Das Kabinett Merkel IV – ein Klangkörper mit Musik?

Bevor der Bundespräsident das durch die vierte Große Koalition zustandegekommene Kabinett Merkel IV vereidigt, fragen wir: könnte die Regierung auch Musik machen? Hier ein kleiner Einblick wer ein Instrument spielt oder singt, wer was sinniges oder unsinniges zu Musik sagt, wer gar nichts dazu sagt. Je bekannter das Regierungsmitglied, um so mehr ist herauszufinden. Je unbekannter die Person, um so eher gleicht die Recherche einem 4’33“-Projekt.

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Die Merkelraute als kabinettstaugliche Dirigiergeste?

Am einfachsten ist es mit der alten und künftige Bundeskanzlerin Angela Merkel: sie lernte Flöte und Klavier, ließ das aber bald wieder bleiben. Dafür sänge sie manchmal. Da fragt man sich: trällert sie als Wagner-Fan Brünnhilde oder Elsa? Oder doch eher Volkslieder, die sie auch schätzt.

Ihr CSU-Chef-Konkurrent und neuer Innen- und Heimatminister spielt gern mit Modelleisenbahnen. Gefragt, was er in seinem Ruhestand noch gerne machen würde, meinte er, er wolle seine Keyboardkenntnisse verbessern. Nun will er erst einmal die Landtagswahlprognosen seiner Partei aus Berlin verbessern und wird als seiner Kanzlerin verpflichteter Minister hoffentlich weniger auf verstimmten Unionstasten klimpern als er es als Parteichef und Ministerpräsident tat. Wir wünschen uns maximal goldfarbene Terzmixturen.

Im doppelten Sexten und Terzen-Kontrapunkt wird Olaf Scholz als Vizekanzler und Finanzminister die Kanzlerin begleiten. Der stille Jung‘ vom Alsterufer wirkt so, als habe er seine jugendlichen Pianissimo-Etüden auf seiner Oboe, die er spielt, zum Lebensprinzip erhoben, so ruhig wirkt er manchmal. Doch halt: wehe er pustet in sein Instrument als sei es ein Containerschiffshorn bei Stadersand oder Finkenwerder, wird er in der tiefen Lage ganz schön unflätig rumposaunen. Beziehungsweise täte er es, wenn jemand im Kabinett seinen Posaunen-Ton mit ihm mischen könnte. Nach jetzigen Stand spielt aber niemand dort Posaune. Gefahr gebannt, Stille verewigt. Aber Achtung: irgendwann könnte er als Oboist den Ton angeben, zuerst beim Einstimmen, irgendwann als Kanzler?

Dass es ausgewogen zwischen Kanzlerin und ihrem Vize bleibt, darauf wird die Kulturmanagerin Monika Grütters als Kulturstaatsministerin achten. Ob sie ein Instrument beherrscht, ist nicht so einfach herauszufinden. Wir nehmen mal an, dass es irgendwas zwischen Singen, Geige, Flöte, Cello oder Klavier sein könnte. Als Managerin wird sie das musikalische Wechselspiel von Merkel und Scholz mit kühlem Blick einfangen und der Kanzlerin einflüstern, doch mal Alberich oder Wotan oder Ortrut zu trällern.

Bei Staatsministerin im Kanzleramt Annette Widmann-Mauz lässt sich nur was zur „Präimplantationsdiagnostik als Instrument der Selektion“ finden. Und ihr Pendant Hendrik Hoppenstedt hat als Bürgermeister von Burgwedel eifrig das Laienmusikleben seiner Kommune von der Musikschule bis zum Akkordeonorchester begleitet. Und Dorothee Bär stand mal auf Campino, sei es als Idol, sei es als Sänger.

Über Heiko Maas, der vom Justizressort ins Aussenamt wechselt, ist bekannt, dass er gerne zu markigen Beats joggt. Ob sein reformiertes Urheberrecht Autorinnen und Autoren besser schützen wird, muss man sehen. Rechte und Ultrarechte sind auf ihn sauer, weil er sich vor langer Zeit bei der in deren Augen linksextremen Band „Feine Sahne Fischfilet“ für einen Auftritt bedankte, bei Linken ist er unbeliebt, weil er „Rock gegen Links“ einforderte. Musikalisch wird ihm sein neuer Job als Aussenminister ein vertieftes Hymnen-Wissen bescheren und vielleicht erkennt er einige davon in Stockhausens „Hymnen“ wieder. Seine Staatssekretärin Michelle Müntefering mag Musik zwischen den Sportfreunden Stiller und Red Hot Chilli Peppers. Maas‘ Staatssekretär Niels Annen steht auf U2. Sein Europastaatssekretär Michael Roth benötigte 2002 nach einer Analyse der HU-Berlin Nachhilfe für die Begriffe „Berufsmusiker“ und „Semiprofessioneller Musiker“, beziehungsweise agiere der Musiker als freier Künstler und benötige keine Förderung? Huch, hoffentlich gibt dem SPD-Mann Frau Grütters da Nachhilfe.

Wir hätten fast Seehofers Staatssekretär Stephan Mayer aus Mühldorf, Altötting verpasst. Ob er ein Instrument beherrscht oder aktiv singt, das wissen die Ost-Oberbayern. Auf seiner Facebook-Seite likte er den Kirchenchor Altmannstein und das Symphonieorchester Mühldorf, das unser Komponistenkollege Georg Haider leitet – herzliche Grüße!

Über Katarina Barley, die vom netten Familienposten nun auf den Schleudersessel Justiz wechselt, und Musik gibt es nicht viel zu finden. Sie pflegt wohl ein ganz klassisches SPD-Kulturbild, das Kultur an Soziales koppelt. Nachdem sie mal die Schirmherrin eines inklusiven Tanzprojekts war, wird sie sich Tipps einholen, wie man bei ultrarechten Attacken Pirouetten macht oder danebenhüpft und gerade damit Sympathiewerte erhöht.

Hier ganz weit unten können wir nun auch über Olaf Scholz Staatssekretärin Bettina Hagedorn und Musik sprechen. Sie spielt leider weder Oboe noch Fagott, was ein perfektes Doppelrohrblattduo ergeben hätte. Sie schwärmt von Santana, Eric Clapton und Grönemeyer, begleitete ihre Kids in den Nullerjahren zum damals Gott sei Dank nur musikalisch und noch nicht quasi-reichsbürgerlich säuselnden Xavier Naidoo. Ihre Begeisterung für Miles Davis rettet sie. Und sollte sie ihren Chef Scholz mal fragen, ob er auf seiner Oboe Davis nachspielen möge, kann er mit Mahnkopfschen Medusen-Multiphonics oder Zufalls-Mehrklängen schnell das Thema wechseln und wird nie wieder mit solchen Wünschen konfrontiert.

Peter Altmeier, der Wirtschaftsminister, bekennt, dass Musik für ihn wichtig sei – in einem Bild-Zeitungsporträt, wo er als barocker Mensch bezeichnet wird. Ich stelle mir irgendwas zwischen Albinoni und endlosen Wiederholungen von Händel-Concerti-Grossi oder dem 2. Brandenburgischen Konzert vor – wegen der Trompete und Altmeiers Lippen, die eigentlich nur Gedanken an Ralph Vaughan Williams Tubakonter zulassen. Tja, und das Peter-Altmeier-Gymnasium als rheinland-pfälzisches Landesgymnasium wird mit ihm nichts zu tun haben.

Arbeitsminister Hubertus Heil scheint Musik vor allem als Blasmusik für seine politischen Reden im Lande zu schätzen. Wenn er auch für Soziales zuständig sich für den Erhalt der Künstlersozialkasse und weitere Verbesserungen für Künstlerinnen und Künstler einsetzen sollte, wäre schon genug erreicht.

Mit Julia Klöckner, für Ernährung und Landwirtschaft zuständig, bleiben wir bei der Blasmusik. Sie spielte im Musikverein ihres Heimatdorfes Guldental in ihrer Jugend Querflöte. Geht es in musikalische Abgründe, z.B. protestantische Choräle wie „Aus tiefer Not schrei‘ ich zu Dir“ wird es ihr zu düster: „Niederungen, Jammer, Trübsal! Das kann runterziehen“, bekannte sie einmal in einem Gespräch mit dem Comedian-Medicus Eckart von Hirschhausen. Man möchte klischeebehaftet sagen „typisch Laien-Querflöte“, aber in ihrem Falle ist wohl vor allem ihre katholische Lebensfreude, die sie bisherige Landtagswahlniederlagen zäh weglächeln ließ.

Der fränkische Verteidigungs-Staatssekretär Thomas Silberhorn, der sich auch gerne von Stadtkapellen seine Reden Daheim garnieren läßt, wird an seiner Chefin Ursula von der Leyen, wieder Verteidigungsministerin, große Freude haben. Auch wenn die Männer trotzig schweigen, sang sie in einem NDR-Auftritt der Albrecht-Familie ihres Papas standhaft einen Kanon weiter. Und bei einem ihrer Blasmusikkorps machte sie sich kumpelhaft zum Affen, als sie in Horn und Tuba reinbließ und nur heiße Luft dabei herauskam. Eine starke Bläsertruppe ist im Kabinett Merkel IVtrotz der Flötistin Klöckner und dem Oboisten Scholz nicht zu erwarten.

Die heimliche Retterin der Musik, speziell von musikalischen Familienbetrieben wie Musikalienhandlungen und Musikverlagen, das letztere besonders freuen dürfte in ihren immerwährenden Jammertälern, dürfte die neue Familienministerin Franziska Giffey sein. Als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin trötete sich nicht wie Buschkowsky durch die Talkshows, sondern leistete zumindest moralisch Beistand, als das Musikhaus Bading Opfer eines Brandes wurde. Also weniger eine extreme Meinungen befeuernde Persönlichkeit, sondern mehr eine ausgleichende und heilende Person, die gut mit der Kanzlerin harmonieren wird. Nun, wenn Maas nicht lange Aussenminister bleiben würde, wäre sie die ideale Besetzung, um mit den Chinesen eine Partnerschaft der Harmonie und des himmlischen Frieden zu schliessen, wenn die Regierungskapelle nicht so Recht die richtigen Töne finden sollte. Und dass sie auch Assonanzen und Personanzen nicht verschlossen ist, zeigt ihr Engagement für die Paul-Hindemith-Musikschule.

Jetzt müsste sich eigentlich Franz Schmidts Schweigen im Himmel aus dem Oratorium „Das Buch mit den Sieben Siegeln“ einstellen. Denn über Musik und Jens Spahn sollte man besser nichts, gar nichts sagen. Sein seltsamer, bizarrer Konservatismus als mit einem Mann verheirateter Mann, was ihn in dieser Offenheit ehrt, schwadronierte er gern von Leitkultur. Und hätte sich mit Franz Schmidt vielleicht darin sogar blendend verstanden. In Sachen Musik hätte er aber ein Brausen in der Löwengrube erlebt, wie es Stockhausen vollbrachte. Spahn reduziert ernsthaft Musik des Impressionismus auf nationale, französische Musik und Spätromantik als deutsche Musik. Wehe, er stoplerte mal über Ernest Chausson, wäre der plötzlich deutsch, oder über Karol Szymanowski und Paul Graener, wären die französisch. Vielleicht gibt ihm Emmanuel Macron mal Klavierstunden. Merkel wäre entzückt, Spahn verstünde die Welt nicht mehr, Scholz würde das Melisanden-Motiv aus Debussys Oper üben und Spahn die Interludien dieser Oper als urdeutsch-wagnerisch einordnen.

Der neue Chef des Bundeskanzleramtes Helge Braun könnte immerhin über Orgeln fachsimpeln, ließ er sich doch mal ausführlich die renovierte Orgel seiner Jugendkirche von Sankt Thomas Morus in Gießen zeigen. Svenja Schulze, die Umweltministerin, schrieb eine Examensarbeit über Frank Wedekinds Stück „Musik- Sittengemälde in vier Bildern“ und wird hoffentlich nie von Zuständen an süddeutschen Musikhochschulen erfahren. Davon könnte allerdings die neue Bildungsministerin Anja Karliczek ein Lied singen, musste sie sich doch intensiv mit den Musikhochschulen in Nordrhein-Westfalen als für die Hochschulen zuständige Ministerin befassen.

Damit wären wir durch! Denn über Verkehrsminister Andreas Scheuer sowie Entwicklungsminister Gerd Müller und Musik lässt sich nichts interessantes sagen.

Bringt die Regierung nun ein hübsches Ensemble zustande? Wir sehen gerade nur Triosonaten in Sicht: an der Oboe Olaf Scholz, am Flötenpart Juliane Klöckner und Horst Seehofer hat verbissen in jeder freien Minute zumindest die langsamen Sätze und ein paar Generalbasssymbole im Keller seines Heimatministeriums geübt. Besonders stolz macht ihn, dass sein Keyboard auch die Funktion „Harrrrbsikorrrd“ kennt. Frau Grütters und Frau Giffey lächeln peinlich berührt, Kanzlerin Merkel bittet zum Tee und Herr Spahn? Der ergründet zum ersten Mal den Unterschied zwischen der französischen und italienischen Triosonate und kann es kaum fassen, dass diese Johann Sebastian Bach beeinflussten und der seine Kompositionen nicht deutsche Triosonate benannte. Darauf Frau Merkel: „Das ist doch einmal ein schöner Kompromiss, Sie können noch sehr viel hier lernen…“

Alexander Strauch.
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