Bots just wanna have fun

Weird Tales, Inc., Public domain, via Wikimedia Commons

Bots just wanna have fun

Werbung

Science-Fiction ist schon lange – spätestens seit Mary Shelley – das Genre gewesen, in dem man die Auswirkungen von technischen Fortschritten auf die menschliche Gesellschaft phantasievoll durchexerzieren kann. Hierbei ist es gar nicht so wichtig, dass das Prophezeite auch exakt so eintrifft. Wer sich heute über Jules Vernes Visionen von Riesenzeppelinen und drolligen Mondraketen lustig macht, vergisst, dass diese Fantasien tatsächlich die Technologien beflügelten, die heute Realität sind. Der Mensch musste erst davon träumen, zu fliegen, bevor er sich an die Realisierung dieses Traumes machte. Und das Träumen ist ein wechselseitiger Prozess mit direkten Auswirkungen auf die Wirklichkeit – Es ist z.B. kein Geheimnis, dass die moderne Touchscreen Technologie und das Design von Smartphones vom Set Design der Fernsehserie „Star Trek – The Next Generation“ beeinflusst wurde.

Daher ist es angebracht, sich mal so langsam Gedanken darüber zu machen, welche gar nicht so heimliche Revolution sich gerade anschickt, unsere Gesellschaft massiv zu verändern. Ich spreche von Künstlichen Intelligenzen, die zunehmend in der Lage sind, Texte zu schreiben, Bilder zu generieren und natürlich auch zu komponieren.

Wobei der Begriff „Künstliche Intelligenz“ irreführend ist, richtiger wäre der Begriff „Kreativitätsimitatoren“ oder „Bot“, denn bisher gibt es ja noch gar keine echte künstliche „Intelligenz“, die denken, fühlen und eigenständig kreativ sein kann. Was aber zunehmend möglich ist: mit vorhandenen Datenmengen so umzugehen, dass beliebig viele selbstähnliche Permutationen erzeugt werden können. Wenn man KIs mit der Musik von Bach oder Beethoven füttert, sind sie schon lange in der Lage, ähnlich klingende Musik zu produzieren (auch wenn Projekte in dieser Richtung immer wieder auch mal spektakulär scheitern, wie zum Beispiel dieses hier). Die meisten Menschen können diese Musik schon nicht mehr vom Original unterscheiden, nur Experten werden hier und da Ungereimtheiten erkennen. Diese KI-Musik ist nie „neu“, sondern nur ein immer wieder neuer Aufguss des Altbekannten, aber das scheint ja schon jetzt den meisten Besuchern von klassischen Konzerten vollkommen zu genügen.

Limitiert sind diese Programme nur von ihrer Rechenleistung und den zugrundeliegenden Algorithmen. Wenn das „Machine Learning“ erst einmal auf den Weg gebracht wurde, kann das Programm sogar vom Feedback der Hörer lernen. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die in zunehmend perfekterer Imitation von Kreativität münden wird. Schon jetzt lesen wir alle (oft ohne es zu merken) künstlich generierte Artikel im Internet und sehen künstlich erzeugte Bilder.

Was wird das alles für Konsequenzen haben?

Hier ein bisschen Science-Fiction:

  1. Übersetzungsprogramme werden immer besser, und während sie unsere Texte übersetzen lernen sie auch, wie wir zu schreiben und zu sprechen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Call-Centers keine Menschen mehr sitzen, sondern höfliche, wie Menschen klingende Bots mit uns interagieren, mit endloser Geduld und großer Höflichkeit. Diese Bots werden immer besser darin werden, Fragen zu beantworten und Informationen zu verarbeiten. Gleichzeitig werden Kriminelle Bots nutzen, um uns auf neue Weisen hereinzulegen. Jeden Tag sprechen wir in Alexas oder fragen Siris nach der Uhrzeit. Während diese Programme unsere Stimmen analysieren (um sie verstehen zu können), werden sie auch immer besser darin, uns zu imitieren. Was ist also, wenn jemand an diese Daten kommt und künstliche Stimmkopien unserer Ehepartner und Freunde nutzt, um uns am Telefon zur Herausgabe unserer Kreditkartennummern zu bewegen? Wir können schon bald nicht mehr sicher sein, dass die Stimme am anderen Ende wirklich einer Person gehört.
  2. „Angewandte“ Musik, Jingles oder „Muzak“ sind ein Betätigungsfeld, das unzähligen Komponierenden ein Einkommen beschert. Aber wie lange noch? Schon jetzt ist es KIs ein Leichtes, generische Musik für bestimmte „Stimmungen“ zu erzeugen. Es gibt tausende von Apps mit „Mood“-Musik, die bestimmte Stile auf Knopfdruck generieren und endlos variieren können. Warum noch einen Barpianisten anheuern, wenn dasselbe kostengünstiger und unendlich lange live erzeugt werden kann? Eine solche KI könnte auch leicht auf Wünsche reagieren und Pianoarrangements aktueller Hits im Sekundentakt erzeugen, ebenso wie schon jetzt KIs zur Untermalung von Gottesdiensten eingesetzt werden, weil es zunehmend an Organist:innen mangelt, die Choralsätze improvisieren können. Generische Musik für Soap Operas, für den Fahrstuhl, für den Supermarkt? Es wird immer weniger Grund geben, diese Art von reiner Funktionsmusik von Menschen komponieren zu lassen – Menschen sind zu langsam, zu unzuverlässig und kosten GEMA – warum sich mit Menschen herumschlagen, wenn ich dasselbe auf Knopfdruck in unendlicher Variation haben kann?
  3. Bisher haben wir uns immer damit getröstet, dass die Maschinen noch nicht wirklich „kreativ“ sein können. Sie sind nicht exzentrisch, nicht genial und erfinden keine neuen Musikstile (obwohl auch das vielleicht nur eine Frage der Zeit ist). Aber sie sind wesentlich bessere „Handwerker“ als wir, und verdammt schnell. Für einen bestimmten Bereich von Mainstream-Musik ist Handwerk wesentlich wichtiger als echte Originalität. Schon jetzt gibt es komplett virtuelle K-Pop-Stars. Der nächste Schritt wäre, die Songs auch von KIs komponieren zu lassen (geschieht sicher auch schon), denn letztlich sind diese ja nur die Hintergrundmusik für die mediale Präsentation von gutaussehenden jungen Performern, die bestimmte Zielgruppen zum Kaufen bestimmter Produkte und zum Besuch bestimmter Konzerte animieren will. Der Traum jedes Produzenten ist es, eine solche Boy- oder Girlgroup komplett generieren und kontrollieren zu können. Wenn dann die Stars als auch die Choreografie, die Kostüme und die Musik virtuell erzeugt werden können, gibt es endlos Nachschub für die jungen Zielgruppen, und man muss sich auch nicht mit drogensüchtigen oder depressiven Performern herumschlagen, die einem das Geschäft vermasseln.
  4. Ein neues Feld könnte in der erneuten Generierung von „historischen“ Konzerten entstehen. Jimi Hendrix‘ Gitarrenspiel ist in hunderten von Aufnahmen und Filmen verewigt – eine KI könnte schon bald dazu in der Lage sein, ein komplettes Konzert mit einem Hendrix-Bot zu generieren, zusammen mit authentischen Verspielern, Ansprachen an das Publikum und Gitarrenfeedbacks. Ein virtuelles „Woodstock“ ist sicherlich bald Realität, ohne dass man im Schlamm übernachten muss. Schon jetzt nutzen ältere Bands wie Abba Technologie, um eine junge Version von sich selbst auftreten zu lassen…sehr zur Freude ihrer Fans, die mit einem solchen Konzert vor allem ihre Nostalgie bedienen wollen, denn es soll auf jeden Fall so klingen „wie früher“. Es kann also gut sein, dass wir in 100 Jahren noch echt wirkende Konzerte mit den Rolling Stones erleben werden, auch wenn die Bandmitglieder schon lange verstorben sind. Und wenn wir wissen wollen, wie ein Duett von Mick Jagger zusammen mit John Lennon geklungen hätte – auch das kann eine KI leicht generieren, zusammen mit täuschend echten Hologrammen in „deep fake“-Technologie, die man heute schon auf einem Laptop zum Laufen bringen kann.
  5. Wir werden eine Industrialisierung von Kreativität als Ware in ungeahntem Maße erleben und auf eine Weise, die sich selbst Walter Benjamin nicht hätte ausdenken können, denn nun sind nicht nur die Kunstwerke unendlich reproduzierbar, auch das Erstellen von Kunstwerken wird zu einer reproduzierbaren Funktion. Dies wird zur Folge haben, dass eine sehr große Menge von Menschen im kreativen Sektor keine Arbeit mehr finden wird, wogegen der Bedarf an KI-Programmierern steigen wird. Wer heute noch Jingles komponiert wird vielleicht -wenn er oder sie Glück hat – morgen allenfalls bei der Justierung eines „Jingle-Bots“ behilflich sein. Wer heute noch Filmmusik schreibt, kann morgen Teil eines Programmierteams sein, das Filmkompositionsbots herstellt. „Angewandte“ künstlerische Arbeit wird enorm an Wert verlieren und zur Massenware werden. Das wird alle Genres in gigantischem Maße betreffen. Grafikdesigner, Webdesigner, Fotografen, Architekten und Tanzmusiker – sie werden alle Konkurrenz bekommen von Bots, die schneller, effektiver und billiger als sie arbeiten. Dies wird auch Auswirkungen auf das Urheberrecht haben, denn Konzerne werden zunehmend danach streben, ihre jeweiligen KIs zu patentieren und deren künstlerische Erzeugnisse auch mit Tantiemen auszubeuten. Wir werden vermutlich eine Phase der extremen Konkurrenz unterschiedlicher KIs erleben, die jeweils ein bestimmtes Feld bedienen, und die Konsumenten werden jeweils die Entscheidung darüber treffen, welche dieser KIs am besten „ankommen“. Aber damit werden sie auch nur Teil des KI-Feedbacks, das diese zum Lernen benötigen. So wird eine Zeit kommen, in der neue kreative Trends nicht im Wildwuchs entstehen und dann entweder ankommen oder nicht, sondern der Trend selbst immer mehr der Kontrolle der Macher unterliegt. In vielerlei Hinsicht ist dies ohnehin schon so.
  6. Aber es wird auch Gegentendenzen geben, und das wirklich Originelle und Kreative wird weiterhin gefragt sein, vielleicht sogar an Wert gewinnen. Aber die Gruppe der Kreativen wird wesentlich kleiner sein im Vergleich zur „Massenware“. Man kann dies schon jetzt überall da beobachten, wo Industrialisierung und Massenfertigung präsent sind. Der Großteil der auf dieser Welt getrunkenen Spirituosen wird industriell und möglichst automatisiert hergestellt, ist billig und für jeden erschwinglich. Der Preis der Produkte von unabhängigen Weinherstellern, Whiskydestillerien und Craft-Bierbrauereien ist dagegen stetig gestiegen und wird dies auch weiterhin tun. Es gibt also das Publikum für das Besondere und individuell Gefertigte, aber es ist klein und finanziell hochgestellt. Dies wird Kultur zunehmend dem Bürgertum – in dem sie einst ihren Platz hatte – entfremden. Sie wird wieder allein eher Angelegenheit der Superreichen und Mächtigen sein und wieder in größere Abhängigkeitsverhältnisse geraten – so wie es schon einmal war, zu Zeiten Haydns, Mozarts und Bachs.
  7. Die Komponierenden, die hochoriginell und individuell arbeiten, werden weiterhin ein Auskommen haben. Aber es wird eine härtere Konkurrenz um eigenwillige und neue Ideen geben, mit reiner Genremusik wird man nicht mehr reüssieren können. Je leichter eine bestimmte Musik von KIs reproduziert werden kann, desto uninteressanter wird sie werden. Der Bedarf an Individualität und möglichst aufregenden Biografien wird wachsen, man wird computergenerierte Kreativität als das „new normal“ betrachten und von Menschen das Außergewöhnliche und Verrückte erwarten. Aber auch dies könnte sich als kreative Sackgasse erweisen. Komponierende, die einen eigenwilligen Stil erfunden haben, werden zunehmend versucht sein, eine KI in diesem Stil für sich arbeiten zu lassen. Wer könnte es ihnen verdenken? Ein Komponist wie Messiaen hat sein Leben damit verbracht, eine stilistisch sehr homogene Musik zu schaffen, die immer unverkennbar nach „Messiaen“ klingt – was hätte er getan, wenn dies ein Bot für ihn hätte erledigen können? Endlose Klaviermusik im Stile von „Vingt Regards“ könnte vermutlich schon heute problemlos erzeugt werden, und es wäre auch schon jetzt möglich, Aufnahmen von Vogelstimmen direkt in Musik „a la Messiaen“ umzuwandeln, denn viel anders als Spracherkennung von Menschen würde das auch nicht funktionieren. Sind wir sicher, dass Messiaen dieser Versuchung nicht widerstanden hätte? Eine typische Komponistenkarriere könnte also so aussehen: eine lange Ausbildungsphase, während der man nach etwas Originellem ringt, das die Bots noch nicht kennen, dann eine lange „industrielle“ Phase, in der die Bots zunehmend die eigene Arbeit erledigen. Es gibt heute schon Komponisten, deren Musik zunehmend wie von Bots komponiert klingt, Max Richter zum Beispiel. Ihre Zahl wird zunehmen.

 

Ich bin kein Yuval Harari und daher sehe ich auch nicht schwarz für den schöpferischen Homo Sapiens. Wie bei allen technischen Entwicklungen wird es auch beim zunehmenden Aufkommen von KIs Licht und Schatten geben. Es ist zum Beispiel vorstellbar, dass Musik computerunterstützt in Bereiche vordringt, die wir uns bis jetzt noch nicht vorstellen kann. Originalität wird auch dann gefragt sein, genauso wie z.B. eine „Avatar“-Welt erst einmal von Menschen erdacht werden muss, bevor sie mit Hilfe von gigantischen Rechenleistungen zur Wirklichkeit wird, unter strenger Kontrolle ihres Schöpfers (James Cameron). Ich glaube auch, dass die Suche nach dem „Außergewöhnlichen“ und die Neugier des Menschen evolutionstechnisch so tief in uns verankert ist, dass eine Zukunft ohne jegliche Herausforderung und mit einer komplett automatisierten und vorhersehbaren Kultur nicht wirklich funktionieren würde. Aber es hilft uns schon jetzt, ein paar dieser Tendenzen durchzudenken – nichts anderes will dieser Artikel.

Aber eines steht fest: der Moment der „Singularität“, also der Erschaffung einer echten unabhängigen künstlichen Intelligenz mit eigenem Antrieb und eigenem Willen, würde alles ändern. Und wir können nicht wirklich sagen, wann dieser Moment kommen wird.

Ich bin aber fest davon überzeugt, dass er kommen wird. Warum? Weil wir schon sehr lange davon träumen.

 

Moritz Eggert