Wenn die Bundeskulturstiftung ein Drogenboss wäre…

..würden wir uns dann auf offener Straße gegenseitig abknallen?

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In unserer im internationalen Vergleich sehr gepäppelten Neuen-Musik-Szene geht vieles seinen alltäglichen Gang – Aufträge werden vergeben, Ensembles beschäftigt, Festivals gegründet, das ganz normale Kulturleben also. Die zeitgenössische Musik mag sich an dem großen Fragezeichen der gesellschaftlichen Relevanz mal mehr, mal weniger abarbeiten, insgesamt funktioniert der Geldkreislauf, der alles in Bewegung hält, aber recht gut, und viele Komponisten müssen sich die Sinnfrage nach dem „warum?“ oder „woher“ eigentlich gar nicht stellen, denn der nächste Auftrag kommt bestimmt.
Gerade aus diesem Grund ist es sehr interessant, sich einmal exotische musikalische Genres anzuschauen, die der uns so vertrauten Hochkultur so fern sind, wie man sich nur irgendwie vorstellen kann, Genres, in denen es tatsächlich… um Leben und Tod geht.

Bei „Narcocorridos“ handelt es sich um ein solches Genre. Korrekt mit „Drogenballade“ übersetzt, handelt es sich um ein relativ junges musikalisches Genre in Mexiko, dass auf der Tradition der „Corridos“ beruht, oft politisch motivierten Liedern, die noch auf die Zeit der mexikanischen Revolution zurückgehen. Bei den Narcocorridos geht es im Grunde um folgendes: Da gibt es Drogenbarone, die zwar das Land im festen und unbarmherzigen Griff haben, die die Polizei bestechen, Gegner und Konkurrenten auf offener Straße ermorden….die aber auch genau das Leben leben, das sich manch armer Mexikaner nur in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann: schöne Frauen, Cadillacs, Villen….und Geld wie Heu.
In einer Art perversen Anverwandlung werden also genau diejenigen zu Helden verklärt, die im Grunde verachtenswürdige Banditen sind – und die Komponisten der Narcocorridos besingen ihre „Helden“-wie Missetaten und setzen ihnen damit musikalische Denkmäler.

Nicht unähnlich dem amerikanischen „Gangsta-Rap“, in dem die „coolsten Motherfucker“ der „hood“ besungen werden, aber eben doch auch wieder sehr anders, denn die mexikanische Musiktradition ist eine völlig andere und basiert – was man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen muss – auch auf alpenländisch/europäischer Musik (was mit der Geschichte des Landes zu tun hat). „Narcocorridos“ sind also vornehmlich melodiöse Balladen und knuffige Polkas, auf Akkordeon und mit Gitarre gespielt.
Anstatt den Helden der Revolution werden aber die Helden des Drogenhandels besungen. Und das hat weltweit eine inzwischen verschworene Fangemeinschaft.
Wie das klingt? Einfach auf youtube „Narcocorrido“ eingeben und es kommen zahllose Beispiele.

In Deutschland lesen wir immer wieder von den berüchtigten mexikanischen Bandenkriegen, bei denen täglich Todesopfer zu beklagen sind. Die Sänger der Narcocorridos sind nicht nur Beobachter dieser Szene, sie sind mittendrin. Da ihre Lieder von realen Personen handeln, von realen Bandenbossen und deren Feinden und Freunden, macht sich jeder Sänger dieser Corridos angreifbar. Was dem einen gefällt, mißfällt dessen Feind. Und so ist es nicht überraschend, dass jedes Jahr mehrere Stars dieser ganz eigenen musikalischen Subkultur ihr Leben lassen müssen, wenn sie z.B. von Mitgliedern der gegnerischen Bande erschossen werden.

Vielleicht macht auch gerade dies den Reiz für die vielen Fans dieser Szene aus. Die mexikanische Regierung versucht den Narcocorridos immer wieder juristisch einen Riegel vorzuschieben oder sie zu verbieten, die Fans verbreiten die Lieder aber illegal, auf bootlegs, per Piratensender oder übers Internet. Drogenbosse führen Krieg auch über Musik – wer viel besungen wird, muss ein toller Hecht sein, wer aber zu gut besungen wird, ruft Neider auf den Plan, die sich dann zuallererst einmal des Sängers entledigen.

Nicht alle Narcocorrido-Stars sind unkritisch oder gewaltverherrlichend. Tatsächlich gibt es eine wachsende Zahl von kritischen Künstlern, die die Schrecken des Drogenkriegs thematisieren. Genau diese leben natürlich am gefährlichsten, denn sie werden von niemandem unterstützt, weder von den Drogenbossen (die sie anprangern) noch von der Regierung (die ihre Musik als verbrecherisch einschätzt). Zwischen den Fronten lebt es sich gefährlich, und diese Kunst „mutig“ zu nennen, ist vielleicht untertrieben.

Wie gesagt, ein Blick in solche anderen Kulturen kann schon ein bisschen relativieren. Was hier im Feuilleton als „wagemutig“ durchgeht, ist – bei aller Liebe – doch meistens ziemlich abgesichert und abgefedert. Und manchmal ist so scheintot und lebensfern, dass es nichts, aber auch gar nichts gibt, was da riskiert werden könnte, am wenigsten die eigene Lebendigkeit.
Mit einer musikalischen Komposition sein Leben zu riskieren, das würde zwar manchem Spektakel hierzulande vielleicht eine erfrischende Note geben, im Grunde ist es aber (gottseidank) unvorstellbar. Dem Drogenboss ein Chronist zu sein – wer will das schon?

Da loben wir uns doch diese Organisationen, für die wir alle, ihr und ich, arbeiten. Noch verlangt der Deutsche Musikrat zum Beispiel noch nicht von uns, dass wir ihn singend als coole Gangsta-Organisation preisen, als die einfach geilsten Typen der Neue-Musik-Drogenszene. Und solange wir noch in Witten und Donaueschingen unseren „Fix“ bekommen, müssen wir uns auch keinen goldenen Schuss setzen. Noch verlangen diese Organisationen nicht, dass wir uns alle gegenseitig abknallen. Aber man kann es sich ja spaßeshalber mal vorstellen, wie das wäre…

Abschliessend ein kleiner Tipp an die mexikanische Regierung, wie man das Problem in den Griff bekommen könnte: einfach GEMA verlangen! Wenn es nämlich um die Rechte der Urheber geht, wird auch der dickste Drogenboss vermutlich zum Geizkragen…

Moritz Eggert (mit Dank an Christian Mings)

Mexikanische Alternative zum Antragsformular für die Bundeskulturstiftung

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1 Antwort

  1. @ Moritz:

    Da loben wir uns doch diese Organisationen, für die wir alle, ihr und ich, arbeiten. Noch verlangt der Deutsche Musikrat zum Beispiel noch nicht von uns, dass wir ihn singend als coole Gangsta-Organisation preisen, als die einfach geilsten Typen der Neue-Musik-Drogenszene. Und solange wir noch in Witten und Donaueschingen unseren “Fix” bekommen, müssen wir uns auch keinen goldenen Schuss setzen. Noch verlangen diese Organisationen nicht, dass wir uns alle gegenseitig abknallen

    Naja, das vielleicht nicht aber es ist schon der allseits bekannte Mechanismus des Schleimens, des Tratschs, des Sehens und gesehen werdens… etc. pepe seit Jahrzehnten im Gang und verschlimmert sich, hat man den Eindruck. Es braucht also keine scharfen Waffen und wird auch in unserem Genre nicht so weit kommen. Aber diejenigen, oft immergleichen (oder mal 2-5 Jahre überall herum gereichten dann wieder Fallen-Gelassenen) die im System immer mehr profitiert haben und profitieren werden als andere, die dieses o.g. PR-„Handwerk“ nicht so verstehen oder einfach nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, die schalten oder stechen andere auf ihre spezifische Art aus.