, und je mehr man unter Zeitdruck man ist, desto mehr wird man das vielleicht auch tun. Und wem es zu mühsam es ist, Akkorde oder Töne zu erfinden, kann schnell zu zahllosen Programmen greifen, die einem Algorithmen für alle möglichen Prozesse zur Verfügung stellen und alles schnell errechnen. Oder man lässt sich von KI-Kreationen inspirieren, die man promptet und dann wieder in Noten umwandelt.
All das ist nicht unbedingt ehrenrührig. Auch im Zeitalter der handgeschriebenen Noten gab es das „copy und paste“ spätestens seit der Erfindung des Kopierapparats. Da wurden Notenseiten kopiert, mit der Schere ausgeschnitten und neu zusammengesetzt, dann wieder kopiert oder neu gesetzt. Und es gab auch Komponisten, die ohnehin immer nur an „einem“ Werk schrieben, zum Beispiel Wolfgang Rihm, bei dem die Stücke oft nahtlos ineinander übergingen oder Material aus dem einen in einem anderen Stück wieder auftaucht, vermutlich, weil das Skizzenbuch noch auf dem Klavier lag. Selbst ein Wenigschreiber wie Kurtag bediente sich dieser Methode. Das kann dann allerdings auch mal auffallen, z.B. wenn man zwei Stücke im selben Konzert spielt, in denen im Klavier exakt dieselben Takte vorkommen (das ist mir tatsächlich einmal passiert!).
Andere Komponisten gehen ganz offen mit Wiederverwertung um – das Klavierstück „Trepidus“ von Louis Andriessen ist ein Teil des Orchesterparts von seinem „De Snelheid“, das schreibt er auch im Text zum Stück, macht also den Arbeitsprozess durchsichtig. Und das Stück hat einen Eigenwert, eine andere Wirkung auf dem Klavier. Auch ein Maurice Ravel war ein geschickter Wiederverwerter, fast alle seine Werke existieren in Orchester- und Klavierversionen, jeweils exquisit und handwerklich auf höchstem Niveau.
Und natürlich wissen wir, dass auch ein Mozart oder ein Bach aus einem nicht unendlichen Reservoir an Ideen schöpften, bei dem sich gelegentlich auch einmal etwas wiederholen konnte. Vermutlich aber eher zufällig, weil man sich in einem Rahmen aus bestimmten gängigen Floskeln und Motiven bewegte, die sich nicht immer drastisch unterschieden. Zu diesen Prä-Urheberrecht-Zeiten schrieb man aber auch sehr gerne ungeniert voneinander ab, meistens als Hommage-Imitation und auch um etwas voneinander zu lernen. Im Rückblick ist das tatsächlich sehr viel Arbeit im Vergleich zu heute gewesen, denn weder konnte man Noten sofort als .pdf oder .mid im Netz finden, noch waren Druckausgaben gängig oder vorrätig: man erinnerte sich meistens an das, was man gehört hatte, und das setzt großes musikalisches Können voraus.
Auch In der Filmmusik muss es heute husch, husch gehen – das Geschäft wird immer kompetitiver und es wird nach Minute bezahlt. Gleichzeitig wird es immer leichter, mit KI diese Musik zu erzeugen, da Filmmusik nur noch selten von Noten gespielt wird, sondern die Komponierenden gleich die Audiodateien liefern müssen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele generische Soap-Opera-Musik inzwischen komplett von Udio geliefert wird, ohne dass die Komponisten mehr machen als ein paar Prompts zu geben. Da kann man in kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen – spätestens bis die Produzenten dahinterkommen (und das werden sie) und ihre eigene Musik erstellen, um Geld zu sparen.
Die zunehmende Beschleunigung des Arbeitsprozesses ist auch eine Konsequenz der fallenden Honorare im Kompositionsberuf. Die Gesetze des Marktes bringen es mit sich, dass manche Komponierende mit Aufträgen überhäuft werden, die für sie zeitlich gar nicht mehr zu schaffen sind, während andere sich verzweifelt nach Aufträgen sehnen. Selbst ein großer Komponist wie Hans Werner Henze war sich dann nicht zu schade, Hilfskräfte anzuheuern, die nicht immer in den Partituren bezeichnet sind. Und zumindest eine Oper des berühmtesten und erfolgreichsten lebenden englischen Komponisten der Neuzeit (ich nenne keine Namen) ist nur zu ganz kleinen Teilen von ihm selbst, sondern stattdessen von einem ganzen Komponistenteam, das kurz vor der Uraufführung Nachtschichten einlegte. Er verbeugte sich aber alleine.
Giacinto Scelsi ist hier ein bis heute umstrittener besonders interessanter Fall – es ist gesichert belegt (wenn auch auf seiner wikipedia-Seite nicht erwähnt), dass die orchestrale Klangästhetik seiner späteren Werke (für die Scelsi besonders berühmt ist) auf der Arbeit von Vieri Tosatti beruhte, der Scelsis zum Teil unstrukturierte Endlosimprovisationen auf der Ondiola oder einem Klavier in eine orchestrale gültige Form brachte. Jeder Kompositionsstudent weiß, wie viel Arbeit es ist, ein paar schnell dahin gespielte Klänge interessant für Orchester zu gestalten, aber man argumentiert auch, dass die ästhetischen Ideen von Scelsi sehr speziell und immer erkennbar sind, sie haben eine „Handschrift“.
Wie auch immer – dieser kleine Streifzug durch die Musikgeschichte zeigt, wie viele Methoden es gibt, „bequem“ zu komponieren, Arbeiten outzusourcen oder Material endlos wiederzuverwenden. Das muss noch nicht einmal das eigene sein – an unserer Hochschule gab es mal den Fall eines Studierenden, der einfach fremde MIDI-Dateien aus dem Internet zog und diese mittels Notenprogramm in Orchesterpartituren umwandelte. Das ist auch ein bisschen Arbeit, aber deutlich weniger Arbeit, als die Töne zu erfinden.
Mir scheint, dass es in Zukunft NOCH einfacher sein wird, bequem zu sein. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Hilfsprogramme Audiodateien in ausgeschriebene Orchesterpartituren umwandeln können. Dann promptet man erst der KI die Musik, und lässt sie sich – ebenfalls von KI – wieder in notierte Musik umwandeln, die dann – und das ist die bittere Ironie – von Menschen geübt und gespielt werden muss. Der Komponist hat dabei die wenigste Arbeit, die Musiker müssen aber schuften. In einer Umkehr der Schöpfungskette werden wir dann zu Sklaven unserer eigenen Ideenreproduktion, denn natürlich beruht das, was die KI macht, zu 100% auf menschlicher Schöpfung und menschlichen kreativen Ideen.
Der nächste Schritt ist dann die direkte Umsetzung von Ideen im Kopf, ohne dass man noch einen Finger rühren muss. Man stellt sich Musik vor, sofort wird sie ausgedruckt. Ach was – man braucht eh keine Noten mehr, denn an diesem Punkt der nicht zu fernen Zukunft kann niemand mehr selbst ein Instrument spielen, das geht nur noch mit implantierten KI-Chips, die einem automatisch die Finger bewegen, damit die Chopin-Etüde perfekt läuft. Und natürlich hat auch niemand mehr Einfälle, denn das wäre ja zu anstrengend, man benutzt auch dafür nur noch KI. Dann hat man mehr Zeit, tiktok-Videos zu swipen (auch alle von KI erstellt).
Am Ende muss überhaupt niemand mehr etwas machen. Das, was einem von KI-Berfürwortern immer als „große Demokratisierung“ beschrieben wird, endet in der ödesten von allen Welten: Niemand kann mehr etwas, da es schon lange an der Konzentration fehlt, diese Anstrengung zu unternehmen. Wir werden rund um die Uhr benudelt und bedudelt, das Entertainment endet nie.
Ich habe mich den „bequemen“ Methoden mein ganzes Leben verweigert und habe auch das reine Gewissen, nie „gemauschelt“ zu haben, auch wenn es natürlich niemanden gibt, der einen dafür bestraft, außer vielleicht Petrus an der Himmelspforte.
Ich mache das aus Eigeninteresse: Muskeln, die man nicht trainiert, atrophieren und verkümmern. Die Komponierenden der Vergangenheit waren genauso einfallsreich und begabt wie die Komponierenden heute. Was sie aber wesentlich unerbittlicher trainierten als ihre Kolleginnen und Kollegen heute, war an ihrer kompositorischen Routine zu feilen. Man lernt komponieren nur, wenn man komponiert (und erfindet), nicht, wenn man sich diese schweißtreibende Arbeit abnehmen lässt oder sie an einen Computer delegiert. Die kreativen Muskeln verkümmern, wenn man sie nicht ständig fordert. Und sich selbst zu fordern, macht einfach am meisten Spaß. Und genau dieser Spaß verschwindet, wenn wir immer mehr die eigentlichen Mühen scheuen. Je bequemer das Komponieren wird, desto uninteressanter wird es.
Layoutarbeiten, Stimmen erstellen, Korrektur lesen – all dies sind keine für das Komponieren essenziellen Arbeiten, die meiner Meinung nach gerne von KI übernommen werden könnten.
Aber das Schönste am Beruf – das Erfinden und vor allem das Gefühl der Fähigkeit, dass man etwas erfinden kann und dies auch geübt hat und ständig weiter übt – sollten wir uns von niemandem wegnehmen lassen, am wenigsten von einer KI.
Moritz Eggert

Passend zum Text wurde dieses Bild faul von KI erstellt, Schreibfehler inklusive
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