Die Abschaffung des Kulturradios – Folge 4 (Wie man rbbKultur und Co. abschaffen will und wie man Hörer*innen-Studien in den Sand setzt)

Folge 1 (Prolog)
Folge 2 (Das damalige – leise – Verschwinden des ARD-Nachtkonzerts)
Folge 3 (Hanssen vs. Schmidt-Ott – und alles zu Ludovico Einaudi)

Werbung

In den letzten Wochen und Monaten wurde vielfach über rbbKultur und WDR 3 kritisch berichtet. Hier zunächst eine Auswahl von Artikeln (Neueste zuerst)…

Peter Richter: Radio Ga Ga, Süddeutsche Zeitung, 30. April 2021

Jan Brachmann: Proteste gegen RBB Kultur. Zuhören statt Durchhören, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. April 2021

Frederik Hanssen: Streit um Klassik im Radio. RBB Kultur erntet heftige Kritik für neuen Musikmix, Tagesspiegel, 1. April 2021

Jan Brachmann: Kulturkahlschlag im Rundfunk. Mobbing gegen Bildungsbürger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. März 2021

Hartmut Welscher: „Gretchenfrage bei allen Entscheidungen: Was wäre jetzt schön?“, VAN Magazin, 3. März 2021

Gabriele Riedle: Ein Abschied vom Rundfunk, taz, 28. Februar 2021

Frederik Hanssen: Programmrefom im RBB Kulturradio. Klassische Musik braucht keinen Wohlfühlfaktor, Tagesspiegel, 9. Februar 2021

Häufige Grundaussage dieser Artikel: rbbKultur (um WDR 3 soll es heute nicht gehen) lasse seit der Programmreform (September 2020) durch den Einsatz von „Neoklassik“ und seichter Popmusik (das Schlechteste von Paul McCartney…) offenen Ohres/Auges eine Banalisierung bestimmter Programmschienen zu.

Bisher wurde dabei durch schreibende Kolleg*innen öffentlich nur angedeutet: Strebt die ARD etwa im Grunde die Einsparung, sprich: die Quasi-Abschaffung von rbbKultur an?

Die Antwort kann nur lauten: Ja!

Der Sender rbbKultur steht – meines Erachtens – kurz vor der Abschaffung.

Alles deutet (für mich – und einige Interne, mit denen ich gesprochen habe) darauf hin, dass innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre rbbKultur mit WDR 3, MDR Klassik, NDR Kultur und Co. (ausgenommen bleiben BR und SWR) zu einer „ARD Kultur“ zusammengelegt werden soll. (Sitz wird in Halle/Leipzig sein.)

Diese Bestrebungen wird man freilich seitens des Senders leugnen. (Ich persönlich zum Beispiel ahne/weiß, was auch aus diesem Artikel folgen wird. Schon nach meiner zweiten kritischen Berichterstattung an dieser Stelle habe ich keinen Auftrag mehr vom rbb erhalten, obwohl mein letzter Beitrag von Anfang Februar 2021 intern und auch von dem verantwortlichen Redakteur ausgiebig gelobt wurde. Aber, nun ja, dabei geht es ja nur um mich persönlich als Solo-Selbständigen.)

Die Reaktionen sind vorhersagbar

Wer will schon am Ende mitverschuldet haben, dass die kulturell lebendigste und diverseste Stadt der Welt (sprich: Berlin) und ein Berlin umgebendes, kulturell und politisch seit der Wende verarschtes/vernachlässigtes und dabei hochspannendes Bundesland (sprich: Brandenburg) bald keinen wirklich eigenen öffentlich-rechtlichen Kultursender mehr am Start hat? (In Brandenburg würde dies – dazu in den nächsten Tagen mehr – selbstverständlich bedeuten, dass die AfD hier weiter an Oberwasser gewinnt. Denn: Wenn bei rbbKultur bald nicht mehr aus den Theatern in Eberswalde, Senftenberg und Co. berichtet wird, dann werden diese Regionen nicht mehr so häufig bereist, sind nicht mehr gefragt, finden nicht mehr statt, sprich: verlieren gänzlich an Sichtbarkeit. Die Chance für Rechtspopulisten! Dank rbbKultur! Derartige Zusammenlegungen werden uns von den taktisch dafür eingesetzten Personen beim rbb naturgemäß im besten Marketing-Motivations-Deutsch ernsthaft als „Chance“ und „als was ganz Tolles“, „Erfrischendes“ verkauft werden. Wetten?)

Dabei wollte ich etwas Anderes erzählen. Etwas, was mit der Programmreform zu tun hat. Denn: Wie begründen Radio- und Fernsehsender Reformen? Mit Einsparungszwängen? Richtig, auch. Mit sinkenden Einschaltquoten? Genau.

Aber vor allem mit, exakt: Evaluationen.

Mögen Sie Stockhausen? Wie? Nein?

Und darüber will ich euch zwei Geschichten erzählen. Wie laufen diese Evaluationen eigentlich?

Von 2008 bis 2010 habe ich bei rbbKultur (damals noch: Kulturradio vom rbb) gearbeitet (bis ich die Festanstellung als Dramaturg am Konzerthaus Berlin bekam; ein brucknerähnlich fließender Übergang also). Ein Redakteur fragte mich damals auf dem Gang, ob ich Zeit hätte, eine Hörer*innen-Studie kurz gegenzuchecken.

Man hatte (jetzt aus der Erinnerung skizziert) 100 Hörerinnen und Hörer 100 Musiktitel vorgespielt. Mozart, Klarinettenkonzert, 2. Satz, mit Sabine Meyer und so. Dazu sollten die Proband*innen Fragen beantworten…

Kennen Sie diese Musik? (Ja/Nein/Vielleicht)

Mögen Sie diese Musik? (Ja/Nein/Vielleicht)

Möchten Sie diese Musik häufiger hören? (Ja/Nein/Vielleicht)

Meine Aufgabe war es, kurz zu kontrollieren, ob das Manuskript, auf dem die Aufnahme-Notizen (Interpret*innen, Orchester usw.) zu den 100 kurzen Ausschnitten verzeichnet waren, mit der tatsächlichen Test-CD übereinstimmen. (Ich erinnere mich, dass ich einen Fehler fand. Dort hatte man ein Orchesterstück von Respighi verwechselt. Mit einem anderen Respighi. Angemerkt, Lob vom Chef bekommen, abgegeben. Danke. Ciao.)

Die vorgespielte Musik war zu exakt 99 Prozent Mainstream: Beethovens Siebte, Scherzo, Sekunden 1-15; Weber, Freischütz-Ouvertüre und so weiter…

rbbKultur: Best Practice in Self-fulfilling prophecy

Nur ein einziger Titel entsprach eben nicht dem Mainstream: Ein komplexer Stockhausen-Ausschnitt; ich weiß nicht mehr genau, aus welchem Werk. Aber jedenfalls: atonale Musik, komplex verdichtet, punktuell – böse gesagt: Klischee-Moderne.

Nun kann man sich gut vorstellen, dass hier niemand bei Stockhausen „Ja, kenne ich!“ – und „Ja, möchte ich vor allem zum Frühstück um 7.20 Uhr unbedingt hören!“ angekreuzt hat.

Schön und gut (beziehungsweise: schlecht). Aber, wozu diente diese Studie eigentlich?

Ich weiß es: Man wollte die Neue-Musik-Sendung „Musik der Gegenwart“ halt dauerhaft von 20.00 Uhr auf 21.00 Uhr schieben.

Und die besagte „Mögen-Sie-diese-Musik?“-Studie war für die rbb-Leitung der Beweis: Die Neue Musik muss noch weiter an den Rand des Programms gedrängt werden!

Und so geschah es! „Best Practice in Self-fulfilling prophecy!“ – so würde man es auf „Workshops“ oder „Jour fixes“ intern im rbb nennen (nur ohne zu kapieren, dass eh hinten das rauskommt, was man vorne grinsend reingestopft hat.)

Neoklassik als Marginalisierungsmaßnahme und Einsparungsmodell

Meine Einstellung zur „Neoklassik“ von Einaudi, Yiruma und Co. ist bekannt: Das ist keine Kunst – und das ist auch nicht „fresh“. Und vor allem holt das nicht das junge Publikum von anderen Sendern (die das besser können) weg. Und nein, das nicht zu mögen hat auch nichts mit Intoleranz zu tun. (Vielleicht mit Bildung. Aber das gibt der Sender mit Bildungsauftrag in den Statuten natürlich nicht zu.) „Neoklassik“ ist weder „Neo“ noch „Klassik“, es ist eine Klassik-Simulation. Sehnsüchtig schauen die – sehr häufig männlichen – Klavierspielenden in die Ferne. Dazu ertönt ein totes Geplätscher in C-Dur, vielleicht auch einmal („wenn es hochkommt“…) in F-Dur. (Doch dazu irgendwann noch einmal mehr. Auch zu den internen Reaktionen auf meine Artikel und Statements übrigens… #nordkorea).

Der Sender rbbKultur musste bekanntlich über eine Million Euro einsparen. Und da passt es natürlich, dass man mit „Neoklassik“ nicht nur sein eigenes Programm absichtlich marginalisiert (weil eben die Aufgabe der eingesetzten Programmchefin Verena Keysers – kurz gesagt – die Abschaffung des Senders ist). Nein, für Einaudi und Co. muss auch nicht der weitaus höhere GEMA-Satz für „E-Musik“ gezahlt werden. Einaudi und Kollegen werden also nicht einmal dabei reich! Warum? Weil „Neoklassik“ bei der GEMA als „U-Musik“ eingestuft wird. Einaudi verdient also pro (täglichem) Einsatz bei rbbKultur (in bestimmten Programmschienen freilich) genau die hinter dem Komma (nach der „0“) auftauchenden Cent-Beträge wie Bohlen und Konsorten…

Zwei Studien: eine Meinung

Aber warum spielt rbbKultur seit September 2020 eigentlich „Neoklassik“? Etwa, weil eine Hörer*innen-Studie in Auftrag gegeben wurde?

Ja, so eine (natürlich kostspielige… #einsparungsmaßnahmen) Studie gibt es. Sie liegt mir vor. 63 Seiten pdf. Titel: „Musikstudie rbbKultur 2019. Ergebnisse | Januar 2020“. Auch auf dieser Umfrage beruht also die Programmreform von September 2020.

Nun beschweren sich die Hörer*innen von rbbKultur in der just veröffentlichten Auswertung der Umfrage vom Landesmusikrat Berlin vor allem sehr häufig über die eingesetzte Verdummungsmusik („Neoklassik“).

Und? Sagte die Evaluation nun aus: „Spielt unbedingt Neoklassik, dann gehen die Quoten nach oben!“?

Die Antwort: Nö.

Schauen wir uns Seite 16 der Studie an…

Ausschnitt aus der rbbKultur-Evaluation 2019, Seite 16

Ausschnitt aus der rbbKultur-Evaluation 2019, Seite 16

Die Mehrheit der Hörer*innen (63 Prozent) will Oper, Operette und Lied. Die Reaktion von rbbKultur: Die Einstellung einer der besten Sendungen: „Musikstadt Berlin“ – mit dem unterhaltsamen, extrem lustigen, unfassbar kompetenten Kai Luehrs-Kaiser. (Die letzte Sendung kam am 8. September 2020). Hier liefen vor allem Opernausschnitte, Operetten-Preziosen und auch Lied-Aufnahmen längst verstorbener Legenden.

Auf dem zweiten Platz: „Klassik“ (60 Prozent) – musikwissenschaftlich übrigens äußersts fragwürdig ausdifferenziert. Und was schneidet besonders schlecht ab? Richtig: Leichte Klassik und Filmmusik. Reaktion von rbbKultur: Mehr leichte Klassik und mehr Filmmusik ins Programm!

Auf dem Bronze-Rang (57 Prozent): „Pop, Singer Songwriter, Easy Listening“. Recht weit hinten dabei: „Easy Listening“. Reaktion des Senders: Die (handverlesenen!) seichtesten Pop-Songs aller Zeiten am Morgen wie am Mittag.

Nicht nur verweigern sich die festangestellten Verantwortlichen bei rbbKultur also der Pflicht, die grenzenlose kulturelle Diversität von Berlin abzubilden (erst neulich hat man nach mehr als 40 Jahren das einzig wirklich feministische Magazin abgesetzt). Nein, man beauftragt auch noch teure Evaluationen – und widersetzt sich den daraus hervorgehenden „Handlungsmaximen“…

Reaktion des Senders allgemein auf Kritik von außen: Wütende Emails, interne Angriffe, unlustige, ironisierende Kommentare auf den sozialen Medien, Ablehnung von Interviews, Ablehnung eines offenen Dialogs.

Wir sehen der Abschaffung von rbbKultur also ins Auge. Klar, es wird wahrscheinlich irgendwelche kleinen „regionalen Fenster“ geben. Aber das wäre ein Witz.

Leider ein sehr sehr schlechter.

Arno Lücker wurde in Braunschweig geboren, studierte in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt und als Moderator, Dramaturg, Konzertveranstalter, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker arbeitet. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96, Hertha BSC und den Toronto Blue Jays (Baseball).

2 Antworten

  1. Danke für diesen Artikel! Das erklärt für mich als täglicher Klassik-Forum-Zuhörer warum es plötzlich gefühlt so viel mehr Filmmusik und Einaudi & Co. gab und gibt – es ist nämlich tatsächlich so. Dass der Herr Burmester deswegen aufgehört hat wusste ich nicht und finde ich auch sehr schade. Dass die Anmoderationen gekürzt und vereinfacht werden sollen finde ich absolut skandalös, ganz ehrlich.

    Grundsätzlich bin ich aus eigener Erfahrung als privater Klavierlehrer sicher, dass Einaudi & Co. überhaupt nicht als Übergang zu Mozart, Schumann oder Debussy taugen.

    Würde es denn was bringen, wenn mensch einen Hörerbrief schreiben würde? Und falls ja an wen genau (speziell bei WDR3) adressieren?

    Herzlichen Gruß vom Niederrhein!

  1. 11. Mai 2021

    […] grundlegend verändert hat, tobt eine hoch emotionale Debatte. Immer neue Artikel und Meinungen. Journalist Arno Lücker schreibt nun in der nmz: „Alles deutet (für mich – und einige Interne, mit denen ich gesprochen habe) darauf hin, dass […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.