op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 15

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
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Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 15

Nach der nach unten oktavierten Wiederholung von Takt 12 in Takt 14 scheint sich mit dem heutigen Takt 15 die Lage wirklich ab jetzt erst einmal „da unten“ (#unnerum) abzuspielen. Das Ganze hat sich da im Keller festgesetzt, sich untergründig sonor verortet, will vermutlich von da aufsteigen, sich wie ein Phönix aus der Asche erheben, aber halt erst einmal brüten, sitzen, fasten, leiden, mahnen…

Erstmals in dieser Sonate gibt es einen Takt, in dem nur eine einzige Harmonie erklingt. Nämlich G-Dur. Dazu die schon aus den Takten davor bekannten klopfenden g-Achtel. Bei dem ersten Akkord in der rechten Hand des Pianisten handelt es sich dabei um den längsten bisher erklingenden Akkord. Alle vorherigen Akkorde waren mindestens eine 32stel kürzer als diese halbe Note.

Der G-Dur-Akkord (einmal mehr mit zwei Punktierungen bestückt, die einen 16tel-Nachschlag am Ende des Taktes generieren) wird auf der dritten Zählzeit wiederholt, derweil ganz im Bass – eine Oktave unter der bleibenden g-Tonwiederholungsbegleitung des Daumens der linken Hand – die zweite tiefe g-Glocke (#gglocke) in der Kontraoktave erklingt.

Die mehrfache Wiederholung eines Tones? Hat das eine „Bedeutung“?

Eine Bedeutung wird in (absolute) Musik immer erst hinein interpretiert. Aber das mehrfache Anschlagen eines Tones in einem recht langsamen Tempo (gemeint ist also nicht dieses seit dem 18. Jahrhundert in der Geschichte der Tasteninstrumente immer mal wieder verwendete Fingerwechsel-Tasten-Tremolo auf einem Ton, das dann bei Czerny, Liszt und anderen Virtuosenkomponisten genüsslich ausgeschlachtet wird – meist, um eine Melodie – innerhalb eines flotten Tempos – „erzitternd“ in einem noch brillianterem Licht erscheinen zu lassen) ist zumindest musikgeschichtlich natürlich nicht ohne Vorgänger und Nachfolger. Wenn man sich in der Musikgeschichte tatsächlich aufmacht, um nach „Bedeutungen“ von irgendwelchen musikalischen Phänomenen – in diesem Falle halt: langsamen Tonwiederholungen – zu suchen, fällt es leichter, wenn man einfach vor und nach Beethoven schaut – und sich selber einen Reim drauf macht.

Zu Beginn von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion (1727) mögen die Tonwiederholungen im Bass auf das bald folgende ernste oratorische Geschehen hindeuten. Zehn Takte lang erklingt unten ausschließlich der Ton e. Die Schwere des Ganges mit dem Kreuze – oder das humpelnde Schreiten von gebrechlichen Trauernden (#sorry)…

Auschnitt aus Bachs Matthäus-Passion

Als kleine Klavierschüler haben wir alle irgendwann mal Mozarts Fantasie-Fragment d-Moll gespielt. In dem vermutlich 1782 komponierten und von Mozart nicht ganz vollendeten Stück – die letzten Takte wurden von August Eberhard Müller (1767-1817) ergänzt – gibt es diese eindrückliche Stelle…

Ausschnitt aus Mozarts d-Moll-Fantasie

Unter der Wiederholungskette auf dem Ton d vollzieht sich in Oktaven ein engschrittiger Gang nach unten. Ein „Passus duriusculus“, ein „Trauergang“, wie er schon weit vor Bach in der Musikgeschichte vorkam – und sich lange, lange halten sollte. Wieder also Trauer, Ernst, Klage.

Grund zur Klage hatte auch Frédéric Chopin als er – von den Nachbarn gemobbt, von seinen (was noch kaum einer weiß: Adoptiv!-)Kindern Maurice und Solange genervt, von seiner „Frau“ George Sand (die nach neuesten Forschungen wahrscheinlich ein Mann war!) sexuell vernachlässigt – seit November 1838 auf Malle ausharren musste.

Dauerregen statt Sangria-Eimer, trostloses Komponieren von 24 (allerdings ziemlich geilen) Préludes (1837-1839) statt Jürgen Drews (1799-1841) und „Finger in Po: Mexiko!“. Heraus kamen Préludes für Klavier, von denen viele das Thema „Regen“ zu thematisieren scheinen. Besonders bekannt geworden ist die irgendwann dann „Regentropfen-Prélude“ genannte Nr. 15 in Des-Dur (wohingegen die Préludes 4, 6, mit Einschränkung auch 13 und 17 „Regentropfen-Prélude“ hätten heißen können).

Ausschnitt aus Chopins 'Regentropen-Prélude' - Teil I

Tatsächlich dominieren hier Tonwiederholungen, besonders präsent im Mittelteil des Stückes…

Ausschnitt aus Chopins 'Regentropen-Prélude' - Teil II

Auch angesichts dieser Tonwiederholungen ist doch relativ klar: die langsame Wiederholung des gleichen Tones kann mit „Trauer“, „Weinen“, „Regen“ und „Can’t access Netflix“ (den schlimmstmöglichen Ereignissen überhaupt also!) assoziiert werden.

Zurück zu Beethovens op. 111: Dieser tiefe – von inneren, mittigen g-Tonwiederholungen geprägte – Takt 15 lässt sich als so etwas wie eine Selbstreferenz Beethovens hören. Und zwar als eine Art von Erinnerung an eine Stelle in der direkt vorangegangenen Sonate As-Dur op. 110.

Dort passiert nämlich – als ungewöhnliche Sound-Introduktion der Umkehrungsfuge des dritten Satzes – Folgendes…

Ausschnitt aus Beethovens As-Dur-Sonate

Auch so eine Stelle, die mich als Kind immer so schön irritiert hat. Ein Akkord im Pedal, der einfach immer lauter wird! Wie dreist!

Und das G-Dur der As-Dur-Sonate befindet sich hier an exakt der gleichen Position auf der Klaviatur wie in unserem heutigen Takt 15.

Bämm, in your Face!

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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