Vom Verschwinden des Unerwarteten

Vor ein paar Tagen kam endlich das Gerät, das mir die Telekom im Rahmen meines Umzugs irgendwie aufgeschwatzt hatte. Mein „Media Receiver 300“, ein hässliches schwarzes Zaubergerät: Internetfernsehen, also das Medium um das dieser ganze Drehbuchautorenstreik in den USA eigentlich ging und das nun langsam hier Einzug hält.

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Ich bin ja kein großer Fernsehgucker, aber was ich jetzt alles machen könnte! Nicht nur, dass nun jedes erdenkliche öffentliche wie private Fernsehprogramm und bald auch Radioprogramm sofort in HD-Qualität verfügbar ist, nein, ich kann auch die gerade laufende Sendung jederzeit anhalten und wieder weiter laufen lassen, z.B. wenn mich überraschend Peter Hanser-Strecker anrufen sollte, aber er hat ja wegen seinen tausend Ämtern keine Zeit dafür.

Ich kann Sendungen speichern und später wie eine DVD anschauen, dabei Werbung überspringend. Natürlich habe ich damit auch Zugang zu einer gigantischen Videothek in der ich jeden nur erdenklichen Film herunterladen kann, das gesamte Fernsehprogramm der vergangenen Tage ist mir verfügbar, vieles umsonst, vieles für so wenig, dass ein Gang zur Videothek nur wirklich nicht mehr lohnt. Um mir die Auswahl leichter zu machen, ist alles in Kategorien unteteilt. Unter „Männerabend“ finde ich aktuelle Actionfilme und Pornos, unter „Nur für Frauen“ finde ich sämtliche Folgen von „Sex and the City“ und „Desperate Housewives“. Auch „Bastian Pastewkas Lieblingsfilme“ könnte ich herunterladen, wenn mich das nur die Bohne interessieren würde. Egal in welcher Gemütsstimmung ich mich befinde: traurig, depressiv, fröhlich, geil, gelangweilt, berauscht – ich werde immer EXAKT das Programm finden, das ich in diesem Moment brauche.

Aber nicht nur beim Internetfernsehen, auch im Internet begrüsst mich dank kleiner Cookies jederzeit eine Auswahl, die speziell auf mich zugeschnitten ist. Wogegen man früher einen Buchladen in der Hoffnung betrat, VIELLEICHT das passende Buch zu finden, und ihn meistens mit einer Auswahl von Zufallsentdeckungen wieder verliess, begrüsst einen heute „Amazon.de“ mit „WIR HABEN EMPFEHLUNGEN FÜR SIE“ und serviert mir all das, was ich höchstwahrscheinlich mag, und auch nur das – um mich nicht zu verärgern. Auch „google“ merkt sich, nach welchen Stichwörtern ich suche, und präsentiert mir die passende Werbung dafür.

Zeitschriften – dieses immer verzweifeltere Medium – versuchen immer gezielter, einen bestimmten Nischengeschmack zu treffen und nerven mich mit Fragebögen um möglichst meine Vorlieben kennenzulernen und sich daran anpassen zu können. Sie wollen meine Wünsche MÖGLICHST EXAKT erfüllen, aus Angst mich zu verlieren. Bin ich Abonnent einer Konzertreihe wird genau registriert, welche Konzerte mit welchen Inhalten ich am liebsten besuche und man wird versuchen, das Angebot im nächsten Jahr noch perfekter darauf abzustimmen. Daher sehen Orchesterabos fast überall gleich aus, bestimmte Stücke müssen immer sein. Und jedes Opernhaus will seinen „eigenen“ Ring.
Will ich ein Kabelangebot abonnieren, ist auch dies nach Geschmäckern eingeteilt, SciFi heisst jetzt Syfy und bietet mir genau die langweiligen Science-Fiction – Serien, die ich schon vor 20 Jahren nicht mochte, Nostalgia TV zeigt mir Komödien mit Heinz Erhardt und der Discovery Channel endlose Dokumentationen über den 2. Weltkrieg. Beim Radio kennen wir „Klassik Radio“ für den plüschigen Klassik – und Filmmusikfan – wenn es eine Kreatur gäbe, die genau diese Mischung aus weichgespülter Scheisse am besten findet, wäre sie eines der erbärmlichsten Wesen auf diesem Planeten….Wer liebt Radio Gong 2000 wirklich aus tiefstem Herzen, wer benutzt es nur? Oder wie all diese Sender heissen, die alle gleich klingen, immer die selben genormten Verkehrshinweise senden und deren Jingles alle von denselbem Höllenplaneten der Todesgalaxie kommen.

Kurzum: Ich werde immer mehr gepampert, mir wird nur noch mein Lieblingsessen vorgesetzt, meine Lieblingsmusik, meine Lieblingsthemen. Der Tag ist nicht mehr fern (manche würden sagen: er ist schon da) wo ich auch meine aktuelle Tagesstimmung mittels Medikation komplett regele. Vielleicht habe ich dann Lust, ein wenig depressiv zu sein und schmeisse mir eine Gruftipille ein, danach kommen ein paar Freunde vorbei und ich mache mich sofort wieder fröhlich und kommunikativ, je nach Laune. Gleichzeitig werde ich genau beobachtet: Jede Entscheidung wird dokumentiert und ist wieder Infomaterial für weitere versteckte „gute“ Geister, die mir dann wieder das anbieten werden, was ich in jeder dieser Stimmungen am liebsten habe.

Früher stritt man sich darum, ob eher „Brave New World“ von Huxley oder „1984“ von Orwell eine schlüssige Vision der Zukunft sei – heute wissen wir: Wir erleben BEIDE dieser Zukunftsvisionen. Gleichzeitig.
bigbrotherhuxley

Und wenn man ein bißchen in die Zukunft schaut, könnte man meinen, dass diese Prozesse immer weiter perfektioniert werden. Die Menschen sind Kreaturen der Bequemlichkeit, sie lieben das Unerwartete nicht, und verbannen es immer dezidierter aus ihrer Umwelt. Es soll genau das kommen, was man erwartet, genau das Bedürfnis befriedigt werden, das man momentan hat. Und wenn man keines hat, wird eben ein Bedürfnis kreiert.

Das wird dann vielleicht irgendwann in der Zukunft der Grund sein, dass man generell das Interesse an ALLEM Neuen verliert, nur noch Variationen desselben erwartet.

Und genau in diesem Moment – als Nische einer Variation einer Nische einer Untergattung einer Gattung – wird die Neue Musik endgültig sterben.

Ich kann nicht verstehen, warum Leute vor neuen Ideen Angst haben. Mich ängstigen die alten.

(John Cage)

Euer

Bad Boy (Moritz Eggert)

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6 Antworten

  1. PeterK sagt:

    Es gibt bei Wikipedia die schöne Funktion „Zufallsartikel“. Und zumindest Zufallselemente werden auch andere in ihre Angebote wieder einstreuen, bin ich mir sicher.

    Aber Sie haben natürlich Recht, diese Profile die angelegt werden sind beängstigend.

  2. @ Moritz Eggert,

    ein erschreckendes Szenario, was Du da darstellst.
    Aber: JEDER hat die WAHL, dem mehr oder weniger oder gar keine Aufmerksamkeit zu schenken.

    Und: zu vergessen ist ja nicht, dass alles, unsere schöne, neue Google-World z.B., auch mit immer mehr Kontrolle und dem Verlust der Privatsphären bezahlt wird.

    Was harmlos als Profil-Anlegen daher kommt (oder von Dir als „Angst vor dem Verlust des Konsumenten“ gedeutet wird), dahinter verbirgt sich auf der anderen Seite immer Kontrolle – mehr oder minder potentiell, mehr oder minder ohne, dass man es weiß.

    Wenn die Menschen das Unerwartete nicht mehr mögen (weil
    auch viele Künstler leider beginnen, es immer seltener an zu bieten um des schnellen Erfolges willen):

    Ja, dann ist es, finde ich, an den Komponisten (unter anderem), weiterhin (oder wieder) für das Unerwartete zu sorgen und unmittelbarere Erfahrungen wieder möglicher zu machen.

  3. eggy sagt:

    @Erik
    Die Frage ist dann, ob Du wirklich die Wahl hast, oder nur denkst, dass Du die Wahl hast. Ich fürchte bei vielen wird letzteres der Fall sein.
    Aber ganz klar: Dies sind Prozesse, bei denen das Gegensteuern durch Kunst definitiv Sinn macht.

  4. @Moritz,

    aus dem sommerschwülen Düsseldorf:

    Was der Mensch DENKT, das beeinflusst aber nicht unmaßgeblich auch dessen REALITÄT, die er sich selber mit setzt bzw. zumindest die Energien und Kräfte, die
    er dadurch für Sinnvolles gewinnt.

    Und wenn mehrere, dann viele/mehr Menschen so denken, dass sie die Wahl haben, zu bestimmen Tendenzen Ja aber auch „nein“ zu sagen, dann wäre das schon mal was.

    Und: Descartes sagt ja schon: Cogito ergo sum.

    Und: beim Komponieren ist es ja auch unerheblich, ob man nun denkt, etwas so oder so zu komponieren oder ob man
    nun es so tut. Es ist eine ENTSCHEIDUNG, bzw. Spencer Brown sagt: draw a distinction.

    Maßgeblich ist: danach ist etwas geschaffen, was vorher
    nicht da war.

    Also als Variation auf Deine Antwort:
    Meiner Meinung nach ist es dann schon ein Lichtblick,
    wenn VIELE Leute (wie Du vermutest) denken, dass sie die
    Wahl haben.

  5. liebe freunde der unerwarteten musik,
    um der intuition, der gnade des zufalls, der improvisation, der furchtlosigkeit, der freude an der begegnung oder echter erotik in der musik wieder näher zu kommen,
    hilft es keinen deut, zu klagen, zu jamern oder die errungenschaften der technik zu verdammen.
    es hilft nur, aktiv zu sein und beispielsweise künstlerische projekte zu lancieren und durchzuführen und das phantastische gläserne internet dafür voll und ganz zu nutzen.
    es sind beileibe nicht alle so blöd, so versaut, so primitiv, so dumm, so lasch, so naiv, so müde..wie das uns die breitfläzige flachkultur glauben machen will.
    für mein projekt musikmarathon 2011 haben sich schon über 1000 musikerInnen, performerInnen, singende tänzerInnen, veranstalterInnen, helferInnen, studentengruppen, institute von universitäten, ja sogar ein paar namhafte agenturen,
    sponsoren, mäzene, schirmherrInnen oder auch schlicht nur fans gefunden, und alle arbeiten oder ermuntern im moment noch ohne einen eurocent dafür!
    und es ist keincaritatives sondern ein rein künstlerisches projekt
    mehr beweis dafür, dass das unerwartete in der musik und generell in der kultur konjunktur hat, brauche ich nicht. und dass so ein projekt ohne das gläserne internet nicht möglich wäre, versteht sich von selbst.
    also: nutzt das www!!! es ist eins vom besten, was uns die intelligenz des menschen je beschert hat! und wenn ihr privatheit wollt, schliesst euch ein in euer kämmerlein und lasst die rolläden runter!

  6. zu später stunde:

    eine Suchmaschine ist immer auch ein Suchdienst – und google earth benutzt auch der Finanzbeamte und fragt sich u.U.: „aha, der eggy hat sich ein Schwimmbad gebaut, ja woher hat denn der das Geld her?“ – wir sind Voyeure und merken es nicht.

    schaut mal diesen link von den Wiener Netzwerk-Künstlern übermorgen.com.
    http://gwei.org/index.php

    nett, dass google 2006 das ganze Projekt zensiert hat – es war zum damaligen Zeitpunkt durch die Suchmaschinen nicht mehr auffindbar.

    hier noch eine kleine Geschichte:
    Der Fernsehunterhalter h.J. Kulenkampff, ein Fernsehstar der ersten Stunde, wurde gegen Ende seines Lebens gefragt: „Was habt ihr denn damals geglaubt, was einmal aus dem Fernsehen werden wird?“ Seine Antwort:
    „Wir glauten damals, dass, wenn die Entwicklung so weitergeht, bald jeder im Lande seinen Kleist auswendig kennt“
    Welch ein Irrtum: Alle Experimente, die einmal im Fernsehen einen Platz hatten (Es gab sogar einmal die Form der Fernsehoper) sind so gut wie eingestellt.
    Beim Radio schaut es etwas besser aus.
    Die Leute die im Kunstradio oder ähnlichen Reihen arbeiten müssen sich aber immer wieder anhören, das sie aus den Werbeeinnahmen, die durch Sportübertragunen hereinkommen mitfinanziert werden. (Was im übrigen nicht stimmt)

    Mit einem Wort: jedes Medium kommt irgendwann zu sich selbst – google, youtube, amazon, freundschaftsportale second life – das hat unser selbstverständnis unwiederrufbar geändert. Eine Wahl, uns davon abzukoppeln haben wir nicht mehr.

    eine schöne Zeit wünscht
    wechselstrom

    p.s: Das „gläserne Internet“ gibt es nicht, im Gegenteil:
    Im Internet ist der Mensch nicht unsichtbar sondern gläsern.