Blog of Bad Virus: Gedanken zum Arbeiten als Komponist in der Krise

Ich finde es nicht unheikel momentan, eigene Befindlichkeiten öffentlich zu verkünden. Was ist das bisschen eigene „Leid“ wegen ausgefallener Konzerte angesichts der momentanen Situation in Italien oder Spanien? Mehr oder weniger staunend lese ich Posts, in denen sich KollegInnen endlos lamentierend Konzerte auflisten, die ja vielleicht noch hätten stattfinden können, wenn man nicht im falschen Bundesland gewesen wäre. Währenddessen werden die Shutdown-Maßnahmen in der gesamten Welt immer ähnlicher und die kleinlichen Diskussionen über deren Details immer fruchtloser in ihrer Pingeligkeit. Die Coronakrise ist kein Wettbewerb der Nationen um ihr jeweilig „besseres“ Krisenmanagement, sondern ein Reagieren auf eine weltweite Naturkatastrophe. Momentan geht es erst einmal ums Verlangsamen, erst danach kann die Bestandsaufnahme und die Überlegung weiterer Schritte kommen.
Es ist kein leichter Weg, und ich beneide die nicht, die diese Entscheidungen treffen müssen. Ich finde es auch erstaunlich, wie unglaublich sicher manche sind, dass sie ganz gewiss bessere Entscheidungen treffen würden. Hinz und Kunz sind plötzlich Experten für Virologie, Krisen- und Krankenhausmanagement, Seuchenschutz und Notstandsentscheidungen. Ich persönlich bin sehr froh, dass die meisten von diesen Besserwissern diese Weisheiten nur auf Facebook verbreiten, denn ansonsten wären wir ganz sicher verloren. Andererseits haben wir alle nun auch meistens wesentlich weniger zu tun als sonst, und so wird man immer wieder angesprochen undum schriftliche Statements zum „Komponieren in der Krise“ gebeten.
Das folgende habe ich gerade dazu geantwortet auf eine Anfrage zum Thema:

Gedanken zum Arbeiten als Komponist in der Krise

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„Als Komponist ist man gewohnt, allein und isoliert zu arbeiten, deswegen ist die Ausgangsbeschränkung rein arbeitstechnisch keine große Umstellung für mich. Es gibt genug zu tun – momentan arbeite ich an einer neuen Oper, schreibe Artikel oder denke über Projekte nach. Am meisten nutze ich die zusätzliche Zeit aber dafür, intensiv mit meiner Familie zusammen zu sein (was angesichts der vielen Reisen, die ich normalerweise habe, eine willkommene Abwechslung ist). Die ungewissen Projekte (bei denen man nach wie vor nicht weiß, ob sie stattfinden oder nicht) sind die, bei denen im Moment das Arbeiten am schwersten fällt, daher versuche ich eher längerfristig zu denken.

 

Aber letztlich sind das alles lächerliche Probleme gegenüber der globalen Situation, die alle Menschen auf diesem Planeten betrifft. Auch als Teil des „Showbusiness“ –  ein Metier in dem eine gewisse Eitelkeit und auch ein gewisser Narzissmus zwangsläufig eine Rolle spielt – tut uns ein bisschen Bescheidenheit und Rückzug im Moment vielleicht ganz gut. Zur Ruhe kommen und reflektieren – darin liegt auch Kraft, die man für Zukünftiges jetzt schöpfen kann.

 

Wir können alle sehr froh sein, dass es uns im Vergleich zum Rest der von Covid-19 betroffenen Welt noch vergleichsweise gut geht, und das mache ich mir jeden Tag bewusst und bin sehr dankbar dafür. Ich hadere nicht mit Maßnahmen, die zum Schutz vom Leben dienen, und würde immer argumentieren, dass jedes einzelne Leben jederzeit wichtiger ist als eine Uraufführung von mir oder ein Konzert. Ich hadere nicht mit den daraus resultierenden finanziellen Verlusten (die uns alle betreffen werden), da auch Geld nie wichtiger sein darf als leichtsinniges Riskieren von Menschenleben. Diese Prioritäten sind für mich absolut klar, und vielleicht ist das auch das, was man in der gegenwärtigen Situation auch wieder lernen kann: sich genau diese Prioritäten wieder bewusst zu machen. Ohne Menschen gibt es keine Kunst, also muss man sich zuallererst mal um die Menschen kümmern, bevor man wieder Kunst machen kann.

 

Aber dann ist es wieder die Kunst, die uns am besten und eindringlichsten von diesen Prioritäten erzählen kann – wir kennen in jeder Epoche der Musikgeschichte große Werke, denen genau dies gelungen ist, seien es die Passionen von Bach, Beethovens 9. Symphonie oder „Die Soldaten“ von B.A. Zimmermann… Ich kann den grundsätzlichen Inhalt solcher Werke nur als tiefen Appell an die Menschlichkeit verstehen, als eine Forderung, sich nicht jeweils nur selbst der Nächste zu sein. Diese Werke widersprechen zutiefst all dem, was sich in diesen Tagen als so gefährlich erweist: die Idee, dass eine funktionierende Wirtschaft wichtiger ist als Menschenleben (Trump) oder dass Machtinteressen wichtiger sind als die Gesundheit der Bevölkerung (Bolsonaro). Überall wo sich Separatisten, Survivalisten oder Anhänger radikaler Gesinnungen jetzt mit Schusswaffen und Vorräten eindecken, wird der allerwichtigste Grundvertrag des notwendigen menschlichen Zusammenhalts aufgekündigt. Dieser Zusammenhalt ist aber unsere einzige Chance. Die Globalität unserer Welt hat die Krise verschärft, aber gleichzeitig ist sie auch die einzige Rettung aus der Krise, nämlich dann, wenn wir Corona als ein Problem begreifen, dass uns alle gleichermaßen angeht. In Afrika wie in Europa, in Amerika wie in Asien. Viren respektieren keine Grenzen und zeigen uns auch auf, wie virtuell solche Grenzen sind, auch die, die wir in unserem direkten Umfeld gezogen haben.

 

Was die Zukunft bringt, wissen wir alle nicht, aber es ist klar, dass es das, was wir kreativ schaffen, auf irgendeine Weise beeinflussen wird. Aber weniger dadurch, dass wir direkt darauf Bezug nehmen. Auch nach der Spanischen Grippe gab es keine Opern darüber, ganz im Gegenteil. Ich habe auch im Moment nicht die geringste Lust, irgendwelche Corona-Kompositionen anzufertigen, und noch viel weniger Lust, diese ins Netz zu stellen. Ich würde mich persönlich dabei erbärmlich fühlen, obwohl ich respektiere, dass es einigen KollegInnen Trost bringt. Aber ich vertraue einfach darauf, dass Musik auch in der Stille wächst, und mit jedem Tag der Stille wichtiger wird. Manchmal ist es das Beste, einfach mal zu schweigen. Nach Zeiten der Isolation, des Tods und des Leids horcht man vielleicht eher auf das Innere, auf das, was an Kunst wirklich wichtig ist. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, wie stark ein Stück wie „Metamorphosen“ von Strauß ist (das genau in einer solchen Zeit entstand), gerade weil es eben nicht plakativ, sondern im Gegenteil besonders subtil und intensiv ist.

 

Wenn uns durch diese Krise bewusst wird wie wertvoll Kunst und Musik eigentlich sind – und ich bin sicher, dass es diese Erkenntnis trotz endlosen gestreamten Wohnzimmerkonzerten am Ende geben wird – dann ist schon viel geschafft! Es ist wie ein Fasten auf Zeit. Jeder weiß, dass man nach der Fastenzeit das Essen umso intensiver genießen und wertschätzen kann. So wird es auch mit der Musik sein.“

Moritz Eggert

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