Die Liste der ewig gestrigen Opernhäuser, Edition Spielzeit 2017/2018 (Teil 1)

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einen Buchladen, und alles was Sie finden ist Belletristik aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino, und auf dem Programm sind einzig und allein Filme von Chaplin, Eisenstein und George Melies. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Museum, und alles was Sie sehen sind alleine die Gemälde, die Sie eh schon kennen, und zwar eine relativ kleine Auswahl von ca. 50 Stück. In einer viel kleineren Kammer sind dann einige Gemälde von längst vergessenen Künstlern, die Ihnen als unglaubliche Neuentdeckungen präsentiert werden. Und in einer winzigen Besenkammer, ganz hinten im Museum, da, wo sich noch nicht einmal der Nachtwächter hintraut, finden sie einige Gemälde von Künstlern, die in der selben Zeit leben wie Sie. Aber diese Bilder sind jeweils immer nur wenige Tage zu sehen, dann werden sie abgehängt, in den Keller gestellt und nie wieder herausgeholt.

Das alles klingt absurd, meinen Sie?

Willkommen in der Opernwelt des 21. Jahrhunderts.

Willkommen in einer Welt, in der es schon als fortschrittlich und gewagt gilt, wenn an einigen wenigen Tagen in der Spielzeit einer Oper eine „Uraufführung“ gespielt wird anstatt der 700 Millionsten Inszenierung des „Ring der Nibelungen“. Am besten dann auch in einem „Opernfestival“, denn dann muss man es noch weniger häufig spielen als im normalen Spielbetrieb.

Willkommen in einer Zeit, in der man auf Intnernetforen beschimpft wird, wenn man immer wieder – wie ich es auch hier tue – die vollkommen „bizarre“ und „freche“ Forderung stellt, dass man doch mehr Opern spielen könne, die nicht älter als 50 Jahre sind, und vielleicht auch Mal mehr als nur einmal.

Willkommen in einem Musikleben, in dem den meisten Gesangsprofessoren an den Musikhochschulen sowohl das Wissen als auch die Ausbildung fehlt, zeitgenössische Gesangstechniken zu lehren oder überhaupt zeitgenössische Werke zu kennen, da sie ihr Leben lang auch nichts weiter als die immer gleichen 50 Opern gesungen haben und daher auch nur diese kennen und lehren können.

Willkommen in einer Musikwelt, in der nach wie vor ein Großteil der Studenten ein Studium absolvieren kann, ohne jemals Musik von tatsächlich lebenden Komponisten zu spielen oder zu kennen, in der ihnen auch die meisten Professoren von der Beschäftigung damit intensiv abraten, und die dennoch ein Examen mit „Auszeichnung“ bekommen können und dann ratlos bei der ersten Probe sind, wenn sie dann doch Mal ein solches Stück spielen sollen.

Schon vor einem Jahr habe ich mir daraufhin für den Bad Blog of Musick die Spielpläne angeschaut, vor allem im Hinblick darauf, wie das Verhältnis alt zu neu eigentlich in diesen Spielplänen ist. Heraus kam eine Liste der Gestrigsten, die für viel Kontroversen gesorgt hat. Ist es in der Spielzeit 2017/2018 besser?

Es geht mir hier nicht im Geringsten darum, eine Debatte „Alt gegen neu“ aufzumachen. Ich persönlich liebe und verehre auch die alten Opern, die in den Opernhäusern gespielt werden. Ich verstehe nur nicht, warum die Oper (und auch die klassische Musik) die mit Abstand konservativste und rückschrittlichste Kunstform aller heutigen Kunstformen darstellen muss. Wir haben uns inzwischen so daran gewöhnt, dass das Alte in Orchesterkonzerten, Kammermusikabenden und Opernaufführungen eine Dominanz von 95% hat, dass viele sich gar nicht mehr vorstellen können, dass zur Zeit der Entstehung dieser alten Stücke – nämlich vor im Durchschnitt 150-250 Jahren –  zu 95% Neues und zu 5% Altes gespielt wurde. Schon die eigentlich naheliegende Entscheidung heute zu 50% alte und zu 50% neue Stücke zu spielen (eine Situation wie wir sie im Grunde im Sprechtheater haben) würde eine radikale Verjüngung und Neuausrichtung des Klassikbetriebes bewirken, die dieser dringend nötig hätte.

Auch eine Qualitätsdebatte macht für mich keinen Sinn, auch wenn gerne immer die angeblich schlechte Qualität der neuen Opern als Grund für die Dominanz des Alten angeführt wird. Wenn man nämlich diejenigen genauer befragt, die dieses Argument anführen, so stellt sich meistens schnell heraus, dass diese fast keine bis gar keine neueren Opern kennen. Und das liegt wiederum daran, dass sich die meisten Häuser eher Uraufführungen als die ungemein wichtigeren Wiederaufführungen einer neuen Oper leisten. Aber erst mit einer Reihe von Wiederaufführungen können sich gute neue Stücke durchsetzen, ein größeres Publikum finden und repertoirebildend wirken. Es gibt sie, die tollen neuen Opern, man muss aber mit der Lupe nach ihren Aufführungen suchen. Warum ist das so?

Wir versuchen dieses Jahr Mal etwas anderes – ich werde mir nur die Opernpremieren anschauen (Operetten/Musical/dezidiertes Kindertheater diesmal nicht) und das Alter der Stücke der jeweiligen Opernpremieren (also die Neuinszenierungen, denn die sind immer ein guter Gratmesser für Aktualität) durch die Anzahl der jeweiligen Openmpremieren teilen. Was herauskommt ist das Durchschnittsalter der in diesem Haus gespielten Opern. Es wurden nur „richtige“ Opern/Musiktheaterinszenierungen berücksichtigt, keine Schauspieleinrichtungen oder Revues. Zugrundegelegt wurde entweder das Jahr der Komposition oder das Jahr der UA, je nachdem welche Information schneller greifbar war.

 

 

 

THEATER AACHEN                                               170 Jahre (modernstes Stück: Poulenc/Dialogues des Carmélites, 60 Jahre alt)

THEATER & PHILHARMONIE THÜRINGEN          160 Jahre (modernstes Stück: Zimmermann/Die weiße Rose, 31 Jahre alt)

EDUARD-VON-WINTERSTEIN THEATER              148 Jahre (modernstes Stück: Leoncavalli/Bajazzo, 125 Jahre alt)

AUGSBURG                                                          90 Jahre (modernstes Stück: Fujikura/Solaris, 2 Jahre alt)

BASEL                                                             128 Jahre (modernstes Stück: Trouble in Tahiti/Bernstein, 65 Jahre alt)

DEUTSCHE OPER BERLIN                                    99 Jahre (modernstes Stück:  3 Uraufführungen)

UNTER DEN LINDEN BERLIN                             106 Jahre (modernstes Stück: 3 Uraufführungen)

KOMISCHE OPER BERLIN                                   127 Jahre (modernstes Stück: Satyagraha/Glass, 37 Jahre alt)

KONZERT THEATER BERN                                  104 Jahre (modernstes Stück: 2 Uraufführungen)

THEATER BIELEFELD                                           128 Jahre (modernstes Stück: Rihm/Jakob Lenz, 38 Jahre alt)

THEATER BONN                                                  109 Jahre (modernstes Stück: eine Uraufführung)

STAATSTHEATER BRAUNSCHWEIG                     82 Jahre (modernstes Stück: Ronchetti/Rivale, 0 Jahre)

THEATER BREMEN                                              72 Jahre (modernstes Stück: eine Uraufführung)

STADTTHEATER BREMERHAVEN                        166 Jahre (modernstes Stück: Verdi/Rigoletto, 166 Jahre alt)

STÄDTHISCHE THEATER CHEMNITZ                  147 Jahre (modernstes Stück: Strauß/Rosenkavalier, 106 Jahre alt)

LANDESTHEATER COBURG                                130 Jahre (modernstes Stück: Weill/Mahagonny, 87 Jahre alt)

STAATSTHEATER COTTBUS                                200 Jahre (modernstes Stück: Verdi/Macbeth, 170 Jahre alt)

STAATSTHEATER DARMSTADT                          124 Jahre (modernstes Stück: Cohen/onion.onion, 1 Jahr alt)

ANHALTISCHES THEATER DESSAU                   130 Jahre (modernstes Stück: Terzakis/Odysseus, 6 Jahre alt,)

THEATER DORTMUND                                      133 Jahre (modernstes Stück: Strauss/Arabella 85 Jahre alt)

SÄCHSISCHE STAATSOPER DRESDEN              117 Jahre (modernstes Stück: Dallapiccola/Il Priogionerio 69 Jahre alt)

DEUTSCHE OPER AM RHEIN                            123 Jahre (modernstes Stück: Resch/Gullivers Reisen, 1 Jahr alt)

THEATER AN DER ROTT                                  0 Jahre (modernstes und einziges Stück: Androsch/Ein Bericht an eine Akademie)

LANDESTHEATER EISENACH                            228 Jahre (modernstes und einziges Stück: Mozart/Così fan tutte, 228 Jahre alt)

THEATER ERFURT                                       201 Jahre (modernstes Stück: Spoliansky/Es liegt etwas in der Luft, 89 Jahre alt)

THEATER UND PHILHARMONIE ESSEN            153 Jahre (modernstes Stück: Strauß/Salome, 112 Jahre alt)

 

(Fortsetzung folgt)

 

Moritz Eggert

 

Das Opernhaus Braunschweig ist übrigens recht jung in dieser Liste…

Moritz Eggert

Komponist

2 Antworten

  1. Volker Blumenthaler sagt:

    Da die Liste nicht vollständig ist, hauptsächlich Theater aus den neuen Bundesländern, wirkt das Ergebnis zunächst erschütternd. Wenn man aber die Theater aus z.B. Hamburg, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt, Regensburg, Ulm, München, Nürnberg, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart oder Freiburg heranziehen würde, käme doch ein positiveres Bild heraus. Außerdem wäre natürlich wichtig zu dokumentieren, wie oft moderne oder zeitgenössische Stücke auf dem Spielplan stehen. Richtig ist die Feststellung, dass Wiederaufnahmen so gut wie nicht vorkommen. Eine Unart der Bühnen, die sich gerne mit Uraufführungen schmücken, weil dann die mediale Aufmerksamkeit am größten scheint. An diesem Tatbestand tragen auch die Feuilletons der Zeitungen Schuld, wenn sie überhaupt noch über diese Ereignisse berichten. Moritz Eggerts Bericht ist dennoch lobenswert, weist er auf eine insgesamt fatale Entwicklung hin.

  2. Lieber Volker Blumenthaler: Vielen Dank für den netten Kommentar! Keine Sorge, es kommen ALLE (deutschsprachigen) Opernhäuser dran in der Liste – der Artikel hat einfach drei Teile! Und es sieht dann nicht anders aus, sogar eher noch deprimierender…Ich werde dann auch umfassende Analysen der Statistik vornehmen und Auswege aufzeigen, es wird also eine längere Artikelserie.

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