Die 24 Tonarten und ihre bekanntesten Werke – Folge 18: gis-Moll

Ich hatte mal die Idee, wie man – natürlich auf recht einfache, populäre, aber irgendwie lustige Weise – Johann Sebastian Bachs beiden Bänden des „Wohltemperierten Claviers“ „nacheifern“ könnte. Nämlich mit einer Playlist, die das jeweils bekannteste Stück jeder einzelnen Tonart abbildet. Also im Quintenzirkel „vorne“ angefangen von C-Dur bis nach „hinten“ (h-Moll). „Bekanntheit“ ist natürlich kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Mit „Bekanntheit“ meine ich – in Bezug auf Werke klassischer Musik – mehr ein „Gefühl“. Ist zum Beispiel ein Stück in einem Film einer/eines berühmten Regisseurin/Regisseurs sehr prominent verwendet worden, dann rückt dieses Werk jeweils natürlich gefühlt „nach oben“ im Ranking. Den ersten Satz von Beethovens Fünfter beispielsweise habe ich schon in Filmen iranischer Regisseur:innen verarbeitet gesehen/gehört (besonders eindrücklich in dem Film „Die Stille“ von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1998). „Welthaftigkeit“ geht also als Überlegung hinsichtlich der „wirklichen“ („globalen“) Bekanntheit mit in die jeweilige Entscheidung ein. Meine Artikel-Serie zu den Tonarten ist insbesondere eine Einladung zum Mitdiskutieren! (Jeder „endgültigen“ Entscheidung füge ich einen Link und eine entsprechende Interpretation des jeweiligen Tonarten-Stückes bei. Auch hierbei darf in den Kommentaren gerne – freundlich – interveniert werden.)

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Die bisherigen Folgen: C-Dur, c-Moll, Des-Dur, cis-Moll, D-Dur, d-Moll, Es-Dur, es-Moll, E-Dur, e-Moll, F-Dur, f-Moll, Ges-Dur, fis-Moll, G-Dur, g-Moll, As-Dur.

Gis-Moll ist eine wahnsinnig zwielichte Tonart. Eine Tonart wie ein Insekt! Wie eine Spinne! Vielfüßig gleißt sie dahin auf den Tastaturen und den Stahl- und Darmsaiten dieser Welt. Flott, angetrieben von irgendetwas Geisterhaftem. Gis-Moll schillert blau-rot und dabei stahlweiß! Pink auch. Rachmaninows bekanntes Prélude op. 32 Nr. 12 hätte ich durchaus als bekanntestes Stück in gis-Moll hier krönen können, zumal Rachmaninow diese Tonart vorbildlich flackernd und janusköpfig auf die schwarz-weißen Kriechdinger setzte! Doch gewonnen hat tatsächlich Liszt (beziehungsweise natürlich vor allem auch irgendwie Paganini) – ohne den (beziehungsweise ohne Liszts Mutter) Rachmaninow niemals geboren worden wäre! Damit fährt Liszt (nach dem Gewinn in der Kategorie „As-Dur“) den beeindruckenden zweiten Sieg in Folge ein. Chapeau!

Das für Arno Lücker bekannteste Werk in gis-Moll:
Franz Liszt (1811-1886)
Études d’exécution transcendante d’après Paganini (1851)
Nr. 3: Campanella. Allegro moderato
Géza Anda (Klavier)

Andere über gis-Moll…

Gis moll, Griesgram, gepreßtes Herz bis zum Ersticken; Jammerklage, die im Doppelkreuz hinseufzt; schwerer Kampf, mit einem Wort, alles was mühsam durchdringt, ist dieses Tons Farbe.

(Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 379)

Gis oder As moll nannte Schubart einen Grießgram und theilte ihm die Jammerklage zu, die im Doppelkreuz seufzt. Auch diese Tonart meist nur in einzelnen Zeichnungen gefunden, drückt dann das Gefühl eines mühselig beladenen, bedrückten Herzens aus. Beethoven schrieb in ihr den preiswürdigen Todtenmarsch auf den Tod des Eros in der Sonate Op. 26.

(Ferdinand Gotthelf Hand: Aesthetik der Tonkunst, Erster Theil, Leipzig 1837, S. 225)

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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