Wo nicht der Herr das Haus baut

Am Tag der deutschen Einheit war ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Student der Komposition an der Frankfurter Musikhochschule zur Teilname an einer Veranstaltung namens „Komponistenwerkstatt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zum Jahre der Kirchenmusik 2012 – Impulsveranstaltung am 3.10.2011“ aufgerufen. Sinn und Zweck der Veranstaltung war es, Komponisten und Kantoren aus der Region zueinanderzubringen. Ein veranstalteter Impuls quasi.

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Die Veranstaltung begann 16h. Ich kam etwas zu spät, da ich vorher noch auf einem Festakt die Nationalhymne gesungen hatte.
Zunächst gab es ein Konzert, mit, wie in der Rundmail vorher stand, „exemplarischen Werken neuer Kirchen-Musik“. Das Konzert war sehr lang und weniger schön. Das gute an der Zeit ist aber, dass sie vergeht. Man musste also einfach in der Kirche sitzen und warten. Leider habe ich den Programmzettel in der Kirche liegen lassen, sonst hätte ich noch ein bisschen über die Stücke schreiben können, deren Namen und Komponisten ich schon wieder vergessen habe. Nach dem Konzert gab es Kurzreferate von geladenen Gästen, unter anderem von einem Blechblasspezialisten, der kurz die Geschichte der Posaunenchöre referierte, was interessanter war, als zunächst gedacht (Posaunenchöre haben viel mit der Erweckungsbewegung zu tun). In den Referaten wurde auch erwähnt, dass „die Skandinavier“ uns viel voraus haben in Sachen guter zeitgenössischer Kirchenmusik. Ein wissend-zustimmendes „hm-hm“ hallte leise durch das Schiff.

Nach den Kurzreferaten gab es eine Podiumsdiskussion. Die meisten derer, die auf dem Podium saßen, machten zunächst keinen Hehl aus ihrer selbstvermuteten Genialität. Paul Engel, der Komponist mit dem Namen wie geschaffen für eine Impulsveranstaltung Kirchenmusik, sagte, man dürfe die Worte nicht auseinandernehmen und nicht dehnen. Sonst verstehe man nichts mehr. Und kein normaler Mensch höre sich das Violinkonzert von Alban Berg an. Dagegen beklagte Jörg Strodthoff den „unerträglichen Historismus“ der heutzutage um sich greife, im Dezember würde in Berlin fünfzig-, nein, hundertmal das Weihnachtsoratorium von Bach aufgeführt. Das ginge so weit, dass man schon frage, mit wem ist das denn?. Nachdem sich das Podium mehrere Male im Kreis gedreht hatte, wurde die Diskussion auch zum Publikum hin geöffnet. Einer der Studenten fragte nach Stücken für Drumset und Chor. Paul Engel sagte, man dürfe die Wörter nicht dehnen. Ich meldete mich und versuchte irgendwas kluges zu sagen und die Leute auf der Bühne ein bisschen wach zu rütteln, aber leider war ich dazu zu müde, denn ich hatte davor, wie gesagt schon auf einem Festakt die Nationalhymne gesungen, und so schloss ich meinen Wurmsatz mit den Worten und jetzt hab ich den Faden verloren, was für ein wenig Erheiterung im Kirchenschiff sorgte, obwohl ich ja gerade das Gegenteil wollte, weil die Männer auf dem Podium so selbstgefällig und rechthaberisch völlig leeres Zeug redeten, also die meisten. Dann gab es einen Imbiss mit warmen Blätterteiggebäckstücken, die fettig waren. Hinterher war mir ein bisschen übel. Als letzter Tagesordnungspunkt war der Marktplatz angekündigt. Hier sollten die Kantoren Projekte vorstellen, die dann in Zusammenarbeit mit den Komponisten verwirklicht werden sollen. Die allermeisten Projekte (insgesamt 12) waren in etwa so: ich wünsche mir eine moderne Choralbearbeitung, in der man den Choral noch erkennt und die Gemeinde bestenfalls mitsingen kann. Hinterher konnte man dann zu den Kantoren gehen und alles weitere ausmachen.

Es war inzwischen 21h geworden. Auf dem Rückweg rief ich meine Eltern an. Meine Mutter sagte, sie sähen gerade Das weiße Band woraufhin ich sagte, sie sollten doch weitersehen, ich riefe die nächsten Tage wieder an. Ich freute mich darüber, dass meine Eltern sich Das weiße Band ansahen. In der Straßenbahn dachte ich noch ein bisschen über den Unterschied zwischen Kunst- und Gebrauchsmusik nach, den es bestenfalls vielleicht gar nicht geben sollte. Am nächsten Tag schrieb ich eine Mail an Prof. Müller-Hornbach.

Bzgl. gestern Abend: leider war ich zu müde, um mich pointiert in die Diskussion einbringen zu können… Mein Statement verlief sich deshalb so. Ich muss sagen, dass die Veranstaltung ziemlich genau so wurde, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Gerade bei der Podiumsdiskussion war ich teilweise einigermaßen entsetzt. Das Problem ist doch, das haben Sie auch in ihrem Referat anklingen lassen: wollen wir Kunst machen oder Gebrauchsmusik? Und Kunst setzt eben eine inhaltliche Außeinandersetzung mit dem Gegenstand voraus*. Die „Choralpartita“ war das erschreckend deutliche Beispiel, wie eben keine inhaltliche Außeinandersetzung stattgefunden hat. Naja, trotzdem begrüße ich das Engagement sehr! Jedenfalls hat die Veranstaltung sehr deutlich die Probleme der zeitgen. Kirchenmusik offenbart, was ja schonmal nicht schlecht ist.

Dann fiel mir erst auf, dass während der ganzen fünf Stunden, die ich bei bestem Spätsommerwetter in der klammen Kirche verbrachte, nicht einmal das Wort Gott fiel.

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Außerdem: „Drei Komponisten befanden sich unter den geladenen Künstlern: Arvo Pärt, Ennio Morricone und James MacMillan.“
Der Gegenpapst Helmut Lachenmann ist ja bekanntlich auch ein Fan von Morricone. Vielleicht auch von MacMillan?

* Natürlich setzt Gebrauchsmusik eigentlich ebenso eine inhaltliche Außeinandersetzung mit dem Gegenstand voraus. Oder nicht?

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1 Antwort

  1. Ich freute mich darüber, dass meine Eltern sich Das weiße Band ansahen.

    Hier die Zuschauerstatistik des betreffenden Tages zwischen ORF 1, ORF 2 und 3 Sat:
    Zahlen sind %Marktanteile innerhalb Österreichs:

    „Udo Jürgens solo“: 2%
    „Herbert Groenemeyer on Tour“: 1%
    „Dieter Thomas Kuhn..“: 2%
    „Peter Maffay Leipzig“: 1%
    „Otto rockt: 2%
    Das waren alles 3-sat-Sendungen

    „Das weiße Band“ (ORF2): 29%

    zeitgleich liefen auf ORF1:
    „C.S.I.NewYork“: 12%
    und danach:
    „Desperate Houswives“.: 13%

    – wechselstrom –