Die Abschaffung des Kulturradios – Folge 9 („Ich will keine Orchestermusik mehr in diesem Programm hören“!

Das ist tatsächlich das mehr oder weniger einzige (und völlig unbrauchbare) Foto, das ich in meiner Zeit beim rbb gemacht habe. Es stammt vom 30. September 2008.
Das ist tatsächlich das mehr oder weniger einzige (und völlig unbrauchbare) Foto, das ich in meiner Zeit beim rbb gemacht habe. Es stammt vom 30. September 2008.

Am 22. Dezember 2020 haben wir hier angefangen, über „Die Abschaffung des Kulturradios“ zu schreiben:
Folge 1
Folge 2
Folge 3
Folge 4
Folge 5
Folge 6
Folge 7
Folge 8

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Dafür mussten wir uns (seitens der Macher von rbbKultur) Häme anhören (vor allem auf Social Media). Tenor: Das sei alles komplett falsch, ausgedacht – mit der Folge, dass ich persönlich keine Aufträge mehr von rbbKultur bekommen habe. (Damals war ich noch nicht in festangestellten Händen; also war das schon irgendwie „bedrohlich“.) Kritik ist nicht erwünscht, so viel war klar. (BR Klassik und auch andere Sender hatten damit keine Probleme; im Gegenteil; die Kolleginnen und Kollegen dort konnten unsere Kritik am öffentlich-rechtlichen Kulturradio von autorenmäßiger Kompetenz und Kreativität trennen.)

Unsere Prophezeiung (nachzulesen in den oben verlinkten Artikeln): rbbKultur soll im Grunde abgeschafft, nivelliert werden. Und jetzt scheint es wohl demnächst so weit zu sein. Der Programmchef von radioeins (vom Rundfunk Berlin-Brandenburg), Robert Skuppin, hat innerhalb des Senders wohl gesagt: „Ich will keine Orchestermusik mehr in diesem Programm hören!“ Mit „diesem Programm“ ist rbbKultur gemeint. Offenbar plant man, Klassik bald nur noch innerhalb von radioeins (?) – als „Fenster“ – zu senden. Und was sagt es eigentlich über die (musikalische) Kompetenz eines Wellenchefs aus, dass er offenbar explizit „Orchestermusik“ doof findet? Klavier solo, Violine solo (schön Bartók, hehe) und Kammermusik ist also in Ordnung? Was sind das für „Denk-Kategorien“, aus denen heraus Skuppin „argumentiert“? (Wie man hört, protestieren inzwischen sogar langjährige Festangestellte bei rbbKultur gegen diese Unkultur. Wir wünschen diesen Festangestellten ein dickes Fell und sind auf eurer Seite!)

Und die neue rbb-Intendantin, Ulrike Demmer, ist wohl d’accord; also: mit Skuppin. Sie habe bei ihrer (internen) Vorstellung („mit Blick auf die Zahlen“) angedeutet, dass rbbKultur ein „Streichkandidat“ wäre. Innerhalb der Gruppe der vielen freien Musikredakteurinnen, Musikredakteure, Moderatorinnen und Moderatoren von rbbKultur (die größtenteils schon sehr lange dort arbeiten, wenn sie nicht fortgejagt wurden und inzwischen in nicht geringer Zahl übrigens als Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger Musik an Gymnasien in Berlin unterrichten; #lehrermangel) schaut man sich, wie es aus internen Kreisen heißt, nach neuen Jobs um.

Dienstpläne für die freien Moderierenden bei rbbKultur seien für über Oktober 2023 hinaus noch nicht verteilt worden. Ein vielsagendes Zeichen.

rbbKultur steht also kurz davor, nur noch als „Fenster“ stattzufinden. Seit langer Zeit hat man schon (seitens der Festangestellten) an der (eigenen) Abschaffung gearbeitet. Mitverantwortend, dass „kleine“ Themen nicht mehr vorkommen. Mitverantwortend, dass gerade das Flächenland Brandenburg kulturell unattraktiver wird (weil von dort dann wohl kaum noch berichtet werden wird; ein gefundenes Fressen für die AfD, die ja ohnehin leider dort viel gewählt wird).

Demnächst kommt außerdem „die große ARD-Kulturwelle“, wie es heißt. Man unternimmt also den Schritt in Richtung Vereinheitlichung (sprich: in Richtung Highlightkultur). Schon seit Jahren werden die Kulturwellen im Abendprogramm von Juni bis September zusammengefasst. Man sendet dann „feierlich“ von den Bayreuther Festspielen. Und jetzt schließen wir die Augen und stellen uns das nicht nur für vier, sondern für zwölf Monate im Jahr vor. Überall das Gleiche (wenn überhaupt). Man möchte kotzen (wenn man nicht so gut gegessen hätte).

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

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