Opernhäuser – die schwarze Liste der ewig Gestrigen (Teil II)

Ein typischer „zeitgenössischer Komponist“ im Opernbetrieb des Jahres 2017.

Die schwarze Liste/ Bad Blog Award für die zeitgemäßesten Opernhäuser im Jahre 2016/2017

Und nun wie versprochen der große Operncheck. Wie viele neue Stücke werden gespielt? Wie viel Platz gibt es für Erst- und (viel wichtiger!) Zweit- und Mehrfachaufführungen neuer Stücke? Mein System war einfach. Ich habe alle Premieren der aktuellen Spielzeit (zu finden hier) in D, Schweiz und Österreich daraufhin angeschaut, wie das Verhältnis neu/alt bei den Premieren ist. Als „neu“ definiere ich alles, was nicht älter als 50 Jahre ist, und das ist schon ziemlich freundlich im Vergleich zu z.B. den Zeiten von Mozart, in denen eigentlich fast gar nichts aufgeführt wurde, was nicht gerade eben erst geschrieben worden war.

Ich schaute ausschließlich auf Opernpremieren, nicht etwa auf Ballett oder Tanztheater (dort ist die Musik zwar viel öfter „neu“ als in der Oper, aber fast ausschließlich von der Konserve und nur selten speziell als „Werk“ hierfür komponiert sondern meistens ein Mix aus verschiedenen Musiken). Ebenso ausgeschlossen habe ich die Sparte „Musical“, weil es sich hier um ein relativ junges Subgenre handelt und daher automatisch die meisten Stücke nicht älter als 50 Jahre sind. Meistens sind es aber auch dort immer die selben Stücke, das wäre aber einen eigenen Artikel wert.

Nicht ausgenommen habe ich die Sparte „Operette“, dort scheint das Repertoire allerdings vor allem aus der „lustigen Witwe“ zu bestehen, ab und zu einmal abgelöst von „Der Vetter aus Dingsda“ oder meinetwegen „Orpheus in der Unterwelt“. Ok, es gibt noch 2,3 mehr Stücke in der Rotation, aber es ist geradezu erschütternd mit wie erbärmlich wenigen Stücken die Operette heute auskommt. Einzige Ausnahme in dieser Spielzeit ist der geschätzte Kollege Benjamin Schweitzer, aber der wird dann natürlich auch (zu Unrecht) dafür gescholten und wie ein bösartiger Fremdkörper behandelt. Dabei bräuchten wir heutzutage mehr denn je zeitgenössische Offenbachs oder Pepuschs, die dem ganzen bösartigen und widerwärtigen Trump-LePen-AfD- Affenarschzirkus freche und vor allem politische neue Operetten entgegensetzen könnten. Wo sind sie? Da niemand in unserem Opernhäusern nach ihnen fragt, gibt es sie nicht. Musicals waren auch mal politisch, heute sind sie es fast nicht mehr. Und bei Musicals werden auch nur ganz selten neue Stücke gespielt, meistens sind es die „Oldies“ von vor über 50 Jahren (wie „West-Side-Story“ oder „My Fair Lady“, das manchmal als Operette, manchmal als Musical durchgeht, und daher quasi doppelt vorkommt).

Der allererste Blick ist – was die Opern-Premieren allein im sogenannten „Großen Haus“ angeht, relativ ernüchternd. Im Schnitt haben die Opernhäuser 6-8 Premieren, davon ist maximal eine ein neues Stück, oft eine Uraufführung. Und diese gibt es meistens nur in den avancierteren Häusern, andere Häuser haben Spielpläne, die komplett unberührt von irgendetwas sind, das sich nach der Gründung des Münchener Fußballclubs 1860 ereignete. Im Grunde könnte man da gleich ein Museumsschild davor hängen (das wäre wenigstens ehrlich), nur… selbst die altertümlichsten Museen sind noch moderner und aufregender als diese Häuser!

Deutlich besser schaut es bei den sogenannten „Jugend- und Kindertheater“-Premieren aus. Hier ist die Gewichtung ganz klar in Richtung neuerer Stücke, was einerseits den vielen Initiativen zur Quailitätsverbesserung von Musiktheater für junges Publikum zu verdanken ist, andererseits einfach aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass Jugendliche und Kinder einfach zu klug sind, um sich allein mit Old Fashioned-Kram ins Theater locken zu lassen. Und sie es natürlich auch noch nicht so wichtig finden, ihre Juwelen oder ihre Bayreuth-bzw. Opernlogentickets zur Schau zu stellen, um gesellschaftlich irgendwie relevant zu sein.

Aber machen wir uns nichts vor – an vielen Häusern gilt das Jugendtheater als eine Art Second-Rate-Beschäftigung für auszubeutende und schlecht bezahlte junge Talente. Und das obwohl die Kinderaufführungen oft viel besser besucht sind, als die Erwachsenenaufführungen: es gibt nämlich einen echten Bedarf an qualitativ hochwertigem Entertainment für junge Zuschauer. Dennoch finden solche Aufführungen meist auf den „kleinen“ Bühnen statt, oder auf Probebühne 27B im 3. Stock. dafür laufen sie aber oft viel länger als die Prestigeopern im Großen Haus, und es gibt auch wesentlich mehr Zweitaufführungen von erfolgreichen Stücken. Immerhin.

Noch ernüchternder aber ist nicht der Blick auf allein die Premieren, sondern auf den tatsächlichen Spielplan des ganzen Jahres, nicht nur die Premieren sondern auch die Wiederholungen schon aufgeführter Inszenierungen. Da stellt man schnell fest, dass die 45673te Aufführung von „Carmen“ in der alten Inszenierung von 1951 im Jahr 70 Mal gespielt wird, die neue Oper von X.Y. Pendegratzki-Mrnza aber eben nur 6 Mal. Aber über die liest man wenigstens im Feuilleton, über die zahlreichen Kinderstücke dagegen gar nichts.

Schaut man sich also den Spielplan an, kommt man auf einen sehr, sehr niedrigen Anteil von neuen Stücken, es wird leicht besser, wenn man die Kinderstücke dazu nimmt, aber das ist auch alles.

Welche Opernhäuser haben nun einfach GAR KEINE neuen Stücke? Wer gehört auf die schwarze Liste der ewig Gestrigen?

Hier sind die Häuser, in denen im Jahre 2016/17 keine einzige Premiere erklingt, in der Musik aus unserer Zeit existiert, wohlgemerkt ausgenommen Musical und Tanztheater/Ballett, aber da läuft auch meist nur Schwanensee oder Nutfucker, äh, Nutcracker.

Annaberg-Buchholz
Bautzen (hat allerdings generell keine Premieren sondern nur Revues mit gemischtem Programm)
Cottbus
Erfurt („Turn of the Screw“ zählt nicht, ist von 1954)
Essen (besonders deprimierend, wenn man bedenkt, dass Essen eine große Stadt ist)
Freiberg-Döbeln
Halberstadt
Heilbronn
Hof (Sorry, aber die „Karmeliterinnen“ von Poulenc wurden 1957 geschrieben)
Kiel
Klagenfurt
Landshut (Auch das „Schlaue Füchslein“/Janacek: von 1923!)
Leipzig
Lübeck
Lüneburg (Bei „Schlafes Bruder“ könnte man an Enjott Schneider denken, aber nein, „Musik: J.S. Bach“ – vielleicht ein Fehler?)
München (Staatsoper) („Der Konsul“ von Menotti ist das mit Abstand modernste Stück, Premiere 1950, also 67 Jahre alt)
Neu-Brandenburg
Nürnberg
Potsdam (zwar nur eine Premiere, aber dennoch…Händel?)
Rostock („Zar und Zimmermann“ von Hans Werner Lortzing, äh…Lortzing)
Saarbrücken (auch hier Janacek als „Der Moderne“)
Schleswig (immerhin „Lulu“, aber dennoch: fast hundert Jahre alt!)
Schwerin („Peter Grimes“ von 1945 ist hier das Modernste)
Ulm (auch mit dem „Evergreen der uns das Publikum nicht verschreckt weil es Nackerte und Sex gibt“: Lulu!)
Wien (Staatsoper) (Das Modernste: „Pelleas“ von Debussy, Premiere 1902, also 115 Jahre alt!)
Wiesbaden (Natürlich der „Ring“, und – man glaube es kaum – „Peter Grimes“ als das „moderne Stück“) (Und: Nur ein einziges Mal wiederholte Uraufführungen bei Festivals zählen nicht, es geht um das Kernrepertoire im normalen Spielbetrieb)

Ein paar Kommentare zu dieser Liste:

Halle wurde rausgenommen, es gibt dort eine Premiere von der Gottseidank lebenden Sarah Nemtsov, die allerdings nicht in der Spielplanvorschau aufgelistet war.

Es fällt auf, dass viele der obengenannten Opernhäuser im Osten stehen. Ohne jetzt hier eine Ost-West-Diskussion aufmachen zu wollen, aber sicherlich sind die finanziellen Mittel einer Oper wie Bautzen andere als die von z.B. Wiesbaden. Beide Häuser aber sind auf der Liste. Uraufführungen sind teurer als Zweitaufführungen, aber…müssen es immer Uraufführungen sein? Müssen es immer riesige und aufwändige Stücke wie „Die Soldaten“ sein? Würde es sich nicht lohnen, gerade gute (neue!) Stücke wiederaufzuführen, die auch an kleineren Häusern aufzuführen sind? Da besteht – auch kompositorisch – noch Nachholbedarf nach manchem Exzess der Moderne, der auf die tatsächliche Praxis kaum Rücksicht nimmt. Andererseits ist gerade diese Praxis auch einem Instrumentationsmodell des 19. Jahrhundert verpflichtet, und man kann die Komponisten verstehen, die da ausbrechen wollen.

Auch interessant: Nur ein einziges Haus aus der Schweiz oder Österreich kann es sich anscheinend leisten, keinerlei moderne Premieren zu haben. Opernhäuser sind dort weniger dicht gestaffelt wie in Deutschland, und profitieren oft davon, ein größeres Einzugsgebiet zu haben, was mehr Mut ermöglicht. Das eine Haus dem das Wurscht ist, ist natürlich….die Wiener Staatsoper. Die Touristen werden wahrscheinlich schon „Pelleas und Melisande“ zu gewagt finden, aber dieses über 100 Jahre alte Stück zählt hier wohl für „Die Moderne“.

Leipzig: warum traut sich dieses Opernhaus nicht mehr, obwohl es in einer Stadt steht, die durchaus von vielen jungen Menschen bewohnt wird? Muss man da allein Freischütz, Turandot, Lucia di Lammermoor und Salome anbieten (gähn), ergänzt von einer eher unbekannten Oper von Gounod, „Der Rebell des Königs“? Geht da nicht auch ein bisschen mehr? Traut euch!

Bayerische Staatsoper – die Frage ist hier, warum ein so reiches und tolles Haus mit fantastischem Orchester und den tollsten Sängern es sich überhaupt leisten kann, eine Spielzeit ohne zeitgenössische Premiere zu haben (so wie dieses Jahr)…

Und überhaupt: warum suchen Dramaturgen lieber eine bisher unentdeckte Oper aus der Vergangenheit zur Aufführung aus (was den jeweiligen Komponisten nie etwas bringt, da sie schon lange unter der Erde sind), anstatt sich nach zu wenig aufgeführten aktuellen Stücken umzusehen? Ich bin ja nicht dagegen, dass man die Musikgeschichte um bisher unbekannte Facetten erweitert, aber wäre es nicht spannender, in einem lebendigen Austausch mit der fucking Gegenwart zu sein?

Man könnte also die obige Liste tatsächlich als eine Art „List of Shame“ betrachten. Und ja, ich weiß, dass viele der obigen Häuser nur ein bis zwei Premieren pro Spielzeit haben. Aber nein, das allein ist für mich keine Entschuldigung, zumindest nicht in diesem Jahr. Ein Kino, dass nur Chaplin-Filme (so großartig die auch sind) zeigt, geht irgendwann pleite, ein Opernhaus dagegen wird subventioniert. Und bevor ich jetzt lauter zornige Briefe von Intendanten und Dramaturgen bekomme, die mir von ihren radikalen Uraufführungen im Jahre 2015 vorschwärmen – zählt nicht für diese Liste. Hier geht es um 2016/17, und nächstes Jahr mache ich vielleicht eine neue „List of Shame“. Man betrachte dies bitte nicht als Hohn und Spott gegenüber den genannten Häusern, sondern als Versuch einer konstruktiven Kritik mit Aufforderungscharakter. Und: liebe Oper Cottbus: Euer „Wozzeck“….ist auch hundert Jahre alt, sorry, zählt nicht. Tolles Stück übrigens, aber wir kennen es schon lange.

Und nun zu den Häusern, die bei ihren Premieren den größten Anteil neuer Stücke haben, man soll ja auch loben.
Trommelwirbel…..

Der Bad Blog Award für ausgewogene Programmplanung geht dieses Jahr an:

Basel
Dortmund
Görlitz

Basel hat vielleicht das spannendste Lineup: mit Stockhausen, Ayres, Xenakis und Glass sind nämlich erfreulich unterschiedliche Stilrichtungen des späten 20. wie frühen 21. Jahrhunderts vertreten, das kann man ohne weiteres stehen lassen. In Dortmund gibt es sogar mehr neue Stücke als Premieren als alte, auch dies besonders lobenswert. Görlitz profitiert wiederum davon, dass 2 von nur drei Premieren neuere Stücke sind, aber auch dies lobenswert. Als „runner up“ kann die Berliner Staatsoper gelten, die 5 von 12 Premieren neueren Stücken widmet.

Nun aber zur Gretchenfrage: Wie viele Premieren sind von eigentlich aktuell lebenden Komponisten, wie viele von toten Komponisten? Ich habe es einfach Mal gezählt:

Es gab 556 Opern/Operettenpremieren.

Davon waren 497 Premieren von Komponisten, die leider die Premierenfeier nicht mehr besuchen können, sprich: unter der Erde, sprich: tot sind.

Nur magere 63 Premieren waren von Komponisten, die tatsächlich aktuell auf diesem Planeten präsent sind, sprich: leben.

Das Verhältnis von toten zu lebenden Komponisten ist ca. 8:1.

Die Toten haben eindeutig gewonnen.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

22 Antworten

  1. Ulf Müller sagt:

    Halle führt in dieser Spielzeit neben Weill auch ein neues Werk von Sarah Nemtsov auf.

  2. Marcellina sagt:

    Die Bayerische Staatsoper hat Mark Anthony Turnages „Greek“ im Spielplan (Münchner Opernfestspiele, Premiere Montag, 26. Juni 2017, Bayerisches Staatsorchester) und gibt auch weitere Vorstellungen von Srnkas „South Pole“. Das Theater an der Wien bringt eine Neuproduktion von Henzes „Elegie für junge Liebende“ (1961) und außerdem die Uraufführung des Auftragswerks „Hamlet“ (2016) von Anno Schreier.

    • München: Festpiele zählen nicht und alte Produktionen auch nicht. Was Wien angeht, muss man differenzieren. In der Liste der von Oper & Tanz ist nur die Staatsoper Wien. Die UA von Anno Schreier war am Theater an der Wien, wo auch der Henze kommt. Korrekt. Volksoper Wien aber wieder nix dabei.

      Komplett fehlt auch die Neuköllner Oper, die auch viele Neues im Programm hat. https://neukoellneroper.de/

  3. @Marcellina: Wiederaufnahmen zählen hier nicht, bitte Artikel lesen (betrifft Bayerische Staatsoper). Und das Theater an der Wien wurde hier nicht aufgelistet in der „Blacklist“, hatte aber auch nicht so viele UA’s von lebenden Komponisten wie z.B. Basel.
    @Ulf Müller: Wie von Hufi schon gesagt, steht nicht in der Spielplanvorschau. Ist die UA von Sarah Nemtsov im Großen Haus? Dann ist in Halle das Verhältnis Tote zu Lebenden immerhin nur 5:1, es liegt also unter dem Durchschnitt. Ich nehme Halle dann gerne raus!

    • Marcellina sagt:

      Wiederaufnahme ja, aber von 2016. Wer noch im vergangenen Jahr eine aufwändige Uraufführung stemmte, ist wohl kaum „ewig“ gestrig.

      Dachte, gestern habe da nur „Wien“ gestanden, ohne „(Staatsoper)“.

  4. Arno Waschk sagt:

    Die schamlose Eigenwerbung sei mir bitte ausnahmsweise verziehen, aber Wiesbaden muss in Schutz genommen werden:

    http://www.staatstheater-wiesbaden.de/programm/spielplan/internationale-maifestspiele-2017/verbrannte-erde-imf-2017/3218/

    Beste Grüße!

  5. @Arno: Sorry, Arno, zählt leider nicht – 2 Aufführungen in einem Festspiel sind nicht Teil des Kernrepertoires im normalen Spielbetrieb, um das es in diesem Artikel geht…

  6. Sabina sagt:

    Sehr geehrter Herr Eggert, ich halte es für ausgesprochen hinterfragungswürdig , wenn ein Komponist, der vielleicht gerne seine eigenen Stücke mehr auf den Spielplänen wiederfinden würde, eine solche Liste publiziert! Das klingt dann schonmal nach Anklage in eigener Sache und ist in meinen Augen nicht objektiv! Dann kann man sich auch durchaus fragen, wem (ausser möglicherweise Ihrem Ego) nützt eine solche Liste? Was beabsichtigen Sie? Glauben Sie, Sie geben damit einen Anstoss, dass mehr zeitgenössisches gespielt wird? Dann ist das, mit Verlaub, sehr kurzsichtig und eindimensional gedacht, in vielerlei Hinsicht. Ich fange einmal damit an, dass in einer Region mit der grössten Theaterdichte weltweit (!!)die Intendanten gewissenhaft und verantwortungsvoll (nicht zuletzt im Sinne der vielen ihnen unterstellten Arbeitnehmer) zusehen muss,dass die Auslastungszahlen halbwegs stimmen! In unserem Falle hat sich beispielsweise in der Vergangenheit gezeigt, dass Stücke,wie „Le Grand macabre“, „Elegie für junge Liebende“, ja selbst „griechische Passion“ von unserem Publikum nicht angenommen wird, abgesehen von einer „Liebhaberfraktion“, die max.3 Vorstellungen mit einer Auslastung von schätzungsweise kaum mehr als 50% bringen! So etwas rechnet sich noch nicht einmal in einer Mischkalkulation! Ich bin durchaus sehr dafür, das dort anzubieten, wo die Stücke ihr Publikum finden,Hamburg,Stuttgart vielleicht! Bei uns klappt das leider nicht! Und sehen Sie, allein dieser Punkt führt diese schwarze Liste bereits in die Absurdität, sie berücksichtigt nämlich wichtige Faktoren NICHT! Es gibt da ja auch noch andere „schwarze Listen“, darüber, wie hoch, an welchem Theater die Plätze subventioniert sind, wie hoch die Auslastungszahlen sind! Darüber hinaus hat das Erstellen und publizieren einer solchen Liste, nebst dem Schaden womöglich für jene on Ihnen „stigmatisierten“ Häuser, etwas -enschuldigen Sie bitte- anmassendes,arrogantes, denn ich denke, viele jener Theater auf Ihrer schwarzen Liste,haben wie wir, sehr wohl ausgetestet, was von ihrem Publikum goutiert wird und was nicht!

    • Hi Sabina. Man muss da wohl ein bisschen die Sachen auseinanderhalten. An sich ist eine solche Liste so objektiv, wie sie sein kann. Die Autorschaft macht die Daten nicht mehr oder weniger akkurat. Zunächst ist das einfach einmal eine Liste.

      Misch- und Maschkalkulation hin und her. Die Theater als Investitionsempfänger sind in der Pflicht, auch Dinge zu machen, die sie gerade wegen der Freiheit der Zuwendung genießen. Da sind sie ähnlich zu behandeln wie Rundfunkanstalten. Mischen soll und muss also sein.

      Sagen wir es mal anders herum: warum sollten Theater diese Musik ihrem Publikum vorenthalten. Wo keine Neue Oper gespielt wird, kann man sie eben auch nicht hören. Ob die Dinge dann Erfolge werden oder nicht, hängt von vielem ab. Aber wo man nichts wagt, kann man auch nur in Schönheit sterben.

      Was mich interessiert: In wessen Namen sprechen Sie, wenn Sie von „uns“ reden? Graz? (Wegen griechischer Passion.)

      • Sabina sagt:

        Der Text über der Liste macht es unobjektiv, der ist in meinen Augen polemisch und wenig produktiv, das entwertet dann m.E. auch die Objektivität der Liste! Und ich bin sicher, da sie ja so gut über alle Theater und deren scheinbare Unzulänglichkeiten in Bezug auf ihre Spielplangestaltung informiert scheinen, sie finden’s raus, was mit „uns“ gemeint ist! Nein Graz ist es nicht! Ich gebe Ihnen ( süffisant schmunzelnd) noch zwei Versuche!
        Und um der Sache wirklich auf den Grund zu gehen,bedarf es vielleicht einer Fragestellung wie:Was kann/soll Oper in der heutigen Zeit sein, was ist ihre Aufgabe? Das wäre ein interessanter Diskussionsstoff,oder? Dann kommen wir vielleicht auch der Sache auf die Spur, warum zeigenössische Musik nur ein Nischenpublikum interessiert. Ich glaube nämlich, es ist zu einfach zu sagen, na es bietet ihnen das ja keiner an, denn so ist es ja nicht.Leute, die sich dafür interessieren, reisen quer durchs Land um das zu hören. Da gibt es einen richtigen Fantourismus!Es tut mir ja leid, das als Profimusikerin sagen zu müssen, aber an unserem Haus ist das immer wieder probiert worden mit wirklich tollen Inszenierungen, bei Mahagonny waren nach 5 Vorstellungen mehr Leute auf der Bühne als im Zuschauerraum, ähnlich bei Elegie, Macabre, Wozzeck,Passion,…es ist ja nicht so, dass wir das nicht probiert haben und probieren!!

        • Ja, es ist doch zum Verrücktwerden. Sie sprechen ja aus der konkreten Erfahrung heraus. Es wäre töricht, dem zu widersprechen. Vielleicht kann man die Sache ein bisschen eingrenzen. A) Ist die Liste eine Momentaufnahme und sie sähe B) nächstes Jahr schon anders aus wie C) in der letzten Saison anders ausgesehen hat.

          Die Nachfrage bezieht sich daher auf etwas anderes. Es gibt ja unter den alten Opern kaum bekannte Werke mit kaum bekannten Komponisten. Wie sieht es da nach fünf Aufführungen aus.

          Ich kann mich erinnern, dass zum Beispiel Hindemiths „Neues vom Tage“ in Gießen in den 90er Jahren auch nicht ewig lief und es zu dem Zeitpunkt abgesetzt wurde, als die Nachfrage endlich stieg, weil sich herumsprach, was für ein witziges Stück es ist und Ensemble und Inszenierung gut waren.

          Dass die Dinge keine Selbstläufer sind, ist wohl allen einigermaßen klar.

          • Sabina sagt:

            Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! Wie in einem anderen Kommentar bereits erwähnt, können Sie Traviata,Zauberflöte,Carmen, Freischütz, eben all diese „Schulstoff-Opern“ rauf und runter spielen mit vollem Haus, EGAL wie schlecht die Inszenierung ist! Wir hatten einen tollen Werther,super besetzt,war nicht gut besucht!Gleiches gilt für Lehnhoffs Pelleas und Melisande und all jene Opern die Frau Müller und Herr Meier nicht kennen…und das von Ihnen angesprochene Phänomen, man setzt die Inszenierungen gerade dann ab, wenn sie sich als gut herumgesprochen haben.kenne ich auch, siehe Herheims Manon…Man könnte schon noch einiges „reissen“, denke ich, auch mit gutem Marketing! Trailer z.B wie bei Filmen VORAB zeigen und nicht erst nach der 3.Vorstellung! Ich denke, da ist auch in puncto Kreativität noch ne Menge Luft nach oben. Warum nicht vermehrt den Zuschauern ermöglichen, Proben zu besuchen, am Besten gleich mehrere, um den Schaffensprozess zu erleben und um sich besser an moderne Stücke heranzutasten, meinetwegen wie ein Kurs,das brächte dem Theater sogar noch zusätzlich Geld ein.
            Aber die Frage nach dem tieferen Sinn,Ziel und Zweck einer solchen Liste hat mir hier noch keiner beantwortet, da warte ich immer noch …

  7. Jan sagt:

    Lübeck spielt „Mass“ von Leonard Bernstein, UA 1971. Vielleicht keine Oper im eigentlichen Sinne, aber Musiktheater.

  8. @ Sabina: Aus der Warte eines Verw.direktors wären Ihre Einwände zu verstehen, ginge es um z.B. „Intolleranza“ in Annaberg-Buchholz. Was ist aber mit Opern, ja Operetten, die neu, aber pfiffig, schmissig sind? Auf den ersten Blick finden sich Komponistinnen & Komponisten solcher Werke nicht, wenn man auf Neue-Musik-Festibalv/-Kurse schaut. Aber die Welt daneben. Was ist mit Killmayers „Yolimba“? Was ist mit all den Opern aus mehr als 20 Jahren Neuköllner Oper? Was ist mit der Merkel-Oper? Was ist mit frechen, frischen englischen Stücken wie „The Francis Bacon Opera“ von Stephen „Crowe“, eine exakte Nachformung eines legendären TV-Interview mit Bacon – das man beside da auch zeigen könnte? Ich sage es mal so: die Dramaturgen und Operndirektoren durchstöbern zu wenig Off-Bühnen, Autorenhomepages, etc., reagieren nicht auf Anfragen, etc. Sie gehen viel zu wenig aus dem Muff von hunderten Jahren Oper heraus, verlassen sich auf Verlagsempfehlungen, die eben genauso muffig sind. Sprich, zuerst verschlief die Plattenindustrie die neue Welt, dann die Verlage und zuletzt eben die Theater. Erneuerung kommt nicht durch x-ten Aufguss, sd. durch neue Werke. Wenn man diesen keinen Raum gibt, schafft man auch keinen Markt. Und publikumskompatibel jenseits hehren Ernstes wäre solche Musik durchaus. Mit Grande Macabre und Elegie erwähnen Sie eigentlich sehr anstrengende Werke. Voraussetzungslos den Leuten sollte man die nie vorsetzen. Oder denken wir z.B.an Gutenberg in Erfurt, von V.D. Kirchner. Harter Stoff, gut gelöst, aber eben auch zu hart in Musik verpackt. Die Jüngeren unter uns wären sehr wohl bereit, sich auf breiteres einzulassen. Wenn man natürlich nur das Renomee aus Darmstadt u. Donaueschingen will, nun, ja sehr interessantes bringt es zustande, aber es gibt auch eine Welt daneben. Dass es z.B. in beiden super geht, zeigt Gordon Kampe. Mutlosen Mut machen scheint mir aber nach Ihren Sätzen mulmig. Manchmal muss man eben Traute haben. Ja, stellen wir uns vor, was mit der Oper wärem wäre im 19. u. frühen 20. Jhd nicht jedes 2te Stück eine UA gewesen. Ja, da gab es auch Aufgüsse der immergleichen Clemenzas, etc. Warum heute nicht gleich einen nächsten Edward II, etwas weniger ernstlich? Aber das wäre Eigenwerbung…

  9. Sabina sagt:

    @Alexander, da sollte ich wohl klarstellen, dass ich nicht als Gegener zeitgenössischer Musik verstanden werden möchte! Ich finde Ihre Idee super, zeitgenössische Werke aufzuführen, die das Publikum annimmt, weil sie „süffig“ sind und die am Besten auch noch den Künstern Spass machen, denn erfahrungsgemäß überträgt sich das ja. Ja dafür braucht es Mut! Eigentlich ist das Problem viel komplexer (das stört mich hauptsächlich an dieser Liste) und vieles wurde/wird ausgelöst von den stets propagierten klammen Kulturhaushalten und den daraus resultierenden fast schon pathologischen Sparzwängen, das legt den Intendanten fiktive oder vermeintliche Zwangsjacken an, die bei genauerer Betrachtung vielleicht „nur“ Ausgeburt der Angst vor der Kritik der Öffentlichkeit und die daraus resultierende Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes ist (auch wenn diese Vermeidung durch Angst den „Kulturkonsumenten“ schon vorab entmündigt)! Darüber hinaus haben Intendanten eine Sorgfaltspflicht ihren Arbeitnehmern gegenüber, schliesslich ist es für z.B Sänger über 40 sehr schwierig, einen neuen Job zu kriegen… Heutzutage steht ja das Wort Schliessung allzu schnell einmal im Raum,zumal angesichts der Theaterdichte, deren Finanzierung man immer wieder allerorten rechtfertigen muss! Also ist man letztlich in fast jedem städtischen Theater auf der Suche nach der Quadratur des Kreises! Einerseits locken die bekannten Stücke und garantieren gute Auslastungszahlen, manchmal sogar erschreckend unabhängig davon, wie schlecht eine Inszenierung ist, andererseits muss man Zeitgenössischem gerecht werden, das hingegen läuft nur sehr mässig,- vielleicht weil man die „falschen“/zu „schwierige“ Stücke wählt, und dann sollte man auch noch eine gute Marketingabteilung haben (auch da wird oft und gerne gespart), die dafür sorgt, dass das Publikum schon vorab „angefixt“ wird, in Regionalfernsehen, Presse,etc. und dann sollte das Ganze möglichst nix kosten! Möge die Übung gelingen!

  10. Klingt nach einer Stahlstadt. Das sei egal. Ich entnehme Ihren Angaben, dass Sie Musikerin sein könnten. Deshalb ist es auch verständlich, wenn Sie mit „Sorgfaltspflicht des Arbeitgebers“ und „drohenden Kürzungen“ argumentieren. Wobei Probleme in diesen Bereichen nicht bei der heute komponierten Musik abgeladen werden können. Sollte es sich z.B. um Essen handeln, ist diese Spielzeit wirklich traurig in Hinblick auf Musik nach dem 2. Weltkrieg mit Ausnahme eines Musicals und in den Konzerten vereinzelte Einstreuer. Das ist jetzt kein typisch Essener Phänomen. Zur Heranbildung eines breiteren oder spezielleren Interesses an Musik von Lebenden trägt es nicht bei. Natürlich gewöhnt sich das Publikum an das, was man ihm vorwiegend vorsetzt. Hier und Da Neues, ohne erkennbare Strategie, das ist schlichtweg katastrophal. Strategien erkennt man für Premieren der Werke zwischen 1790 und 1850 (Titus bis Prophet). Wie man einen leeren Wozzeck nach 2010 produzieren kann, ist mir ein Rätsel. Wenn das Haus auf Opernliteratur, bisschen bis keine Operette/Musical, getrimmt ist, passt es doch inzwischen in den Kanon. Bzw. gehört dann auch dazu, in Konzerten die Orchesterstücke, das Violinkonzert zu wagen, Bezüge zu Mahler, Debussy herzustellen. Erscheint Neues, und das war letztlich nur Le Grande Macabre, losgelöst, Sandwich-haft mit Ur-Altem gepampert, ist nicht der Komponist, sd. die Planung „schuldig“. Gut, nun setzt man auf Belcanto & Co., was aber auch für ein aussterbendes, noch Abos besetzendes Publikum ist. Wie gesagt: wie Impresarios sind die Verantwortlichen oft nicht auf Achse, so kann man sehr wohl Werke/Komponisten finden, die nicht nur auf schwere Musik aus sind. Dazu aber auch eine Kontinuität des Neuen, um die sich Essen schlichtweg gar nicht bemüht. Das früher so verschriene Augsburg ist da weiter. München ist ohne Touristen schon in den Soldaten ausverkauft, jede Vorstellung, härteste Bilder. South Pole, Babylon: ausverkauft. Oder im Off-Spielort Reithalle die „Sonderprojekte“, sehr gut besucht. Da wurde/wird was für das Neue, aber genau damit auch für das Publikum getan. Das dauerte ein wenig nach Sawallisch, begann aber mit Öffnungen hin zu Barock wie heutiger Musik unter Jonas. Behutsam, aber kontinuierlich. Sogesehen befindet sich die jetzige Leitung im Prä-Sawallisch-Modus. Dass Sie da keinen Mut haben – wen wundert’s.

  11. Sabina sagt:

    Wissen Sie Herr Strauch, ich bin sicherlich nicht für die Spielplangestaltung unseres Hauses verantwortlich,dafür bin ich ein viel zu kleines Licht und ich bin froh, dass ich solche Entscheidungen nicht zu treffen brauche! Aber ich liebe meinen Beruf sehr und so versuche ich, jeder Situation das Beste abzugewinnen!Das gelingt mal mehr mal weniger! Man kann auch über gute Inszenierungen von sich reden machen und das ist uns z.B.mit unserem neuen Lohengrin immerhin überregional ganz gut gelungen! Für Sie mag das Hauptkriterium, warum ein Theater zu den ewig gestrigen gehört, sein, dass man in Ihren Augen zuwenig zeitgenössisches spielt, das ist Ihnen ja auch unbenommen, ja, Sie müssen als Komponist ja so denken und argumentieren,mit gutem Recht! Mir ist das aber zu eng gefasst,zu einfach, zu eindimensional! Für mich zählen eben auch gute Ballettproduktionen, gute Programme für Kinder etc.dazu, wie buchstäblich aufgeschlossen ein Theater ist! Ja, ich gebe Ihnen Recht,das Theater hat schon spannendere Phasen erlebt, aber ich bin überzeugt davon, dass zu gutem Theater weit mehr gehört als ein hoher Anteil an zeitgenössischer Musik! Insofern werden die hier erzeugten Kassandrarufe mir sicherlich nicht den Spass an meinem Beruf und das Vertrauen an eine gute Zukunft unseres Hauses nehmen! Kultur ist immer in (Wellen)bewegung, auf-und-abs gehören dazu!(ich habe mir übrigens bei youtube Musik von Ihnen angehört, gefällt mir!)

  12. thomas sagt:

    Von „nur eine Liste“, die eine lediglich sachliche Darstellung beabsichtigt, kann schwerlich die Rede sein. Dagegen spricht der polemisierende, manchmal auch witzig sein wollende Stil. Was mich allerdings noch mehr ärgert ist, dass Folgendes keine echte Berücksichtigung findet. Gerade im Osten, wo seit Jahren an jedem Theater gespart wird, steht zwar auf der einen Seite der „Bildungsauftrag“, der natürlich auch Modernes beinhalten sollte, aber jede Argumentation um Finanzierung wird auch mit Auslastungszahlen untermauert, insbesondere von Finanz- und Kulturministern. Und an kleineren Häusern, die 4 bis vielleicht 7 Neuproduktionen pro Jahr stemmen, ist zeitgenössisches Musiktheater ein besonderes Risiko.
    Wenn Sie der Meinung sind, dass es unterrepräsentiert ist, stellen Sie doch gern auch einmal die Auslastungen gegenüber. Wenn sich da ein Erfolg messen lässt, finden Sie sicher auch mehr Theater für aktuelle Werke. Ich denke allerdings, dass da meine Skepsis nicht ganz unberechtigt ist.
    Zeitgenössisch heißt ja auch nicht zwingend zeitgemäß. Und unsere „Klassiker“ (und da dürfen Sie gern wieder gähnen) kriegen wir, Regietheater sei Dank, auch durchaus in neuem Gewand, in neuem Kontext, mit alternativen Blickwinkeln.
    1:8 überrascht mich ehrlich gesagt sogar positiv, so hoch hätte ich weder vom Bauchgefühl die Realität, noch den Wunsch des Publikums eingeschätzt ;-)

  13. Kai Ludwig sagt:

    Bautzen hat in der Tat generell keine Premieren, weil es kein Musiktheater mehr hat. Das ist, nachdem 1992 schon einmal das Ensemble rausgeschmissen wurde, 1999 endgültig plattgemacht worden.

    Seitdem „erhält“, so heißt das offiziell, Bautzen die Musiktheateraufführungen von Görlitz, ergänzt um Gastspiele der Landesbühnen Sachsen. Wenn man das will, könnte man nun erforschen, wie die Auswahl der betreffenden Stücke läuft. Eigene Produktionen sind das jedenfalls in keinem Fall, mal abgesehen von einer aktuellen Coproduktion der Landesbühnen mit den Bautzener Puppenspielern (Haydn). Insofern wird hier eine Leiche verprügelt.

    PS.: Bitte wählen Sie alle Bilder aus, die ein Theater von vorne zeigen …….

    • thomas sagt:

      Danke, ja, wenn man genauer hinschaut, finden sich noch deutlich mehr Fehler. Das liegt halt dran, wenn einer schlecvht recherchiert und dann Äpfel mit Birnen vergleicht. Potsdam z.B. hat auch kein eigenes Musiktheater mehr und wird hin und wieder von Cottbus aus bespielt. „Potsdam (zwar nur eine Premiere, aber dennoch…Händel?)“ – ein szenisches Oratorium, entstanden maßgeblich mit der Schlösserstiftung …
      Eigentlich sollte man überhaupt nicht auf so einen Mist antworten, aber man ärgert sich halt so …

  14. Achperosch sagt:

    Ich stieß zufällig auf diese Diskussion. Sie bewegt mich, denn in ihr spiegelt sich das enge Denken unserer Kunstwelt wider. Hier wird mit einem sehr fadenscheinigen Begriff von Moderne argumentiert. Wann ist denn ein Werk modern? Wenn es innerhalb der letzten 50 Jahre entstanden ist? Und ist es dann auch ZEITGEMÄSS?
    Im Unterschied vielleicht zu Werken der Konzertliteratur manifestiert sich „Moderne“ (was immer das sein soll) im Musiktheater nicht nur durch das akkustische Erscheinungsbild, sondern auch durch die dramaturgische Behandlung und theatrale Umsetzung des Stoffes. Und da muß man, leider, feststellen: Manche zeitgenössische Komponisten sind in ihrer theatralen Haltung weit konservativer, ja streckenweise sogar reaktionärer als die Komponisten vergangener Epochen. Mögen ihre Stoffe vielleicht (tages)aktuell sein, sie handeln sie mit einer Opernästhetik des 19. Jahrhunderts ab. Sie sind sehr bemüht, aber es bleibt oftmals doch nur eine im besten Fall virtuos-linkische Gratwanderung zwischen Ambition und Lächerlichkeit. Bei Wagner, Verdi, Puccini ist immer noch zu spüren, wie weit sich diese Komponisten in ihrer Zeit aus dem Fenster gelehnt haben. Poulenc hat mit den „Karmeliterinnen“ (leider nicht in die 50-Jahre-Klausel fallend) ein Werk geschaffen, das in seiner thematischen Dringlichkeit heute noch weit brisanter ist als so manche Uraufführung bei der Münchner Biennale.
    Noch deutlicher wird es bei den Komponisten des 18. Jahrhunderts, sei es nun Mozart oder Gluck. Sie gingen mit ihren Werken gegen ihre Zeit an, zerrten an den Ketten der Konvention. Es ging ihnen um mehr, als eine Oper zu schreiben. Es ging innerhalb des Korsetts feudalistischer und absolutistischer Zeitumstände ums Ganze. Das Feuer, das diese Künstler angetrieben hat, alles (die Karriere, die Existenz) auf eine Karte zu setzen, ist immer noch zwischen den Tönen spürbar. Oper war damals mehr als eine musikalische Form. Sie war eine Kommunikationsform. An ihren Gesetzmäßigkeiten zu rühren, bedeutete: an den Gesetzen der Zeit, des gesellschaftlichen Gefüges zu rühren.
    Dagegen ist das zeitgenössische Opernschaffen mitunter geprägt von subventionierter Bräsigkeit, speziell von einer Komponistengeneration, die jene Situationen, die sie musikalisch spürbar machen wollen, gar nicht selber erlebt hat. Um eine Oper zu schaffen, die das Publikum erreicht, braucht es mehr als solides Tonsetzer-Handwerk und das dringliche Bedürfnis, in seinem Werkverzeichnis auch die Rubrik „Musiktheater“ zu führen. Oper muß das Publikum unmittelbar berühren. Wissenschaftliche Beipackzettel und wohlfeile Absichtserklärungen helfen da nicht. Im Vorfeld so wenig wie im Nachgang.
    Das Konzertpublikum ist mitunter gnädig, das Opernpublikum erbarmungslos. Und mit Recht. Theater ist eben, nimmt man es ernst, kein Selbstfindungskurs. Die Künstler und die Macher vergessen das oft. Das Publikum vergißt es nicht, denn es investiert Geld und Lebenszeit in eine Vorstellung.
    Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, ich gehörte zu jenen, die zeitgenössische Oper ablehnen. Dazu habe ich in fast dreißig Jahren Tätigkeit am Theater zuviele Uraufführungen zu verantworten. Ich durfte mit einigen lebenden Komponisten zusammenarbeiten, die genau wußten, wieviel an Selbstreflektion und Selbstkritik es braucht, eine Oper zu schreiben, die ihre Uraufführung auch überlebt. Diese Werke haben sich am Theater dann auch durchgesetzt. Und ich habe viel Zeit mit durchaus talentierten Künstlern versessen, die (noch nicht) verstanden haben, daß MusikDRAMA persönliches Erleben voraussetzt. Bei der Premiere solcher Elaborate war dann auch eine Staubmaske angeraten, und es stellte sich ein wenig Fremdschämen ein. Zu einer Zweitaufführung kam es meist nicht.
    Wer nicht selbst am Theater tätig ist und die Realität von Kunstanspruch und ökonomischen Zwängen, von kommunalem Erwartungsdruck und Verantwortung für Arbeitsplätze am eigenen Leib erfahren hat, sollte die Finger von Statistiken und Publikumseinschätzungen lassen. Es wird meist ein sehr subjetives und gemeinplatzgespicktes Gelaber. Mit schwarzen Listen ist die komplexe Situation nur oberflächlich zu fassen.
    Komponisten dieser Zeit, fragt euch einmal selbstkritisch: Warum sollen eure Opern gespielt werden? Und wenn ihr eine Antwort darauf geben könnt, die nichts, aber gar nichts mit eurer eigenen Person zu tun hat, setzt euch hin und fangt zu arbeiten an. Dann wird’s was werden!

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