Weltuntergang siehe oben

In der Nacht zum Tag der Deutschen Einheit hatte ich einen sehr realistischen Traum. Der Traum spielte in der Zukunft, aber in nicht allzuferner Zukunft. Jedenfalls gab es noch Videotext. Das grenzt den Zeitraum ja so ungefähr ein; wiewohl die aktuelle noch-Existenz des Videotexts mich immer wieder überrascht, oder, anders gesagt: Vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es Videotext noch in fünf Jahren gibt. (Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Journalist, er hätte von dem Tode Kurt Sanderlings „aus dem Teletext“ erfahren. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Formulierung – überhaupt schon schön, dass er nicht „Videotext“, sondern, umso staubiger, „Teletext“ sagte – in etwa für „War ja gar nicht so leicht, das über die üblichen Medien mitzubekommen, so stieß ich auf eine heute vielleicht selten gewordene, ja, im Grunde sogar nostalgisch verklärte Weise auf diese Information!“ steht. Andererseits: Total unrealistisch, dass sich jemand mündlich so ausdrückt. Der Satz ist viel zu lang – und man sagt ja auch nicht „Des Weiteren“ in einem „normalen“ Satz.)

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Als guter Träumer besitze ich die Eigenschaft, den Realismusgehalt eines Traumes im Traum zwischen „Halloooo?! Das hier ist ein Traum und da wird mal gar nichts hinterfragt, nee ne?!“ und total rationalen Erklärungen (Tagesschau, Lehrer, Erziehungsberechtigte, Einschreiben) anzusiedeln. Jedenfalls glaube ich meinen Träumen bis Sekunden nach dem Aufwachen.

Auch mein Weltuntergangstraum war superauthentisch. Der Grund für den Weltuntergang: Irgendein Dings, so’n Stern oder so (Sorry, dieser Teil war jetzt nicht so superrational ausgestaltet) würde der Erde immer näher kommen. Wohl nicht draufdonnern, aber doch verdammt nahe vorbeiwischen. Die Erdatmosphäre war dem Stern ziemlich schnuppe (also: kein sofortiges Verglühen und so’n anderen erwartbaren Dingsbums…). Und weil der Stern superheiß sein werde („Eine Hitze, die für uns Menschen nicht mehr vorstellbar ist.“), würde er beim Vorbeiziehen die Erde abfackeln. Und zwar die Ganze. Natürlich die Seite, die gerade ihm zugewandt sein würde, ganz besonders schnell und „ohne unnötiges Leiden“. (Wobei: Den stark ansteigenden Reiseverkehr hin zu der ganz besonders schnell abfackelnden Seite – Tagesthemen und so – nutzte meine Traum-Kompetenz-Agentur noch nicht einmal zur Ausformung möglicher News-Meldungen. Ich habe dem Ganzen aber ohnehin ja Glauben geschenkt. Siehe oben.)

Mein Traum war gar nicht besonders lang. Er beschränkte sich auf wenige Möglichkeitsfenster. Auf die Darstellungen weniger Möglichkeiten, mit dem Ende aller Menschen, aller Natur klarzukommen. Besonderheit: Nur die allerrationalsten und unemotionalsten Varianten kamen in meinem Traum vor. Seriöse Nachrichtensender zeigten weder weinende und/oder reisende Menschen (auch keine Sekten, die sich in solchen Zeiten vielleicht eines besonders großen Zulaufs erfreuen dürften), noch verabschiedeten sich die Nachrichtensprecher anders als gewohnt (Beispielsweise so: „Die nächste Tagesschau sehen Sie um 2 Uhr, WENN WIR BIS DAHIN ALLE NOCH LEBEN!!! *AAAAAAAAAAAAAAH!*“).

Jetzt, beim Aufschreiben meiner Erinnerungen an diesen Traum (ich hatte gar nicht vor, das zu tun), kommen mir viele Assoziationen. Ich bin ein Anhänger der ständigen neurotischen Selbstanalyse. Ich muss erforschen, woher meine Träume kommen. Woher meine Ideen kommen. Das muss irgendwoher kommen und in mir – als vermeintlicher „Urheber“ mancher Ideen – kulminieren, bersten – wie eine Bombe (oder halt ein extrem heißer Stern; siehe oben). Mehrfacher Gang zum Bücherregal. Zwei Bücher liegen jetzt auf meinem Tisch, denen ich möglicherweise Anregungen zu diesem superunemotionalen Weltuntergangstraum zu verdanken habe. Ich danke Michel Houellebecq für „Elementarteilchen“ („Michel, ich habe immer an dich geglaubt. Dieser Traum ist für dich!“) und Friedrich Dürrenmatt für seinen „Winterkrieg in Tibet“ (*Blick-in-den-Himmel* „Fritze: Wenn du uns dort oben gerade zuschaust, hey, vielen Dank, ja? Dieser Blogeintrag ist für dich!“).

Ich zitiere aus „Der Winterkrieg in Tibet“:

„Von einem mathematischen Begriff kann nicht auf ethische Bereiche geschlossen werden, wobei ich Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit für bloß ästhetische Begriffe halte – ob ich ohne Beine und mit zwei Armprothesen gerechterweise oder ungerechterweise die Felswände meines Labyrinths vollkritzle, ist gleichgültig, weil weder die Gerechtigkeit noch die Ungerechtigkeit meine Lage ändert; höchstens daß mich die Fragestellung erheitert […]“

„Die Sonne bläht sich auf, bis sie wieder die Merkur-Bahn erreicht: das Leben auf der Erde erlischt, die Atmosphäre, die Meere verdampfen. Die Sonnenoberfläche beginnt sich abzukühlen, die Sonne schrumpft; damit nimmt die Oberflächentemperatur wieder zu. Die Sonne wird wieder so groß, wie sie heute ist, nur ungemein heller und heißer, sie wird ein Blauer Stern.“

„Als die große Bombe auf die Blümlisalp fiel und die anderen großen Bomben auf die Regierungsbunker der anderen Länder – eine einzige Kettenreaktion von Schlägen und Gegenschlägen -, hatten wir die Russen bei Landeck aufgehalten, während sie in Oberitalien einfielen. Die Nachricht, daß die verbündeten und feindlichen Armeen kapituliert hätten, erreichte den Kommandanten in einem Kurhotel im Unterengadin. Wir saßen in der großen Halle in bequemen Ohrensesseln, um uns der Stab. Getränke waren noch reichlich vorhanden. Eine Bombenstimmung. Der Kommandant frönte seiner musischen Neigung. Ein Quartett spielte Schubert: ‚Der Tod und das Mädchen‘.“

Ich zitiere aus „Elementarteilchen“:

„Es existieren noch einige Menschen der alten Rasse, insbesondere in den Regionen, die lange dem Einfluß traditioneller religiöser Doktrinen ausgesetzt waren. Ihre Fortpflanzungsquote verringert sich jedoch von Jahr zu Jahr, und ihr Aussterben scheint heute unabwendbar zu sein. Entgegen allen pessimistischen Voraussagen vollzieht sich dieses Aussterben bis auf vereinzelte gewalttätige Handlungen, deren Zahl immer mehr abnimmt, sehr friedlich. Es ist durchaus überraschend mitanzusehen, mit welcher Ruhe, welcher Resignation und vielleicht sogar insgeheimer Erleichterung die Menschen ihrem eigenen Verschwinden zugestimmt haben.“

(Ich weiß, dass es Houellebecq um etwas ganz anderes geht. Aber diese buddhistische Art, mit der totalen Katastrophe umzugehen, das habe ich aus genau diesen Sätzen her abgespeichert. Ich habe diesen Satz vor neun Jahren schon einmal andernorts zitiert – und darüber in einem sehr engen und verrauchten Zimmer mit J. meditiert.)

Vorhin kam mir dann noch in den Sinn, dass dieser neue Film „Hell“ (ich habe ein paar Artikel darüber gelesen; leider soll der Film nicht besonders gut sein; werde ihn wohl nicht im Kino anschauen) für meinen Traum eine Rolle gespielt haben mag. Es geht ja dort auch um Weltuntergang und gleißend helles Licht, Staub, Wüste, Überleben.

Aber nochmal: An meinem Traum war „durchaus überraschend mitanzusehen, mit welcher Ruhe, welcher Resignation und vielleicht sogar insgeheimer Erleichterung die Menschen ihrem eigenen Verschwinden zugestimmt haben.“ (siehe oben).

Die Tagesschausprecher blieben ruhig, wägten souverän ab, wie lange es jetzt noch in etwa dauern müsste, bis der vorbeigleißende Stern jene Hitze entwickeln könnte, die für jegliches Leben das „Ciaocescu!“ bedeuten würde.

Mein Intendant arbeitete noch. Ich fragte nach dem Warum. Er antwortete unverständlich und ging zu seinem nächsten Meeting. „Respekt“ – dachte ich wohl.

Die Temperaturen stiegen von Tag zu Tag. Mir selbst war aber weder im Traum noch im Bett heiß.

Alle waren mit irgendetwas beschäftigt. Nur das alles eben in extrem überraschender Ruhe und mit beneidenswerter Gleichmut. „Ist halt bald alles zu Ende. Aufregen bringt ja nix!“

Worte des Trostes. „Wir sterben ja fast alle gleichzeitig. Da muss man weder lange um jemanden trauern, noch Angst haben, im Sterben alleine zu sein.“

Da alle mit sich selbst beschäftigt waren (vermutlich Sudoku oder Galgenraten auf dem iPhone), gab es keine Panik – und keine „Erregungsvorschläge“ (Peter Sloterdijk) der uns ja so dermaßen beeinflussenden Medien.

Weil alles ausblieb wurden die Nachrichtenmeldungen von Tag zu Tag weniger. Ob die SPD jetzt in Berlin mit den Grünen koalieren würde, wie man dort in Sachen A100 in Zukunft miteinander umginge, ob wir Künstler bei den Grünen das Thema „Kultur“ in der Partei endlich nach „oben“ kommunizieren können würden: All das war (siehe oben) superegal.

Zu Beginn war die erste Videotexttafel (100) noch ein wenig gefüllt mit verschiedenen Meldungen, die durchaus auch auf das bevorstehende Weltende eingingen („Weltuntergang für Dienstag, 11 Uhr erwartet.“, „Bayern trotz Unentschieden an Tabellenspitze.“, siehe oben).

Zum Ende meines Traumes/der Welt hin dann: leere Zeilen, Lücken. Dann nur noch Datum, Uhrzeit, Sender – und die „Erwarteten Temperaturen der kommenden Tage“. Freitag: 56 Grad, Samstag: 77 Grad, Sonntag: 112 Grad“ (Für die 14-Tage-Wetter-Anzeige brauchen Sie eine Mitgliedschaft bei WetterOnline. 89 EUR im Jahr.)

S.O.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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1 Antwort

  1. querstand sagt:

    @ arno: das Hause Querstand empfiehlt den Konsum von „Time of the Wolf“ (Haneke) und „The Road“ (John Hillcoat). Oder ein wohlfeiler Mix aus Scelsis Chorwerken und bayerischer Volksmusik (BR, 13 Uhr, sonntags). Oder ein Ausflug ins Gebirge, einen eiskalten Bergstrom, am Besten die Isar ab Freitag, wenn es nur noch 7° C haben wird. Oder die „I have a dream“-„Yes we can-Vorsagetherapie. Wenn Du dann dabei mal nicht zum Black Panther wirst. Am Ende zündest noch ein Macbook mit dem bald total veralteten Panther-OSX auf offener Strasse an, dann aber bitte nördlich von Templin; in Berlin könnte man Dich sonst anderer Dinge verdächtigen.

    Ansonsten: Weltuntergangsfilme und -bücher nerven, sind öde. Am hübschesten immer noch populärwissenschaftliches Zeugs über Meteor- und Kometeneinschläge oder Berichte über Ausraster des nächsten Weltende-Filmautors Lars von Trier in Cannes, da geht einem auch was zu Ende, am Allerwertesten vorbei: gebt uns ein Wasserglas und wir lassen es stürmen. Oder: NMZ, danke für das Wasserglas Badblog, auch wenn ich es manchmal eher als Brennglas betrachte…

    Gruß,
    A. Strauch

    P.S.: und endlich ist die Wiesn vorbei, ein Weltuntergang weniger. Lustig ist dabei immer das Geschrei aus einiger Ferne anzuhören, das Gejubel der bierselig Gerätegeschleuderten: wie das Gebrüll bei einer Massenexekution, archaisch von Hand durchgeführt. Prost, Mahlzeit! Yes we can, Nein – ich mag nimmer!!