Blog of Bad Virus: Was wir alles gerade im Radio und Fernsehen hören und sehen könnten aber leider im Moment nicht tun

Was wir alles gerade im Radio und Fernsehen hören und sehen könnten aber leider im Moment nicht tun

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Ich bin jemand, der gerne seine Rundfunkgebühren bezahlt. Ich halte es für absolut sinnvoll, dass es ein öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio gibt und glaube auch an den Kulturauftrag dieser Einrichtungen. In diesen Tagen freue ich mich sehr über die Nachrichtenberichterstattung und die vielen informativen Podcasts und Videos zur Krise, die die öffentlich-rechtlichen Sender in ganz Deutschland zuverlässig und großartig bereitstellen.

Aber ich wundere mich sehr über das momentane restliche Programm.

Es war irgendwie klar, dass in die Lücke der ausgefallenen Musikfestivals, der geplanten Liveübertragungen von Klassik-Großveranstaltungen und der vielen anderen Konzerte genau die springen würden, die eh schon alles dominieren. Daniel Hope – von dem man vorher ja ganz bestimmt nicht „zu wenig“ sah – dominiert z.B. das momentane Programm bei Arte. Hatten wir wirklich nach diesen bisher noch relativ wenigen Tagen des Stubenhockens schon jetzt eine so riesige Sehnsucht nach ihm, dass diese dringend mit NOCH MEHR DANIEL HOPE UND SEINE FREUNDE gestillt werden muss?

Wie auch immer, im Moment streamen ja viele MusikerInnen täglich Wohnzimmerkonzerte oder lustige Videos ins Netz, wahrscheinlich viele von der Angst getrieben, dass man sie während der Krise vergessen könnte, andere aber auch aus einem genuinen Bedürfnis heraus, dass auch in Krisenzeiten irgendwo Musik erklingt. Das ist ja grundsätzlich verständlich. Da es aber wahnsinnig viele tun, dominieren auch hier in der Aufmerksamkeit die üblichen Verdächtigen, und wenn Igor Levit alle Beethovensonaten in seinem Wohnzimmer gespielt hat, fängt er ganz bestimmt nochmal von vorne an, aber diesmal in seinem Badezimmer. Und endlich werden wir erfahren, wie viele Klorollen er gehortet hat!

Manchmal sehnt man sich in diesen Tagen nach guter alter anspruchsvoller Unterhaltung, z.B. im Radio und Fernsehen. Nicht jeder will jetzt gleich den Disney-Channel oder Netflix abonnieren, wenn man für das Gute (ARD und ZDF) ja ohnehin schon zahlt. Und als Kulturliebhaber könnte man sich doch jetzt eigentlich auf eine Zeit freuen, in der schnöde Einschaltquoten doch nun endlich mal keine Rolle spielen sollten jetzt, wo endlich alle ohnehin zwangsläufig zu Hause sind und wirtschaftliche Konkurrenz keinen Sinn mehr macht. Mögen doch die Dumpfbacken irgendwelche endlosen Dschungelcamp oder Big Brother -Wiederholungen auf anderen Sendern anschauen, endlich ist eine Zeit angebrochen, in der dies eigentlich zum allerersten Mal keinen Redakteur scheren müsste, ob man damit „mithalten“ kann oder nicht. Denn die Antwort ist einfach: NEIN, MUSS MAN NICHT!

Liebe Redakteurinnen und Redakteure, bitte seid euch gewahr, dass ihr jetzt in einer (seit Einführung des Privatfernsehens) noch nie dagewesenen historischen Situation seid: IHR KÖNNTET SENDEN WAS AUCH IMMER IHR WOLLT! UND ALLE WÜRDEN ZUHÖREN!

Beim WDR, HR, BR usw. – überall quellen die Archive über mit selten präsentierten Schätzen der zeitgenössischen Musik. Radioopern von Hans Werner Henze. Elektronische Klangexperimente von Stockhausen. Wilde Performances von Maurizio Kagel. Und das sind ja nur die Klassiker – was ist mit den neuen Stücken, die in den letzten Jahren entstanden? Warum eigentlich nicht die jetzt mal verstärkt senden? Wäre das nicht viel besser als endlose Wiederholungen von „Bergdoktor“-Folgen? Wer will denn im Moment müde Showformate ohne Publikum sehen oder immer dieselben Oldies (viel Neues erscheint ja gerade nicht) hören in der Corona-Krise? Wäre dies nicht endlich der Moment, die vielen Perlen hiesiger neuer Klangkunst, geschrieben von sehr lebendigen Komponistinnen und Komponisten endlich mal angemessen und ohne jede Sorge vor Konkurrenz ausgiebig zu präsentieren, zusammen mit den wildesten und verrückten Sachen, die nur irgendwo herumliegen und die wir wirklich gerne mal sehen bzw. hören würden? Experimentalfilme, experimentelle Hörspiele?

Und – da dies noch nicht passiert ist leider: WAS SPRICHT EIGENTLICH DAGEGEN????

Der schöne Seiteneffekt wäre: mit einer solchen Maßnahme würden die öffentlich-rechtlichen Sender in Zeiten der Not auch direkt die lebenden KünstlerInnen mit Tantiemen unterstützen, damit genau die Forderungen unserer geschätzten Kultusministerin Frau Grütters direkt und ohne Notwendigkeit von irgendwelcher Bürokratie unterstützend. Wäre das nicht toll?

Petitionen in dieser Sache bitte an den Bad Blog of Musick – wir sind sofort dabei!

Moritz Eggert

1 Antwort

  1. Markus Weckesser sagt:

    Ja komisch. Gab von C. Schlingensief auch mal die Idee und Aufforderung an die TV-Sender, einfach nachts alles zu senden, was in den Archiven schlummert…

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