Das Ende der Stars im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

Ach, immer wieder fühle ich mich missverstanden. Ich weiß, euer Mitleid hält sich in Grenzen, aber dennoch: Da schreibe ich eine Artikel über absurde Internetabrechnungen, intelligente Kakerlaken und 50 Stellen hinterm Komma, und dann kommen so besserwisserische Kommentare a la „bäh, bäh, das ist doch STREAMING nicht Download, höhö, Deinen Scheiss will doch eh keiner, hihi….“, die natürlich einerseits vollkommen recht haben, andererseits die Tatsache verkennen, dass jede Form von Internetabrechnung absurde Züge trägt, EDV hin oder her, und dass sich mein Text keineswegs gegen die GEMA richtete, sondern sich nur darüber lustig macht, wie solche Abrechnungsmodelle umgesetzt werden.

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Tatsache ist: das Gros der Napster und CO-Abrechnungen von Kollegen wird exakt so aussehen wie meine Abrechnung, und da kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es sich verwaltungstechnisch lohnt, jemanden damit zu beauftragen. Es ist ja nicht so, dass in diesen Büros nur Roboter arbeiten (und die würden auch was kosten). Da geht jemand hin, ruft meinen Namen aus einer Datei auf, dann werden bestimmte Daten aufgerufen, die mit mir verknüpft sind, dann werden die ausgedruckt und eingetütet, dann bringt das jemand zur Post, dann wird das in der Post einsortiert, mit dem Zug irgendwo hingefahren, wieder einsortiert etc. pp, bis jemand sich aufmacht und mir den Brief persönlich an der Haustür übergibt. Bei uns werfen die Briefträger nämlich eigentlich nichts mehr ein, sondern übergeben es nur noch persönlich. Oder gar nicht, was immer häufiger vorkommt. Inzwischen ist es auch nicht mehr ein Briefträger der kommt, sondern ganz viele verschiedene: Paketdienste, normale Post, Südpost, DHL, UPS, und bald kommt sicherlich auch die Nord- und Ostpost, und ich lade dann alle bei mir zu einem Kaffee ein und wir spielen Canasta. Wenn man das mit 20 Personen überhaupt spielen kann.
Aber ich schweife ab.

Wie auch immer: all das oben Beschriebene kostet ganz sicherlich mehr als das, was bei 99% der Empfänger da rauskommt, und damit habe ich noch nicht einmal beschrieben, was vorher passieren muss, damit Napster die ganzen Daten vorbereitet und übermittelt. Da sitzt dann auch irgendjemand vor einem Computer. Wahrscheinlich ist das eigentliche Raum-Zeit-Paradox nicht die Überschreitung der LIchtgeschwindigkeit in CERN, sondern die Entropie von Geld, wenn es durch einen Verwaltungs- und Abrechnungsapparat geht. Irgendwann hat dann der Verwaltungsaufwand alles ausgelöscht, und dann kommt Griechenland oder so etwas ähnliches raus.

Vor kurzem verhandelte ein CD-Label mit meinem Verlag, und es ging um die leidige Frage eben der Streaming-Abrechnungen, die mein Verlag bis ins letzte detailliert vorgelegt haben wollte. Nun argumentierte der Label-Inhaber, dass der Aufwand hierfür viel größer sei, als jemals dabei rum kommen würde, denn er müsste einen Azubi anstellen, der tagelang ganze Ordner von Daten durcharbeiten muss und jeweils bestimmten Werken zuordnen muss. Sicher ist nur eins: Am Ende kommt eine ein-bis zweistellige Summe raus. Der Azubi kostet natürlich mehr. Inzwischen kann ich dieses Argument nachvollziehen.

Und dann kommt ja noch die Hauptfrage: Da wird also abgerechnet, dass jemand vielleicht auch ausversehen auf ein Stück eines bestimmten Titels klickt? Nur weil es vielleicht so und so heißt? Und dafür muss dann Napster abdrücken? Erscheint mir auch ungerecht, und öffnet vor allem dem Betrug Tür und Tor: Dann nennen alle ihre Stücke nur noch „große Titten“, „Penisverlängerung gratis“ und „free sex videos“, und bekommen dann allein dadurch Millionen Streams oder Downloads oder was auch immer.
Von ganz besonders intelligenten Kakerlaken.

Neulich las ich in der FAZ eine Übersicht über alle momentanen MusikdownloadSTREAMODERWASAUCHIMMER!!!Dienste. Dabei fiel ganz oft das beliebte Wort „Flatrate“ (J.K., ich schaue Dich an!).
„Flatrate“, „Flatrate“, alles gibt’s nur noch für „Flatrate“, und jeder weiß ja auch, dass in Restaurants „all you can eat“-Büffets immer bedeuten, dass sich der Koch liebevoll mit jedem einzelnen Gericht beschäftigt hat, bevor er es auf die Menschheit loslässt.
Oder auch nicht.

In eben diesem FAZ-Artikel („Die wunderbare Leichtigkeit von HiFi 2.0“, 27.9.2011, Autor: Michael Spehr) stand auch der interessante Satz „Musik (wird)…so selbstverständlich wie Strom oder Wasser. Damit geht die Bedeutung einzelner TItel zurück, ihr ökonomischer Wert strebt bei solchen Flatrate-Angeboten gegen null.“
Und das ist ein sehr interessanter Satz: Lady Gaga und Konsorten sind dann irgendwann nur noch der „Anfixer“ für die Flatrate, letztlich ist es vollkommen wurscht ob der User dann den neuen Hit von Frau Gaga, ein Stück von Pierre Boulez, die Kastelruther Spatzen oder eine vollkommen unbekannte Hardcoremetalband aus dem Chiemgau anhört. Oder mein Stück. Es ist alles nur noch eine Flatrate, free for all. Ich kaufe den Zugang zu einer „Cloud“ in der dann alles irgendwie rumschwirrt, ich höre mal dies, mal das. Es gibt dann keinen Musikgeschmack mehr, sondern nur noch Musikstatistik, und das ist ganz sicher schon einige Zeit so, spätestens seit den am Reißbrett entstandenen Schreckenshits wie Lambada.

Und wenn wir dann die Kulturflatrate einführen, ist dann auch noch egal, wer etwas wie gut macht, denn da dann alle dasselbe bekommen und Teil des selben Flatrate-Angebots sind, müssen konsequenterweise dann auch alle dasselbe bekommen. Es ist dann auch nicht mehr wichtig, ob man etwas mag oder nicht, man bekommt es, auch wenn man es gar nicht will. Es ist auch nicht mehr wichtig, wie gut etwas ist, sondern nur noch, dass es da ist.

Pop eats itself.
Oder besser: Music eats itself. In einem ewigen Wiederkäuen des immer selben, und das alles, natürlich, wie soll es anders sein…zur Flatrate.

Ich freue mich schon auf meine nächste Abrechnung.

Moritz Eggert

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9 Antworten

  1. querstand sagt:

    @ eggy: Danke des Artikels! Abgesehen vom jetzigen Abrechnungswahnsinn, erinnere ich mich an Diskussionen Mitte der 90er, wo einem so manche GEMA-Livemusik-Aufstellung wie ein böhmisches Dorf erschien. Heute wie damals: ich fühle mich immer wieder überfordert! Und dann ist die GEMA doch so interessant, weil sie oft die einzige Einnahmequelle darstellt, auch wenn man davon allein nicht leben kann. So nimmt sie eine gewichtigen Platz in unserem Leben ein, bietet sie auch noch diese merkwürdigen Versammlungen, die an römische Konsulwahlen auf dem Marsfeld erinnern, in ihrer Berücksichtigung von Einkommen an das preussische Landtagswahlrecht im 19. Jhd.

    So hat man nicht viel zu sagen, bekommt kaum Geld, versteht nix von der Materie, ist aber doch mitten im Austauschfeld zwischen den Komponisten. Immer ein gutes Thema, wenn man zur Substanz der Musik selbst nichts sagen möchte!

    Und nun die Abwertung der Musik auf Heizkostenniveau. Ob das Sozialamt neben Heizkostenpauschale und GEZ-Befreiung auch ein Äquivalent für die Kulturflatrate einführen wird? So findet der Vertragswahnsinn von Streams sein Ende in weiteren Wahnsinnsformularen des Jobcenters, wird die Leistung gekürzt, die Flatrate verweigert, wenn man die nicht brav ausfüllen wird/kann. Überforderung für User und Nutzer, allenorten!!

    Aber liegt diese Nivellierung auf Stadtwerkeniveau von Musik aus dem Internet an dem Medium selbst? Mehrheitlich kommt der Datenmüll noch aus Telekomglasfasern. Um irgendwann Tonnen von TB in die Haushalte zu spülen, wird der Transfer über Telefonkabel, Kabel-TV-Leitungen und Haushaltsstromversorgung ablaufen. Also ein wenig Xenakis direkt aus dem Gemüsehäcksler, ein wenig Stockhausenradiomusik aus der Radiobuchse, Kreidler aus dem Briefkasten und Tenöre aus dem Duschkopf?! Und die gesamten Beethovensinfonien als ein tüdüüt aus dem Schlüsselpiepser für den PKW?

    Bleibt aber die ernste Frage: nicht doch lieber eine Flatrate im Sinne einer pauschalen Abgabe, die alles schwer bzw. unsinnig zu Erfassende ausfüllt? Oder letztlich eine Mischung aus Allem, aus Flatrate für Alles, für Napster selbst, aus dem Kaufpreis für ein direkt zu kaufendes und zu bezahlendes Angebot? Oder mal wieder ganz Janson-artig gedacht: a bissl a weng mehr live als online? Also all die Systeme parallel und als einzige Antwort all der demnächst sprachgesteuerten Medien, wie Peter Lustig am Ende von Löwenzahn:“Jetzt bitte mal Ausschalten?“ Das wäre mal wieder ein Angebot…

    Aber wo die Tage jetzt mal wieder kalt und dunkel werden, sitzen wir doch allesamt wieder vermehrt vor dem Rechner, betreiben Multitasking und bleiben im Netz hängen. Ich freue mich ebenfalls auf die nächste Abrechnung, wenn mal wieder ein Werk mit 0,x Cent abgerechnet wird, das man aber noch nicht aufgenommen hat, welches dann in Neuseeland gesendet worden sein soll, oder gar gespielt? Wie gesagt: die allgemeine Überforderung!! Wie harmlos wirkt dagegen ein Ferneyhoughsatz, ein Math-Stück. Bleibe es beim fröhlichen Austausch, und das Geld sei uns Banane: wie jung ist es, so knapp 2700 Jahre erst vorhanden, wie würdevoll alt die Musik: singen können wir seit 20000000 Jahren, 2 Millionen!! Vergesst dies nicht und singt gegen die Stille und Dunkelheit beim nächsten globalen Stromausfall an, der all die Wahnsinnsdaten löschen wird…

    Gruß und vorweihnachtliche Kuscheligkeit (pünktlich zum Wiesnende gibt’s hier die ersten Lebkuchen…), bei noch 22°C!!
    Alexander Strauch

  2. Also ich frage noch mal: Was ist mit Flattr? Kennt das niemand? Stefan Niggemaier bloggte über dieses Projekt im vergangenen Jahr:

    „Flattr ist ein mit viel Sympathie und noch mehr Skepsis begleiteter Versuch, ein einfaches und faires Bezahlsystem für Online-Inhalte zu etablieren. Das Prinzip geht so: Man meldet sich bei Flattr an und legt einen Betrag fest, den man monatlich für Online-Inhalte ausgeben will. Dann klickt man immer dort, wo einem etwas gut gefällt, auf den Flattr-Button. Am Ende des Monats wird die vorher festgelegte Gesamtsumme auf die angeklickten Dinge verteilt. Wer 20 Euro ausgibt und zehnmal etwas geflattrt hat, spendet so je 2 Euro. Bei jemandem, der sich für 10 Euro im Monat entscheidet und hundertmal flattrt, ist jeder Klick auf den Knopf 10 Cent wert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt kein lästiges Einloggen oder Kreditkarte heraussuchen, sondern nach der Anmeldung nur jeweils einen einfachen Klick. Der Ausdruck der Wertschätzung wird vom unmittelbaren Bezahlvorgang abgekoppelt. Man kann fröhlich durchs Netz ziehen und nach Herzenslust flattrn, ohne sich darum zu sorgen, sein Budget zu überschreiten.“

    Im Einsatz ist dieses Konzept bisher hauptsächlich bei Blogs und bei der taz bsp.weise, aber spricht denn irgendetwas dagegen, auch Musik-Downloads mit Flattr-Buttons auszustatten? Voraussetzung wäre natürlich, dass man/frau seine Sachen erst mal kostenlos ins Netz stellt, was für mich als komplett un-etablierten Komponisten natürlich (fast) kein Problem darstellt, für den mehr oder weniger etablierten stellt es aber evtl. ein unüberwindliches Hindernis bzw. eine komplett abseitige Idee dar, im Sinne von „Da habe ich nun jahrelang geackert und jetzt soll ich die mühsam erwirtschafteten Früchte meiner Arbeit für Almosen verhökern? Das würde mir komplett die Selbstachtung rauben und käme einer Selbstaufgabe gleich. Von De-Professionaliserung ganz zu schweigen!“ Die Idee hätte aber auch ein paar Vorteile: 1. Die GEMA ist raus aus dem Spiel. 2. Der von Moritz zu recht beklagte kafkaeske Verwaltungsaufwand wird durch Abwicklung über PayPal bzw. Kreditkarte deutlich eingeschränkt. 3. Es wird eine direkte, auf unvermittelter Wertschätzung basierende Beziehung zwischen „Content-Produzent“ (vulgo Komponist) und „Content-Nutzer“ (vulgo Hörer) hergestellt („Ich will deine Musik hören und zahle so viel dafür, wie ich für richtig halte.“), lange Distributionskettten entfallen 4. Flattr verlangt (derzeit) nur 10% der eingehenden Beiträge als Gebühr, was mir fair erscheint. – Die Nachteile der Idee bzw. die Vorbehalte dagegen werden vermutlich sofort hier hereinhageln (falls jemand von diesem Post Kenntnis nehmen sollte), also brauche ich sie wohl gar nicht erst anzuführen … Noch ein letztes Argument sei genannt: Das Flattr-Konzept hebelt sowohl den Trend zum Bezahlschranken-Internet als auch die dubiose Kostenlos-Kultur im WWW aus, indem es an, ich kann es nicht besser ausdrücken, bitte jetzt nicht lachen, den bürgerlichen Gemeinsinn des Musikhörers appelliert, an seinen tatsächlichen Respekt vor dem/der MacherIn eines kulturellen Artefakts – und solche „Content-NutzerInnen“ wünscht sich doch jeder Künstler, oder? – So, und jetzt dürft ihr mich grillen.

  3. Schon komisch, du siehst das Ende von Musikgeschmack aufgrund der technischen Reproduzierbarkeit und läßt sämtliche Tätigkeiten im Abrechnungsprozess von Menschenhand erledigen. Ich will ja nicht sagen, dass ich die Prozesse in irgendeiner Weise genauer kenne, aber entweder ist das Bild, welches du dabei zeichnest von vorgestern oder die es ist tatsächlich so und dann sollte der Fehler wohl jedem Auffallen.

    Im übrigen würde ich mal behaupten, dass „Flatrate“ in erster Linie ein Vertriebsmodell ist und Marketing & PR nicht ersetzen kann. Nur weil ich alles haben kann, nehme ich doch nicht alles und erst recht nicht, weil es mir einfach so vorgesetzt wird. Klar, das was oben steht wird mehr wahrgenommen, was aber hat uns denn dazu bewogen nicht seit 10 Jahre das gleiche zu hören?

    Dass der ökonomische Wert sinkt, wenn Musik wie Wasser oder Strom (was übrigens auch nicht für die ganze Welt gilt) verfügbar ist, unterstreicht dies eigentlich doppelt. Vertrieb ist halt auch mehr. Es zwingt dich keiner auf das falsche Pferd zu setzen, nur weil das alle machen. Der Umkehrschluß ist nämlich auch gegeben. Wenn ökonomische Wert über die Flatrate sinkt, werden andere Vertriebsmodelle um so interessanter. Am Ende macht es die richtige Mischung.

    Mein Musikkonsum macht mich als Mensch erkennbar/unterscheidbar. In diesem Punkt werden die Flatrates noch mal richtig Probleme bekommen, nicht heute aber übermorgen. Was ich aber nicht sehe, ist der Mensch, der noch unreflektierter konsumiert, als er es auch in den vergangenen Jahren und heute schon getan hat und macht. Das Gegenteil ist der Fall. Alles und jeder wird individueller. Ich kann meine eigenen News haben, meine individuelle Kleidung, individuelles Aussehen, über die Sozialen Netzwerke kann ich mir Freunde nach gemeinsamen Interessen suchen, muss mich nicht nur auf die verlassen, die in meinem dörflichen Umfeld erreichbar sind und ich habe vielleicht einen sehr breiten aber dennoch sehr individuellen Musikgeschmack.

    Das Ende der Stars? Meinetwegen, ist eh viel zu überbewertet. Wird es halt in Zukunft mehr der kleinen Sternchen geben. Wenn wir heute immer noch das Gefühl haben, die Majorindustrie hält eh alle Fäden in der Hand, dann ist da für mich nur um so mehr ein Grund, die zarten Pflänzchen (Crowdfunding, Selbstvermarktung – ja macht Arbeit, …) zu unterstützen und nicht mit wehleidigen Schlüssen über eine schlimme gleichgeschaltete Zukunft ignorant in die Ecke zu stellen.

  4. Zu meinen besserwisserischen Kommentaren a la “bäh, bäh, das ist doch STREAMING nicht Download, höhö, Deinen Scheiss will doch eh keiner, hihi….” habe ich mich schon an anderer Stelle ausführlich geäußert, das will ich hier nicht wieder tun.

    Zu den angesprochenen Problemen bei der Abrechnung von Kleinstbeträgen: Das Problem sehe ich durchaus auch, weniger auf Seiten von Napster und Vertrieben, da geschieht das vollautomatisiert, vielmehr aber auf Seite (kleinerer) Labels und Selbstvermarktern.

    Hierzu eränzend ein Ausschnitt aus meiner Diplomarbeit, die ich letztes Jahr zu den aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten auf dem Digitalmarkt für den Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) geschrieben habe (Nein, ich habe dort nicht für einen bestimmten Major spioniert, oder was auch immer für Vorwürfe jetzt kommen mögen ;)) – ist in dem Zusammenhang sicherlich ganz interessant, wenn natürlich die möglichen Lösungswege stark auf den VUT fokussiert sind:

    „Hinzu kommt ein immer größerer Verwaltungsaufwand bei der Abrechnung immer kleinerer Beträge aus immer mehr Quellen. Diese Problematik wird sich aller Voraussicht nach in naher Zukunft im Hinblick auf den kommerziellen Musikvideovertrieb noch deutlich verschärfen. Zwar beginnen die ersten Content Aggregatoren mittlerweile damit, auch Bild-Ton-Datenbanken aufzubauen, aber die Abrechnungen mit den einzelnen Rechteinhabern müssen die Labels immer noch selbst übernehmen. So bestätigt auch der VUT, dass „momentan proportional deutlich mehr Anfragen von Labels nach Verwaltungssoftware“376 kommen, zur Eingabe von Vertragsdaten, Erfassung der Metadaten und Kalkulation, um „am Ende des Monats zu wissen, wer wie viel kriegt“377. […] Es fehlt an einem System, welches kollektives Rechteclearing für den Aufbau eines großen Backkataloges erleichtert. Zudem existiert, auch wenn die Online-Rechte für einen Track eindeutig geklärt sind, bislang kein Softwareangebot für die Rechte-Verwaltung und auch Metadaten-Organisation, welches speziell für die Bedürfnisse der Indies geeignet wäre. Existierende Softwarelösungen für die Lizenzabrechnung wie etwa Officer378 oder Go_Disko379, werden von vielen Labels als zu komplex, teuer und nicht ihren Bedürfnissen gerecht empfunden und dienen zwar der Abrechnung mit den Künstlern, nicht aber der Verwaltung und Pflege der Metadaten. Zudem handelt es sich bei den wenigen Softwareanbietern am Markt immer auch um sehr kleine Firmen, die den bei derartiger Software oft nötigen Service gar nicht anbieten können.380 Einzelne Labels lassen sich eigene Verwaltungssoftware entwickeln, viele investieren aber auch unnötig viel Zeit in die Abrechnung und vernachlässigen gleichzeitig die Pflege der Metadaten.“

    Was also meiner Meinung nach passieren muss:
    -> Aufbau einer zentralen Metadatenbank, um so das Handling und die Verwaltung der Metadaten zu erleichtern (die Majors haben sowas – in DE wäre dabei etwa der VUT ein guter Ansprechpartner, ebenso unabhängie Content Aggregatoren wie etwa Finetunes). Das wäre dann nicht nur für kommerzielle Anbieter interessant. Auch GVL, GEMA, der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder das Musikarchiv brauchen die Daten. Bislang gibt es keinen kommerziellen Anbieter, der diese Bündelung vornimmt. Die Metadaten liegen allerdings ohnehin in den Datenbänken der einzelnen Content Aggregatoren, welche zum größten Teil auch Mitglied beim VUT sind. Hier kann man ansetzen
    -> Auf Selbstvermarkter zugeschnittene Abrechnungssoftware, um dem beschriebenen, schon beinahe kafkaesken Verwaltungsirrsinn zu entgehen
    -> Zugangsmöglichkeiten zu Promotion und Werbung auf den entsprechenden Diensten auch für kleine Labels/Selbstvermarkter (das war aber seit jeher das Problem – da kann man sich maximal mal eine kleine Printanzeige leisten, wenn man alles zusammenlegt was man hat und ist somit eigentlich nichts neues).

    Zusammenfassend:
    Auch hier sehe ich das Problem nicht in den neuen Distributionsmöglichkeiten an sich, sondern vielmehr im Umgang damit. Ich fürchte, wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Einnahmen für Kulturgüter in Zukunft immer kleinteiliger über die verschiedensten Kanäle hereingespült werden. Auch für Tonträger mussten ursprünglich erstmal die Vertriebswege aufgebaut werden – in Deutschland gibt es unabhängige Vertriebe überhaupt erst seit Ende der 70er/Anfang der 80er. Davor war man als Musiker noch komplett von der Gunst der Majors abhängig. Da sehe ich die momentane Situation allemal positiver.

    Die kommerzielle Flatrates und/oder Kulturflatrate-Diskussion lasse ich dabei mal außen vor, ich fürchte, das würde sonst den Rahmen hier endgültig sprengen. Ich auch nochmal ein anderes Thema, wie ich finde.

    Sie können das in Ihrem nächsten Post gerne auch zusammenfassend als besserwisserischen Kommentar a la “bäh, bäh, das ist doch AUTOMATISCH nicht Händisch, höhö, Deinen Scheiss will doch eh immer noch keiner, hihi….” umschreiben. ;) Ich hoffe trotzdem, der ein oder andere Leser kann damit etwas anfangen.

  5. @ Christoph Landes

    Hierzu eränzend ein Ausschnitt aus meiner Diplomarbeit, die ich letztes Jahr zu den aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten auf dem Digitalmarkt für den Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) geschrieben habe (Nein, ich habe dort nicht für einen bestimmten Major spioniert, oder was auch immer für Vorwürfe jetzt kommen mögen ;))

    Sie arbeiten für SonyGlobal, wie Sie auf Ihrer Homepage stolz erwähnen und wollen auch für die kleinen Labels aktiv und kreativ sein – sehen Sie da keinen Interessenskonflikt? – Ihre Aufgabenfelder sind (Reklame – hätte man früher gesagt – jetzt heißt es) marketing und advertising.
    Da müssen Sie sich die Frage gefallen lassen: Für wen wird hier die Werbetrommel gerührt.

    Ich lege Ihnen einstweilen mein op. 1 aus dem Jahre 1972 nahe. Titel: „Toccata und Fuge für kleine Trommel solo“ – ein echter Renner, könnte aber mehr einspielen …

    – wechselstrom –

  6. Ich dachte, hier ginge es um Inhalte. Tut es leider ganz offensichtlich nicht. Schade, aber ich will dann hier nicht weiter stören und wünsche noch allseits viel Freude bei der Ressentimentpflege.

  7. demmrink sagt:

    denn da dann alle dasselbe bekommen und Teil des selben Flatrate-Angebots sind, müssen konsequenterweise dann auch alle dasselbe bekommen. Es ist dann auch nicht mehr wichtig, ob man etwas mag oder nicht, man bekommt es, auch wenn man es gar nicht will. Es ist auch nicht mehr wichtig, wie gut etwas ist, sondern nur noch, dass es da ist.

    Recht schiefes Bild.
    Das Kulturmenue ist angerichtet, und ich kann mir sehr wohl raussuchen, was genau ich davon genießen will und was nicht. Ich werde nicht mit Angeboten penetriert. Es bekommen mitnichten alles das Gleiche. Es heißt doch nur, dass ich als Hörer mit einer Vergütung auf ein bestehendes Kulturangebot zugreifen kann. Die Rundfunkgebühren „erlauben“ mir eben auch die Nutzung aller entsprechenden Sender. Und ganz gleich, ob man Bauchschmerzen mit der durchaus abgelutschten Begrifflichkeit „Flatrate“ hat, die durch die breite Verwendung auch in fragwürdigen Zusammenhängen durchaus negativ belegt ist, … die Digitalisierung und das Netz als zunehmend dominierendes Verbreitungsmedium legt ein solches Modell durchaus nahe –

    Ich kaufe den Zugang zu einer “Cloud” in der dann alles irgendwie rumschwirrt, ich höre mal dies, mal das. Es gibt dann keinen Musikgeschmack mehr, sondern nur noch Musikstatistik, und das ist ganz sicher schon einige Zeit so, spätestens seit den am Reißbrett entstandenen Schreckenshits wie Lambada.

    Absolut nicht nachzuvollziehen, was der Zugang zur Cloud mit dem Musikgeschmack zu tun hat. Dadurch, dass in der Wolke grundsätzlich alles verfügbar ist, verschwindet doch nicht der Musikgeschmack. Welcher Hörer schwebt denn orientierungslos von Stil-Wölkchen zu Stil-Wölkchen? Ein weltfremdes Szenario. Da die meisten Clouddienste mit Funktionen eines sozialen Netzwerks gekoppelt sind ist es eher so, dass gerade Musik jenseits des Mainstreams zu entdecken ist – für den, der in diesen Gewässern grundsätzlich fischt … klar.

  8. @Demrink:
    Alles schön und gut, aber die Frage, die sich hier stellt ist doch: Was ist wenn „Musik jenseits des Mainstreams“ zum Mainstream wird? Wenn also quasi jeder sein kleines Geschmackswölkchen hegt und pflegt? Zur Flatrate?
    Diesen Zustand sehe ich in der Zeit der sozialen Netzwerke, in denen sich jeder mit Gleichgesinnten umgibt und quasi einen Tunnelblick auf die Kultur wirft, der nicht von anderen gestört wird, durchaus schon als gegeben an. Es fehlen die Überraschungen, weil jeder sich für etwas Besonderes hält, der einen ganz „eigenwilligen“ Musikgeschmack hegt und pflegt. Niemand will Mainstream sein, aber alle sind es, spätestens seit itunes.
    Ich finde es legitim und keineswegs weltfremd über die kulturellen Veränderungen, die eine solche Entwicklung mit sich bringt, laut nachzudenken. Darf ich?
    Siehe auch hier: http://blogs.nmz.de/badblog/2009/07/18/vom-verschwinden-des-unerwarteten/

  9. @ eggy,

    Niemand will Mainstream sein, aber alle sind es, spätestens seit itunes.

    Das Problem des Individualismus rein rechnerisch: wie stark muss die Ausdifferenzierung sein, damit jemand aus 6-Milliarden Menschen als Einzelner heraussticht – geht das überhaupt und wie/mit wie vielen Worten lässt sich so eine Persönlichkeit beschreiben.

    Und da bin ich bei
    @Stefan Hetzel

    Flattr hat viel Symphatisches und sollte man als Zusatz (auch Komponisten wünschen sich ihre Boni) unbedingt einführen. Es hätte promotechnisch die Wirkung eines gehobenen „gefällt-mir“-Daumens, was das Tor zu Manipulationen leicht öffnet. Die kann man aber mit intelligenten Tools gut eindämmen.

    Im Internet gibt es auf allen Plattformen ein Problem:
    Ich finde kaum die Musik, die ich finden will;
    es gibt zwar Suchkriterien – mein Interesse liegt an Experimenteller Musik, elektronischer Musik, alles was nach „wien modern“ oder Darmstadt klingt, aber dort nicht gespielt wird.

    Wenn ich jetzt bei den Musikplattformen z.B. elektronik wähle, kommt tonnenweise Hip-Hop, Techno-Rums u.ä.
    und wenn ich „experimentell“ wähle, kommt Experimental-Rock, der ist zwar auch interessant, aber den suche ich gerade nicht.
    Wenn man einen Namen schon kennt, dann wird es natürlich einfach, aber im umgekehrten Fall – und das ist der, der hier interessiert, ist es fast unmöglich. Die Organisationsstruktur des Internets ähnelt dann sehr einer Müllhalde.

    So wird der Fan Ihrer Musik nur durch Zufall auf Ihren Namen stoßen, wo doch zu vermuten ist, dass Sie weltweit unter den 6 Milliarden Menschen mit Ihren Kompositionen/Improvisationen wenigstens 10.000 begeisterte Fans haben. Aber wie finden diese Leute Sie.

    Voraussetzung wäre natürlich, dass man/frau seine Sachen erst mal kostenlos ins Netz stellt, was für mich als komplett un-etablierten Komponisten natürlich (fast) kein Problem darstellt …

    Das Problem mit der Creative Commons Lizenz ist, dass Sie das nicht mehr zurücknehmen können. Kann sein, dass im Erfolgsfall – es ist schon passiert, dass eine Symphonie (Gorecky) in den Charts landete – es zum Problem wird.

    Beste Grüße
    – wechselstrom –

    , der den Einschaltknopf beim Grill nicht findet.